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Nachrichten aus dem »Archipel Gulasch«

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aus DER SPIEGEL 5/1987

Dieser heitere Titel, den der ungarische Schriftsteller György Dalos (43) seinem Bericht über die »Entstehung der demokratischen Opposition in Ungarn« gegeben hat, verspricht nicht zuviel: Informativ und witzig, anekdotisch und ironisch schildert Dalos das wechselvolle Verhältnis von Staat und Intelligenz im Reich des populären Ersatz-Königs Janos Kadar. Nach dem gescheiterten Aufstand von 1956 haben sich Regierung und Dissidenten allmählich in einem vergleichsweise komfortablen Kompromiß eingerichtet, und die Maxime »leben und leben lassen« gilt in Ungarn offenbar auch für Stasi-Beamte: Der Soziologe Ivan Szeleny wurde 1974 vor einem öffentlichen Dampfbad erst festgenommen, »nachdem die Leute vom Sicherheitsdienst die Freuden der Sauna mit ihm geteilt hatten«. Eigene Wege geht die diskret gehandhabte Zensur, wie der DDR-Autor Harry Thürk erfahren mußte: Im Namen des »Qualitäts-Schutzes« wurde Thürks denunziatorischem Machwerk gegen Solschenizyn ("Der Gaukler") die Einbürgerung nach Ungarn verweigert. »Ein ungarischer Dissident«, resümiert Dalos, »wird heutzutage schlimmstenfalls unter Polizeiaufsicht gestellt. Unser Sibirien ist unsere eigene Wohnung.« Die Folgen der heftigen Kraftprobe zwischen den Literaten und der Partei auf dem ungarischen Schriftstellerkongreß Ende 1986 konnte György Dalos freilich nicht mehr einbeziehen. Das Büchlein, das einen nützlichen Dokumenten Anhang enthält, ist im rührigen Bremer Mini Verlag »Donat & Temmen« er schienen.

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