Nachrufe – September bis Dezember Sie sind 2021 von uns gegangen

Eine meisterliche Kolumnistin, ein Meister der Mimik und der Letzte der Weltmeistermannschaft 1954: Lesen Sie Nachrufe auf besondere Persönlichkeiten, von denen wir in diesem Jahr Abschied nehmen mussten.
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Ludwig Haas, 88 (16. April 1933 – 4. September 2021): Er war das wahre Urgestein der »Lindenstraße«: Von der ersten Episode von 1985 bis zur viertletzten mit der Folgennummer 1754 stand er für die ARD-Soap vor der Kamera. Beziehungsweise saß, denn seit 1989 war seine Figur Dr. Ludwig Dressler Rollstuhlfahrer. Niemand habe gewusst, warum Dressler nicht mehr gehen konnte, vertraute Hass vor zwei Jahren dem »Seniorenratgeber« an: »Eigentlich war verabredet, dass ich wieder aus dem Rollstuhl rausgeschrieben werde. Aber das hat man vergessen, und irgendwann war es zu spät dafür.« Das habe im Alltag immer wieder für Überraschungen gesorgt: »Guck mal, da läuft der im Rollstuhl«, habe Haas nicht selten von Passanten zu hören bekommen. Im Lauf der Jahre machte sein zu Strippenzieherei und Tobsuchtsanfällen neigender Dr. Dressler viel durch: Alkoholsucht, ein schwieriges Verhältnis zu seinem Sohn, zum Schluss noch ein Hirntumor. Vielleicht war sein Darsteller wegen dieser Bandbreite auch nach Jahrzehnten noch zufrieden damit, die immer gleiche Figur zu spielen. Langweilig sei es jedenfalls nie geworden. Und die Bande waren eng: Der Erfinder der »Lindenstraße«, Hans W. Geißendörfer, war Haas' Trauzeuge. Wenn es dem gebürtigen Eutiner, der seine Schauspielausbildung in den Fünfzigerjahren in Hamburg absolvierte, doch nach einem Rollenwechsel war, gab er mehrfach den Adolf Hitler: Unter anderem trat er mit Schnäuzer und künstlicher Nase ausgestattet in der US-Produktion »Wie ein Licht in dunkler Nacht« mit Liam Neeson und Michael Douglas auf. Ludwig Haas starb am 4. September in seinem Wohnort Neumünster.

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Revierfoto / picture alliance / dpa

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Sarah Harding, 39 (17. November 1981 – 5. September 2021): In Boybands oder Girlgroups gibt es oft ein Mitglied, das etwas aus der Rolle fällt. Bei Girls Aloud, den Hitgaranten im England der Nullerjahre, war das Sarah Harding, sie wurde auch »Hardcore Harding« genannt und galt als feierfreudiger »Rockstar« des Quintetts. Mit ihrer lautstarken Art passte sie zu Girls Aloud, die in der Castingshow »Popstars« zusammengestellt und als etwas andere Girlgroup vermarktet wurde. Ihr größter Hit »Sound of the Underground« war von einer ungewöhnlichen Surfgitarre geprägt. Später trat Harding auch als Schauspielerin auf und blieb dem britischen Publikum als Gast von Reality-TV-Shows im Gedächtnis, weil sie das offene Wort durchaus schätzte. Und so war es nur konsequent, dass sie im August 2020 ihre fortgeschrittene Brustkrebserkrankung öffentlich machte. In einer Autobiografie rief sie dazu auf, auch in der Pandemie ärztlichen Rat einzuholen. Sarah Harding starb am 5. September.

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Jan Hecker, 54 (15. Februar 1967 – 5. September 2021): Wohl niemand verkörperte das merkelsche Ideal eines perfekten Mitarbeiters so wie ihr Berater Jan Hecker, der seit 2017 im Kanzleramt für Außen- und Sicherheitspolitik zuständig war. Der promovierte Jurist war intellektuell ebenso brillant wie zurückgenommen im Temperament, sein Blick auf die Weltpolitik und ihre Protagonisten nüchtern, sein Politikverständnis pragmatisch, von großen Ideen und weitreichenden Plänen hielt er nichts. Heckers Karriere zwischen Wissenschaft, Verwaltung und Politik zeichnete sich stets durch Exzellenz aus. Auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise 2015 holte Merkel ihn ins Kanzleramt, um ihre Flüchtlingspolitik zu koordinieren. Zuletzt wechselte er im August als Botschafter Deutschlands nach China. Wie seine Chefin blieb Hecker trotz eines immensen Arbeitspensums stets neugierig. Wenn man ihn traf, stellte er am liebsten selbst die Fragen. Er würde so gern einmal ein Praktikum beim SPIEGEL machen, sagte er jedes Mal. Jan Hecker starb am 5. September in Peking.

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Michael Kappeler / picture alliance / dpa

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Jean-Paul Belmondo, 88 (9. April 1933 – 6. September 2021): Als junger Mensch, sagte er einmal, habe er sich nicht zwischen einer Karriere als Sportler und einer Laufbahn als Schauspieler entscheiden können. Kurzerhand habe er dann beide Professionen miteinander verbunden. Ein kokettes Bekenntnis, aber doch ein Bekenntnis, das allzu leicht aus dem Blick gerät, wenn man Jean-Paul Belmondo nur für seine ikonische Rolle des kleinen Ganoven feiert, den er 1960 in »Außer Atem« spielte. Unter der Regie von Jean-Luc Godard und an der Seite von Jean Seberg avancierte der Sohn einer Tänzerin und eines Bildhauers über Nacht zum Aushängeschild der Nouvelle Vage. Ein Kritiker der »New York Times« bescheinigte ihm damals eine »hypnotische Hässlichkeit«, weil der ehemalige Boxer in seiner Zerknautschtheit nicht dem Ideal männlicher Helden entsprach, die das Publikum damals gewohnt war. Es war ein neues Gesicht für ein neues Kino, deren große Regisseure – Louis Malle, François Truffaut oder Claude Chabrol – ihn allesamt engagierten. In den Siebzigerjahren dann baute Belmondo auf das Image des sympathischen Filous eine Karriere auf, die ihn zum Volkshelden machte. Er spielte den Hochstapler, Mafioso, Kommissar oder Musketier – und blieb dabei immer Bébel, wie seine Landsleute ihn bald liebevoll nannten. Eine Liebe, die er nicht hat enttäuschen wollen. Im höheren Alter nahm er wieder Charakterrollen an und spielte in seinem eigenen Theater, auch klassische Stücke. Als er schließlich ein alter Mann war, trat der Sportler endgültig in den Hintergrund und allein der Schauspieler kam zum Vorschein. Am 6. September ist Jean-Paul Belmondo in Paris gestorben.

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AFP

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Michael K. Williams, 54 (22. November 1966 – 6. September 2021): Er stand mit seiner Mutter im Publikum, als bei einer Wahlkampfveranstaltung 2008 der damalige Präsidentschaftskandidat Barack Obama sagte, »The Wire« sei die beste TV-Serie und der von Williams dargestellte Omar Little darin seine Lieblingsfigur. Die Serie erzählte an der Oberfläche vom Kampf einer ausgelaugten Staatsmacht gegen die Drogengangs, gleichzeitig konnte man in ihr schon Jahre vor Trump den ökonomischen, kulturellen und politischen Niedergang Amerikas besichtigen. Williams spielte eine Art Robin Hood der Slums, der Drogengangs ausraubte und in einer hypermaskulinen Welt afroamerikanischer Drogengangs schwul war. Sein Erkennungsmerkmal war eine Narbe in seinem Gesicht, die echt war und von einer Rasierklinge bei einem Raubüberfall stammte. Überhaupt verschwammen irgendwann die Grenzen zwischen Filmfigur und Schauspieler, während der Dreharbeiten lebte auch Williams zeitweilig in einem Drogenhaus. Als er nach der Wahlveranstaltung zu Obama gebeten wurde, war er so high, dass er kaum sprechen konnte. Die Sucht ist er bis zuletzt nicht komplett losgeworden, trotzdem wurde er eine wichtige Stimme gegen systemischen Rassismus. In den letzten Jahren war er eine so imposante wie freundliche Erscheinung in den Straßen von Williamsburg, einem schicken, weißen Viertel in Brooklyn, wo man plötzlich Omar Little aus »The Wire« begegnen konnte. Michael K. Williams starb am 6. September offenbar an einer Drogenüberdosis in New York.

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Chris Pizzello / AP

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Jorge Sampaio, 81 (18. September 1939 – 10. September 2021): In seiner Kindheit nannten sie ihn »die Karotte«, später wurde Jorge Sampaio einer der beliebtesten Präsidenten Portugals. Nun ist er im Alter von 81 Jahren verstorben. Die Karriere des späteren Präsidenten begann im Verborgenen. Als in den Sechzigerjahren in Portugal der Diktator António Oliveira Salazar herrschte, der seine Gegner verhaften ließ, zählte Jorge Sampaio zu den Anführern einer linken Studierendenbewegung. Die jungen Leute verbündeten sich heimlich gegen den Estado Novo, später rebellierten sie offen. Der junge Anwalt Sampaio verteidigte einige der Salazar-Kritiker. Nach der Nelkenrevolution 1974 bekam Sampaio seinen ersten Posten, in einer der Übergangsregierungen. Es folgten Ämter als Chef der Sozialistischen Partei und als Bürgermeister von Lissabon. 1996 wählten die Portugiesen ihn schließlich zu ihrem Präsidenten. Er sollte es zehn Jahre lang bleiben und einer ihrer beliebtesten werden. Einerseits galt er als zögerlich, andererseits konnte er sehr entschieden sein. Als der damalige Premier José Manuel Barroso sich 2003 am Irakkrieg der USA beteiligen wollte, kritisierte Sampaio ihn massiv, obwohl er mit den USA schon seit Langem verbunden war. Sampaio hatte einen Teil seiner Kindheit in Baltimore an der amerikanischen Ostküste verbracht. Seine Eltern und Mitschüler nannten ihn »die Karotte«, wegen seiner roten Haare. Auch als der Politiker ergraut war, blieb sein Leben turbulent. 2004 weigerte er sich zunächst, nach Barrosos Wechsel in die EU-Kommission Neuwahlen auszurufen. Er ernannte Pedro Santana Lopes zum Premierminister – und setzte ihn nach wenigen erfolglosen Monaten wieder ab. Damit entfernte sich Sampaio weiter als alle anderen portugiesischen Präsidenten nach der Revolution von seiner repräsentativen Rolle. Jorge Sampaio starb am 10. September in Lissabon.

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EITAN ABRAMOVICH / AFP

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María Mendiola, 69 (4. April 1952 – 11. September 2021): Im Jahr 1977 feierte der Tanzfilm »Saturday Night Fever« Premiere, die Discowelle hatte ihren Höhepunkt erreicht, und Baccara lieferte mit dem Hit »Yes Sir, I Can Boogie« einen spanischen Beitrag. Das Stück wurde der markante Sommerhit des Jahres 1977 in Deutschland. María Mendiola, Sängerin und Mitgründerin des Frauenduos Baccara, wurde 1952 in Madrid geboren. Beim spanischen Fernsehballett lernte sie ihre Gesangspartnerin Mayte Mateos kennen und trat zunächst mit ihr als Flamencotänzerin und Sängerin auf. Vertreter des Labels RCA sahen sie auf Fuerteventura, erkannten ihr Potenzial und ließen ein deutsches Produzententeam das Debütalbum »Baccara« entwickeln. Für einige Zeit war Baccara ein weltweit berühmtes Gesangsduo. Die beiden Frauen trugen Lipgloss und gewellte Föhnfrisuren, Mendiola rotes, Mateos dunkles Haar. Meist war eine in Schwarz, die andere in Weiß gekleidet, mal in Anzug, mal in Abendkleidern, die an den Flamenco erinnern sollten. »Yes Sir, I Can Boogie« erreichte in vielen Ländern Platz eins, später wurde der Song oft gecovert, unter anderem von Goldfrapp und der Hip-Hop-Band Fünf Sterne Deluxe. Doch der Erfolg war nicht von langer Dauer, Mendiola und Mateos trennten sich 1982. Als sich die schottische Fußballnationalmannschaft im November 2020 für die Euro qualifiziert hatte, sangen die Spieler »Yes Sir, I Can Boogie« – das Video ging viral, der Song kam noch einmal in die britischen Charts. Mendiola zeigte sich geehrt: »Ich bin nicht mehr jung, aber das zeigt wohl, dass ich immer noch den Boogie draufhabe.« María Mendiola starb am 11. September in Madrid.

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Eventpress / MP / IMAGO

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Don Collier, 92 (17. Oktober 1928 – 13. September 2021): Er war so etwas wie der Prototyp des Hollywood-Cowboys: ein bisschen jungenhaft, dabei kernig, das Kinngrübchen hat auch nicht gefehlt. Don Collier gründete seine Schauspielkarriere auf klassischen Western. Mit John Wayne stand er dreimal zusammen vor der Kamera, unter anderem in dem Kinofilm »El Dorado« (1966). Noch mit Mitte sechzig schwang er sich für »Tombstone« (1993) in den Sattel. Seinen Durchbruch feierte Collier, geboren 1928 in Santa Monica, Kalifornien, in der TV-Serie »Outlaws«, als Deputy Marshal Will Foreman. Auch das deutsche Publikum konnte den Mann mit der tiefen Stimme und den blauen Augen im Wilden Westen erleben: in Gastrollen bei »Die Leute von der Shiloh Ranch« oder »Rauchende Colts«. Collier war im Grunde überall dabei, wo Männer auf Pferden im Mittelpunkt standen, auch 1995 bei einer Neuauflage von »Bonanza«. Nach der Highschool ging er zur Navy, später zur US-Handelsmarine. Aus der Seefahrerkarriere wurde nichts, er besuchte ein College in Texas, eine Uni in Utah – um zurück in Kalifornien von dem Agenten Henry Willson angesprochen zu werden, der auch Rock Hudson unter Vertrag hatte. Collier sah gut aus und konnte gut reiten – der Deal ging auf. Über seinen Beruf sagte er 1968 trocken: »Ich habe eine einfache Sache zu spielen, einen Mann, der für seinen Lebensunterhalt Vieh treibt. Und das spiele ich ziemlich geradlinig.« Don Collier starb am 13. September in Harrodsburg, Kentucky.

