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Hans Mayer über Siegfried Lenz: "Das Vorbild" Nachsitzen nach der Deutschstunde

Professor Hans Mayer, 66, ist emeritierter Ordinarius für Neuere und Neueste Deutsche Literatur an der TU Hannover.
aus DER SPIEGEL 34/1973

Das alte Spiel soll, dem Vernehmen nach, immer noch von Pädagogen organisiert werden. Man möchte Geist und Gemüt der Schüler dadurch anregen, daß Identifikationen mit anderen zubereitet und nahegelegt werden: mit sogenannten großen Männern, wobei die einen mehr in Richtung Kennedy tendieren, die andern Gandhi oder Albert Schweitzer anzubieten haben; auch Kunstfiguren der Weltliteratur müssen herhalten.

Mit solchem Treiben befaßt sich der neue Roman von Siegfried Lenz. Der Titel meint, mit allen ironischen Zweifeln und gesellschaftlichen Implikationen, das »Vorbild« im Schulunterricht: beim Lehren dessen, was früher »Geschichte« hieß, beim politischen Gespräch in der Klasse, vor allem natürlich in der nach Überlieferung allgewaltigen »Deutschstunde«.

Daß Lenz bewußt seine Fäden spinnt zwischen dem letzten und diesem neuen Erzählwerk, ist offenbar. Drei Pädagogen (eine Frau und zwei Männer) sollen »im Auftrag eines Arbeitskreises der Kultusministerkonferenz an einem repräsentativen Lesebuch für Deutschland arbeiten«. Man bestellte sie als Experten für das nördliche Deutschland; drei süddeutsche Kollegen sind gleichfalls an der Arbeit. Bisher lief alles gut ab. Über die aufzunehmenden Texte der ersten beiden Kapitel mit den Überschriften »Arbeit und Feste« sowie »Heimat und Fremde« konnte man sich, bald leichter, bald mit einiger Gereiztheit, immerhin einigen.

Jetzt muß das dritte Kapitel bewältigt werden: »Lebensbilder-Vorbilder«. Das soll in Hamburg, im November, mit dem adäquaten Wetter dazu, vonstatten gehen. Rektor Valentin Pundt kommt am Hauptbahnhof an; die Kollegin Dr. Rita Süßfeldt, Lektorin und Spezialistin für pädagogische Literatur, sollte ihn abholen, was aber nicht klappt. Die Exposition benutzt die kleinen Mißverständnisse vor der ersten Arbeitssitzung in einer trostlosen Pension Klöver, Inhaberin Ida Klöver, um die drei Pädagogen gleichsam privat und öffentlich vorzustellen. Der Kontrast zwischen pädagogischem Auftrag und individuellem Lebenslauf, darauf scheint es Lenz angelegt zu haben, ist unverkennbar. Alle drei sind, was ihre Schüler, die Adressaten folglich des geplanten Lesebuches, im neumodischen Jargon als »kaputte Typen« bezeichnen würden.

Ein erstes Bedenken -- nicht gegen die Kunstfiguren, sondern gegen die Arbeitsweise ihres Romanciers -- entsteht beim Leser ziemlich rasch. Lenz vermag nämlich nicht darzustellen, scheint das für sekundär zu halten, warum gerade diese drei den Auftrag erhielten. Nichts scheint sie, nach Erfahrungshintergrund und bisheriger Leistung, dafür zu prädestinieren. Ihre Debatten, um es höflich zu sagen, stehen nicht auf der Höhe der erziehungswissenschaftlichen, soziologischen, auch literaturtheoretischen Sachdiskussion.

Das mache nichts aus bei einem Roman? Das macht, gerade für ihn, alles aus. Drei Pädagogen aus einem ideologischen und gesellschaftlichen Ungefähr sorgen dafür, daß »ihr« Roman gleichfalls im Ungefähr landet. Die Unschärfe der wissenschaftlichen Positionen dieser drei Erzieher rächt sich am Erzähler als Unschärfe der epischen Konturen.

