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Stars Nackt überm Hund

Mit einer Multimedia-Attacke versucht Madonna, ihre alten Erfolge zu übertreffen.
aus DER SPIEGEL 42/1992

Auf der Straße stand ein sehr blondes Mädchen in Lederdessous unter den Lichtern der Fernsehkameras. Sie griff sich zwischen die Beine, drehte Pirouetten und warf Küsse in die Menge der Fans. Die Bewegungen stimmten, nur das Mädchen war falsch - ein Double, das für Madonna die Drecksarbeit erledigte.

Der Star selbst kam per Schiff und huschte unauffällig in den Hamburger Alsterpavillon. Eine Baskenkappe auf dem kurzen Haar, den Körper in eine dicke Lederjacke gehüllt, Motorrad-Stiefel an den Füßen, erschien Madonna wie die Popversion einer Politkommissarin auf ihrer Party, deren Motto hieß: »Kommt so sexy angezogen wie nur möglich.«

Als sie um halb zwölf verschwand, hatte sie alle genarrt: die Fans auf der Straße, die einen obszönen Auftritt erwarteten; die Gäste, die eine glamouröse Party feiern wollten; die eigene Plattenfirma, die über 100 000 Mark verpulvert hatte; und Stars vom Schlage Marius Müller-Westernhagens, den Madonna kurz und kalt anlächelte und fortan nicht mehr beachtete.

Schon Wochen vor dem PR-Auftritt war die Kampagne zur Vermarktung ihrer neuesten Werke in den Illustrierten und der Boulevardpresse angelaufen. Die Zeitgeist-Zeitschrift Tempo jagte dem Stern die Exklusivrechte an jenen Fotos ab, die Madonna nackt zeigen. Zur Entschädigung bekam Deutschlands größte Illustrierte ein ebenso exklusives Interview, in dem sich herausstellte, daß Madonna viel zu zeigen, doch nur wenig zu sagen hat: »Ich glaube, jeder Mensch ist ein Masochist und Sadist. Menschen mißbrauchen sich gegenseitig und lassen sich mißbrauchen.«

Bild, die weder Exklusivfotos noch ein Exklusivinterview bekam, bemühte einen Zeichner, der ein Nacktbild nachmalen mußte, und raunte von der »schönsten Sauerei des Jahres«.

Die Attacke von »Pornodonna« (Prinz) findet im Buch, auf Platte und im Kino statt: Am 16. Oktober erscheint »Erotica« - ihre erste LP seit zweieinhalb Jahren. Eine Woche später kommt »Sex« heraus, ein Bildband, in welchem der Fotograf Steven Meisel ihre erotischen Träume inszeniert hat. Und Anfang nächsten Jahres startet in Amerika der Film »Body of Evidence«, in dem Madonna eine Wahnsinnige spielt, die ihren Mann mit Sex umbringt.

Madonna zielt auf den Unterleib des Publikums, doch es bleibt zweifelhaft, ob sie noch einmal die alten Erfolge wiederholen kann. Schon mit ihrer LP »Like a Prayer« konnte sich Madonna in Amerika nicht mehr unter den bestverkauften LPs des Jahres 1989 plazieren. Während ihrer letzten Welttournee mußten mangels Nachfrage Konzerte abgesagt werden, und ihr Film »Im Bett mit Madonna« flog selbst in Deutschland, einer der letzten Madonna-Bastionen, innerhalb kürzester Zeit aus den Kinos.

Die Ära Madonna neigt sich ihrem Ende zu - und ihre jüngsten Werke wirken wie ein verzweifelter Aufstand gegen das eigene Altern und die Vergänglichkeit des Ruhms. »Erotica« verbindet noch einmal, eher lustlos, laszive Disco-Rhythmen mit soft-pornographischen Texten: »Ich glaube nicht, daß du weißt, was Schmerz ist. Ich schenke dir so viel Lust. Ich weiß, du willst mich.«

In »Sex« zeigt sich Madonna beim Liebesspiel mit Frauen, als Sklavin eines Mannes und nackt über einem Hund kniend - Szenen vom Raffinement einer Reeperbahn-Inszenierung. Dazu schreibt sie Prosa, ganz ohne stilistische Hemmungen: »Lieber Johnny, seit du weg bist, ist alles anders als vorher. Ich denke kaum noch je an meine Pussi. Es geht mir da wie mit Schokolade.«

»Sex« und »Erotica« sind nur noch die fade Fortsetzung jener Popkunst, mit der Madonna in den achtziger Jahren so aufregend zu spielen verstand. Damals plünderte sie die Zeichen der Genres und Epochen, ließ das »Boy Toy« mit dem »Material Girl«, Marilyn Monroe mit Marlene Dietrich, Naivität mit Macht verschmelzen. Heute, da die Postmoderne genauso alt aussieht wie Miss Ciccones neueste Werke, zitiert sie nur noch sich selbst - als Postmadonna.

Die geschäftstüchtige Provokateurin scheint müde zu sein. Ihre Karriere, eine Abfolge von immer härteren Tabu-Brüchen, droht jetzt, mit den sorgfältig inszenierten bisexuellen S-M-Fantasien, ins Abseits zu geraten, in die Nichtöffentlichkeit, wo Pop aufhört und irgendwann Porno anfängt: Aus Madonna Ciccone würde Ciccolina.

Sie wird diesen Weg nicht gehen müssen. Als Präsidentin der Multi-Media-Firma »Maverick«, mit allen Rechten und einer Vorauszahlung von 60 Millionen Dollar ausgestattet, kümmert sie sich seit gut einem halben Jahr um die Talente anderer und nimmt Hip-Hop-Künstler und Underground-Bands unter Vertrag.

Und wie die Hamburger Party beweist, gelingt es ihr immer noch, sich ohne Rücksicht auf Gäste, Medien und die eigene Plattenfirma als ein Gesamtkunststück zu inszenieren, das im Zweifelsfall kein Werk mehr braucht.

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