Nationales Fotoinstitut in Essen oder Düsseldorf Am Ende könnten alle Sieger sein

Düsseldorf und Essen streiten darüber, wo ein nationales Fotozentrum besser aufgehoben wäre. Nun kommt die spektakuläre Wende: Starkünstler Andreas Gursky setzt auf eine Doppellösung.
Zeche Zollverein: Fast schon der Sieger

Zeche Zollverein: Fast schon der Sieger

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S. Ziese / picture alliance / blickwinkel

Bei dem Konkurrenzkampf, den sich Essen und Düsseldorf seit Monaten liefern, geht es um viel: Der Bund will ein nationales Institut für Fotografie gründen, und der Ort, an dem es seine Heimat finden wird, darf sich über einen enormen Bedeutungszuwachs freuen. Eine solche Einrichtung wird auch international ausstrahlen.

Zur Auswahl standen die beiden Städte an Ruhr und Rhein. Zunächst sah es besser für Düsseldorf aus, dann für Essen. Nun soll offenbar keiner der beiden Kandidaten völlig verprellt werden – und stattdessen eine Doppellösung her.

Demnächst soll eine Machbarkeitsstudie vorgestellt werden, doch gleichgültig, was diese Analyse besagt: Am Ende könnte es sein, dass Kulturstaatsministerin Monika Grütters beide Standorte zufriedenstellen wird.

»Zukunft für die Fotografie«

Dafür spricht, dass sie inzwischen Standortdiskussionen von sich weist. Sie wolle einen Weg finden, wie die Interessen beider Seiten »wirksam umgesetzt werden können«. Schließlich wollten alle dasselbe: Man müsse der Fotokunst in Deutschland »eine institutionell getragene« Zukunft geben. Allerdings handele es sich um eine schwierige Gemengelage, da seien »viele Emotionen« drin.

Andreas Gursky, weltberühmter Künstlerfotograf aus Düsseldorf und Mitinitiator des Düsseldorfer Konzeptes, wird konkreter: Gemeinsam mit Grütters und ihrer nordrhein-westfälischen Kollegin Isabel Pfeiffer-Poensgen »sind wir auf gutem Wege für beide Konzepte und beide Standorte«, sagte er dem SPIEGEL.

Nicht zuletzt dank Gursky war Düsseldorf ursprünglich Favorit für das Projekt. Gemeinsam mit Gleichgesinnten hatte der Künstler ein Konzept für ein eher technisch orientiertes Kompetenzzentrum in seiner Heimatstadt entwickelt. Verbündete in der Landes- und Bundespolitik unterstützten das Vorhaben. Im November 2019 stellte der Haushaltsauschuss des Bundestages mehr als 40 Millionen Euro für ein nationales Fotoinstitut zur Verfügung, und zwar ausdrücklich für den Standort Düsseldorf. Die Landesregierung und die Landeshauptstadt wollten den Aufbau des Zentrums kofinanzieren, errichtet werden sollte es auf dem bedeutenden Areal des Ehrenhofes.

Laschets Triumph

Ministerpräsident Armin Laschet triumphierte seinerzeit, diese Entscheidung sei »ein großer Erfolg für Nordrhein-Westfalen«, Düsseldorf sei ein »hervorragender Standort für das bundesweit bedeutsame Projekt«.

Seine Parteikollegin Grütters kümmerte das zuerst wenig, sie reagierte verärgert. Denn die mächtigste Kulturpolitikerin der Republik plante selbst die Gründung eines Fotografie-Institutes. Von dem Beschluss des Haushaltsauschusses 2019 fühlte sie sich überrumpelt, vor allem die Festlegung auf Düsseldorf störte sie.

Eine von ihr eingesetzte Kommission aus Fotofachleuten kam 2020 zu dem Schluss, Essen sei der bessere Standort, nicht zuletzt, weil das dort angesiedelte Museum Folkwang als gute Adresse für Fotografie gilt. Inzwischen ist klar, dass Essen auch ein angemessenes Grundstück auf der Zeche Zollverein bebauen könnte.

Nun die überraschende Wende: Harmonie soll einkehren, ein Happy End. Aber das könnte schwierig werden, hinter den Kulissen ist in den vergangenen Monaten viel gestritten worden, nicht jeder hat jedem verziehen. Manche fragen sich, ob Essen am Ende nicht doch als Verlierer dastehen könnte, der mit einer kleinen Lösung abgefunden wird. Schließlich ist das Geld des Haushaltsausschusses bislang noch immer für Düsseldorf vorgesehen.

Dass zwei Häuser tatsächlich sinnvoll sein könnten, erklärt Felix Krämer, Generaldirektor der Düsseldorfer Stiftung Museum Kunstpalast. Die Konzepte seien sehr unterschiedlich, es sei vertretbar und wünschenswert, beide umzusetzen. Während das Düsseldorfer Konzept überwiegend von Künstlern erarbeitet wurde, werde in Essen eher eine fotohistorische Perspektive sichtbar. Auf jeden Fall gelte, dass Museen mehr denn je auf Fotografie setzen müssten, denn dieses Medium interessiere die jüngere Generation besonders.

Die Entscheidungsfindung, die von Anfang an ungewöhnlich wirkte, wird auf jeden Fall in die Geschichte eingehen.