Das ist sehr übersichtlich komponiert, bleibt aber seltsam abstrakt: nicht bloß in der Grundfrage, ob das -- amtlich verordnete -- Suchen nach Vorbildern aus Literatur und Geschichte überhaupt sinnvoll sei oder als Überbleibsel einer bürgerlichen Säkularisation betrachtet werden müsse, wo Klassiker und andere Riesen bei der Überich-Bildung herhalten müssen. »Und der »kategorische Imperativ unseres Philosophen Kant' war das Banner, das Direktor Wulicke in jeder Festrede bedrohlich entfaltete«, heißt es in den »Buddenbrooks«.

Sonderbar genug hat sich Lenz seine drei Zentralfiguren angelegt. Man könnte darauf kommen, daß ihn drei novellistische Lebensläufe nicht ohne einigen Grund anzogen. Voran der konservative, bereits pensionierte Rektor aus Lüneburg, dessen Sohn, kurz vor seiner Reise nach Hamburg, in diesem selben Hamburg aus dem Leben schied. Er hatte ein gutes Staatsexamen abgelegt. In Geschichte und Pädagogik.

Janpeter Heller soll offensichtlich die fortschrittliche Erziehungsposition einnehmen. Der Mann kennt sieh zwischen Beat und Rock aus, hält nichts von Vorbildern (offensichtlich jedoch immer noch etwas von amtlich verordneten Lesebüchern!), die Schüler in Diepholz mögen ihn vermutlich, während man sich das Grauen in der Lüneburger Schulklasse des Herrn Pundt vorstellen mag: nicht bloß vom Selbstmord des Sohnes her.

Übrigens: Lüneburg und Diepholz in Ehren; warum wird die spezifische Erfahrung des Erziehers in der modernen Großstadt vom Erzähler ignoriert? Frau Dr. Süßfeldt lebt zwar in Hamburg, scheint aber zu lektorieren, nicht zu unterrichten.

Um so seltsamer, als Lenz seine Pädagogen, wenn sie gerade nicht Vorbilder abwägen, immer wieder mit Jugendproblemen der großen Stadt konfrontiert: Protestsänger in der Ernst-Merck-Halle; Sit-in am Dammtor gegen Fahrpreiserhöhungen; eine Studentenkneipe; Rocker schlagen den Lüneburger zusammen, als er (vorbildhaft?) eingreift, um Gewalttat gegen andere Passanten zu verhindern.

Man setzt den Wehrlosen in einem Kahn auf der Alster aus; er wird gerettet. Worauf er freilich aus der pädagogischen Tafelrunde ausscheidet: »Ärzte und Pädagogen sollen sich nur einmal irren dürfen, und auch das kann schon zuviel sein. Meine Irrtümer jedenfalls haben das zulässige Maß erreicht

Dieser alte Mann, obwohl gleichfalls einigermaßen schematisch gezeichnet. hat noch am meisten Kontur. Heller wirkt, was immer Lenz geplant haben mochte, wie einer jener etwas peinlichen, nicht mehr durchaus jugendlichen Lehrer, die das bekannte Herz für die Jugend haben und sich, in jedem Wortsinne, als Mitläufer gerieren.

»In all meiner Praxis ist mir noch niemand so erbarmungswürdig vorgekommen wie ein betagter Revolutionär«, sagt einer zu Heller auf dem Polizeirevier nach der Schülerdemonstration. Man möchte fast zustimmen; freilich mit der Modifikation wie ein betagter Revolutionär, der keiner ist.« Was auf Heller zutrifft. Seine Ehe ging an seiner Pädagogik ebenso kaputt wie das Leben des jungen Pundt aus Lüneburg an der Erziehungswissenschaft des Vaters.

Dr. Rita Süßfeldt ist noch weniger genau konturiert. Ihr Leben mit Schwester und Vetter, seltsam erzählt wie eine ins Deutsche transponierte Geschichte von Lorca, bleibt novellistische Episode, ohne stärkere Verbindung mit der Romanstruktur. Diese dritte Pädagogin ist funktionslos: erotisch, intellektuell, fachwissenschaftlich.