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Popperfoto / Getty Images

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Ida Nudel, 90 (27. April 1931 – 14. September 2021): Sie galt als »Schutzengel der Gefangenen Zions«, sie war eine der bekanntesten Frauen unter den sowjetischen Dissidenten, und sie wurde später zur Symbolfigur für die Freiheit Israels. Ida Nudel, geboren 1931 in Noworossijsk am Schwarzen Meer, kümmerte sich viele Jahre um zahllose jüdische Häftlinge in der offen antisemitischen UdSSR, sie kämpfte für das Recht auf Ausreise von Juden und bot dem kommunistischen Regime die Stirn. Die Wirtschaftswissenschaftlerin beantragte immer wieder die Ausreise nach Israel, immer wieder wurde das abgelehnt. 1978 nahm die ganze Welt Notiz von ihrem Kampf: Die Sowjetbürgerin jüdischen Glaubens hatte ein Banner an ihren Balkon in Moskau gehängt: »KGB, gib mir ein Visum für Israel!« Wegen »antisowjetischen Verhaltens« und »Rowdytums« wurde Ida Nudel daraufhin in die Verbannung geschickt. Vier Jahre blieb sie in Sibirien, unter unmenschlichen Bedingungen. Nach ihrer Freilassung dauerte es weitere fünf Jahre, doch dann kam der Triumph: Unter den Augen der Weltöffentlichkeit betrat Ida Nudel im Oktober 1987 den Boden Israels. Es sei für sie der glücklichste Tag ihres Lebens, sagte sie überwältigt von dem Empfang durch Regierungsmitglieder, einen Tross von Journalisten und 5000 Israelis. Ida Nudel blieb politisch und sozial aktiv; sie engagierte sich für russische Kinder, die in Israel ein neues Zuhause finden sollten. Jane Fonda, die Ida Nudel in der Sowjetunion besucht hatte, sagte über die kleine, überaus willensstarke Frau: »Ich danke ihr dafür, mir etwas sehr Wichtiges beigebracht zu haben: niemals die Hoffnung zu verlieren.« Ida Nudel starb am 14. September in Rehovot bei Tel Aviv.

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Sommer / IMAGO

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Hartmut Radebold, 86 (23. April 1935 – 17. September 2021 ): Er war ein Kriegskind und erzählte in einem SPIEGEL-Gespräch, wie er in Berlin, wo er aufgewachsen war, als kleiner Junge die Bombennächte erlebt hatte, wie er unter Beschuss geriet, an den Bäumen gehenkte Deserteure sah und mitbekam, wie Frauen zur Vergewaltigung abgeführt wurden. Als Arzt für Nervenheilkunde, als Psychoanalytiker und Professor für Klinische Psychologie erforschte Hartmut Radebold die Folgen kindlicher Kriegstraumata und warb beispielsweise in seinem Buch »Die dunklen Schatten unserer Vergangenheit« dafür, die Kriegskinder innerhalb eines schuldbeladenen Volkes als Unschuldige anzusehen. Für die Verbrechen und das Mitläufertum vieler Eltern und Großeltern hätten die damaligen Kinder nichts gekonnt, sie seien erst ihren Erlebnissen und dann ihren Erinnerungen ohnmächtig ausgeliefert gewesen. Der Bundesverdienstkreuzträger galt als Nestor der deutschsprachigen Psychotherapie für ältere Menschen; er war davon überzeugt, dass auch sie von Therapien profitieren können. Bei älteren, insbesondere bei dementen Menschen, breche oft die »seelische Betondecke« auf, wie Radebold es nannte, wenn die Traumata nicht mehr verdrängt werden konnten – insofern seien gerade sie häufig hilfsbedürftig. Jahrzehntelang lebte und wirkte Radebold in Kassel. Seine Frau Hildegard, eine Bibliothekarin, mit der er mehrere Bücher verfasste, starb am 15. September. Zwei Tage später starb Hartmut Radebold in seiner Wahlheimat.

Foto: Horst Galuschka / picture-alliance / dpa
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Tatjana Turanskyj, 55 (27. Juli 1966 – 18. September 2021): »Papas Kino ist schon tot, und Mamas Kino muss auch sterben!«, gab die Filmemacherin einmal als Devise aus. Dem Altherrenmuff der Nachkriegsjahre hatten die Autoren des Oberhausener Manifests unter dem Schlachtruf »Papas Kino ist tot« einst den Kampf angesagt. Nun sollten endlich auch die Strukturen weg, die Regisseurinnen bei der Arbeit behindern und die nur Einzelkämpferinnen und Einzelkämpfern dienen. Tatjana Turanskyj verschrieb sich diesem Projekt sowohl künstlerisch als auch politisch mit einzigartiger Leidenschaft. Als Aktivistin setzte sie sich im Rahmen von »Pro Quote Regie« für mehr Geld und mehr Zugänge für Frauen in der Filmbranche ein. 2014 war sie eine der Mitbegründerinnen der Initiative, die Diskussionen um Gleichberechtigung weit übers Kino hinaus anschob. Als Regisseurin erzählte sie ungeschönt von Frauen, die den Boden unter den Füßen verlieren: In ihrem Debütfilm »Eine flexible Frau« von 2010 ließ sie eine arbeitslose und alleinerziehende Architektin durch Berlin-Mitte taumeln, in ihrem nunmehr letzten Film »Orientierungslosigkeit ist kein Verbrechen« von 2016 rieb sich eine Journalistin auf zwischen Jobzwängen und Engagement für Geflüchtete. Solidarität – oder eben das Fehlen davon – war eines der durchgängigen Themen in ihrem viel zu schmalen Werk. Ernsthaft, leidenschaftlich, dabei auch humorvoll erzählte Turanskyj ihre Geschichten. Den dritten Teil ihrer Filmtrilogie zu Frauen und Arbeit, die der »Tagesspiegel« eines der »spannendsten Projekte der deutschen Filmlandschaft« nennt, konnte sie nicht mehr fertigstellen. Tatjana Turanskyj starb am 18. September nach schwerer Krankheit in Berlin.

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Foto: Tatjana Turanskyj
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Joachim Preuß, 76 (13. Mai 1945 – 20. September 2021): Es ist nicht der SPIEGEL-Redakteur Joachim Preuß, an den man als Erstes denkt. Es ist der Mensch Joachim Preuß, wahlweise Charly oder Jockel genannt. Ein Norddeutscher reinsten Wassers, ein Antistreber, ein unbeirrbarer HSV-Fan und einer, den sogar Männer seiner Generation als Sonnyboy bezeichnen. So einer steigt mit beiden Händen in den Hosentaschen auf, schon weil die oben ihn ebenso gern um sich haben wie die unten, von der Reibeisenstimme bis zum Herzmacho-Charme...

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Marc Darchinger

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Mohammed Hussein Tantawi, 85 (31. Oktober 1935 – 21. September 2021): 20 Jahre lang diente er unter Ägyptens Präsident Hosni Mubarak als Verteidigungsminister, manche nannten ihn spöttisch »Mubaraks Pudel«. Geboren in Kairo, stieg Mohammed Hussein Tantawi, der nubischer Herkunft war, rasch auf: erst zum Kommandeur der Präsidentengarde, dann zum Stabschef der Armee und zum Verteidigungsminister. Tantawi kämpfte 1956 in der Suezkrise, 1967 und 1973 in den Kriegen mit Israel. 1991 kommandierte er die ägyptischen Truppen im Golfkrieg. Von Februar 2011 an übernahm Tantawi nach dem erzwungenen Rücktritt Mubaraks im Arabischen Frühling für 17 Monate die Führung des Landes. Nach anfänglicher Euphorie protestierten viele Tausend wütende Demonstranten in Kairo gegen die Brutalität der Polizei – und gegen Tantawi. Sicherheitskräfte und dutzende Demonstranten kamen zu Tode, mehr als 10000 Zivilisten wurden von Militärgerichten verurteilt. Im November 2011 versprach Tantawi die Rückkehr zu einer zivilen Regierung. Im Juni 2012 gewannen die oppositionellen Muslimbrüder knapp die Wahlen, Tantawi wurde entmachtet. Mohammed Hussein Tantawi starb am 21. September in Kairo.

Foto: Amel Pain / EPA
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Melvin Van Peebles, 89 (21. August 1932 – 21. September 2021): Er war unberechenbar, neugierig, lustig, selbstbewusst, solidarisch und rücksichtslos – sonst hätte nichts von dem geklappt, was dem Filmemacher, Musiker, Theatermann und Wall-Street-Broker Melvin Van Peebles in seinem wilden Leben alles gelang. Geboren wurde er in Chicago 1932, als Schwarze in den USA noch keine vollen Bürgerrechte besaßen. Nach dem Militärdienst ging er nach Mexiko, arbeitete dort als Porträtmaler, zog nach San Francisco und begann zu schreiben, wollte es schließlich in Hollywood schaffen – bekam aber nur einen Job als Fahrstuhlführer in einem Filmstudio angeboten. Enttäuscht verließ er die USA und ging nach Amsterdam, um Astronomie zu studieren, und nach Paris, wo er einige Romane verfasste. Ende der Sechziger kehrte er in die USA zurück und drehte schließlich einen der großen Überraschungserfolge der Kinogeschichte: »Sweet Sweetback’s Baadasssss Song«. Der Low-Budget-Film, den er 1971 für 500.000 Dollar drehte, spielte 15 Millionen Dollar ein und war zudem ungeheuer einflussreich. Mit der Geschichte des schwarzen Callboys Sweetback, der von der Polizei gejagt wird, hatte Van Peebles eine vollkommen neue, ganz eigene schwarze, militante, popgeprägte Ästhetik erfunden. Bis zu Quentin Tarantino reichen die Spuren, die dieser Film gelegt hat. Van Peebles arbeitete fürs Theater, machte Musik und wurde in den Achtzigern schließlich Wertpapierhändler an der Wall Street, er schrieb auch einen Finanzratgeber. Melvin Van Peebles starb am 21. September in New York.

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Polaris/laif / Polaris / laif

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Odile Caradec, 96 (15. Februar 1925 – 22. September 2021): »Der Himmel, das Herz« ist das letzte ins Deutsche übersetzte Buch von ihr betitelt, und das fasst die Weite und das Konkrete ihres lyrischen Werkes in der besten, lakonischen Weise. Die Sprache der französischen Dichterin war immer zugänglich; sie schrieb nicht für die Akademien. Ihre Themen waren die Liebe, der Tod und die Vergänglichkeit – all das, was sich mit dem Verstand allein nicht fassen, mit der Sprache aber begreifen lässt, wenn sie dichterisch, also metaphorisch wird. Mit aufblitzender Heiterkeit, mit Schalk betrachtete sie ihre alternden Hände, »aneinandergereihte Knochen«, auf deren Oberfläche »schwarze Margeriten« gewachsen sind, und mit Trauer besang sie das Verschwinden einer Jahreszeit: »Was soll ohne Schnee aus uns werden / ohne dies stille Pulver«, wie werden wir frieren »ohne diesen Mantel unserer Kindheit«. Der Knoblauch, das Hühnerfrikassee, der Mülleimer – all das kam vor, als Ding wie als Metapher in den mehr als 20 Bänden, die von ihr erschienen sind; eine große Ode an den Zauber der sinnlichen Gegenwärtigkeit. Caradec wuchs mit sechs Geschwistern in der Hafenstadt Brest auf; nach der deutschen Bombardierung kam sie in ein katholisches Internat im bretonischen Quimper. Sie studierte deutsche Sprache und Literatur, unterrichtete unter anderem in Freiburg, ab 1950 wieder im französischen Poitiers; als engagierte Cellistin war sie Mitglied mehrerer kammermusikalischer Ensembles. Odile Caradec starb am 22. September.

Foto: Odile Verlag
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Pee Wee Ellis, 80 (21. April 1941 – 23. September 2021): Sein Leben war ein Lehrstück darüber, dass es nur eine Great Black American Music gibt. Denn egal ob Jazz, Funk, Soul, Rock oder Blues: Pee Wee Ellis war überall zu Hause und machte jede Musik zu seinem zu Hause – und dem der Zuhörer. Als Alfred Ellis kam er 1941 in Florida zur Welt und wuchs in Texas auf, nachdem sein Vater ermordet wurde, zog die Familie nach Rochester im Staat New York. Ellis' Talent zeigte sich früh; Sonny Rollins, damals einer der wichtigsten Saxofonisten des Jazz, gab dem Teenager Ende der Fünfzigerjahre Unterricht. 1965 begann Ellis, für James Brown zu spielen und bald auch Stücke zu arrangieren und mitzuschreiben, etwa »Cold Sweat« und »Say It Loud – I’m Black and I’m Proud«, Klassiker, die den schwarzen Pop veränderten. Ab 1969 arbeitete er dann als musikalischer Direktor für die Plattenfirma Kudu, die mit einer gepflegten Variante des Jazzfunks und Künstlern wie George Benson einen neuen Soundtrack für die entstehende schwarze Mittelschicht auf den Markt brachte. Auch für den Iren Van Morrison spielte er immer wieder. Anders als so viele andere Musiker seiner Generation stürzte Ellis nie ab. In den späten Achtzigern tat er sich mit seinen alten Weggenossen aus der James-Brown-Band zusammen und tourte von da an unermüdlich – nicht zuletzt durch Europa. Pee Wee Ellis starb am 23. September in Frome, Südwestengland.

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Justin Ng / Avalon / action press

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Eberhart Jüngel, 85 (5. Dezember 1934 – 28. September 2021): Im Protestantismus gelte es, sagte der evangelische Theologe 2008, die Texte des Neuen Testaments »immer wieder neu im Wahr­heitshorizont unserer Gegenwart zur Geltung« kommen zu lassen. Jüngel machte sich diesen Anspruch zur Lebensaufgabe. Die Vorlesungen des Professors in Tübingen, wo er auch das Institut für Hermeneutik leitete, prägten mehr als eine Generation von Theologiestudierenden, auch die Predigten des Pastors Jüngel fanden eine breite Zuhörerschaft. Jüngel stammt aus Magdeburg, in der DDR war die Kirche für ihn ein Ort geworden, der freies Denken ermöglichte und an dem die Wahrheit gesagt werden durfte. Jüngel war als »Feind der Republik« vom Abitur ausgeschlossen worden, an einer kirchlichen Hochschule konnte er studieren. Für eine Gastprofessur durfte er nach Zürich; später ging er nach Tübingen. Bis zur Wie­dervereinigung behielt er seinen DDR-Pass. Sein wichtigstes Buch, »Gott als Geheimnis der Welt« von 1977, ist heute ein Klassiker. Eberhard Jüngel starb am 28. September in Tübingen.

