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Nähe, Wärme, Nässe, Bässe

Nahaufnahme: In Berlin hat Heinz Gindullis das Cookies, den aufregendsten Nachtclub der Republik, neu eröffnet.
Von Philipp Oehmke und Moritz von Uslar
aus DER SPIEGEL 4/2007

Es passiert zu jener für das Nachtleben unmöglich frühen Zeit von halb zehn Uhr abends - als sich auf der Friedrichstraße Ecke Unter den Linden eine Dame von gut 60 Jahren, ganz in Weiß gekleidet, dem Pulk der wartenden Gäste nähert und den Türstehern mit dem Regenschirm ein Zeichen gibt. Als nichts passiert, ruft die Dame: »Hallo! Ich bin die Mutter vom Cookie! Ich will hier rein!«

Worauf die in Berlin stadtbekannten Türsteher Smiley, Marko und Olli der Dame eine Schneise durch die Menge bahnen und der Ehrengast im weißen Licht des Clubeingangs verschwindet.

Frau Julia Gindullis, 68, hatte sich am Morgen in den Zug von Nürnberg nach Berlin gesetzt, um bei der sechsten Neueröffnung des Clubs ihres Sohns, die am Dienstag vergangener Woche im »privaten Rahmen« stattfand, dabei zu sein. »Komm früh, Mama«, hatte Heinz »Cookie« Gindullis, 32, seiner Mutter geraten. »Nach zehn geht nichts mehr.« Rund 2000 Einladungen, jeweils gültig für zwei »Cookie-Freunde«, hat der Club-Besitzer zur Eröffnung der neuen Räume im ehemaligen Französischen Kulturinstitut beim Hotel Westin Grand in der Stadt verschickt. Bis neun Uhr früh wird sich der Pulk der Drängelnden nicht auflösen - willkommen im Cookies, dem aufregendsten, sehnsüchtig erwarteten Nachtclub in dieser an aufregenden Nachtclubs nicht armen Stadt. Es war am Ende ein wunderbar runder und seliger Abend.

Dabei lautet die Frage dieses Abends nicht, ob es unter dem Berliner Discothekenhimmel noch einmal möglich sein wird, eine unvergessliche Nacht zu feiern. Das geht in jener Stadt, die spätestens seit der Jahrtausendwende ein Nachtleben hat, von dem man in London, New York und Rio schwärmt, immer. Die große, zugleich grausame Frage lautet, ob alles - alles! - noch einmal so schön wie früher werden kann: 1994 hatte Cookie den Gästen, die damals wirklich nur seine Freunde waren, in einem Kellerraum in der Berliner Auguststraße einen Watermelon Man (bis heute der klassische Cookies-Drink) angeboten. Sechsmal ist der Club seither umgezogen, in seiner letzten Location, der marmorverzierten Schalterhalle der ehemaligen Reichsbahnkasse in der Charlottenstraße (2001 bis 2005), wurde er zum wichtigsten der Stadt.

Unvergessen sind die prächtigen Kronleuchter, das Zwei-mal-zwei-Meter-Bild des Künstlers Igor Paasch mit der Aufschrift »Ficken« und die Sets der DJ-Legenden Westbam, Hell und Fetisch. Aber anders als die Konkurrenz (WMF, Tresor, Rio) war das Cookies weniger für seine DJs berühmt, sondern - simpel - für seine gelöste Stimmung. Der Ansturm wuchs, das Konzept des Privaten (Cookie: »Freunde sind die besten Gäste") blieb.

Helle Freude also, wenn man im Gedränge die alte Garderobenfachkraft Katja begrüßen darf: »Siehst ja, was hier los ist - später, später!« Beim Eintritt in den Hauptsaal fällt die gute Luft auf (bittere Sache, der Einbau der Lüftung hat wieder am meisten Geld verschlungen). Holzgetäfelte Wände, in der Ferne grüßt die Dia-Projektion »Back in Town«. Erleichterung: Die alten Kronleuchter hängen.

Wie schön, in der Stadt Berlin, in der das Feiern selten vor zwei Uhr losgeht, um diese Zeit einen bumsvollen Club zu erleben: Um zehn Uhr abends ist es gefühlte vier Uhr früh. In den gewaltigen Saal erstreckt sich - man kann das nicht pathetisch genug ausdrücken - die Architektur der Tanzenden. Dem liegt ein Konzept Cookies zugrunde, das er »Stufen-Lounging« nennt: Von der Hauptbar geht es in Stufen zur Tanzfläche hinunter und erhebt sich in Stufen zur zweiten Bar. Erhöht stehend kann sich der Cookies-Gast so, tanzend, wippend, wichtig umherschauend, den anderen Cookies-Gästen präsentieren.

In den Gängen, die zu Saal B und C und in den ersten Stock führen, in dem bei Zeit das Restaurant »Cookies Cream« wiedereröffnen soll, wirkt Cookies zweites Konzept: Die Gänge sind so eng, dass man sich zwangsweise begegnen, wiedersehen und um den Hals fallen muss: »Gut siehst du aus!« - »Wer sieht denn heute Abend nicht gut aus?« Lachen. Prost. Und weiterirren.

Gegen halb elf wird von den Unisex-Toiletten (Cookie-Konzept drei: Nirgendwo wird härter gefeiert als auf den Klos) eine Havarie gemeldet: verstopfte Rohre. Mit dem schönen, weil hysteriesteigernden Effekt, dass sich rund tausend Gäste zwei Ersatztoiletten teilen. DJ Highfish legt einen Techno-Tribal-Dingsbums-Vollgas-Sound auf (Brodeln, unterbrochen vom Schreien der Tänzer, wenn der Bass wieder einsetzt); ab Mitternacht übernimmt DJ Kaos - und es fügen sich des Nachtlebens spezielle Gnaden, dass nicht mehr geredet, nur noch gewippt, geguckt, geschwitzt werden darf. Da eröffnen die Cookies-Frauen Nilgün und Sandra die Tresen als Tanzfläche: Freudenschreie. Nähe, Wärme, Nässe, Bässe.

Die Spuren der Zeit? Sicher, einige Männerbäuche sind weicher geworden, einige der ansehnlichsten Tänzerinnen verbringen den Tag mittlerweile am Spielplatz. Don Cookie, wieder herrlich unhip gekleidet, steht in einem Kreis russischer Oligarchen, und gegen ein Uhr früh ist klar: geschafft. Nach exakt zwei Jahren und einem Tag Pause steigt das Cookies als wichtigster Club der Republik neu ein. Danke, Leute. Und Danke, lieber Gott, dass Sie vor circa zwanzig Jahren das Nachtleben, so wie wir es heute kennen, erfunden haben.

Am nächsten Abend wird aus einem Zug nach Nürnberg von Mutter Gindullis eine SMS bei ihrem Sohn eintreffen: »Cookie, du verstehst es, nette Seelen bei dir zu versammeln.« Kann man so sagen.

PHILIPP OEHMKE, MORITZ VON USLAR

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