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HUMOR »Narkose des Herzens«

Der englische Komiker John Cleese über das Deutschlandbild der Engländer, das Geheimnis des britischen Humors und seine Rolle im neuen James-Bond-Film »Stirb an einem anderen Tag«
aus DER SPIEGEL 49/2002

Cleese, 63, wurde berühmt durch die BBC-Show »Monty Python''s Flying Circus« (1969 bis 1974). Seinen größten Erfolg feierte der studierte Jurist als vertrottelter Anwalt in der Gangsterkomödie »Ein Fisch namens Wanda« (1988). Zurzeit ist Cleese im neuen Harry-Potter-Spektakel als Kopfloser Nick und im aktuellen James-Bond-Abenteuer als Ingenieur Q zu sehen. -------------------------------------------------------------------

SPIEGEL: Mr. Cleese, warum hassen die Engländer die Deutschen?

Cleese: Wie kommen Sie denn darauf?

SPIEGEL: Englische Zeitungen berichten, dass zwei in England arbeitende Deutsche von ihren Kollegen als »Scheißdeutsche«, »Hitlers Handlanger« und »Obersturmbannführer« beschimpft worden seien.

Cleese: Ja, es gibt immer noch eine weit verbreitete anti-deutsche Stimmung in Großbritannien, ein generelles Deutschen-Bashing in den Medien, vor allem in diesen schrecklich dummen Boulevardzeitungen.

SPIEGEL: Schon Monty Python hat sehr schöne Pickelhauben-Parodien gebracht, und auch in der Originalversion des neuen James-Bond-Films sprechen einige besonders dämliche Ganoven Deutsch.

Cleese: Ich habe dieses negative Deutschland-Bild, ehrlich gesagt, nie verstanden. Direkt nach dem Krieg, bitte sehr, aber heute? Aus welcher Stadt kommen Sie?

SPIEGEL: Aus Hamburg.

Cleese: Großartig! Meine Lieblingsstadt in Deutschland. An Hamburg sieht man, was aus der Kombination von gutem Geschmack und Geld entstehen kann.

SPIEGEL: Es heißt, Hamburg sei sehr britisch.

Cleese: Ich habe mich dort jedenfalls immer sehr wohl gefühlt. Als ich mich einmal im Hamburger Hotel Atlantic mit dem Concierge unterhielt, rief ein deutscher Geschäftsmann durch die Lobby: »Hey John! Don''t mention the war!« Alle haben sich totgelacht.

SPIEGEL: »Rede bloß nicht über den Krieg!« war einer der Running Gags Ihrer Serie »Fawlty Towers« ...

Cleese: ... der die Engländer auf die Schippe nahm, nicht die Deutschen. Wir Engländer hatten bis zum 20. Jahrhundert immer gute Beziehungen zu Deutschland. Im Grunde genommen sind unsere natürlichen Feinde die Franzosen.

SPIEGEL: Wie kommt es dann, dass deutsche Wörter wie »Blitzkrieg« oder »Achtung!« noch heute zum Standardvokabular jedes Engländers gehören?

Cleese: »Schweinhund«, Sie dürfen nicht »Schweinhund« vergessen! Mein liebster Satz ist aber: (deutsch) »Ich kann mit einem Eierlöffel Fledermäuse totschlagen.« Ich sage Ihnen, woran das liegt: Nach 1945 haben die Briten viele Kriegsfilme gedreht, in denen die Deutschen, wen wundert''s, immer die Schurken waren. Diese Filme haben viele Briten mehr geprägt als der Krieg selbst.

SPIEGEL: Der britische Humor ist weltberühmt, der deutsche nur bedingt exportierbar. Wie kommt das?

Cleese: Das müssen Sie mir erklären. Es gab mal eine deutsche Version von »Fawlty Towers«, die mir fast besser gefallen hat als das Original. Aber soweit ich weiß, haben sich beim Schnitt dann irgendwelche Sender-Chefs eingemischt, denen das Ganze nicht geheuer war.

SPIEGEL: RTL hat die Serie nach dem Pilotfilm abgesetzt.

Cleese: Kein Wunder: In den Sendern entscheiden heutzutage Leute, die glauben, sie wüssten alles besser - besser jedenfalls als die Kreativen. Der Ehrgeiz, einfach gutes Fernsehen machen zu wollen, ist für immer verschwunden. Die Kommerzialisierung hat gewonnen.

SPIEGEL: Der Ruf des britischen Humors hat darunter noch nicht gelitten. Warum sind Briten witziger als andere Menschen?

Cleese: Es hat damit zu tun, dass wir Briten unsere Gefühle gern eine Armlänge von uns weg halten. Wir müssen alles ironisch sehen, und ich versuche deshalb so oft wie möglich, nicht ironisch zu sein.

SPIEGEL: Wenn Sie sich trotzdem über Ihre Landsleute lustig machen - ist das Selbstmitleid oder Selbsthass?

Cleese: Es ist einfach nur Beobachtung. Das meiste, was der Mensch so tut, ist nun mal ziemlich lächerlich, wenn man genau hinguckt. Das lässt dem Humor viele Möglichkeiten. Sobald Hass dazukommt, hört es in der Regel auf, komisch zu sein. Man kann keine gute Komödie über etwas schreiben, das man zutiefst verachtet.

