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PSYCHOLOGIE Nägel im Fleisch

Eine amerikanische Psychiatrie-Professorin lehrt, wie man Liebeskummer im Sehneilverfahren überwindet.
aus DER SPIEGEL 31/1979

Unsere Gesellschaft stimuliert die Menschen auf fast jede denkbare Art, sich zu verlieben«, wundert sich die 39jährige Debora Phillips, »aber nirgendwo wird einem gesagt, wie man von der Liebe wieder loskommt.«

Seit drei Jahren schon versucht die amerikanische Sex-Therapeutin in Spezialkursen an einem Institut der Universität von Princeton die Lücke zu füllen und akut von Liebeskummer geplagten Mitmenschen beizubringen, »Wie man mit der Liebe fertig wird« ("How to fall out of Love"). Nun teilt Dr. Phillips, auch noch Dozentin für Psychiatrie an der Temple University Medical School in Philadelphia, ihre Ratschläge an Liebeskranke auch in einem Buch mit*.

An Beispielen von der Sekretärin, die ihren Boß liebt, untröstlichen Witwen, dem Bankier, der monatelang vergebens um eine Kundin buhlt, der Krankenschwester, die von einem Alkoholiker nicht loskommt, der Studentin, die ihr Examen verpatzt, weil der Assistent nichts mehr von ihr wissen will -- mangelt es der Professorin nach der mehrjährigen Praxis nicht mehr.

Deboras Trick besteht darin, sich nicht als seelischer Ratgeber anzudienen. »Emotionale Regungen«, so doziert sie, »lassen sich durch logische Argumente nicht abbauen«, aber mit bestimmten Methoden der Verhaltensthe

* Debora Phillips: »How to fall out of Love Houghton Mifflin Company. Boston; 136 Seiten; 6.95 Dollar.

rapie könne man sie in kurzer Zeit überwinden.

Die Liebespein von denen, »die geradezu zwanghaft immer noch an jemanden denken, der sie nicht oder nicht mehr liebt«, versucht Dr. Phillips erst einmal dadurch zu lindern, daß sie ihnen die zwanghaften Gedanken gründlich austreibt. Das probate Hilfsmittel dazu ist der in der psychotherapeutischen Praxis öfter angewandte »Gedanken-Stopp«, eine Art Reflex-Akrobatik. Kaum tauche etwa der Gedanke an den schnöden Geliebten im Bewußtsein der Patientin auf, gelte es laut »Stopp« zu schreien und blitzschnell an etwas anderes, Schönes zu denken.

Damit die Betroffenen ständig eine Auswahl von »Ersatz-Gedanken« parat haben, sollen sie sich Listen anfertigen von vergnüglichen Dingen und Vorgängen, an denen der verflossene Partner nicht beteiligt war. So dachte eine von Deboras Patientinnen stets gierig an einen Teller mit Austern und Champagner, eine andere »an Ustinov als Masseur, assistiert von Robert Redford«. Die meisten Patienten, gesteht die Therapeutin, seien freilich zu deprimiert, um sich an langen Listen zu entzücken. So war ein Grillhähnchen alles, was einem Taxifahrer einfiel.

Der gellende Stopp-Schrei kann auch durch ein lautloses Hilfmittel ersetzt werden, etwa ein Gummiband, mit dem man sich selbst auf das Handgelenk schnippt, oder einer Faust in der Hosentasche. Dr. Phillips: »Stampfen Sie mit dem Fuß auf, graben Sie sich die Fingernägel ins Fleisch. Der Gedanke darf sich nicht entwickeln.«

Im nächsten Kur-Schritt, so lehrt Debora ihre Patienten, muß der abgeschwommene Liebhaber nicht mehr total verdrängt werden. Es darf seiner gedacht werden, aber nicht als strahlender Held, sondern als lächerlicher Vogel. »Viele idealisieren nachträglich noch den Menschen, der ihnen seine Liebe entzogen hat«, erläutert die Professorin. »Indem wir uns nun im stillen über ihn lustig machen, sägen wir an seinem Podest.«

Als Musterbeispiele für solche gedankliche Demontage empfiehlt sie Vorstellungen, wie die vom eitlen Professor, dem eine Portion Bananentorte ins Gesicht klatscht, vom Bankdirektor in Windeln bei der Vorstandssitzung, von der nasebohrenden Kunstkritikerin bei einer Vernissage oder von dem Gynäkologen, der vor seinen Patienten ins Wartezimmer pinkelt.

Nur wenn das alles nicht hilft, greift Dr. Phillips »zu einer schlimmen Technik, die ich selten anwende«. Sie gipfelt darin, den Ex-Partner mit abstoßenden Objekten in Verbindung zu bringen, so daß selbst dem beharrlich ans Vergangene Geketteten erst mal graut. Ekliges aus Deboras Katalog: Exkremente, Abwässer, Erbrochenes, Blut, Müll und -- notfalls -- »eine verwesende Ratte«.

Auch für diese Technik gibt die Professorin genaue Anweisung: »Schließen Sie sich in ein stilles Zimmer ein, denken Sie heftig an den Geliebten«, erläutert sie, »und wenn Sie gerade seine Brust mit ihren Lippen berühren wollen, merken Sie, daß die mit Kot beschmiert ist.« Und weiter: »Nun ziehen Sie Ihren Mund zurück, und alles verschwindet, auch die geliebte Person. Die Luft wird rein und süß, Sie fühlen sich frisch und neu.«

Abschluß der Entwöhnungskur ist die allmähliche Vorbereitung auf ein neues Liebesleben. Dr. Phillips empfiehlt, nun wieder auf Partys zu gehen, aber dringend rät sie davon ab, mit einem möglichen neuen Partner ins Bett zu streben, ohne sich vorher mit einer »orgasmischen Rekonditionierung« abgesichert zu haben. Unter dieser Methode versteht die Therapeutin Masturbation in Heimarbeit, wobei die Reizwirkung, die von der verflossenen Liebe ausging, langsam auf die neue Bindung übertragen wird; Frauen wird zusätzlich ein vaginales Muskel-Training angeraten.

All ihre Kursus-Patienten, so versichert Dr. Phillips, seien dank dieser Methoden nach höchstens drei Monaten völlig enthebt gewesen. Manche Psycho-Kollegen indes beurteilen die Heilmethode skeptisch. Sie werfen der Princeton-Professorin vor, sie amputiere den Liebesschmerz nur und die Betroffenen hätten keine Chance, den Verlust zu verarbeiten. Wo wären, so fragen sie, mit Deboras Quicky-Methoden die großen Liebenden und Leidenden wie Werther, Anna Karenina und Medea geblieben, an deren schönem Schmerz sich noch immer Millionen erbauen.

Aber Debora Phillips zielt meist niedriger. Ein Drittel ihrer Patienten, so verriet sie, sind Ehemänner, die ihre Affären beenden wollen, nachdem ihnen die Gattin auf die Schliche kam.

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