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Herta Staal, 91 (29. März 1930 – 2. Oktober 2021): Sie tanzte als Elevin im Wiener Opernballett und spielte klei­nere Rollen auf den Operettenbühnen der Stadt, bis sie für eine Kollegin als Soubrette in dem Robert-Stolz-Werk »Der Walzerkönig« einspringen durfte. Der Legende nach holte der damals sehr erfolgreiche Schauspieler Johannes Heesters sie zu Beginn der Fünfzigerjahre nach Deutschland, wo sie mit Anfang zwanzig nicht bloß durch Bühnenauftritte etwa in den Hamburger Kammerspielen, sondern auch durch populäre Filmrollen Furore machte. Herta Staal präsentierte sich mit jugendfrischem Lächeln in Kinohits wie »Bezauberndes Fräulein« (1953) und »Die Rosel vom Schwarzwald« (1956), in dem ihre Wiener Sprachfärbung besonders herzerwärmend unter dem angeblich schwarzwaldtypischen Kunstdialekt des Films herauszuhören ist. Sie wurde zu einem Star des nicht allzu anspruchsvollen deutschen Fünfzigerjahrekinos und spielte mit vielen anderen Berühmt­heiten wie Karin Baal, Harald Juhnke oder Ralf Wolter. Als sie den sehr viel älteren Komponisten und Barpianisten Hans Rahner heiratete, war Peter Alexander einer der Trauzeugen. Die Ehe scheiterte, sie heiratete ein weiteres Mal. Auf die Filmrollen ihrer jungen Jahre folgten zahlreiche Fernsehauftritte, außer in Spielfilmen wiederholt in der Unterhaltungsshow »Zum Blauen Bock«. Vor allem aber ließ sich Staal viele Jahre lang auf deutschen Boulevardbühnen feiern und freute sich noch anlässlich ihres 85. Geburtstags: »Die Leute haben mich nicht vergessen.« Herta Staal starb am 2. Oktober in München.

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Keystone Pressedienst

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Bernard Tapie, 78 (26. Januar 1943 – 3. Oktober 2021): Der Franzose war Unternehmer, Sänger, Schauspieler, TV-Mode­rator, Politiker, Fußballmanager – und bis zum Schluss eine nationale Heldenfigur. Ein Mann, der vor vielen anderen die Prinzipien moderner Kommunikation begriffen hatte und sich selbst eine Bühne schuf. Bernard Tapie kam aus ärmlichen Verhältnissen, in den Achtzigerjahren wurde er durch den Aufkauf von sanierungsbedürftigen Unternehmen berühmt, die er mit Gewinn weiter­verkaufte. Das hat ihn reich gemacht, aber einem Tapie reichte es nicht, Milliardär zu sein. 1986 übernahm er den Fußballverein Olympique Marseille und trug den Klub sieben Jahre später zum Sieg in der Champions League. Als er wegen Schmiergeldern, die auf seine Initiative flossen, für sechs Monate im Gefängnis saß, bat er darum, von der VIP-Abteilung in den normalen Trakt verlegt zu werden, weil er sich dort weniger langweilen würde. 1990 übernahm Tapie den deutschen Sportartikelhersteller Adidas, versprach, den Laden zu sanieren, verkaufte ihn aber keine drei Jahre später wieder. Es folgte ein jahrelanger Rechtsstreit, Tapie wurde wegen Betrug angeklagt. Erst 2019 wurde er von Betrugsvorwürfen im Zusammenhang mit der Adidas-Affäre freigesprochen. Da war er schon schwer krank, aber auch mit seinem Krebs ging er offensiv um, er gab Interviews mit kaum hörbarer Stimme. Bernard Tapie starb am 3. Oktober in Paris.

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Michel Rudman / REA / laif

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Lars Vilks, 77 (20. Juni 1946 – 3. Oktober 2021): »Ich interessiere mich für die Grenzen der Kunst«, sagte Lars Vilks einmal, und wohl nur deshalb ist der Schwede zum Mohammed-Karikaturisten geworden. 2007, zwei Jahre nach Veröffentlichung der berüchtigten Seite mit zwölf Zeichnungen im dänischen »Jyllands-Posten«, zeigte der ehemalige Kunstprofessor Mohammed-Grafiken auch in einer Ausstellung in Norwegen – allerdings ohne jede öffentliche Reaktion. Im selben Jahr zeichnete er für die schwedische Ausstellung »Der Hund in der Kunst« Mohammed als Hund. Den kontroversen »Mohundmed« mochte die Ausstellung nicht zeigen, also reichte Vilks ihn zunächst vergebens an eine andere Ausstellung weiter, bis ihn dann eine kleine Tageszeitung zum Thema Meinungsfreiheit abdruckte. Diesmal fand das Werk Resonanz. Nun wurden in der islamischen Welt schwedische Botschaftsvertreter einbestellt, auf Vilks ein Kopfgeld ausgesetzt, und Muslime demonstrierten. Vilks lebte seitdem mit Personenschutz. Attentate auf ihn blieben erfolglos, kosteten jedoch einen Unbeteiligten das Leben. So skurril formelhaft diese Abläufe wirken können, so skurril auch Vilks entspannte Reaktion: Er beklagte sich nicht, in Interviews zeigte er sich gleichmütig, wenn auch darauf beharrend, dass eine freie Gesellschaft Gewalt und Drohungen nicht mit besonderer Rücksichtnahme belohnen dürfe. Lars Vilks starb am 3. Ok­tober zusammen mit zwei Personenschützern bei einem Verkehrsunfall.

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Staffan Löwstedt / TT / IMAGO

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Rainer Holzschuh, 77 (17. Juni 1944 – 7. Oktober 2021): Der Sportjournalist prägte ein halbes Jahrhundert lang den »Kicker«, verbunden war er dem Fußballmagazin schon als Jugendlicher. In der Schule bekam er Ärger, weil er die Zeitschrift unter der Bank studierte. Der Sohn eines Bankbeamten jobbte neben dem Studium bei einer Regensburger Zeitung: Für 1,50 Mark die Stunde rechnete er Sporttabellen aus. Als der Redakteur ausfiel, vertrat ihn Holzschuh und hatte seine Erfüllung gefunden. 1971 kam er zum »Kicker«, später wurde er Leiter der Nordredaktion, ab 1983 dann Pressechef des DFB. Hier erlebte er bei der WM 1986 in Mexiko ein Fiasko: Journalisten wohnten im Hotel der Mannschaft und erfuhren von jedem Streit, Teamchef Franz Beckenbauer entglitt die Situation. 1988 kehrte Holzschuh als Chefredakteur zum »Kicker« zurück. Unter ihm entstand die ESM, ein Zusammenschluss der europaweit führenden Sportmagazine. Ende 2020 ging er, der zuvor sieben Tage die Woche gearbeitet hatte, in den Ruhestand. Rainer Holzschuh starb in der Nacht zum 7. Oktober.

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Abdul Qadir Khan, 85 (1. April 1936 – 10. Oktober 2021): Er gilt als Vater des pakistanischen Atomprogramms – und für die einen war er eine nationale Ikone, für die anderen ein Verräter. Nach seinen Studien in Europa eignete sich Khan in den Siebzigerjahren als Mitarbeiter einer Urananreicherungsanlage – auch mithilfe von Industriespionage – Fachwissen an, mit dem er später das Nuklearprogramm seines Landes initiierte. Mit Stolz sehen viele Landsleute bis heute, dass Pakistan dank ihm zur Atommacht aufsteigen und sich gegen Indien behaupten konnte. Nur Wochen nach dem zweiten indischen Atomtest zündete auch Pakistan 1998 erfolgreich eine Bombe. Khan sah sich selbst als »eine Art Robin Hood des Atomzeitalters« – also als ein Mann, der Entwicklungs- und Schwellenländern die Möglichkeit gab, mit den großen Atommächten gleichzuziehen. In seiner Heimat wurde er zum schillernden Helden, überhäuft mit den höchsten Staatspreisen. Zu dieser Zeit fädelte Khan bereits Deals mit Diktatoren ein. Über den internationalen Schwarzmarkt belieferte er Iran, Libyen und Nordkorea mit Material und nuklearem Know-how. Als »mindestens so gefährlich wie Osama Bin Laden« bezeichnete ihn der frühere CIA-Direktor George Tenet. 2004 legte Khan ein Geständnis im Fernsehen ab, das er allerdings später zurücknahm. Fünf Jahre stand er unter Hausarrest in seiner Villa, die er mit seiner Frau in einem wohlhabenden Teil von Islamabad bewohnte, bevor er begnadigt wurde. Bis heute ist unklar, wie weitreichend sein Netzwerk war. Die Atombombe sah Khan stets als »Friedenswaffe«. Im Interview mit dem SPIEGEL sagte er einmal: »Ich bin fest überzeugt, das Beste für Pakistan getan zu haben.« Abdul Qadir Khan starb nach einer Coronavirus-Infektion am 10. Oktober in Islamabad.

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STR / EPA

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Evelyn Richter, 91 (31. Januar 1930 – 10. Oktober 2021): Sie fotografierte Menschen in öffentlichen Verkehrsmitteln, bei der Arbeit, auf der Straße – und dokumentierte gleichzeitig auch den Verfall der DDR. Ein gutes Bild müsse die Kraft des Erlebnisses enthalten, Emotionen verdichten und Inhalte transportieren, war ein Credo ihrer Arbeit. Richter kam 1930 im ostsächsischen Bautzen zur Welt. Nach einer Ausbildung in Dresden begann sie ein Studium in Leipzig an der Hochschule für Grafik und Buchkunst. Sie wurde jedoch exmatrikuliert, weil der Leitung ihre Kommilitonenporträts als zu hoffnungslos erschienen. Ihre Fotografie ließ sich selten mit den Vorstellungen des sozialistischen Staates vereinbaren: Sie zeigte Schichtarbeiter, die erschöpft von der Arbeit heimkehren, leere Plattenbausiedlungen und Industrielandschaften. Es sind Antitypen in Schwarz-Weiß, die wenig gemein haben mit utopischen Vorstellungen und heroisierender Ästhetik. Richter zeigte, was sie sah, und nicht, was man damals gern sehen wollte. 1981 kehrte sie an die Hochschule zurück, von der sie einst verwiesen worden war. Sie erhielt einen Lehrauftrag für Fotografie, 1991 wurde daraus eine Ehrenprofessur. Die Fotografin reiste viel, als sie reisen konnte; es entstanden Serien aus Moskau, New York und Venedig. Ein großer Teil ihrer Arbeiten wird seit 2009 in einem eigenen Archiv im Museum der bildenden Künste in Leipzig aufbewahrt. Evelyn Richter starb am 10. Oktober in Dresden.

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Evelyn Richter / bpk

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Eberhard Hauff, 89 (13. März 1932 – 13. Oktober 2021): Ein Fest, kein Festival! Unter dieser Maßgabe hob Eberhard Hauff das Filmfest München 1983 aus der Taufe. Dem Publikum und dessen Freude am Film zugewandt statt auf die Branche zugeschnitten – so zeigt sich das Filmfest, das Hauff bis 2003 leitete, auch heute noch. Dessen Gründung gehört zu seinen prominentesten Aktivitäten, Hauff wirkte ansonsten viel mehr in die Branche hinein. Nach ersten Regiearbeiten wandte sich Hauff, geboren 1932 in Demmin, dem Aufbau von neuen Strukturen für den deutschen Film zu. 1975 war er einer der Gründer des Bundesverbands Regie (BVR), der wichtigsten Interessenvertretung für Regisseurinnen und Regisseure in Deutschland. Als Vorstand des BVR sowie der VG Bild-Kunst setzte er sich für die Rechte von Filmschaffenden an ihren Werken ein. 1989 wurde Hauff mit dem Bundesverdienstkreuz 1. Klasse ausgezeichnet. Er starb am 13. Oktober.

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Peter Homann / IMAGO

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Gerd Ruge, 93 (9. August 1928 – 15. Oktober 2021): Wo manche seiner Korrespondentenkollegen sich als große Welterklärer inszenierten, versuchte Gerd Ruge, dem deutschen Fernsehpublikum vom Alltag in fernen Ländern zu erzählen. »Und, wie ist das Leben?«, fragte er seine Interviewpartner gern. Um jene zu unterstützen, bei denen es schlecht war, gründete er 1961 die deutsche Sektion von Amnesty International mit. Der 1928 in Hamburg geborene Sohn eines Arztes konnte nach dem Krieg als junger Mann beim Rundfunk Fuß fassen. Schon 1950 berichtete er für den NWDR aus Jugoslawien, 1956 wurde er ARD-Korrespondent in Moskau. Er war der Mann des deutschen Fernsehens in den USA, als diese 1968 durch die Morde an Martin Luther King und Robert Kennedy erschüttert wurden. Schreibtischjobs, selbst hochrangige, machte der Reporter nie lange; um aus China zu berichten, wechselte er in den Siebzigern vorübergehend zur »Welt«. Natürlich hatte Ruge großen außenpolitischen Sachverstand, den er aber in verständliche Geschichten zu fassen wusste – besonders fesselnd 1991, als es um den Putschversuch gegen Gorbatschow ging, den er in seiner letzten ARD-Korrespondentenstation in Moskau beobachtete. Ruheständler nur auf dem Papier, bereiste er die Weiten der untergegangenen Sowjetunion oder China für Reportagen, die im Fernsehen und in Buchform ein großes Publikum fanden. Zu seinen bleibenden journalistischen Errungenschaften zählt der »Weltspiegel«: Gemeinsam mit Klaus Bölling initiierte er 1963 die Institution in der ARD, die gerade wieder eine Programmreform überstanden hat. Gerd Ruge starb am 15. Oktober in München.

