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FILM / DREYER Natürliche Wunder

aus DER SPIEGEL 6/1971

»An Plänen habe ich keinen Mangel«, verkündete 1964 der dänische Filmregisseur Carl Theodor Dreyer. »Und da ich erst 75 bin, liegt noch die ganze Zukunft vor mir.

Die Zukunft war zu kurz -- der Künstler starb 1968, nachdem er endlich das Anfangskapital für die Verwirklichung eines 37 Jahre alten Plans bekommen hatte: für einen Film über die Passion Jesu. Dieser Film sollte Dreyers Hauptwerk werden.

Anspruch und Umriß des gescheiterten Projekts werden in einer Film-Dokumentation des dänischen Fernsehens sichtbar, die jetzt, als eine Ergänzung zum abgeschlossenen OEuvre, bei einer Dreyer-Retrospektive des Österreichischen Filmmuseums in Wien vorgeführt wurde. Dreyers Christus-Lichtspiel, das belegen Quellen, Drehbuchseiten, Entwurfszeichnungen und Interviews mit dem Regisseur, war als realistisches Zeugnis einer politisch bedingten Leidensgeschichte gedacht.

So vollendet, wäre der Film der konsequente Abschluß eines Lebenswerkes geworden, das stets auf äußerste »Wahrheit, gefiltert durch das Gemüt eines Künstlers« (Dreyer), ausgerichtet war und in dem Intoleranz und Verfolgung ein ständiges Thema bildeten.

Schon Dreyers früher Stummfilm »Blätter aus Satans Buch« (1920) wandelte dieses Grundmotiv an vier Beispielen aus der Weltgeschichte ab. Er zeigte, wie im Vorgriff auf das spätere Projekt, in einer Episode die Verhaftung des Herrn Jesus im Garten Gethsemane, außerdem Szenen vom Terror der spanischen Inquisition, der französischen Jakobiner und der Bolschewiken in Finnland.

1922 stellte Dreyer dann ein Juden-Pogrom im zaristischen Rußland dar ("Die Gezeichneten"), sechs Jahre darauf drehte er -- nach zeitgenössischen Akten und Berichten -- die »Passion der Jeanne d'Arc«, seinen berühmtesten Film. Hexenverfolgungen aus dem 17. Jahrhundert schilderte er 1943 in »Dies Irae«.

Bei der Darstellung solcher Themen scheute Dreyer, als Waisenkind bei pietistischen Adoptiveltern aufgewachsen und als Bürogehilfe und Verfasser von Untertiteln ins Filmgeschäft gelangt, keine Anstrengung, aber jeden Kompromiß. So konnte er nach neun Stummfilmen (einschließlich »Jeanne d'Arc") nur noch fünf abendfüllende Tonfilme vollenden.

Um seine Unabhängigkeit zu wahren, suchte sich Dreyer liberale Produzenten außer in Dänemark auch in Deutschland, Schweden, Norwegen und Frankreich. Die erstrebte Wahrheit der Darstellung erzielte er meist mit Laienschauspielern, von denen er »geistige Ähnlichkeit« mit der Rolle verlangte; ihre Gesichter rückte er ungeschminkt und groß ins Bild. »Wir haben uns«, notierte er über die Dreharbeiten zu »Dies Irae«, »Mühe gegeben, aufrichtig zu spielen. Wir haben uns gegenseitig gewarnt vor Entstellung und Äußerlichkeit.«

Dieser Film war unter drückenden Zeitumständen produziert worden, die Dreyers Intoleranz-Thema bitter aktualisierten: Die Regierung des besetzten Dänemark hatte den Film gefördert, doch noch bevor er im November 1943 uraufgeführt wurde, trat sie wegen der Verschleppung dänischer Juden zurück.

Die politische Situation gab Dreyer den entscheidenden Einfall für seinen bereits seit 1931 geplanten Jesus-Film. Nach der Besetzung Dänemarks durch die Deutschen kam ihm »der Gedanke, daß die Juden sich in derselben Situation befunden haben mußten wie wir Er glaubte einzusehen, »die Gefangennahme Jesu, seine Verurteilung zum Tode müsse das Resultat eines Konflikts zwischen Jesus und der römischen Besatzungsmacht gewesen sein

Nach Kriegsende nahm Dreyer die Arbeit am »Jesus«-Drehbuch auf. Ein amerikanischer Theateragent« den er bei einer Hamlet-Aufführung Im dänischen Schloß Kronborg kennengelernt hatte, versprach Ihm, den Film zu finanzieren, und lud ihn in die USA ein.

