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MUSIKERZIEHUNG Nach Gehör

Im Suzuki-Orchester spielen, so jüngst auf dem Bildschirm, schon Fünfjährige klassische Stücke.
aus DER SPIEGEL 19/1976

Unterhalter Rudi Carrell beugte sich zu seinen Gästen hinab, um sich nach ihrem Alter zu erkundigen.

Die Antwort muß nicht nur den Showmaster überrascht haben, sondern auch sein TV-Publikum. Violinist Kenneth Lind war vier, seine gleichfalls geigende Kollegin Susan Kirn fünf Jahre alt. Mit 39 weiteren Streichern und zwei Pianisten gehören sie zum »Suzuki-Kinderorchester der Academy of Performing Arts« in Chicago, das klassische Weisen mit Bravour zum besten gibt.

Mehr als die paar TV-Brocken, die vorletzten Sonntag über Carrells »Laufendes Band« kamen, konnten in den vergangenen Wochen Konzertbesucher in Berlin, Baden-Baden, Karlsruhe, Stuttgart und Offenburg live vernehmen. Dort boten die Zöglinge des japanischen Geigers und Musikpädagogen Shinichi Suzuki mit »energischem, musizierfrohem Zugriff« ("Spandauer Volksblatt") abendfüllend Kunststücke von Vivaldi bis Paganini.

Ihr europäisches Debüt verdanken die Mini-Fiedler aus den USA dem Karlsruher Lutschbonbon-Fabrikanten Jörg Schindler ("Wenn Petrus grollt, nimm Rachengold"). Um seiner Nichte und Suzuki-Elevin Desirée Ruhstrat, 7, Deutschland zu zeigen und ihr dort auch solistische Auftritte zu ermöglichen, finanzierte Schindler die Reise.

Schon zweimal vorher waren allerdings deutsche Musiklehrer-Gruppen nach Japan gereist, um sich mit den Unterrichtsmethoden des über siebzigjährigen Shinichi Suzuki vertraut zu machen. Dessen vor gut zehn Jahren gegründete private Musikschule hat mittlerweile auch Filialen in den USA.

Dort spielen die Schüler, anders als im konventionellen Lehrstil des Abendlands, wo ihnen erst das Notenlesen und Umgang mit dem Instrument eingebleut werden, gleich drauflos -- bloß nach Gehör.

Von älteren Schülern und von Schallplatten hören sie zunächst einfache Stücke und suchen sich Töne und Tempo selbst auf den Saiten. »Musizieren«, lehrt Suzuki, »muß man lernen wie seine Muttersprache.« Erst nachdem die Kinder die Instrumente richtig halten und saubere Töne erzeugen können, bringen ihnen Suzuki und seine Helfer allmählich Noten und musikalische Spielregeln nahe.

Nun soll Suzukis Methode auch in der Bundesrepublik Schule machen. Rainer Mehlig, Bundesgeschäftsführer des »Verbandes deutscher Musikschulen«, erwartet bei deutschen Pädagogen »zwar ein gerütteltes Maß Skepsis": Das frühe Übermaß an Musik, bei dem es auch kaum ohne Drill abgehen kann, droht Vorschulkinder tatsächlich fürs Leben zu verkrampfen und ihre Entdeckerfreude abzustumpfen.

Das Experiment möchte er trotzdem wagen. »Wenn der nordrhein-westfälische Kultusminister dafür etwas springen läßt«, so hofft Mehlig, »werden wir kommenden Herbst in ein paar Laien-Musikschulen mit Suzuki-Experimenten beginnen«

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