So wunderlich es klingen mag: Dies neue Buch von Siegfried Lenz habe ich gern gelesen, muß es trotzdem aber für literarisch mißlungen halten. Es leidet an zwei schweren Kunstfehlern. Einmal an dem Vorurteil: bei intellektuellen Debatten zwischen Romanfiguren komme es auf geistige Präzision durchaus nicht an. Doch. Es sei denn -- was Lenz nicht beabsichtigt haben mochte -,der Autor wolle, wie es Dostojewski gern tut, das Schwafeln seiner Figuren demonstrieren.

Als Thomas Mann über den modernen Musiker Adrian Leverkühn einen Roman zu schreiben beschloß, suchte er bei Adorno zusätzliche Hilfe. Uwe Johnson wußte alles über Eisenbahnen, ehe er die »Mutmaßungen« verfaßte. Siegfried Lenz sei natürlich dafür bedankt, daß er einen mit dem Kauderwelsch der Curriculum-Forscher verschonte. Aber von den realen, nicht novellistischen Widersprüchen moderner Erziehung, Schule, Lerntheorie vermag sein Roman nichts mitzuteilen. Das rächt sich am Roman: dessen Diskussionsstand ist anachronistisch.

Das zweite künstlerische Mißverständnis betrifft die von den Pädagogen geprüften und verworfenen Texte für das Lesebuch. Da der moderne Roman die essayistischen Mischformen nicht verschmäht, eher hätschelt, nicht selten also bereits vorhandene Literatur oder Wissenschaft »einbaut«, wäre bei dieser Suche nach »Vorbildern« eine auf regende, scharfe literaturkritische Debatte über anzubietende Texte, von Goes bis Graß und von Jünger bis Lettau, durchaus zu verantworten gewesen.

Lenz wich dem auf eine seltsam anachronistische Art aus. Er läßt alle drei Mitglieder der Dreierkommission der Reihe nach und unentwegt Texte vorlesen, empfehlen oder verwerfen, die in Wirklichkeit von Lenz sind. Verfaßt im Eigenbau für ein Lesebuch, und um insgeheim dadurch gegen das Phänomen einer »Lesebuchgeschichte« zu protestieren. So wird die Diskussion scheinhaft. Man erörtert stets Texte von Siegfried Lenz.

Auch die Lebensgeschichte einer Lucy Beerbaum, auf welche sich Heller und Rita nach Pundts Ausscheiden als ein -- denkbares -- Vorbild einigen, wurde von Lenz erfunden: was die Unschärfe vermehrt. Diese imaginäre Biographie zwischen dem Griechenland der Obristen und dem heutigen Hamburg bleibt eine erfundene Geschichte. Zur Aura eines Menschen gehört seine Existenz; Kunstfiguren haben keine Aura. die ins Leben hineinwirken könnte. Das eben war der Grundirrtum jener anachronistischen Pädagogen, die dem Schüler eine Anbiederung an Carlos oder Posa empfahlen.

immer wieder fällt einem das Wort Anachronismus ein. Anachronistisch heißt weder konventionell noch altmodisch. Daß Lenz kein Mitläufer sein will wie sein Janpeter Heller, ist gut und richtig. Umgekehrt sind sogar einige modische Faxen, die dem Leser die Illusion nehmen sollen, eher zu entbehren. Wenn es etwa heißt: »Hier ist die Hochbahnstation Landungsbrücken. Wie soll man sie nachmachen?«

Das Überalterte des Buches kommt daher, daß der Autor die heutige Debatte über Funktion und Substanz des modernen Erzählens ebensowenig genau reflektiert hat wie seine pädagogische Troika die Konflikte der modernen Erziehungswissenschaft.

Lenz ist ein guter Geschichtenerzähler, kein Romancier, das lasse ich mir weder durch das »Stadtgespräch« noch die »Deutschstunde« ausreden. Fülle der ausgezeichnet erzählten Geschichten auch im Innern dieses mißlungenen« Romans. Aber das »Vorbild« ist ein restauratives Buch in dem Sinne, daß es scheinhafte Konflikte in einer hinfällig gewordenen Erzählform präsentiert.

Hans Mayer
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