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KUNST / NIKI DE SAINT PHALLE Nanas an die Macht

aus DER SPIEGEL 5/1969

Die Männer«, sagt die Grafentochter von Saint Phalle, »sind am Ende. Jetzt kommen die Frauen dran.« Und konsequent verlangt die Aristokratin gleich ein exemplarisches Weiber-Regiment. Ihr Wahlspruch: »Die Nanas an die Macht!«

Die Nanas: Das sind jene strotzenden Frauenfiguren -- halb Venus von Willendorf, halb Riesenweib auf der Oktoberwiese -, wie sie die französische Künstlerin Niki de Saint Phalle, 38, schon seit fünf Jahren in großer Anzahl und in jedem Maßstab aus Pholyester-Kunststoff herstellt.

Sie existieren im Nippes- und im Bungalow-Format; sie heißen pauschal »Nana«, doch auch »Clarissa«, »Elisabeth«, »Madeleine« oder »Waldaff«; sie sind, stets pop-bunt, mit Jugendstil-Dekor, den Puzzlespiel-Mustern des Malers Jean Dubuffet und simplen Volkskunst-Ornamenten verziert -- die kindliche Gesellschaft eines utopischen Matriarchats, deren bloße Vitalität ihrer Urheberin nach Ansicht des Pariser Kritikers Otto Hahn einen Platz »unter den Großen« sichert.

Der bislang stärkste Nana-Pulk zieht derzeit als erste deutsche Ausstellung Niki de Saint Phalles durch die Bundesrepublik. Die rund 30 Reliefs, Figurengruppen und Einzelstatuen, zunächst in Düsseldorf gezeigt, sind jetzt im Ludwigshafener Reichert-Haus zu sehen und werden anschließend noch vom Hannoveraner Kunstverein übernommen.

An sonst feierlichen Kunstschau-Plätzen verbreiten die starkschenkligen Weibs-Bilder in Badeanzug oder Mini-Dirndl alsbald die turbulente Atmosphäre eines Schützenfestes. Denn nach Form und Kolorit ähneln die Nanas und auch die Fabel-Tiere, die Niki de Saint Phalle ("Ich habe das Glück, weder malen noch zeichnen zu können") auf gleiche Weise fabriziert, weit eher populären Lebkuchen- und Zuckerbäckereien als den Produkten anderer moderner Künstler.

Gelegentlich sind die unregelmäßig modellierten Plastiken zudem wie Schießbudengewinne an der Wand arrangiert (so im Relief »Mir träumte letzte Nacht"), oder sie baumeln als aufgeblasene Ballons von der Decke. Und Nana »Teresita« figuriert sogar als Brunnen-Zierde; aus ihrer Brust ergießt sich ein Wasserstrahl.

Doch der Mittelpunkt dieser heiteren »Kunst für die Freizeit-Kultur« (Niki de Saint Phalle) und gleichzeitig das stärkste Symbol-Stück der Ausstellung ist ein vier Meter hohes »Nana-Traumhaus": ein buckliges, annähernd frauenförmiges Gebilde, das innen ein Radio und eine Couch enthält und das, laut Vorschlag seiner Erbauerin, als Bar, Bibliothek, Bordell oder Kapelle benutzt werden kann. Mit einem handgemalten Hinweisschild ("Die Tür ist hinten. Danke.") lädt die Künstlerin gleichsam zur Einkehr in den Mutterschoß.

Das Traumhaus knüpft durch seine schwellenden, organoiden Formen an berühmte Vorbilder an: Phantastische Wucherungen ähnlicher Art hatte schon der spanische Jugendstil-Architekt Antonie Gaudi gebaut. Niki de Saint Phalle. als adelige Bankierstochter in Neuilly-sur-Seine geboren und als New Yorker Klosterschülerin erzogen, sah Gaudis Werke 1955 in Barcelona. etwa gleichzeitig mit Bildern ihrer Zeitgenossen Pollock, Dubuffet und Yves Klein, uni ließ sich von so unterschiedlichen Bindrücken selbst zur Kunst inspirier

Nach anfänglichen Malversuchen stellte sie im Kreis der Pariser »Neuen Realisten« Gipsreliefs her, die Farbbehälter bargen und die sie anschließend durch Karabinerschüsse in informelle Bilder verwandelte. Dann verfertigte die Künstlerin makabre Assemblagen ("Herz eines Ungeheuers") aus Puppen, Draht und Textilien.

Ihr angemessenes Thema, die Nanas, fand Niki de Samt Phalle schließlich mit Hilfe des Schweizer Neu-Realisten und Maschinenkünstlers Jean Tinguely, mit dem sie nun ein »Gasthaus zum Schimmel« in der Nähe von Paris bewohnt.

Tinguely, ein Bastler-Talent, tröstete die manuell eher ungeschickte Künstlerin mit dem Hinweis, »daß Technik nichts bedeutet und Träume alles sind«, und unterstützte die Gefährtin 1966 auch beim Bau der bisher größten Nana, deren Idee später in Bühnenbildern und im Traumhaus abgewandelt wurde: der 27 Meter langen, durch eine Pforte zwischen den Schenkeln zu betretenden Skulptur »Sie« im Stockholmer Moderna Museet. Sie enthielt eine Apparatur für die Zerkleinerung von Coca-Cola-Flaschen.

Ein Jahr darauf kam das kooperative Paar sogar zu staatlichen Ehren; die beiden Künstler durften Frankreichs Pavillon bei der Weltausstellung in Montreal mit einem »Phantastischen Garten« schmücken. Ihr Thema: der Kampf der Geschlechter -- Tinguely-Maschinen gegen Nikis Nanas.

Zu Ruhm und Anerkennung kann Niki de Samt Phalle nun auch gute Geschäfte buchen. So wurden aus der deutschen Wanderausstellung schon sieben Skulpturen zu Preisen ab 1600 Mark verkauft. Die höchsten Summen, je 20 000 Mark, zahlten ein deutscher Sammler für den »Teresita«-Brunnen und das Museum of Art in Baltimore für eine »Schwarze Tänzerin«.

Vom neuen Reichtum will die Künstlerin sich aber nicht zu Wohlleben verleiten lassen; sie investiert ihre Einkünfte vielmehr in immer größere Nana-Monumente. Nun plant sie erst einmal eine bunte Riesendame als Eigenheim in Spanien.

»Und wenn ich Geld genug zusammenhabe«, sagt Niki de Samt Phalle voraus, »baue ich eine ganze Nana-Stadt.«

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