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AM RANDE Nebulöser Zweck

aus DER SPIEGEL 48/1996

Der gemeine, vor allem in der deutschen Kulturlandschaft weitverbreitete Opernintendant gilt als wein-, leut- und redselig. So findet er, auch ungefragt, stets große Worte über seine Rolle als Hausherr, größere über seine Hingabe an die Kunst und neuerdings die größten über sein Sparvermögen. Wie oft heute ein Theaterleiter den Pfennig rumdreht, bis er ihn irgendeinem schöngeistigen und damit, zugegeben, nebulösen Zweck zuführt, ist von der Öffentlichkeit bislang nicht hinreichend gewürdigt worden, am wenigsten von den Instanzen, die das Geld lockermachen. Der Grund: Zwischen Politikern und Prinzipalen ermangelt es eines regelmäßigen Redeflusses. Eben erst, auf ihrem Gipfeltreffen in Berlin, haben die Opernbosse die Folgen des fehlenden Gedankenaustausches - laut Frankfurter Rundschau »Verhärtungen, Gesichtsverluste, Fehlentscheidungen« - beklagt. Nun suchen und bieten sie das offene Wort und das offene Ohr - ein hochlöbliches Unterfangen, dessen Konsequenzen kaum auszumalen sind. Nur so als Beispiel: Da betritt der Berliner Kultursenator zwecks Aussprache die Deutsche Oper, Intendant Götz Friedrich läßt bei dieser Gelegenheit Peter Radunskis öffentliche Hand sanft über das Kostüm einer Primadonna streichen und erklärt wortgewaltig, daß der edle Klangkörper dieser Diva der reinen Seide bedürfe und nicht in irgendein schillerndes Billigtuch gehüllt werden kann. Schon wäre der dumme Vorwurf der Verschwendung vom Tisch. Oder: Die Frankfurter Oberbürgermeisterin Petra Roth trifft sich beim Punsch mit ihren gebeutelten Opernchefs, gesteht ihre bislang verheimlichte Neigung zum Theater, spendet rasch ein paar Millionen, und alsbald hat das Haus wieder jeden Abend auf. Selbst dies ist jetzt kein Wunschdenken mehr: daß die Intendanten ihren Kommunalen verklickern, warum Orchestermusiker so häufig andernorts ein Zubrot einstreichen und an ihrer Stelle teure Aushilfskräfte angeheuert werden müssen; nicht aus Geldgier, sondern wegen der Mobilität am Arbeitsplatz. Bei zunehmender Redseligkeit scheint sogar der Tag nicht mehr fern, daß die Damen und Herren Amtsträger leibhaftig ins Theater gehen und dort entzückten Auges erkennen, daß sie mit den Intendanten eins gemeinsam nötig haben: die Showbühne, auf der sich alle so herrlich in Szene setzen.

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