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Edita Gruberová, 74 (23. Dezember 1946 – 18. Oktober 2021): Zum Glück sind viele ihrer größten Momente in Aufnahmen nachzuerleben: Wenn die slowakische Sopranistin zu einer Solo-Bravourstelle kam, schien die Zeit stillzustehen, so faszinierend erklangen die Koloraturen, so strahlend die Spitzentöne, so hauchzart die Pianissimi. Wie ein kostbares Instrument pflegte die Künstlerin ihre Stimme; mit enormer Disziplin behauptete sie mehr als drei Jahrzehnte lang einen Ausnahmerang als Belcanto-Artistin. Angefangen hatte sie in ihrer Geburtsstadt Bratislava als durchtriebene Rosina in Rossinis »Der Barbier von Sevilla«; schon vier Jahre später berief man sie an die Wiener Staatsoper. Von Mozarts berüchtigter Königin der Nacht bis zu ihrer Glanzrolle, der Zerbinetta in der »Ariadne« von Richard Strauss, ließ Edita Gruberová seither keine bedeutende Rolle aus; nur um Wagner machte sie stets einen Bogen. Lieber belebte sie – wie schon ihre Kollegin Joan Sutherland – in konzertanten Aufführungen, deren Ensemble sie selbst bestimmen konnte, vernachlässigte Opernschätze von Bellini und Donizetti. Etliches davon erschien seit 1992 auf einem Label mit dem treffenden Namen »Nightingale«. Anstatt sich Regielaunen fügen zu müssen, konnte die Primadonna so ihre eigenen Maßstäbe setzen: »Je lauter die anderen singen, desto leiser werde ich«, erklärte sie zum Beispiel. Mochten auch ein paar Kritiker höhere Seelenwärme vermissen, die Fans in aller Welt dankten ihr bei Gastspielen mit Ovationen. Erst 2020 erklärte sie ihren Abschied vom Podium. Edita Gruberová, die seit Langem in der Schweiz wohnte, starb am 18. Oktober in Zürich.

Foto: United Archives / ddp
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Colin Powell, 84 (5. April 1937 – 18. Oktober 2021): Er war Amerikas erster schwarzer Sicherheitsberater, Generalstabschef und Außenminister. Colin Powells bahnbrechende Karriere prägte die Weltpolitik nach dem Kalten Krieg, doch am Ende wurde sie von einem einzigen, folgenschweren Missgriff getrübt: 2003 warb der Viersternegeneral a. D. als Emissär von Präsident George W. Bush im Uno-Sicherheitsrat für den Irakkrieg – mit Argumenten, die sich als falsch oder irreführend entpuppten. Powell selbst sprach später voller Reue von einem »Schandfleck« in seiner ansonsten illustren Laufbahn. Die begann, als der in Harlem geborene Sohn jamaikanischer Einwanderer gleich nach dem College in die US-Armee eintrat. Er trainierte in Georgia, war in Hessen stationiert und zog in den Vietnamkrieg, wo er verwundet wurde. Später schwor er jeder »halbherzigen Kriegsführung mit unausgegorenen Begründungen« ab. Daraus erwuchs die »Powell-Doktrin«, die den Einsatz des US-Militärs unter anderem auf das »vitale Sicherheitsinteresse« der Nation beschränkte. Ronald Reagan holte ihn als Sicherheitsberater ins Weiße Haus, George Bush machte ihn zum Generalstabschef. Als »Gesicht« des Golfkriegs wurde Powell 1991 weltberühmt. Zehn Jahre später berief ihn Bushs Sohn zum Außenminister. Doch den politischen Machtkämpfen Washingtons war der Republikaner nicht gewachsen: Seine stille Diplomatie hatte keine Chance gegen die laute Kriegslust. Nach seiner Pensionierung tendierte Powell immer mehr zu den Demokraten, der endgültige Bruch mit seiner Partei kam aber erst durch Donald Trump. Colin Powell starb am 18. Oktober geschwächt durch Krebs und Parkinson an den Folgen von Covid-19 in Bethesda, Maryland.

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Luke Frazza / AFP

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Klaus Gallwitz, 91 (14. September 1930 – 21. Oktober 2021): Der Kunsthistoriker, 1930 in Pillnitz bei Dresden geboren, hatte es sich zum Ziel gesetzt, das Publikum für die Kunst seines Jahrhunderts zu begeistern. Ab 1959 leitete er für einige Jahre den Badischen Kunstverein in Karlsruhe, danach unterstand ihm die Kunsthalle Baden-Baden, wo er zu Vernissagen schon mal Zuckerwatte reichen ließ. Als er dort Werke des russischen Avantgardisten Wassily Kandinsky zeigen wollte, musste er erst die Witwe überreden, die eine Abneigung gegen Deutschland pflegte. Sie ließ sich überzeugen: Die Kurstadt im Südwesten sei quasi exterritoriales Gebiet. Als früher Blockbuster galt eine Ausstellung zu Ehren des spanischen Surrealisten Salvador Dalí. Außerdem gehörte Gallwitz zum Kuratorenteam der Documenta im aufregenden Jahr 1968, war 20 Jahre Direktor des Städel Museums in Frankfurt, wurde Gründungsdirektor weiterer Museen. Mehrfach wählte er die Künstler aus, die Deutschland auf der Biennale in Venedig vertraten, er entschied sich für Provokateure wie Joseph Beuys, Georg Baselitz und Anselm Kiefer. Zwar kritisierten ihn dafür einige deutsche Kunstkritiker, und Gallwitz sagte später, er sei »Schläge aus Deutschland gewohnt« gewesen, aber sein Ansehen war doch enorm. Dass er lange die Deutsche Bank bei ihren Kunstankäufen beriet, galt nicht als Widerspruch zu seiner musea­len Tätigkeit, sondern als Zeichen bester Vernetzung. Klaus Gallwitz starb am 21. Oktober in Karlsruhe.

Foto: Thomas Frey / dpa
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Bernard Haitink, 92 (4. März 1929 – 21. Oktober 2021): Die Allüren eines Maestros und herrisches Gefuchtel waren dem niederländischen Dirigenten fremd. Umso mehr ging er bei Proben ins Detail – und das konnte schon mal heißen, sich für eine Mahler-Sinfonie ein ganzes Jahr lang Zeit zu lassen. Der Beamtensohn aus Amsterdam, gelernter Geiger, hatte selbst lange gebraucht, bis er sich ans Pult wagte. Dann aber sprach sich umso rascher herum, wie gründlich er seine Partituren beherrschte. So war der ruhige, freundliche Präzisionshandwerker bald in aller Welt begehrt. Von 1964 an leitete er das Concertgebouw-Orchester seiner Heimatstadt, ab 1967 auch das Philharmonic Orches­tra in London; später folgten Dresden und Chicago. In den Siebzigerjahren begann er, endlich auch Opern zu dirigieren – und das gleich an Englands legendärem Festivalort Glynde­bourne. Seine Mozart-Aufführungen in der Tradition von Fritz Busch hatten solchen Erfolg, dass man ihn 1987 zum Leiter des Royal Opera House in London machte. Sogar dieser glamourösen Welt verlieh der Antistar dank seiner unaufgeregten Gründlichkeit, die wie ein innerer Kompass wirkte, eine schon fast vergessene Solidität. Am liebsten blieb ihm aber der Konzertsaal, wo er als behutsam-weiser Lehrer agieren konnte; es sei »schwer, unter Bernard Haitink falsch zu spielen«, hat ein Experte die beinahe magischen Fähigkeiten des Künstlers einmal zusammen­gefasst. Erst 2019 nahm er Abschied vom Podium. Bernard Haitink starb am 21. Oktober in London.

Foto: Michel Neumeister / IMAGO
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Udo Zimmermann, 78 (6. Oktober 1943 – 22. Oktober 2021): Der gebürtige Dresdner war ein vielseitiger Dirigent und Komponist. Seine musikalische Leidenschaft galt der Neuen Musik. Als Jugendlicher gehörte Udo Zimmermann dem Kreuzchor in seiner Heimstadt an, später wurde er Meisterschüler an der Deutschen Akademie der Künste in Berlin. Er schuf zahlreiche Vokal- und Ins­trumentalwerke, darunter Filmmusiken sowie mehrere Opern. Zu seinen bekanntesten Werken zählt die Kammeroper »Weiße Rose«, die vom Schicksal der von den Nazis ermordeten Geschwister Scholl handelt. Seit der Uraufführung 1986 wurde sie mit mehr als 200 Inszenierungen ein internationaler Erfolg. Im Laufe der Jahrzehnte übernahm er immer wieder Leitungsfunktionen an verschiedenen Opernhäusern, so etwa in Leipzig, wo er als Intendant einen Schwerpunkt auf das Musiktheater des 20. Jahrhunderts legte. Bis 2011 leitete er die Konzertreihe »musica viva« des Bayerischen Rundfunks. Udo Zimmermann starb am 22. Oktober in Dresden.

Foto: Arno Burgi / dpa
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Arved Birnbaum, 59 (31. März 1962 – 24. Oktober 2021): In etlichen Fernsehproduktionen verkörperte er Verbrecher, Schläger und andere zweifelhafte Gestalten. Noch im August war der Schauspieler als verdächtiger Tierhändler in der Krimireihe »Ein Fall für zwei« zu sehen gewesen. Der in der Lausitz geborene Arved Birnbaum begann sein Berufsleben fern jeder Bühne als Elektriker, dann arbeitete er als Monteur. In Rostock absolvierte er von 1989 bis 1993 an der Schauspielschule Ernst Busch seine künstlerische Ausbildung, es folgten einige Theaterengagements. Den Grundstein für seine Karriere als Finsterling vom Dienst legte Birnbaum 1999, als er in der »Lindenstraße« einige Folgen lang den Neonazi Hartung spielte. Wenig später durfte er bei den Guten mitspielen, er bekam den festen Part des Hauptmeisters Heinz Obst im Kölner »Tatort«. Neben seiner künstlerischen Karriere leitete Birnbaum seit 2006 das Schauspiel Zentrum in Köln, eine Ausbildungsstätte für Film, Theater und Fernsehen. Es war der Polizeifilmspezialist Dominik Graf, der schließlich sein Potenzial für die Rolle des toughen, knurri­gen Profiermittlers voll ausschöpfte und Birnbaum in den Thrillern »Eine Stadt wird erpresst« (2006) oder »Zielfahnder – Flucht in die Karpaten« (2016) besetzte. Auch in Grafs gefeierter Russenmafiaserie »Im Angesicht des Verbrechens« hatte er eine zentrale Rolle. »Arved macht jede Nebenrolle zu einer Hauptrolle«, sagte Regisseur Graf einmal. Arved Birnbaum starb am 24. Oktober in Köln.

Foto: Henning Kaiser / dpa
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Bettina Gaus, 64 (5. Dezember 1956 – 27. Oktober 2021): Besser ein Komma oder ein Semikolon? Für sie war diese Frage keine Kleinigkeit. Sie diskutierte die genaue Bedeutung der einen, dann der anderen Variante. Und am Ende war vielleicht doch ein Punkt die Lösung. Erst wenn ein Satz präzise das ausdrückte, was die Kolumnistin sagen wollte, durfte er veröffentlicht werden. Dieselbe Präzision verlangte sie auch den Objekten ihrer oft scharfen politischen Analysen ab, nie gab sie sich mit einem bloßen Eindruck zufrieden: Bettina Gaus nahm die Politik beim Wort. Für die in München geborene Tochter des Journalisten und Diplomaten Günter Gaus gehörte die politische Debatte von Kindheit an zum Abendbrot wie in anderen Haushalten die Butter. Aus dem Schatten des Vaters trat die Absolventin der Deutschen Journalistenschule schnell: Zunächst als Korrespondentin für die Deutsche Welle und die »taz« aus Ost- und Zentralafrika, dann als Leiterin des »taz«-Parlamentsbüros. Als politische Korrespondentin der »taz« schrieb sie ungezählte Kolumnen, Kommentare und Analysen, bis der SPIEGEL sie im April 2021 als Kolumnistin gewinnen konnte. Da war sie längst eine der tonangebenden Stimmen im deutschen Journalismus und gefragte Gesprächspartnerin. Bis zuletzt bildete Gaus junge Journalistinnen und Journalisten aus, nahm Teil an der politischen Debatte, schmiedete Pläne für Reisen und arbeitete an der These für ihren nächsten Text. Bettina Gaus starb am 27. Oktober in Berlin.

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Foto: Horst Galuschka / picture alliance / dpa
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Holger Obermann, 85 (31. August 1936 – 30. Oktober 2021): Mit seiner nüchternen Art stand er für den typischen Stil, mit dem in den Siebzigerjahren der Fußball präsentiert wurde. »Sportschau«-Moderator und Fußballkommentator Holger Obermann verzichtete auf große Emotionen, Fußballspiele wurden nicht bejubelt, sondern beschrieben. Obermann wusste, wovon er sprach: Er hatte unter anderem für Hessen Kassel und FSV Frankfurt gespielt, 1961 war er in die USA gegangen, damals eine echte Pioniertat für einen deutschen Fußballer. Seine Medienkarriere führte ihn in leitende Positionen beim Hessischen und Süddeutschen Rundfunk. Außerdem engagierte er sich in der Sport-Entwicklungshilfe, schob zahlreiche Projekte um den Fußball in Afrika und Asien an. Er war – häufig im Auftrag des DFB – in vielen Ländern aktiv. In Afghanistan leistete er Aufbauarbeit und machte sich um die Förderung des Frauenfußballs verdient. Für diesen Einsatz wurde er mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Bundesverdienstkreuz. Holger Obermann starb am 30. Oktober im hessischen Friedrichsdorf an Covid-19.

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Doğan Akhanlı, 64 (18. März 1957 – 31. Oktober 2021): Er hat viele Romane und auch fürs Theater geschrieben. Doch einer breiten deutschen Öffentlichkeit wurde der deutsch-türkische Schriftsteller Doğan Akhanlı erst bekannt, als er 2017 auf Betreiben der türkischen Regierung in Granada, Spanien, vorübergehend festgenommen wurde. Angeblich soll Akhanlı an einem bewaffneten Raubüberfall beteiligt gewesen. Tatsächlich ging es Präsident Recep Tayyip Erdoğan wohl darum, einen weiteren Kritiker mundtot zu machen. Akhanlı hat sich zeitlebens mit den Mächtigen angelegt, mehrmals saß er deshalb in der Türkei im Gefängnis. 1991 floh er mit seiner Frau und seiner Tochter nach Deutschland, wo er eine Karriere als Schriftsteller begann. Schonungslos setzte er sich mit der europäischen Gewaltgeschichte des 20. Jahrhunderts auseinander, insbesondere mit dem Völkermord an den Armeniern im Osmanischen Reich. In Spanien verbrachte Akhanlı letztlich nur kurze Zeit in Haft, zwei Monate lang musste er sich allerdings regelmäßig bei der Polizei melden, ehe er nach Deutschland ausreisen durfte. Die Erfahrung diente ihm als Anlass für seine eindrucksvolle Autobiografie »Verhaftung in Granada«. Sein Freund Günter Wallraff konnte dem Vorfall deshalb auch etwas Positives abgewinnen. Dank der »irrsinnigen Festnahme in Spanien werden jetzt endlich seine Bücher auch ins Deutsche übersetzt«, sagte er damals. Doğan Akhanlı starb am 31. Oktober nach kurzer schwerer Krankheit in Berlin.

