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Zum Tod unseres Redakteurs Joachim Preuß »Er hatte den SPIEGEL nicht nötig, aber der SPIEGEL hatte ihn nötig«

Der frühere stellvertretende SPIEGEL-Chefredakteur Joachim Preuß ist verstorben. Nachruf auf einen Kollegen, der als Journalist in Erinnerung bleiben wird – aber vor allem als Mensch.
aus DER SPIEGEL 39/2021
Joachim Preuß: Spielerisch lasen sich seine Texte über Knochentrockenes

Joachim Preuß: Spielerisch lasen sich seine Texte über Knochentrockenes

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Marc Darchinger

Es ist nicht der SPIEGEL-Redakteur Joachim Preuß, an den man als Erstes denkt. Es ist der Mensch Joachim Preuß, wahlweise Charly oder Jockel genannt. Ein Norddeutscher reinsten Wassers, ein Antistreber, ein unbeirrbarer HSV-Fan und einer, den sogar Männer seiner Generation als Sonnyboy bezeichnen. So einer steigt mit beiden Händen in den Hosentaschen auf, schon weil die oben ihn ebenso gern um sich haben wie die unten, von der Reibeisenstimme bis zum Herzmacho-Charme.

Die ihm von der Familie zugedachten Führungsaufgaben schlug der Sohn einer Schiffsversichererdynastie ebenso freundlich aus wie die Angebote von Herausgeber Rudolf Augstein, wenn sie ihm zu schweißtreibend erschienen. Stellvertretender Chefredakteur unter Ehrgeizigeren zu sein, von 1994 bis 2008, war ihm gerade recht. »Ein Strahlemensch«, sagt einer, der jahrzehntelang eng mit ihm gearbeitet hat. 1945 östlich von Hamburg geboren, fing Preuß nach Banklehre und Betriebswirtschaftsstudium 1977 als Wirtschaftsredakteur beim SPIEGEL an, 1983 wurde er stellvertretender Ressortchef, von 1987 bis 1990 leitete er das Ressort »Modernes Leben«, hausintern K3 genannt. Gern schlenderte er durch die Flure an der Brandstwiete, mal ein spöttelndes »Geht's voran, Herr Kollege?«, mal eine ehrlich interessierte Frage nach dem Wohl der Familie an die Mitarbeiter richtend.

Spielerisch lasen sich seine Texte über Knochentrockenes: Reporter Preuß konnte von Freitagmorgen bis zum Nachmittag aus jedem Aktenordner einen Krimi machen. Absolut stilsicher war sein Urteil über Geschriebenes. »Die gekaufte Republik«, der (gemeinsam mit Hans Werner Kilz herausgegebene) Bestseller über die Flick-Affäre, zählt zu den größten Erfolgen in Preuß' Karriere.

Furchtlos Autoritäten gegenüber, hielt er sich auch privat nur bedingt an Regeln. Stand die Fußgängerampel auf Rot, ging Bürger Preuß gewöhnlich eigenverantwortlich über die Straße und passierte protestierende Ordnungshüter mit dem Hinweis, sie sollten sich »mal nicht so anstellen«, es sei weit und breit kein Auto zu sehen. Ungerührt stapfte er in der Chefredaktion spätabends auf Socken durchs Büro, loyal zu seinen Vorgesetzten, ohne untertänig zu sein, nahbar für seine Mitarbeiterinnenn und Mitarbeiter.

Sein Charme verfing vielleicht nicht bei jedem und jeder, er war das, was man damals einen netten »Chauvi« nannte. Dass einer von denen, die gestandene Frauen »Mädchen« nannten, für die Chefredaktion im Arbeitskreis »Gleichstellung« des SPIEGEL saß, sagte dann mehr über die Zeiten und das Binnenklima als über den gequälten Beauftragten aus, der angeblich von ganz oben zu diesem Los gedrängt wurde – einer musste es ja machen.

»Er hatte den SPIEGEL nicht nötig, aber der SPIEGEL hatte ihn nötig«, lautet ein Kollegensatz über ihn. Joachim »Jockel« Preuß starb am 20. September in der Nähe von Hamburg. Er wurde 76 Jahre alt.

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