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PROZESSE Nackte unter Öldusche

aus DER SPIEGEL 22/2008

Er hat gezeigt, was niemand sehen sollte. Weil Andrej Jerofejew, 51, Kurator für zeitgenössische Kunst der Tretjakow-Galerie, im Moskauer Sacharow-Zentrum Werke präsentierte, die der Selbstzensur russischer Museen zum Opfer gefallen waren, beschuldigt ihn die Staatsanwaltschaft nun, »religiösen und nationalen Zwist« zu schüren. Orthodoxe Christen und Ultrarechte hatten Anzeige erstattet. Die Ausstellung »Verbotene Kunst« zeigte eine Nackte unter der Öldusche und eine Jesusfigur neben einer McDonald's-Reklame. Bald liefen Ermittlungsverfahren. Dabei hatte man die 24 Exponate wohlweislich hinter Stellwänden verborgen. Besucher mussten auf Leitern steigen und durch Gucklöcher spähen. Dann sahen sie eine Ikone aus Kaviar von Alexander Kosolapow, kopulierende Polizisten der Gruppe PG und eine Arbeit der Künstlergruppe Blaue Nasen: Deren »Tschetschenische Marilyn« trägt Strümpfe mit Totenköpfen, um ihren Bauch schlingt sich ein Sprengstoffgürtel. »Das Strafverfahren zeugt von einer böswilligen Interpretation der ausgestellten Werke«, sagte Jerofejew vor Erhebung der Anklage vergangene Woche. Ironische Kunstwerke mit religiösen und politischen Bezügen erregten in Russland in letzter Zeit wiederholt die Gemüter gläubiger Nationalisten - ob mit oder ohne Guckloch.

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