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C. Hardt / Future Image / IMAGO

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Nelson Freire, 77 (18. Oktober 1944 – 1. November 2021): Das Konzertritual beherrschte der brasilianische Pianist perfekt. Aber so routiniert er Zugaben lieferte, der kleine Virtuose mit der grandiosen Technik wirkte stets ein wenig introvertiert – als spiele das einstige Wunderkind für sich selbst. Schon mit vier Jahren hatte der Apothekersohn aus Boa Esperança zu üben begonnen; als er sechs war, zog die Familie seinetwegen nach Rio de Janeiro. Nach zweijährigem Feinschliff beim Wiener Pianisten-Guru Bruno Seidlhofer war Freire rasch weltweit gefragt. Doch Starrummel und Termindruck waren ihm zuwider. Lieber feilte er an der Binnen-Balance bei Schubert oder einer perlenden Tonkaskade von Chopin so lange, dass Konkurrenten ihn mehr bewunderten als das weniger kundige Publikum. Jahrelang spielte er mit der Kollegin Martha Argerich im Duo, danach konzertierte er noch seltener. Als er 2019 einen Armbruch erlitt, musste der in sich selbst ruhende Künstler notgedrungen die Tasten aufgeben, die sein Leben gewesen waren. Nelson Freire starb am 1. November in Rio de Janeiro.

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Pascal Guyot / dpa

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Aaron Beck, 100 (18. Juli 1921 – 1. November 2021): Der Psychiater hat den Umgang mit seelisch erkrankten Menschen revolutioniert. Aaron Beck, einer der Begründer der kognitiven Verhaltenstherapie, wurde 1921 in Providence im US-Bundesstaat Rhode Island geboren. Er studierte in Yale Medizin und diente als junger Arzt zur Zeit des Korea-Krieges in einem Militärkrankenhaus. Mitte der Fünfzigerjahre wechselte Beck an die Medizinische Fakultät der University of Philadelphia. Zu Beginn seiner Karriere folgte er noch dem psychoanalytischen Ansatz, wonach depressive Patienten ein Leidens-Bedürfnis haben sollen, dass es zu analysieren und zu therapieren gelte. Beck aber gewann den Eindruck, dass sich mit dieser langwierigen Methode kaum etwas ausrichten lässt und entwickelte seine eigene, pragmatischere Therapie: Er ging davon aus, dass depressive Menschen vor allem in negativen Überzeugungen von sich selbst gefangen seien und prägte den Begriff der »automatischen Gedanken«. Mit seiner Verhaltenstherapie sollen sollen diese sich ständig wiederholenden Denkmuster erkannt und überwunden werden. Nachdem Beck gute Erfolge verzeichnen konnte, erweiterte er seine Methode, um auch Persönlichkeits-, Angst-, oder Essstörungen behandeln zu können. Mit seiner Tochter, der Psychologin Judith Beck, gründete der mehrfach ausgezeichnete Psychiater 1994 das »Beck Institute for Cognitive Behavior Therapy«. Das Ausbildungs- und Forschungszentrum verfolgt das Ziel, mithilfe der Verhaltenstherapie »weltweit Leben zu verbessern«. Aaron Beck starb am 1. November in seinem Haus in Philadelphia.

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R. Donnell / The New York Times / Redux / laif

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Tamara Trampe, 78 (4. Dezember 1942 – 4. November 2021): Ihre Filme sollten Pflichtlektüre an den Filmschulen werden, hieß es in der Laudatio, als sie im September 2021 mit dem Ehrenpreis des Verbands der deutschen Filmkritik ausgezeichnet wurde. Man könne nämlich daraus lernen, »wie aus einem Stoff eine Erzählung wird, wie sich Schicksale darin langsam aufblättern«. Dabei kam Tamara Trampe spät zum Filmemachen. Ihr Debüt, den Dokumentarfilm »Der schwarze Kasten«, veröffentlichte sie mit fast 50 Jahren. Zuvor hatte sie 20 Jahre lang als Drama­turgin bei der Defa in der DDR gearbeitet. Mit der Wende fing Trampe an, selbst Regie zu führen – und Schicksale aufzublättern. Sie erzählte von einem überzeugten Stasioffizier und russischen Heimkehrern aus dem Tschetschenienkrieg, aber auch von einem Komponisten, der bei gehörlosen Eltern aufgewachsen war. In ihrem vierten und nun letzten Film, »Meine Mutter, der Krieg und ich« von 2014, griff sie ihr eigenes Leben auf, das auf so unwahrscheinliche Weise begonnen hatte: 1942 auf einem Schneefeld in der Sowjetunion, mitten im Krieg wurde sie als Tochter einer russischen Krankenschwester geboren. Als sie sieben Jahre alt war, zog die Familie in die DDR. Trampe studierte Germanistik und arbeitete als Journalistin, bevor sie bei der Defa anheuerte. Ihre Arbeit als Dramaturgin und Beraterin führte sie später eigenständig weiter. Rund 90 Filme soll sie betreut haben, die letzten bis kurz vor ihrem Tod. Tamara Trampe starb am 4. November in Berlin an Krebs.

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Dean Stockwell, 85 (5. März 1936 – 7. November 2021): Schon in den Vierzigerjahren stand er als Kinderdarsteller mit großen Hollywoodstars vor der Kamera – unter ihnen Frank Sinatra, Gene Kelly und Gregory Peck. Und mit 23 Jahren erhielt er 1959 bei den Filmfestspielen von Cannes den Darsteller­preis für das Krimidrama »Der Zwang zum Bösen«, in dem er neben Orson Welles einen Studenten spielte, der den vermeintlich perfekten Mord plant. Dean Stockwells Karriere bekam in den Sechzigerjahren trotzdem eine Delle – wohl auch deshalb, weil er den Marihuanaduft der aufkommenden Gegenkultur schnupperte. Er lebte als Hippie, begeisterte sich für freie Liebe und experimentierte mit Drogen. Mitte der Achtzigerjahre wollte er der Filmindustrie endgültig den Rücken kehren und sich als Im­mobilienmakler selbstständig machen – doch dann vermit­telte ihm Harry Dean Stanton einen Part in Wim Wenders' »Paris, Texas«. Stockwell war wieder im Geschäft. Als Überlebender des alten Hollywood verkör­perte er fortan vor allem kunstvoll gebrochene Hard­boiled-­Typen. 1986 legte er als Kri­mineller in David Lynchs »Blue Velvet« mit schmachtendem Blick und offenem Rüschenhemd einen bizarren – und unvergesslichen – Auftritt zu einer Roy-Orbison-Ballade hin. Als liebestoller Gangsterboss an der Seite von Michelle Pfeiffer in »Die Mafiosi-Braut« kam er 1989 als bester Nebendarsteller in die Auswahl für den Oscar. Für seine Rolle im TV-Zeitreiseabenteuer »Zurück in die Vergangenheit« (1989 bis 1993), wurde er mit dem Golden Globe geehrt. Dean Stockwell starb am 7. November.

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Frederik Willem de Klerk, 85 (18. März 1936 – 11. November 2021): Warum wird ein Mann, der viel Macht besitzt, zum Revolutionär? Der Politiker Frederik Willem de Klerk hätte in Südafrika ein bequemes Leben führen können. Er kam 1936 in Johannesburg als Sohn einer politisch einflussreichen Familie zur Welt und en­ga­gierte sich als Student bei nationalistischen Organisationen. Später wurde er für die Nationale Partei ins Parlament gewählt, jener Partei, die jahrzehntelang auf die Rassentrennung bestand. De Klerk stieg zum Minister für Inneres auf, wurde 1989 zum Staats­­präsidenten gewählt – und überraschte mit der radikalen Forderung, die Apartheid abzuschaffen. Mehr als 30 verbotene Parteien und Organisationen wurden praktisch über Nacht legalisiert, darunter der African National Congress (ANC). Zudem veranlasste de Klerk, dass der 27 Jahre lang inhaftierte ANC-Führer Nelson Mandela sowie 120 weitere politische Gefangene entlassen wurden. »Etwas, das fundamental falsch ist, lässt sich nicht wiedergutmachen, indem man ein Pflaster draufklebt«, sagte de Klerk später. 1993 wurden er und Mandela mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet, 1997 zog er sich aus der Politik zurück. Trotzdem mischte er sich immer wieder in Debatten ein – etwa voriges Jahr, als er fast trotzig darauf pochte, die Apartheid sei zwar schlimm, aber kein »Verbrechen gegen die Menschlichkeit« gewesen. Frederik Willem de Klerk starb am 11. November in seinem Haus nahe Kapstadt.

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Hilmar Kopper, 86 (13. März 1935 – 11. November 2021): Eine solche Karriere wäre im heutigen, von Beratern und PR-Strategen glattgebügelten Bankgeschäft nicht mehr möglich. Dem 1935 im polnischen Oslanin geborenen Sohn eines Bauern war ziemlich gleich­gültig, wie er auf andere wirkte. Pathos war ihm wesensfremd, Angepasstheit auch. »Ich glaube nicht, dass die Liebe die Welt bewegt, sondern eher das Geld«, sagte Kopper einst, lange nach seiner Karriere als Vorstandssprecher und Aufsichtsratschef der Deutschen Bank. Die harten Jahre im Krieg und danach die Flucht gen Westen prägten den jungen Pommern, der eigentlich Bauer werden wollte. Als »begnadeter Schwarzhändler« und »exzellenter Kartoffelklauer«, so seine Selbsteinschätzung, schlug er sich durch, ehe er eine Lehre bei einem Vorläuferinstitut der Deutschen Bank begann. Sein Aufstieg dort war rasant, führte ihn ins Ausland und 1977 in den Vorstand, wo er den Einstieg ins Investmentbanking vorantrieb. Nach der Ermordung von Alfred Herrhausen, den er für einen guten Redner, aber einen eher mittelmäßigen Banker hielt, wurde Kopper Vorstandssprecher. Dass er die 50 Millionen Mark Schaden, die den von Immobilienpleitier Jürgen Schneider beauftragten Handwerkern entstanden waren, als »Peanuts« bezeichnete, schrieb sich ins kollektive Gedächtnis ein; darüber vergessen wurde, dass die Deutsche Bank die Summe aus eigener Tasche zurückzahlte. Im Jahr 2003 hei­ratete er Willy Brandts Witwe Brigitte Seebacher. Nach seinem Ausscheiden bei der Deutschen Bank verdingte Kopper sich glücklos als Aufsichtsratschef der maladen HSH Nordbank, gelegentlich zeigte er sich in der von der Deutschen Bank für Altvorstände ange­mieteten Bürogemeinschaft im Schatten der Frankfurter Doppeltürme. Dass Kopper die Räume als »Arlington« bezeichnete, nach dem Ehrenfriedhof der US-Armee bei Washington, war typisch für seine schnoddrige Attitüde. Hilmar Kopper verstarb am 11. November in Rothenbach/Westerwald.

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Etel Adnan, 96 (24. Februar 1925 – 14. November 2021): Sie hatte mehr als eine Berufung und auch etliche Orte, an denen sie zu Hause war. Etel Adnan, 1925 in Beirut als Tochter einer Griechin und eines Syrers geboren, studierte an der Sorbonne, anschließend in Berkeley und an der Harvard University Philosophie, sie wurde Schriftstellerin und Malerin. In den Siebzigerjahren kam sie für einige Jahre nach Beirut zurück, um als Journalistin zu arbeiten, verließ den Libanon mit Ausbruch des Bürgerkriegs und lebte fortan in Kalifornien, später auch in Paris, zeitweise in Beirut. Ihr 1977 veröffentlichter Antikriegsroman »Sitt Marie-Rose« über eine libanesische Christin, die palästinensische Flüchtlinge unterstützt und dabei ihr Leben aufs Spiel setzt, gilt als Klassiker. Adnan schrieb auf Französisch und Englisch und wird als Vertreterin der arabischen Literatur verstanden. Zur bildenden Künstlerin wurde Adnan fast nebenbei – und erst 2012, auf der Documenta, fand ihr künstlerisches Werk die verdiente Anerkennung. Ihre Farbflächenbilder, mit einem Malmesser geschaffen, können größte Ruhe oder aber Unruhe ausstrahlen, sie seien für sie gemalte Gedichte, sagte sie selbst. Für Adnan war das Auskosten der Gegenwart immer eine Selbstverständlichkeit, und mit dem Alter, so erzählte sie vor einigen Jahren, entwickelte sich diese Haltung um so dringlicher. Etel Adnan starb am 14. November in Paris.

Foto: Brigitte Friedrich / ullstein bild
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Clarissa Eden, 101 (28. Juni 1920 – 15. November 2021): Selbst in der an exzentrischen Persönlichkeiten nicht armen britischen Upperclass stach sie heraus. Die Nichte Winston Churchills ging mit 16 Jahren nach Paris, um Kunst zu studieren, auf der heimischen Internatsschule hatte sie sich gelangweilt. In der französischen Hauptstadt soll Clarissa Spencer-Churchill mit 17 Jahren ihre erste Affäre gehabt haben. Ein Besuch im Varieté, wo Josephine Baker im Bananenröckchen auftrat, ist verbürgt. Zurück in England machte sie in Marlene-Dietrich-Hosen von sich reden und betrieb ohne ordentlichen Schulabschluss Philosophiestudien in Oxford. 1952 heiratete sie Sir Anthony Eden, den Außenminister ihres Onkels. Politik interessierte die 23 Jahre jüngere Clarissa angeblich wenig, sie verkehrte gerne in Künstlerkreisen, von Cecil Beaton bis Lucian Freud kannte sie viele. Doch sie hielt eisern zu ihrem Mann, der nach nicht einmal zwei Jahren als Premierminister an der Suezkrise scheiterte. 2007 erschienen ihre Memoiren, ein brillantes Zeugnis einer vergangenen Epoche. Clarissa Eden starb am 15. November in London.

