Netflix-Western mit Starbesetzung Die mit den Werwölfen tanzt

Der deutsche Kinderstar Helena Zengel spielt in »Neues aus der Welt« an der Seite von Tom Hanks. Das ist sehenswert – auch wenn der Western von Regisseur Paul Greengras etwas schwer an seinen guten Absichten trägt.
Zengel, Hanks in »Neues aus der Welt«: Ein sehenswertes Gespann

Zengel, Hanks in »Neues aus der Welt«: Ein sehenswertes Gespann

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Bruce W. Talamon / Universal Pictures / Netflix

Er ist der Typ, dem die allermeisten Menschen beim Handel mit gebrauchten Autos unbedingt vertrauen würden, warum nicht auch beim Feilschen um gebrauchte Pferde? Tom Hanks, der freundlichste Jedermannsamerikaner, den Hollywood seit James Stewart in »Ist das Leben nicht schön?« hervorgebracht hat, spielt in »Neues aus der Welt« eine brave, gequälte Seele im finsteren Wilden Westen des Jahres 1870.

Sie ist das Gör, dem Kinozuschauerinnen und Zuschauer das schrillste Geschrei und die gewalttätigsten Ausbrüche zutrauen, seit sie im deutschen Film »Systemsprenger« ein praktisch nicht erziehbares Mädchen verkörpert hat. Die zwölfjährige Berliner Schauspielerin Helena Zengel tritt in »Neues aus der Welt« als beinahe stumme Heldin auf, die von amerikanischen Ureinwohnern aufgezogen wurde, nachdem diese ihre Eltern umgebracht hatten.

Zusammen sind Helena Zengel und Tom Hanks im Film des Regisseurs Paul Greengrass ein denkwürdiges, sehenswertes Gespann. Und zwei gewitzte Kumpane, die tatsächlich einmal in einer Notlage ein Gebrauchtpferd ergattern. Hank verkörpert einen Bürgerkriegsveteranen mit Namen Captain Jefferson Kidd. Mit einem klapprigen Pritschenwagen und einem Stapel Zeitungen zockelt dieser Mann von Kaff zu Kaff. Er trägt – wegen des Cholera-Todes seiner Frau und womöglich wegen eigener Verbrechen – viel Trauer im Herzen. In jedem Ort liest er den Leuten die Nachrichten aus nah und fern vor. Und eines Tages wird ihm auf seiner Wanderschaft die Begegnung mit einem Engel zuteil.

Irrfahrt durch ein gefährliches, von Hass bedrohtes Land

Jedenfalls sieht das von deutschen Einwanderern abstammende Mädchen Johanna (Zengel) mit ihrem weißblonden Haar und ihrer umwerfend unbeweglichen Miene ganz wie eine Himmelsbotin aus, wenn Captain Kidd sie in der Wildnis entdeckt. Die Waise Johanna sollte eigentlich von einem Regierungsbeamten, der sie im Reservat aufgegriffen hat, zu ihren Verwandten im Norden von Texas gebracht werden. Doch weil der Beamte ein Afroamerikaner ist, haben weiße Rassisten ihn am nächsten Baum gelyncht. Der reisende Informationsdienstleister Kidd nimmt Johanna also in den nächsten Ort mit – und beschließt, da im amerikanischen Süden der 1870er-Jahre die Staatsmachtvertreter ausgesprochen zäh arbeiten, das Kind selbst zu ihren Onkeln und Tanten zu befördern.

Darsteller-Duo Zengel, Hanks in »Neues aus der Welt«: In Gefahr und höchster Not wird mit Geldmünzen geballert

Darsteller-Duo Zengel, Hanks in »Neues aus der Welt«: In Gefahr und höchster Not wird mit Geldmünzen geballert

Foto: Bruce W. Talamon / Universal Pictures / Netflix

»Neues aus der Welt« ist angelegt als Reise durch ein gefährliches, von scheußlichen Menschen bevölkertes Land. Der britische Regisseur Greengrass ist 65 Jahre alt und hat außer dem Nordirlandfilm »Bloody Sunday« (2002) unter anderem drei Teile der Jason-Bourne-Reihe gedreht. Er zeigt den Wilden Westen ausgiebig als Naturidyll aus Drohnenperspektive und als eine irdische Hölle, in der Glücksritter, Halunken und Pionierfrauen fast ohne moralische oder gesetzliche Hemmnisse ums Überleben kämpfen. Selbst der offensichtlich mit blutigen Erfahrungen geschlagene Captain Kidd scheint einigermaßen erstaunt, als er während der Ballerei mit einigen Banditen plötzlich die Absichten der Angreifer erkennt. Die Schurken schießen nicht aus simpler Mordlust. »Sie haben es auf dich abgesehen!« schreit Kidd aus seinem Versteck auf einem Felshügel der kleinen Johanna zu. Woraufhin das Mädchen auf die Idee verfällt, die fehlende Munition in Kidds Gewehr durch Geldmünzen zu ersetzen.

Land der Gier und der verleumderischen Propaganda

Die Dollar-Schießszene ist ein filmhistorischer Verweis auf Sam Peckinpahs »Pat Garrett jagt Billy the Kid« aus dem Jahr 1973, in dem gleichfalls mit Dollars geballert wird. Noch auffälliger sind die vielen Anspielungen auf die politische und soziale Gegenwart der USA, die Greengrass in seinen Film einstreut. Die Story basiert auf einem erst vor ein paar Jahren erschienenen Roman von Paulette Jiles. Es ist eine Welt der Gier und der verleumderischen Propaganda, der Säufer, Vergewaltiger und Tierabschlachter, in die Captain Judd fast im Stil eines Predigers das Licht der Aufklärung zu bringen versucht. Bei ihrem Trip durch Texas lernen die beiden Helden, miteinander zu kommunizieren; mal in englischen Sprachbrocken, mal in der Sprache der Ureinwohner, und werden Zeugen eines Kriegs aller gegen alle, in dem jede und jeder nur auf den eigenen Vorteil zu achten scheint.

Besonders teuflisch führt sich der Herrscher über eine Region namens Erath County  auf, unter dessen Regime die Männer sich wie zähnefletschende Werwölfe benehmen. In einer furiosen Szene tanzen Johanna und ihr Gefährte Kidd dem Obergangster von Erath frech auf der Nase herum und wiegeln sogar seine Knechte ein bisschen gegen ihn auf.

Mit manchmal allzu großer Geruhsamkeit erzählt »Neues aus der Welt« einigermaßen Bekanntes aus der amerikanischen Provinz. Auch die deutschstämmigen Verwandten von Johanna, bei denen Captain Kidd und sein Schützling irgendwann ankommen, erweisen sich als zwar gottesfürchtige, aber den übrigen Eroberern des Westens sittlich null überlegene Sippschaft. So ist keineswegs sicher, ob »Neues aus der Welt« wirklich Anlass zu großen Hoffnungen auf die Zukunft des Menschengeschlechts gibt. Anlass, auch in Zukunft sämtlichen Charakteren zu vertrauen, die von Tom Hanks dargestellt werden, bietet der Film aber ganz bestimmt.

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