Samira El Ouassil

Ein Gedankenspiel aus aktuellem Anlass Nehmen wir mal an, ein Asteroid rast auf die Erde zu

Samira El Ouassil
Eine Kolumne von Samira El Ouassil
Was, wenn wir wüssten, dass demnächst ein Himmelskörper bei uns einschlägt? Wir würden handeln – oder etwa nicht?
Waldbrand in Griechenland

Waldbrand in Griechenland

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GIORGOS MOUTAFIS / REUTERS

In diesem Moment, in dem Sie das hier lesen, fliegt der Asteroid namens 2009 JF1 auf die Erde zu. Am 6. Mai 2022 wird er den Berechnungen der Nasa zufolge am erdnächsten sein und – wird höchstwahrscheinlich nicht mit unserem Planeten kollidieren. Seit seiner Entdeckung im Jahr 2009 verursachte dieses Flugobjekt Aufsehen in einigen Boulevardmedien, die seine Größe überdramatisierten (130 m statt 13 m ) und eine mögliche Detonationskraft mit der Wucht von 15 Hiroshima-Atombomben verglichen. Ein gelinde gesagt apokalyptisches Szenario. Die Nasa schätzt die Wahrscheinlichkeit einer Kollision allerdings nur auf 0.026 Prozent . Bei einer Geschwindigkeit von 95.000 km/h würde er in unserer Atmosphäre vermutlich sowieso vaporisiert werden.

In letzter Zeit frage ich mich regelmäßiger, was passieren würde, wenn wir tatsächlich vor solch einem Ereignis stünden. Wenn also beispielsweise am 6. Mai 2022 mit 100-prozentiger Wahrscheinlichkeit ein Himmelskörper hier einschlagen würde und die Welt, wie wir sie kennen, radikal verändert.

Sicherlich, solche Vorstellungen kennen wir zur Genüge aus SciFi-Literatur und -Filmen – aber wenn wir ehrlich sind, dann stellt sich doch niemand die Reaktion der deutschen Politik wie in einem Hollywood-Blockbuster vor; eine Regierung, die schon mit der Beschaffung von Masken und Schnelltests überfordert war. Die Pandemie war ja irgendwie auch nicht wirklich so wie wir das zuvor in Filmen gesehen haben.

Wie würde wohl in der kurzen Zeit vor dem Impact, vielleicht dann, wenn dieses Objekt schon mit bloßem Auge am Himmel sichtbar wird, unsere Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit aussehen?

Ein Vergleich mit unserer gegenwärtigen Situation liegt nahe: Zunächst würden Expertinnen und Experten die Öffentlichkeit mithilfe von Wissenschaftsjournalisten darüber in Kenntnis setzen, es gäbe Analysen, Graphen, Berechnungen. Wie im Falle aller Asteroiden, Kometen oder Meteoriten ginge es zunächst um Wahrscheinlichkeiten und Zeithorizonte. Wie viel Zeit bleibt uns noch? Gibt es einen Weg das Unheil abzuwenden?

»Wir können die Wirtschaft nicht einem Kometen unterordnen«, protestiert ein prominenter Kanzlerkandidat.

Die Experten machen Vorschläge, wie wir sie aus zahlreichen Filmen kennen – z. B. Bruce Willis mit einer Atombombe ins All schießen – aber alle realistischen Lösungen sind mit sehr viel Aufwand, noch mehr Kosten und einschneidenden Veränderungen unserer aktuellen Lebenssituation verbunden.

»Wir können die Wirtschaft nicht einem Kometen unterordnen«, protestiert ein prominenter Kanzlerkandidat. »Wir werden unsere Lebensqualität doch nicht opfern, um den Asteroiden zu verlangsamen, wir haben noch neun gute Monate«, rufen ein paar Fatalisten. »Ist das überhaupt so gesichert mit dem Kometen? Es ist ja nur eine Prognose«, stellen andere die Aussagen der Weltraumforscher infrage, z. B. Lobbyisten der Tourismusindustrie, da aufgrund der Bedrohungslage nun alle ihre Urlaube für den Sommer 2022 stornieren. »Wir können uns doch nicht von einem Asteroiden diktieren lassen, wie wir zu leben haben«, merken Ethiker und Philosophinnen an.