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Jimmie Durham, 81 (10. Juli 1940 – 17. November 2021): In den Sechzigerjahren suchte der Amerikaner seinen Weg als Dichter und Schauspieler, wohl auch als Soldat, später nahm er ein Kunststudium in Genf auf. Um manche frühe Station seines Lebens machte er ein Geheimnis. Den Großteil der Siebzigerjahre verbrachte er damit, sich in den USA für die Rechte indigener Völker zu engagieren. Das International Indian Treaty Council ernannte ihn zu ihrem Vertreter bei den Vereinten Nationen, erst seit 1980 war er Vollzeitkünstler und schuf archaisch anmutende Figuren aus Alltagsgegenständen. Schließlich verließ er die USA, lebte in Mexiko, dann in Europa, in Berlin hatte er ab den Neunzigern eine Adresse, 1992 und 2012 nahm er an der Documenta teil. Vor gut vier Jahren warfen ihm Vertreter der Cherokee vor, er habe sich zu Unrecht als Angehöriger ihres Volkes ausgegeben. Durham musste viel Häme über sich ergehen lassen, die kam auch in Schlagzeilen wie »Indianer ohne Stamm« (»Süddeutsche Zeitung«) zum Ausdruck. Seine Arbeit hingegen wurde gefeiert: Bei der Kunst-Biennale von Venedig 2019 erhielt er den Goldenen Löwen für sein Lebenswerk, die Leiter der für 2022 angesetzten Documenta luden ihn als Teilnehmer ein. Jimmie Durham starb am 17. November in Berlin.

Foto: David Sillitoe / CAMERA PRESS / ddp
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Kostas Papanastasiou, 84 (8. Februar 1937 – 21. November 2021): Ihm blieb ein Schicksal nicht erspart, das er mit anderen Darstel­lerinnen und Darstellern aus der »Lindenstraße« teilt: Bekannt wurde er nicht unter seinem eigenen Namen, sondern als Panaiotis Sarikakis, Betreiber der für den gesellschaftlichen Kitt von Deutschlands bekanntester Fernsehstraße unverzichtbaren Taverne Akropolis. Damit haderte Kostas Papanastasiou allerdings nie, denn Schauspieler war er nur im Nebenberuf. Hauptsächlich widmete er sich auch im wahren Leben der Bewirtung von Gästen, und zwar in seinem Lokal Terzo Mondo, das er in Berlin-Char­lottenburg betrieb. Papanastasiou war auch in dem Filmklassiker »Das Spinnennetz« zu sehen und trat als Musiker auf. Zuletzt litt er an Demenz. Kostas Papanastasiou starb am 21. November.

Foto: Jens Kalaene / dpa
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Volker Lechtenbrink, 77 (18. August 1944 – 22. November 2021): Als das deutsche Kino nach dem Zweiten Weltkrieg wieder die Augen aufschlug, war Volker Lechtenbrink 14 Jahre alt und mit dabei. In »Die Brücke« von Bernhard Wicki spielte er 1959 einen Knaben, der im Rahmen des Volkssturms zur Verteidigung einer unwichtigen Brücke abkommandiert wird. Wie die Unschuld aus dem jungen Gesicht weicht und das Grauen seinen Einzug hält, das war große Schauspielkunst. Anknüpfen an diesen Erfolg konnte und wollte er später nicht mehr. Routiniert und verlässlich spielte Lechtenbrink, was ihm Fernsehen und Kino an Rollen zu bieten hatten. Über die Jahrzehnte war er in Serien wie »Der Kommissar«, »Der Alte« oder »Derrick« zu sehen, trat in Verfilmungen von Rosamunde Pilcher ebenso auf wie in solchen von Inga Lind­ström, spielte mit bei »In aller Freundschaft«, aber auch in einer Folge der Comedyserie »Jerks«. »Ich habe alles gespielt: vom Mörder bis zum Liebhaber, vom Verbrecher bis zum Komiker«, sagte er in einem Interview zu seinem 60. Geburtstag. Lechtenbrink war längst ein etabliertes Gesicht, als er 1976 als Sänger reüssierte. Nicht nur übertrug er den Geist mancher Countryklassiker kundig ins Deutsche (»Ich mag«, »Leben, so wie ich es mag«), er interpretierte sie auch überzeugend in der Rolle des lässigen Lederjackenträgers mit sonorer Stimme. Neben dem Theater arbeitete Lechtenbrink als Synchronsprecher (etwa für Kris Kristofferson und Burt Reynolds). Gebucht wurde er bis ins hohe Alter, engagierte sich weiter am Theater, als Schauspieler, Intendant und Regisseur. 2021 wurde er mit dem Gustaf-Gründgens-Preis geehrt. Schon zwei Jahre zuvor schloss er den Kreis seines Lebens, als er die literarische Vorlage zu »Die Brücke« als Leser noch einmal einsprach – fulminant. Volker Lechtenbrink starb am 22. November in Hamburg.

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Philipp von Ditfurth / laif

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Marie Versini, 82 (10. August 1939 – 22. November 2021): Die französische Schauspielerin wurde von den Deutschen geliebt. Als sie 1963 in der Karl-May-Verfilmung »Winnetou 1. Teil« die Rolle von Nscho-tschi übernahm, der Schwester des Titelhelden, wurde sie über Nacht ein Star – und die Em­pörung war groß, als Nscho-tschi in dem Film erschossen wurde. Mario Adorf, der ihren Mörder darstellte, wurde beschimpft. Die Produzenten erkannten Versinis Starpotenzial und besetzten sie in wei­teren May-Adaptionen wie »Der Schut« (1964). Für die Französin wurde mit den Karl-May-Filmen ein Kindheitstraum wahr, wie sie später erzählte. Bereits als kleines Mädchen habe sie von ihrem Vater einen »Winnetou«-Roman geschenkt bekommen und sich beim Lesen vorgestellt, wie es wäre, Nscho-tschi zu sein. Als sie die Figur dann viele Jahre später spielen durfte, habe sie ihren »wilden« und »ungezügelten« »Trieben« freien Lauf gelassen – vielleicht einer der Gründe, warum sie der Figur eine so erfrischende Lebendigkeit ver­leihen konnte. Ähnlich wie der Winnetou-Darsteller Pierre Brice blieb Versini dem Karl-May-Universum ihr Leben lang verbunden. Dass sie einst mit 17 Jahren das jüngste Mitglied der Comédie-Française geworden war und in einigen fran­zösischen und englischen Pro­duktionen mitgespielt hatte, wussten die wenigsten ihrer Fans. 2016 hatte sie in einem TV-Dreiteiler, der auf den Werken Karl Mays basiert, einen ihrer letzten Auftritte. Marie Versini starb am 22. November im bretonischen Guingamp.

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Mary Evans / IMAGO

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Noah Gordon, 95 (11. November 1926 – 22. November 2021): Seine jüdisch-orthodoxen Eltern waren als Einwanderer aus Weißrussland in die USA gekommen. Sie seien versessen darauf gewesen, so hat er es dem SPIEGEL einmal erzählt, dass ihr Sohn Medizin studiere. Ärzte seien in ihrem Umfeld einfach die einzigen Juden gewesen, die einen gewissen Respekt genossen. »Meine jüdischen Eltern wussten, was es bedeutet, machtlos und verfolgt zu sein.« Noah Gordon aber war versessen darauf zu schreiben. Er brach sein Medizin­studium ab, studierte Journalismus, dann Creative Writing. Er wurde Wissenschaftsredakteur, dann Schriftsteller. Und hatte seinen internationalen Durchbruch mit einem Roman, der im Original »The Physician« heißt, wörtlich übersetzt: »Der Arzt«. Gordon war da schon über 60 Jahre alt. In den USA hatte die Geschichte des englischen Waisenknaben Rob Cole, der sich im elften Jahrhundert als Jude ausgibt und zum modernsten Mediziner seiner Zeit wird, nicht einmal 10.000 Leser gefunden. Ein Ladenhüter. Dann kam der Zufall ins Spiel – und der Verleger Karl Blessing aus Deutschland, dem der Roman bei einer USA-Reise in die Hände fiel. Blessing verliebte sich in die Story, gab der Übersetzung den mystischen Titel »Der Medicus« und schickte sie als kostenloses Leseexemplar an 5000 Buchhändler. Der Lohn: über acht Millionen verkaufte Exemplare. Auch die Folge­romane »Der Schamane« und »Die Erben des Medicus« wurden große Erfolge. Bis ins hohe Alter war Gordon in Europa ein Star, aber in seiner Heimat allenfalls mäßig bekannt. Das mag seine Bescheidenheit genährt haben: »Ich schreibe weder für Kritiker noch für Käufer, sondern für mich selbst«, sagte er dem SPIEGEL. Noah Gordon verstarb am 22. November.

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Andreu Dalmau / epa

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Stephen Sondheim, 91 (22. März 1930 – 26. November 2021): Sein Durchbruch kam 1957 mit seinen Texten zu Leonard Bernsteins »West Side Story«. Das Musical war als moderne Version von William Shakespeares »Romeo und Julia« angelegt – fortan wurde der Amerikaner Stephen Sondheim für seine komplexen Reime gefeiert, denn er brachte die Nöte und Sehnsüchte seiner Charaktere auf den Punkt ähnlich wie einst der große Engländer. Der Autor und Komponist verfasste etliche Stücke, von denen nicht alle zu Kassenhits wurden, aber die meisten zu Klassikern des Musik­theaters. »Company« oder »Sweeney Todd« inspirierte auch jün­gere Broadway-Schaffende. Viele seiner Songs entwickelten ein Eigenleben – etwa »Send in the Clowns« aus »A Little Night Music«. Mehr als 500-mal soll die Nummer aufgenommen worden sein. Sondheim wurde mit Grammy Awards, Tony Awards, einem Oscar und dem Pulitzerpreis ausgezeichnet. 2015 erhielt er vom damaligen Präsidenten Barack Obama die Freiheitsmedaille. »Um es einfach zu sagen: Stephen hat das amerikanische Musical neu erfunden«, sagte Obama damals. Stephen Sondheim starb am 26. November in Roxbury, Connecticut.

Foto: Charles Krupa / dpa
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Désirée von Trotha, 59 (30. Dezember 1961– 27. November 2021): Die Münchnerin reiste stets mit kleinem Gepäck, den meisten Platz nahm ihre Kamera ein. 30 Jahre lang führte die Afrika-Reisende ein Leben zwischen den Welten, zwischen der Sahara und ihrer Schwabinger Wohnung. 1961 in Augsburg geboren, hatte Désirée von Trotha an der Hochschule für Fernsehen und Film in München studiert und am Royal College of Art in London. Eine Filmproduktion brachte sie Anfang der Neunzigerjahre erstmals nach Niger. Sie freundete sich mit Goldschmieden an, half, ihre Handwerkskunst in Deutschland anzubieten. Bald verbrachte Trotha die Hälfte des Jahres in Afrika, in ihrem Haus in Agadez. Sie dürfte als die wohl kenntnisreichste Europäerin dieser unübersichtlichen Gegend gelten. Mit den Tuareg zog Trotha oft wochenlang durch Mali. Sie ritt ihr eigenes Kamel. Die Künstlerin, die nichts mehr liebte als ihre Freiheit, hatte Verbindungen in hohe religiöse und politische Kreise der Sahara-Region. Mit dem Film »Woodstock in Timbuktu« (2013) gab sie bis dahin unbekannte Einblicke in diese Region. Désirée von Trotha starb am 27. November in München an den Folgen eines Fahrradunfalls.

Foto: Susanne Jell
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Virgil Abloh, 41 (30. September 1980 – 28. November 2021): Mit einem Praktikum beginnen die meisten Karrieren in der Mode. Aber die wenigsten enden an der Spitze einer der wertvollsten Marken der Welt. Virgil Abloh schaffte es bis zu Louis Vuitton – in weniger als zehn Jahren, ohne formelle Ausbildung und als einer der ersten Schwarzen überhaupt. Eigentlich war Abloh Ingenieur und Architekt, in seiner Freizeit DJ. Bevor er 2018 zum Verantwortlichen für die Herrenmode von Louis Vuitton ernannt wurde, hatte er seine eigene Marke Off-White so genial vermarktet, dass die Firmen Schlange standen, um mit ihm zu arbeiten. Die Liste seiner Auftraggeber reichte von Nike bis zu Mercedes-Benz. Dabei hielt sich sein schöpferischer Anteil in Grenzen. Drei Prozent, mehr müsste man nicht an einem bestehenden Produkt verändern, so lautete eine seiner Designprinzipien. Dieter Rams’ Musikanlage für Braun beispielsweise ließ Abloh verchromen und eignete sich so einen deutschen Designklassiker an. Er brachte die Straße auf den Laufsteg und erhielt dafür unter anderem den British Fashion Award. Virgil Abloh starb am 28. November in Chicago an einem Herztumor.

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Foto: Benoit Tessier / REUTERS
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Frank Williams, 79 (16. April 1942 – 28. November 2021): Aus dem Kellergeschoss des Lebens hoch ins Penthouse und wieder abwärts ins, na ja, Parterre – womöglich wird die Karriere des 1999 von der Queen zum »Sir« geadelten Formel-1-Rennstallbesitzers einmal verfilmt werden. So besessen, erfolgsfixiert und gefühlskalt der Engländer war, würde es trotz 16 Weltmeistertiteln kein fröh­liches Werk. Aufgewachsen in Kinderheimen und ohne höheren Schulabschluss, schlug sich Frank Williams als Tankwart und Lkw-Fahrer durch, scheiterte als Rennfahrer, ehe er Piers Courage traf, den Sohn einer Bierbrauer-Dynastie. Gemeinsam gründeten sie 1966 eine Rennwagenfabrik, die drei Jahre später mit Courage am Steuer in der Formel 1 debütierte. Nach fast einem Jahrzehnt mit mehr Schulden als Lorbeeren stieg die Airline Saudia 1977 als Sponsor bei Williams’ Firma ein. Mit Alan Jones holte das Team drei Jahre darauf den ersten WM-­Titel. Seit einem Autounfall 1986 von den Schultern abwärts gelähmt, dirigierte der Brite seinen Rennstall vom Rollstuhl aus. Vor etwa 15 Jahren verlor das Team den Anschluss an die Spitze, gegen die Macht und die Millionen von Mercedes, Ferrari oder Red Bull war es chancenlos. Williams schoss Geld nach, verkaufte Schloss, Jacht, Privatjet und Hubschrauber – vergebens. Voriges Jahr übernahm eine Investment­gesellschaft seine Formel-1-­Fabrik in Grove. Frank Williams starb am 28. November.