Dort stieß Dreyer auf ein Buch des Rabbiners und Historikers Solomon Zeitlin ("Wer kreuzigte Jesus?"), das seine eigene These bestätigte und die Römer für die Hinrichtung des Provokateurs Jesus verantwortlich machte.

Doch während Zeitlin beispielsweise den Hohenpriester Kaiphas einfach als Kollaborateur einstufte, ging Dreyer differenzierter vor. Sein Kaiphas sollte ein politischer Realist sein, der Jesus opferte, um seinem Volk römische Repressalien zu ersparen. Auch Judas wollte er nicht bloß als einen Verräter zeigen, sondern als Taktiker, dem das Auftreten Jesu als gefährlich für die Juden erschien.

Den wahren Gegenspieler des Heilands sah Dreyer vielmehr in Pilatus, einer Art Reichskommissar und Gauleiter, dem die jüdische Hochschätzung des Individuums unverständlich gewesen und die Staatsmacht über alles gegangen sei.

Auch dieses Sujet wollte Dreyer konsequent realistisch verfilmen. Wie schon in den »Blättern aus Satans Buch« kam für die Jesus-Rolle nur ein Jude in Frage. Eigens für den Film lernte der Regisseur Hebräisch; in diesem Idiom und streng nach dem Wortlaut der Bibel sollte auch sein Hauptdarsteller sprechen, während er anderen Akteuren vorschrieb, Latein und Griechisch zu reden. Einen »englisch sprechenden Christus« jedenfalls konnte sich Dreyer »nicht vorstellen«.

»Dieser Film«, so sagte er voraus, »ist die Geschichte des Menschen Jesus. Ob er der Sohn Gottes war, bedeutet mir nicht viel.« Deswegen wollte er zwar die Kreuzigung vorführen, die Auferstehung aber ausfallen lassen.

Die überlieferten Wunder allerdings sollten keineswegs unterdrückt werden, vielmehr möglichst real und natürlich erscheinen. Äußerst konzentriert, hatte Dreyers Christus hypnotisch auf die Kranken einzuwirken.

Jahrelang studierte Dreyer historische, archäologische und sogar botanische Details zum Leben Jesu -- ihn beschäftigte etwa die Frage: »Welche Blumen gab es im Garten Gethsemane?«

Doch alle Mühe war umsonst. Aus Amerika zurück. wartete der Regisseur vergebens auf Nachricht von seinem Gönner. 1965, als in Hollywood die Vita des Herrn als »Größte Geschichte aller Zeiten« inszeniert worden war, erhielt er eine endgültige Absage.

Weder der italienische Produzent Dino De Laurentlis noch die englische Rank-Film, die Dreyer anschrieb, wollte einspringen. Und auch der dänische Staat entschloß sich erst zu spät, Dreyers »Film meines Lebens« zu fördern.

Als Kritiker, Dokumentarfilmer und später als Pächter eines Kopenhagener Kinos (eine Ehrenpfründe, wie sie auch Asta Nielsen zuteil geworden war) verdiente Dreyer seinen Unterhalt. Nur zweimal konnte er nach dem Krieg noch einen Spielfilm realisieren: 1954 »Das Wort«, die

mystische Legende eines Irren, der sich für Christus hält und eine Frau von den roten erweckt, und 1964 das psychologische Kammerspiel »Gertrud«.

Das leise, zeremoniell gedehnte Liebesdrama wurde statt des anspruchsvollen »Jesus« oder einer gleichfalls noch geplanten »Medea«-Tragödie zu Dreyers letztem Werk.

Nach der Premiere in Paris kassierte der Regisseur den Spott vieler Kritiker ("Nouvel Observateur": »Nur weil ihm alle zehn Jahre jemand eine Kamera leiht, meint er, er dürfe uns anöden"), jedoch die Anerkennung seiner jüngeren Kollegen.

Jean-Luc Godard, der schon Dreyers »Jeanne d'Arc« in seinem eigenen Film »Das Leben der Nana S.« zitiert hatte, rühmte ehrfürchtig: »Im Wahnsinn und in der Schönheit ist »Gertrud' den letzten Werken Beethovens ebenbürtig.«

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