SPIEGEL: Trotzdem zeichnet doch gerade Ihren Humor auch eine gewisse Gnadenlosigkeit aus.

Cleese: Der französische Philosoph Henri Bergson hat ein sehr gutes Buch über das Lachen geschrieben. Um komisch zu sein, so Bergson, bedarf es einer kurzzeitigen

Narkose des Herzens - was etwas völlig anderes ist als eine dauernde Betäubung. Wenn man über etwas lacht, bleibt die Zuneigung für einen Moment in der Schwebe. Immer wenn man über menschliches Verhalten lacht, ist es schief gegangen. Man lacht nun mal nicht über perfekte Menschen. Aber das heißt noch nicht, dass wir grausam sind. Es sei denn, wir lachen über uns selbst.

SPIEGEL: Können Sie auf Knopfdruck lustig sein?

Cleese: Ja, definitiv, man muss einen Knopf drücken. Es ist ein bisschen so, wie ein kryptisches Kreuzworträtsel zu lösen. Man fängt an, anders zu denken.

SPIEGEL: Das heißt?

Cleese: Es ist wie bei einem Fußballspieler, der aufs Feld muss. Er verhält sich einfach anders, als wenn er zum Dinner geht. Bevor ich auf die Bühne muss, vor eine Kamera trete, ein Interview gebe oder ganz allgemein eine »öffentliche Person« werde, fühle ich die Veränderung: Ich muss etwas lustiger werden, weil ich weiß, dass die Leute darauf warten, und ich sie nicht enttäuschen möchte. Und wenn es dann vorbei ist, hält der Adrenalinspiegel noch eine Weile an, eine halbe Stunde oder so, und dann werde ich wieder normal.

SPIEGEL: Hat sich der Humor des Publikums in den letzten Jahren verändert?

Cleese: Ja, leider! Schuld daran sind die Amerikaner, die viel zu viel Geld für Teenager-Unterhaltung ausgeben. Wir müssen heute 14-Jährige unterhalten, die zwangsläufig keinerlei Lebenserfahrung haben, keine Bildung und keinen Geschmack - die aber heute die wichtigste Zielgruppe bilden. Deshalb liegt der Schwerpunkt auf Brachial-Humor. Filme, deren Witz etwas anspruchsvoller ist, werden kaum noch gemacht.

SPIEGEL: Sie müssen diese Filme drehen!

Cleese: Wenn ich noch die Energie hätte, würde ich es tun. Vor fünf Jahren habe ich es versucht. Das Ergebnis war »Wilde Kreaturen« ...

SPIEGEL: ... eine Komödie mit der Besetzung von »Ein Fisch namens Wanda« ...

Cleese: ... in die ich zweieinhalb Jahre meines Lebens investiert habe. Aber kurz nachdem der Film in die Kinos kam, brach das »Star Wars«-Revival aus, und unser Film war tot, mausetot. Das Filmgeschäft ist ein Glücksspiel, und dafür bin ich mit 63 allmählich zu alt.

SPIEGEL: Stattdessen spielen Sie jetzt Mini-Rollen in zwei Major-Produktionen, in den Nationalheiligtümern »Harry Potter« und »James Bond«. Gehören Sie damit nun endgültig zum britischen Kulturerbe?

Cleese: Ich fürchte, ja. Aber ich wünschte, es würde aufhören. Ich bin in England zu bekannt. Prominent zu sein ist lästig.

SPIEGEL: Wenn Sie jetzt hier in London auf die Straße gingen ...

Cleese: ... so weit würde ich gar nicht kommen. Vorhin habe ich es versucht: Im Fahrstuhl sprach mich jemand an, das war noch o. k., aber in der Lobby hielt mich jemand auf und versuchte, mich zu überreden, mit ihm auf eine Party zu gehen. Und als ich mit einer gut aussehenden Frau, die nicht meine eigene war, ein Restaurant betrat, erstarb an allen Tischen die Konversation. Jeder versuchte, uns zu belauschen, um herauszubekommen, ob wir eine Affäre miteinander haben. Hatten wir nicht - aber wenn man durch seine bloße Anwesenheit ein ganzes Restaurant dazu bringt, sich mehr mit dieser Frage zu beschäftigen als mit dem Essen, wird es unangenehm.

SPIEGEL: Gibt es irgendeine Chance, dass - nach dem Tod von Graham Chapman - die anderen fünf Monty-Python-Mitglieder noch einmal gemeinsam auftreten?

Cleese: Die große Wiedervereinigungstournee wird es geben, nachdem noch vier von uns gestorben sind. Das kann nicht mehr lange dauern. Eric Idle ist längst bereit abzutreten, Terry Gilliam geht es nicht besonders, Terry Jones wäre letztes Jahr dreimal fast dahingeschieden. Also werden Michael Palin und ich es unter uns ausmachen müssen. Wer von uns beiden übrig bleibt, geht auf die »Final Python Tour«. Versprochen! INTERVIEW: MARTIN WOLF

* Am 18. November in der Londoner Royal Albert Hall.* Jamie Lee Curtis in »Ein Fisch namens Wanda« (1988).

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