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August von Finck junior, 91 (11. März 1930 – 28. November 2021): Er wäre lieber Landwirt geworden, doch er beugte sich seinem Vater und lernte Bankier. Nach dem Tod des Seniors übernahm August von Finck 1980 die Führung der Münchner Privatbank Merck Finck & Co und wurde zu einem der letzten großen Patriarchen Deutschlands. Zwar verkaufte der Multimilliardär später das Bankhaus und andere Teile des Familienimperiums, doch er blieb Investor und Strippenzieher auf Lebenszeit. Vom Vater hatte er auch die erzkonservative Gesinnung geerbt: »Rechts vom Gustl«, so brachte es einmal ein anderer Bankier auf den Punkt, »steht nur noch Dschingis Khan.« Finck ließ erst der CSU große Summen zukommen, später der FDP. Dass sich die Liberalen für eine Steuersenkung für Hotelübernachtungen eingesetzt hatten, kam dem Baron – damals Miteigentümer der Hotelkette Mövenpick – gelegen. Die »Mövenpick-Spende« ging in die Geschichte ein. Über seine Firmen beförderte Finck mithilfe von Spenden auch den Aufstieg der AfD. Er lebte seit 1999 zurückgezogen in der Schweiz auf Schloss Weinfelden. August von Finck starb am 28. November in London.

Foto: Frank Rollitz / Schneider-Press
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Helga Reidemeister, 81 (4. Februar 1940 – 29. November 2021): Sie kam spät zum Dokumentarfilm, vielleicht blieb sie ihm deshalb so lange treu. Noch 2015 veröffentlichte sie einen Film über Afghanistan, den Krieg und die Folgen. Da war sie bereits 75 Jahre alt. Geboren 1940 in Halle, hatte Helga Reidemeister zunächst Malerei studiert, bevor sie sich an der Deutschen Film- und Fernsehakademie in Berlin einschrieb. Mit knapp 40 Jahren schloss sie das Studium mit »Von wegen ›Schicksal‹« ab, einer dokumentarischen Emanzipationsgeschichte über eine Frau, die sich von ihrer Familie löst. Reidemeister gewann damit den Deutschen Filmpreis, eine von vielen Auszeichnungen, die ihr Werk fortan würdigen sollten. Ihre Filme schlüsselten stets das Private politisch und das Politische privat auf. So handelte »Aufrecht gehen, Rudi Dutschke – Spuren« (1988) von der Zeit, in der sie mit Rudi Dutschke in einer WG in Berlin wohnte. Damals konnte sie miterleben, wie sich Dutschkes Leben mit den politischen Entwicklungen in der BRD verschränkte. An der Filmakademie Baden-Württemberg war sie als Dozentin tätig, ab 1988 erhielt sie Lehraufträge im In- und Ausland. Helga Reidemeister starb am 29. November in Berlin.

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- / Filmakademie Baden-Württemberg

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Klaus Rainer Röhl, 92 (1. Dezember 1928 – 30. November 2021): Wer meint, das politische Leben sei heute besonders hart und irrational, der schaue auf diese Biografie. Der Sohn eines Schriftstellers und Enkel eines Verlegers, geboren bei Danzig und Kindersoldat der Nazis, begann seine Laufbahn als linker Kabarettist und erfand Mitte der Fünfzigerjahre das radikal antikapitalistische Journal »Konkret«, das er zunächst von der SED mitfinanzieren ließ. 1964 machte Klaus Rainer Röhl sich unabhängig; seine zweite Frau, Ulrike Meinhof, schrieb für die Zeitschrift, bis sie in den Untergrund ging und die »Rote Armee Fraktion« gründete. Röhl, bei aller politischen Rigorosität im Lebensstil großbürgerlich, zog die gemeinsamen Kinder auf und widmete seine kritische Publizistik dem Durchmarsch der 68er und ihren »Lebenslügen«; nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion wechselte er ins deutsch-identitäre Lager. Als »Verräter« galt der dreifache Vater den jeweils verlassenen Milieus, 2010 kamen Missbrauchsvorwürfe zweier Töchter hinzu. Klaus Rainer Röhl starb am 30. November.

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Oliver Berg / picture-alliance / dpa

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Igor Sarembo, 73 (1948 – 1. Dezember 2021): Kenner nannten ihn den »Maestro« der Kaliningrader und Königsberger Fotografie. Igor Sarembo, in Tallinn geboren, lebte seit 1961 in der früheren ostpreußischen Metropole, die 1945 der Sowjetunion zugeschlagen worden war und heute Kaliningrad heißt. Der begnadete Fotograf war zur Gorbatschow-Zeit Parlamentskorres­pondent in Moskau, nach dem Ende der UdSSR arbeitete er für westliche und russische Fotoagenturen. Er gewann zahlreiche Auszeichnungen und begleitete SPIEGEL-Kolleginnen und -Kollegen, wenn es die ins ehemalige Ostpreußen zog. Sarembos Bildarchiv ist ein einzigartiges Zeugnis vom wechselhaften Schicksal seiner zweiten Heimat. Er war ein stets positiv denkender Mensch, doch die Entwicklung im heutigen Russland sah er kritisch, zuletzt fast ohne Hoffnung. Igor Sarembo starb am 1. Dezember in München.

Foto: Privat
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Horst Eckel, 89 (8. Februar 1932 – 3. Dezember 2021): Mit seinem Tod hat der deutsche Fußball seinen letzten Helden von 1954 verloren: Horst Eckel war der letzte noch lebende Weltmeister der Mannschaft, die 1954 in Bern den ersten WM-Titel für Deutschland errungen hatte. Der im pfälzischen Vogelbach geborene Außenläufer spielte zwischen 1952 und 1958 insgesamt 32-mal für die DFB-Auswahl. Mit dem 1. FC Kaiserslautern wurde der Spieler mit dem Spitznamen »Windhund« zweimal deutscher Meister (1951 und 1953). An der Triumph von 1954 hatte Eckel noch einmal öffentlich zurückgedacht, als im November 2017 sein Nationalmannschaftskollege Hans Schäfer gestorben war: »Jetzt bin ich der letzte der Mannschaft, und ich vermisse meine Kameraden«, sagte Eckel damals: »Es ziehen die Bilder jedes Einzelnen vor meinen Augen vorbei und auch die Erinnerung an ausgelassene Zeiten, Lachen und Freude. Unsere Kameradschaft und der Fußball wird uns für alle Zeiten miteinander verbinden.« Einen Monat vor Schäfers Tod hatte Eckel seine eigene Stiftung unter dem Dach der Sepp-Herberger-Stiftung des DFB erhalten, deren Botschafter Eckel schon seit 1997 war. Seit April 2018 wird der Horst-Eckel-Preis verliehen an Vereine, die sich für in Not geratene Mitglieder engagieren. Horst Eckel starb 3. Dezember in Landstuhl.

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Foto: Uwe Anspach / picture alliance/dpa
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Mirco Nontschew, 52 (29. Oktober 1969 – 3. Dezember 2021): Ende der Achtzigerjahre war er als Breakdancer unterwegs; dass er auch mit seinem Gesicht Breakdance tanzen konnte, brachte dem Comedian den Ehrentitel »Meister der Mimik« ein. Mirco Nontschew wurde 1969 als Kind eines Musikers und einer Journalistin in Ost-Berlin geboren. Er machte eine Ausbildung zum Feinmechaniker, nahm Schlagzeug- und Gesangsunterricht, bewarb sich an der Hochschule der Künste im Fach Musical und Show – vergebens. Der Moderator Hugo Egon Balder holte ihn 1992 in die Sendung »RTL Samstag Nacht«, Nontschew stieg zu einem der bekanntesten Comedians der Neunzigerjahre auf und spielte in Filmen mit wie »7 Zwerge – Männer allein im Wald«. Er wurde unter anderem mit dem Bayerischen Fernsehpreis, dem Bambi und dem Deutschen Comedypreis ausgezeichnet. Nach ein paar ruhigeren Jahren stellte Nontschew sein Talent für verrückte Grimassen in der Amazon-Show »LOL: Last One Laughing« unter Beweis. Namhafte Comedians müssen sich dort gegenseitig zum Lachen bringen. Allerdings: Wer lacht, hat verloren. Eine Show, wie gemacht für den Mann mit der ultraschnellen Gesichtsmuskulatur, der dort ein Millionenpublikum begeisterte. Mirco Nontschew starb in seiner Wohnung in Berlin, wo er am 3. Dezember gefunden wurde.

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Foto: T. Schulze / picture-alliance / ZB
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Lina Wertmüller, 93 (14. August 1928 – 9. Dezember 2021): Zwei einzigartige Wiedererkennungsmerkmale hatte die Regisseurin und Autorin Lina Wertmüller: ihre weiße Brille und ihre schier endlosen Filmtitel – »Hingerissen von einem ungewöhnlichen Schicksal im azurblauen Meer im August« zum Beispiel. Die langen Titel passen zu ihrem langen Namen. Geboren wurde Wertmüller 1928 in Rom als Arcangela Felice Assunta Wertmüller von Elgg Spañol von Braueich. Zum Film kam die Tochter aus adligem Hause über eine Regieassistenz bei Federico Fellini. Kurz danach begann sie, ihre eigenen Stoffe zu schreiben und zu inszenieren. Mit ihren temporeichen Grotesken, die nah am Volkstheater und nah an der Zeitgeschichte waren, machte sie sich weit über Italien hinaus einen Namen. 1975 wurde Wertmüller für ihre Faschismus-Farce »Sieben Schönheiten« als erste Frau für den Regieoscar nominiert. Damals gewann sie nicht, erst 2019 erhielt sie den Ehrenoscar. Ob man ihn nicht umbenennen könnte in »Anna«, fragte sie bei der Gala. Lina Wertmüller starb am 9. Dezember in Rom.

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Gertraud Jesserer, 77 (13. Dezember 1943 – 9. Dezember 2021): Auf der Bühne und vor der Kamera strahlte sie in späten Jahren eine Strenge aus, die manchmal zum Fürchten war. Das hatte mit dem Stolz einer Schauspielerin zu tun, die fast ihr ganzes Berufsleben lang in Wien gearbeitet hatte, jener für ihre Schauspielerinnenverehrung so berühmten Stadt. Es lag aber wohl auch an den Verlusten, die Gertraud Jesserer in ihrem Privatleben erlitt. Ihr erster Ehemann und Kollege Peter Vogel starb 1978 durch Suizid, einer ihrer Söhne 1991 während einer Bombardierung als Kriegsreporter im Jugoslawienkrieg. Die in Wien aufgewachsene Künstlerin spielte schon als 14-Jährige in einem Kinofilm an der Seite von Romy Schneider, brach eine Ausbildung am Max-Reinhardt-Seminar ab und reüssierte dann strahlend schön in Kinokomödien wie dem Heinz-Rühmann-Film »Meine Tochter und ich« aus dem Jahr 1963. Zu den Erfolgen Jesserers langer Theaterkarriere gehörten Erwin Axers Inszenierung des Robert-Musil-Stücks »Die Schwärmer« im Wiener Burgtheater 1980 und Luc Bondys Regiearbeit »Figaro lässt sich scheiden« für das Theater in der Josefstadt 1998. »Sie ist ungeheuer sensibel, leicht elegisch und doch enorm kräftig«, hat Elisabeth Orth einmal über ihre Kollegin gesagt. Ihren kühlen Humor zeigte Jesserer auch gegenüber Jour­nalisten, die sie etwa nach ihren Jahren an der Seite des Künstlers André Heller befragten; als Grund für die Trennung von Heller nannte sie: »Er war wirklich etwas Außergewöhnliches, nicht fürs tägliche Leben.« Gertraud Jesserer starb am 9. Dezember bei einem Wohnungsbrand in Wien.

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Michael Nesmith, 78 (30. Dezember 1942 – 10. Dezember 2021): Er war an zwei Poprevolutionen beteiligt. Das erste Mal klang nach Spaß: 1965 suchte eine Produktionsfirma für eine Fernsehserie über eine Band »vier verrückte Jungs«, und Michael Nesmith, der eigentlich als Folksänger durch die Klubs von Los Angeles tingelte, meldete sich. So entstanden The Monkees, die erste Retortenband des Pop. Die Idee: Die Zuschauer der Serie sollten nicht nur die Entwicklung der Band erleben, sondern auch deren Platten kaufen können. Die Monkees wurden ein spektakulärer Erfolg, auch weil Songs wie »I’m a Believer« oder »Daydream Believer«, die sie zunächst von Top-Songwritern bekamen und die Sessionmusiker für sie einspielten, so großartig waren. Nesmith genügte es allerdings nicht, den Musiker nur zu spielen, er rebellierte. Und erreichte, dass die Monkees tatsächlich auch Eigenkompositionen spielten. 1970 stieg Nesmith bei den Monkees aus und nahm eine Reihe ambitionierter Countryrock-Alben auf – bis er »PopClips« entwickelte, einen Vorläufer des Musikfernsehens MTV, das die Achtzigerjahre prägen sollte. Michael Nesmith starb am 10. Dezember in Carmel Valley, Kalifornien.

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Manuel Santana, 83 (10. Mai 1938 – 11. Dezember 2021): Eine Sportart in einem Land im Alleingang populär zu machen, das schaffen nicht viele Athleten. Tennisspieler Manuel Santana gelang dies in den Sechzigerjahren in Spanien. Tennis war auch dort ein Sport der Reichen. Der aus kleinen Verhältnissen stammende Santana begeisterte bei den French Open 1961 mit anmutigem Tennis, besiegte im Halbfinale Rod Laver und gewann den Titel. Eine Sensation, die einen Boom auslöste. Mit seinem Spezialschlag, dem Rückhand-Topspin-Lob, veränderte »Manolo«, wie ihn alle nannten, das Spiel. 1964 gewann er erneut in Paris, ein Jahr später triumphierte er bei den US Open. Über den heiligen Rasen von Wimbledon soll er gesagt haben: »Gras ist was für Kühe.« Ernst nahm er das Turnier dennoch – und gewann 1966 in London. 1984 wurde Santana in die Tennis-Ruhmeshalle aufgenommen, als Trainer und Turnierveranstalter blieb er dem Sport bis ins Alter treu. Manuel Santana starb am 11. Dezember in Marbella.

