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KOSMETIK Nackt bleiben

Das Make-up wird immer komplizierter und wechselt immer schneller. »Visagisten«, ein neuer Star-Beruf, helfen Modebewußten beim Bemalen.
aus DER SPIEGEL 43/1977

KOSMETIK

Der ganze Sinn des Schminkens ist es

jetzt«, so deutet die amerikanische Modefibel »W« einen neuen Trend, »auszusehen wie völlig ungeschminkt.«

Den teuren Umweg zur künstlichen Natur ebnen dem Verbraucher jetzt auch auf unserem Kontinent Helfer, die bisher hauptsächlich in Amerika und England wirkten -- Visagisten oder Face-makers genannt: Sie verpassen modisches Make-up nach Maß.

Amerikanerinnen suchen die Schminkkunstler bereits so ungeniert auf wie den Friseur. »Denn was nützt es einer modebewußten Frau«, erläutert die Top-Visagistin Sandra in New York, »wenn sie ihre Garderobe auf dem letzten Stand hat, aber mit ihrer Gesichtsbekleidung nachhinkt?«

In Paris hahen sich Visagisten gerade etabliert. Heidi Moravetz. die Photomodelle für die teuersten Photographen schminkt, bemerkt einen schnellen Zuwachs von Kollegen. »Die schießen plötzlich«, wundert sich die Wienerin, »wie Schwammerln aus der Erde.«

In Caritas Schönheitssalon in der Rue du Faubourg Saint-Honoré sind fünf Schminkkünstler täglich voll ausgebucht ein Make-up dauert 30 Minuten und kostet 50 Mark. Die internationalen Kosmetikfirmen, die 25 Prozent ihres Umsatzes aus Farbtöpfen beziehen, hetzen ihre Top-Schminker auf Werbetouren durch Kaufhäuser und Parfümerien mindestens zweimal im Jahr, wenn die neuen Modefarben herauskommen.

In Deutschland reist etwa für Diors hiesige Dépendance rund ums Jahr eine zehnköpfige Schminkbrigade durch die führenden Parfümerien und Schönheitsfarmen und lehrt Modebewußte die neuen Bemalungsmuster. »Die beißen zwar bei uns schlicht Reise-Assistentinnen«, sagt Dior-Sprecherin Ursula di Pompeo, »aber die sind nichts anderes als Visagistinnen.«

Führende Parfümerien, wie Douglas in Hamburg oder Albers in München, haben derlei Veranstaltungen fast jeden Monat: kaum ist Ritz raus, kommt Rubinstein, auf Lancaster folgt Lauder.

Da tupfen sie dann ihre rosigen Schwämmchen mit den farbigen Cremes kostenlos auf glatte und faltige Haut und malen Lider, Wangen und Lippen mit den vertrackten neuen Geisterfarben Schiefer, Zimt und Heidelbeere an.

Denn so häufig wie die Kleider wechseln nun auch die Make-ups. Schon einer mittelschicken Frau ist da Anleitung willkommen. Noch vor kurzem hatte sie mit einem neuen Lippenrot zwei Jahre lang ausgesorgt. Jetzt braucht sie zwei neue Lippenstifte pro Saison. Spätestens ab Oktober darf sie ihr frohes Sommerrot nicht mehr benutzen, und mit dem ersten Frühlingsstrahl muß sie die Granatfarben vom Winter einmotten wie den Pelz.

Außerdem ist es mit einem Make-up pro Tag nicht mehr getan. Es müssen mindestens drei verschiedene sein. In voller Kriegsbemalung ins Büro zu starten, ist verpönt. Am Morgen darf es nur ein Abglanz von Wimperntusche und Lippenstift sein. Der Nachschub an Schatten und Wangenrot soll ständig in einem Säckchen mitgeführt und im Abstand von mehreren Stunden aufgepinselt werden, je nach Licht und Laune.

Einem Dutzend der Schminkkünstler, fast ausschließlich Männern, wird schon Star-Status zugebilligt. Sie haben fast alle einmal ziellos Kunstschulen besucht und daher einen starken Drang zu Farbpinseln. Aber ihre bürgerliche Kundschaft erlaubt ihnen nur diskrete Tupfer.,, Nur der Jet-set traut sich was«, klagt der Schminkstar Thibault (Carita).

Selbst wenn die Schminker selber den neuesten Mode-Look entworfen haben, den die Kosmetikindustrie an starren Girls auf Anzeigen weltweit propagiert, pinseln sie nur wenig davon Frau Müller auf die Wangen, nur eine Andeutung des jeweils aktuellen Trends.

Der wechselt gerade.,, Out« sind sonnenbraune Haut, Türkisgrün und kohleschwarze Ränder um die Augen. »In« sind helle Haut, rosige Bäckchen und überall sanfte Schatten. Und voll im Kommen ist der volle, sanftrote Mund.

Schminkkünstler Jacques Clemente (Arden) rät schon manchmal zum Verzicht auf seine Farbtöpfe. »Von Zeit zu Zeit«, doziert er, »muß das Gesicht nackt bleiben.« Schiefes im Gesicht wollen Make-up-Künstler kaum noch vertuschen. Nur noch selten wischen sie dunklen Puder zwischen die Nasenflügel oder unter die Spitze, um eine Nase schmaler oder kürzer zu mogeln. »Warum soll man aus jedem runden Gesicht«, verwahrt sich Schminkstar Linda (Rubinstein), »mit Hilfe von Schatten eine Spitzmaus machen?«

Im Straßenbild dominieren derzeit die mit breiten Fladen von braunem Puder erzeugten Hohlwangen, von ahnungslosen Betrachtern häufig als Tb-Symptome oder Brandmale mißdeutet.

Den Gipfel ihres Ruhms erreichen die neuen Schminkkünstler, wenn sie für berühmte Modephotographen wie Helmut Newton, Guy Bourdin, Sarah Moon und David Bailey die Mädchen schminken dürfen. Dann steht ihr Name in winziger Schrift neben den Glanzpapier-Photos. Und sie sind eingeschlossen in den mysteriösen Ringverkehr von Stylisten, Covergirls, Top-Photographen und Friseuren, aus deren Dunstkreis die Mode wächst. »Ein Courrèges-Kostüm mußte man ganz anders schminken«, weiß Clemente noch, »als heute die venezianischen Spitzen von Karl Lagerfeld.«

Mehr fürs Praktische sind die weiblichen Visagisten. Sie erteilen zusätzlich Mini-Lektionen für den Hausgebrauch und geben noch Rezepte zur Farbwahl mit. »Das erspart teure Fehleinkäufe«, weiß Sandra in New York. Denn viele eilig eingekaufte Lippenstifte und Lidschatten wandern vor dem häuslichen Badezimmerspiegel gleich in den Müll. »Ein gutes Make-up aber«, erläutert die Londoner Starschminkerin Barbara Daly (Kundin: Prinzessin Anne), »ist wichtiger als zwanzig Kleider.«

Wahrhaft unangenehm ist allen Visagisten der Gedanke, daß eine Frau den Behandlungsstuhl verläßt und auf der Straße mit dem neuen Make-up angestarrt wird. Der kalifornische Schminkstar Betty Meyers will die Spuren der Arbeit viel schicker gedeutet haben. »Die Freunde sollen sie fragen«, schwärmt Betty' »du hast wohl einen neuen Kerl?«

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