Eine Expertin der Nasa wird zur »Weltraumaktivistin«

Eine Partei, die sich programmatisch zufällig schon länger mit der Weltraumforschung befasst, erklärt, wie man politisch dagegen vorgehen könnte, aber man wirft ihr berechtigterweise sofort Opportunismus und die Instrumentalisierung der Angst vor. Junge Menschen gehen auf die Straßen und demonstrieren dafür, dass etwas gegen die anstehende Apokalypse unternommen wird.

Anhänger älterer Generationen finden das einerseits natürlich wirklich toll, dass die Kids sich plötzlich wieder so politisch engagieren, andererseits wollen sich die Best Ager nicht von jüngeren Menschen diktieren lassen, ob und wie sie gegen den Weltuntergang vorgehen. Während sich der Himmelskörper unaufhaltsam nähert, sprechen Journalisten natürlich auch weiterhin über politische Themen, die mindestens genauso wichtig sind wie das unabwendbare Inferno, z. B. über Listenplätze im Saarland oder Currywurst in Betriebskantinen.

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Wenn Medien dann aber doch mit einer gewissen Alarmiertheit über den bevorstehenden Aufprall berichten, behaupten Kommentatoren, sie würden das nur tun, um der Weltraumforschungspartei zu helfen, weil die ja gegen den Asteroiden ist. Aus Angst, parteiisch zu wirken, schreiben manche Blätter nur im Wissenschaftsressort oder irgendwo auf Seite 14 über den bevorstehenden Einschlag, um ihre Neutralität zu bewahren. Ein paar Menschen nennen Weltraumforscherinnen und Mathematikerinnen auch »Kometenterroristen« und »Überlebensfanatiker«; eine Expertin der Nasa, die nun häufiger bei Markus Lanz sitzt, wird zur »Weltraumaktivistin« – andere Wissenschaftler kommen mutmaßlich zu ganz anderen Berechnungen; und solche Himmelskörper hat es in der Geschichte des Universums ja schon viele gegeben!

In einem internationalen Abkommen verständigt sich die Staatengemeinschaft darauf, gemeinsame Maßnahmen gegen den Kometen zu ergreifen, deren Ziele 2024 erreicht werden sollen. Es kommt die Frage auf, ob es sich überhaupt lohnt, etwas gegen das Ende der Welt zu unternehmen, wenn unklar ist, ob Russland und China mitmachen; schließlich könne Deutschland allein nur 2 Prozent des Asteroiden aufhalten. Man einigt sich darauf, mithilfe von Förderprogrammen nach Innovationen zu suchen, mit denen seine Geschwindigkeit eventuell verlangsamt werden kann, sodass er bestenfalls erst gegen 2040 einschlägt. Ein Start-up-Unternehmer schlägt vor, der FDP 500.000 Euro zu spenden, weil sie die einzige Partei sei, die wirtschaftsschonende Antworten auf das Armageddon hätte.

Immer präzisere Studien werden der Öffentlichkeit präsentiert, die nahelegen, dass der Asteroid sogar schneller einschlagen könnte als bisher angenommen. Die Welt könnte vielleicht schon in vier Monaten untergehen. Eine SPIEGEL-Kolumnistin schreibt über den neuen Bericht des Weltasteroidenrats, in dem sie sich milde über die politische Trägheit und Entrücktheit wundert. In Form einer Glosse stellt sie sich vor, wie komplett absurd es wäre, wenn man auf einen durchaus möglichen menschengemachten Klimawandel so reagieren würde, wie auf den unvermeidlichen, verheerenden Einschlag des Asteroiden.

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