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bell hooks, 69 (25. September 1952 – 15. Dezember 2021): Ihre Schwestern fühlten sich früher oft gestört, wenn sie bis tief in die Nacht las und schrieb. Gloria Jean Watkins, in einer kleinen Stadt in Kentucky geboren, hatte große Träume – und kam auch weit: Unter ihrem Autorinnennamen bell hooks, immer kleingeschrieben, veröffentlichte die Professorin für englische Literatur mehr als 30 Bücher, sie gilt als eine Begründerin des Schwarzen Feminismus. Diesen Ruf erwarb sie sich bereits mit ihrem Buch »Ain’t I A Woman. Black Women and Feminism« (1981). Weiblichkeit, so eine der Hauptthesen von bell hooks, müsse in Zusammenhang gesehen werden mit Klasse und Hautfarbe. Der Feminismus wurde lange dominiert von weißen Frauen aus der Mittelschicht, bell hooks plädierte dafür, Unterschiede und Ungleichheiten zu identifizieren, um so eine neue, gestärkte Bewegung zu ermög­lichen. Das Faszinierende an dieser Intellektuellen war auch die große Fülle ihrer Interessen: Feminismus, Rassismus, Kapi­talismus- und Kulturkritik, aber auch Liebe und Freundschaft waren Themen ihrer Schriften. Auf Deutsch erschien unter anderem »Alles über Liebe. Neue Sichtweisen«. Sie glaubte an die Kraft der Aufklärung. In ihren Seminaren versuchte sie, den Studierenden kritisches Denken als Akt der Befreiung nahe­zubringen. Besonders in ihren letzten Jahren betonte bell hooks, die sich als »buddhistische Christin« bezeichnete, dass Gemeinschaft das Ziel von feministischen und antirassis­tischen Bewegungen sein müsse. bell hooks starb am 15. Dezember in Berea, Kentucky.

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Rajvinder Singh, 65 (4. Januar 1956 – 16. Dezember 2021): Seit er die Gebärmutter seiner Mutter verlassen habe, sei er »heimat-los«, hat Rajvinder Singh mal geschrieben. Über jenen Zeitpunkt herrschte Verwirrung, denn sein Vater machte ihn bei den Behörden gut zwei Jahre älter, um ihn früher einschulen zu können. Des Vaters Hoffnung, sein Sohn werde mal Mediziner, erfüllte sich nicht – doch für Singhs Schriftstellerei sollte ihn seine Geburtsstadt Kapurthala 2003 als Ehrenbürger auszeichnen. Im Punjab sang er Analphabeten seine Gedichte auf der Straße vor. Nach mehreren Inhaftierungen wegen seines politischen Engagements verließ Singh Indien und kam 1981 in Berlin an. Schon bald dichtete er in seiner »Stiefmuttersprache« Deutsch. Singh veranstaltete mehrere Gesprächsreihen, besuchte Schulen, er war Stadtschreiber im brandenburgischen Rheinsberg und in Trier. Frank-Walter Steinmeier begleitete er auf einer Indienreise und brachte dem damaligen Außenminister das »Prinzip des Sehens mit sechs Augen« nahe, das Steinmeier danach in Reden und Schriften zitierte. Einem großen Publikum ist vor allem Singhs sanfte Stimme bekannt: Er synchronisierte für Film und Fernsehen indische Figuren, da­runter den von Kunal Nayyar gespielten Astrophysiker Raj in der Comedyserie »Big Bang Theory«. Vielleicht passe seine Stimme »zur poetischen Ader des Charakters, wenn er in die Sterne schaut«, sinnierte der Künstler in einem Interview. Rajvinder Singh starb am 16. Dezember in Berlin.

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Eve Babitz, 78 (13. Mai 1943 – 17. Dezember 2021): Sie liebte die Männer, das Leben, ihre Heimatstadt Los Angeles – und sie schrieb darüber enthusiastisch, klug und unterhaltsam. Eva Babitz wuchs mit dem Glitzer von Hollywood auf, der Vater Musiker, die Mutter Künstlerin, ihr Patenonkel hieß Igor Strawinski. Ihre endgültige Einführung in die Bo­heme hätte spektakulärer nicht sein können: 1963 ließ die 20-Jährige sich nackt beim Schachspiel mit Marcel Duchamp fotografieren. Das Bild gehört zu den berühmtesten seiner Ära. »Alles schien möglich für die Kunst in dieser Nacht«, erinnerte Babitz sich später. »Besonders nach all dem Rotwein.« Alkohol und Kokain ruinierten beinahe ihr Leben; als Vollbluthedonistin kannte sie kein Maß. Ihr erstes Buch, »Eve’s Hollywood« (1974), eine Sammlung autobiografischer Essays, enthält eine seitenlange Widmung, ihr Dank gilt unter anderem ihrem Kieferortho­pä­den, der Farbe Grün und Joan Didion. Babitz schrieb für den »Rolling Stone«, sie gestaltete Plattencover, und sie traf die Schönen und Reichen: Harrison Ford, Jim Morrison, Steve Martin; Frank Zappa brachte sie mit Salvador Dalí zusammen. Und weil ihr Leben so romantisch, melodramatisch, irre war, ging ihr der Stoff zum Schreiben nicht aus. Doch ihre Bücher verkauften sich nicht besonders gut. 1997 verbrannte Babitz fast: Beim Autofahren wollte sie eine Zigarre anzünden und setzte ihre Kleidung in Brand. Die Erfahrung verarbeitete sie im Essay »I Used to Be Charming«, der 2019 im gleichnamigen Sammelband erschien. Nach einem Artikel in »Vanity Fair« 2014 erlebte sie, dass ihre Schriften wiederaufgelegt wurden, eine neue Generation Frauen entdeckte sie, manche feierten sie als Genie. Babitz dazu: »Früher mochten mich nur Männer, heute sind es nur die Frauen.« Eve Babitz starb am 17. Dezember in Los Angeles.

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Richard Rogers, 88 (23. Juli 1933 – 18. Dezember 2021): Zu den Gegnern des britischen Architekten und seines futuristischen Stils gehörte Prinz Charles, der habe sogar Aufträge an ihn verhindert, glaubte Richard Rogers. Die Queen allerdings adelte ihn, er erhielt als Lord Rogers of Riverside einen Sitz im Oberhaus. Zur Welt gekommen war er 1933 in Florenz, sein Vater hatte jüdische Wurzeln und englische Ahnen. 1938 emigrierte die Familie aus dem faschistischen Italien nach Großbritannien. Später baute Rogers so, als gäbe es keine Geschichte, nur Zukunft. Bekanntestes Beispiel dafür ist das gemeinsam mit seinem Kollegen Renzo Piano geschaffene Centre Pompidou in Paris. Mitten ins historische Zentrum setzten sie einen gewaltigen gläsernen Quader mit stählernen Streben und wuchtigen Röhren. Eine »Raffinerie der Künste« nannte der SPIEGEL 1977 diese Science-Fiction-Architektur. Zum Glück seien er und Piano damals noch naiv gewesen und hätten sich nicht allzu viele Gedanken gemacht, sagte Rogers später. Ebenfalls wie eine Fabrikanlage wirkt sein Hochhaus für Lloyd’s of London. Seine Gebäude stehen überall, in Berlin etwa am Potsdamer Platz, in New York auf dem Gelände der früheren Twin Towers. Wieder tauchen Streben an der Fassade auf, nun wirken sie fast zurückhaltend. Richard Rogers starb am 18. Dezember in London.

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Joan Didion, 87 (5. Dezember 1934 – 23. Dezember 2021): Ohne sie wären mehrere Generationen amerikanischer und auch einiger deutscher Autoren kaum denkbar gewesen. Vor allem ihre beiden Essaysammlungen »Slouching Towards Bethlehem« von 1968 und »The White Album« von 1979 lieferten die Vorlage für eine modernisierte Version des seit den frühen Sechzigerjahren in den USA kursierenden New Journalism. Didion erweiterte die ohnehin subjektiv geprägte Textform um eine psychologische und emotionale Ebene, mit einem röntgenhaften Blick fürs Detail, vor allem für das kompromittierende. Sie war in fünfter Generation Kalifornierin, wie sie stets betonte, und darin lag auch ihre weltanschauliche Erdung. Das goldene amerikanische Versprechen – kein Ort stand dafür so wie Kalifornien. Es hieß, dort könnten Träume wahr werden, und viele wurden es in Hollywood ja auch. Für einige der Filme schrieb Didion zusammen mit ihrem Mann John Gregory Dunne die Drehbücher. Andererseits verwies Didion immer wieder auf die Risse, die das Bild durchzogen, sah das Chaos und den Verfall, war skeptisch gegenüber Hippies oder der Frauenbewegung. So schien sie den Konservativen manchmal näher als den Beatniks, und bis zu ihrem Tod reklamierten die entgegengesetzten ideologischen Lager Didion als eine der ihren. Später rückten in Büchern wie »Das Jahr des magischen Denkens« Verlust und Älterwerden ins Zentrum ihrer teils schmerzvollen Betrachtungen. Joan Didion starb am 23. Dezember in New York.

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Inge Jens, 94 (11. Februar 1927 – 23. Dezember 2021): Sie wurde berühmt als Arbeits- und Lebensgefährtin eines lauten, wirkmächtigen deutschen Intellektuellen, was angesichts ihrer eigenen schöpferischen Kraft sicher ungerecht war und im Blick auf ihre Biografie auch tragisch wirken konnte. »Frau Thomas Mann. Das Leben der Ka­tha­rina Prings­heim«, hieß eines der Bücher, das Inge Jens gemeinsam mit ihrem Mann Walter Jens (1923 bis 2013) veröffentlicht hat. Es war das aus Briefen und Tagebucheinträgen komponierte Porträt einer selbstbewussten und oft humorvoll auftretenden Frau an der Seite eines begabten Mannes mit Stargebaren – und damit eine Spiegelung ihrer eigenen Existenz. Inge Jens wuchs unter ihrem Mädchennamen Inge Putt­far­cken in wohlhabenden Verhältnissen in Hamburg auf. Ihr Vater arbeitete in einer Nachrichtenabteilung der SS, sie selbst war im nationalsozialistischen »Bund Deutscher Mädel« engagiert. In Tü­bin­gen, wo sie 1949 Li­te­ra­tur­wis­sen­schaft zu studieren begann, lernte sie Wal­ter Jens ken­nen, 1951 hei­ra­teten die beiden. Während ihr Mann als Autor, Kritiker, Redner und Rhetorikprofessor zu einer der prägenden Gestalten des westdeutschen Nachkriegs-Kulturlebens wurde, arbeitete Inge Jens weniger spektakulär als Herausgeberin. Sie editierte und kommentierte wichtige Briefwechsel wie den zwischen Thomas Mann und dem Kölner Germanisten Ernst Bertram sowie die Tagebücher Thomas Manns. Klug, bodenständig und entschlossen trat sie als Kämpferin der Achtzigerjahre-Friedensbewegung auf. Als 1991 der Golfkrieg zwischen den USA und dem Irak begann, ver­steckte das Ehe­paar Jens zwei de­ser­tierte US-Sol­da­ten in sei­nem Haus in Tübingen. Nachdem ihr Mann zu Beginn der Nullerjahre spät seine eigene Mitgliedschaft in der NSDAP eingestanden hatte und an Demenz erkrankt war, stand Inge Jens ihm bei – und schilderte unter anderem in dem Buch »Unvollständigen Erinnerungen« (2009) die Entfremdung von ihrem Gefährten, den »die Krankheit zu einem anderen Menschen gemacht« habe. Inge Jens starb am 23. Dezember in Tübingen.

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Desmond Tutu, 90 (7. Oktober 1931 – 26. Dezember 2021): Apartheid sei Sünde, verkündigte Desmond Tutu von der Kanzel. Der streitbare Kirchenführer war neben Nelson Mandela der wirkmächtigste Ak­tivist im Kampf gegen die Rassentrennung in Südafrika. Er klagte die Verbrechen des weißen Unrechtsregimes an, rief zu Sanktionen auf, stand den Opfern staatlicher Gewaltexzesse bei. Seine Anhänger verehrten ihn als »Gewissen der Nation«. Seine Widersacher nannten ihn abschätzig »heiliger Terror«. Aber die Regierung konnte ihn nicht zum Schweigen bringen wie so viele Freiheitskämpfer, denn spätestens nach der Verleihung des Friedensnobelpreises 1984 war Tutu weltberühmt und unantastbar geworden. Der Befreiungstheologe führte ein Leben im Widerstand, als einfacher Priester, als Generalsekretär des nationalen Kirchenrats, als anglikanischer Erzbischof von Kapstadt. Er war Seelsorger, Hirte, Mahner, ein radikaler Christ, der die Vision von der »Regenbogennation« entwarf, einer friedlichen, multiethnischen Gesellschaft. Tutu wurde wie der Dalai Lama zu einer weltweiten Projektionsfigur humanistischer Werte. Auch nach dem Ende der Apartheid blieb er ein unbequemer Kleriker, der die Korruption und den moralischen Verfall der neuen schwarzen Machtelite anprangerte. Aber Tutu hatte bei allem alt­testamentarischen Zorn einen mitreißenden Humor. Er erzählte gern den Witz, wie er nach seinem Tod irrtümlicherweise in der Hölle landet und dort so viel Ärger macht, dass der Teufel entnervt an der Himmelspforte Asyl beantragt. Desmond Mpilo Tutu starb am 26. Dezember in Kapstadt.

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Sarah Weddington, 76 (5. Februar 1945 – 26. Dezember 2021): Einer damals noch sehr jungen Rechtsanwältin aus Texas verdanken die Amerikaner einen der wichtigsten und seit Jahrzehnten umstrittensten Rechtssprüche der US-Geschichte. 1973 entschied der Supreme Court, das höchste Verfassungsgericht, in dem Verfahren Roe v. Wade (gesprochen »Ro-wi-wäit«), dass das Abtreibungsverbot des Staates Texas verfassungswidrig sei. Es war Weddingtons erstes Gerichtsverfahren, sie war gerade erst 26 Jahre alt und kam frisch von der University of Texas. Zusammen mit ihrer Co-Anwältin vertrat sie Norma McCorvey, die ein Kind abtreiben wollte und als anonyme Klägerin unter dem Alias Jane Roe den texanischen Justizminister Henry Wade wegen des Abtreibungsverbots verklagte. Nach einem zweijährigen Verfahren entschied das Gericht in einer 7:2-Abstimmung für Jane Roe. Die Entscheidung wurde damals von einer großen Mehrheit der Amerikaner begrüßt und schuf die Grundlage für die Möglichkeit einer legalen Abtreibung in den USA. Das Erstarken der fundamental-christlichen Rechten in Amerika rückte das Thema in den Mittelpunkt jahrzehntelanger erbitterter Streits, und zum ersten Mal seit fast 50 Jahren könnte heute mit der durch Ex-Präsident Trump herbeigeführten neuen konservativen Mehrheit im Supreme Court Weddingtons Verdienst rückgängig gemacht werden. Sarah Weddington starb am 26. Dezember in Austin, Texas.

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