Netflix-Serienkillerserie »Dahmer« Kannibalismus, Nekrophilie und Daddy-Issues

Jeffrey Dahmer brachte in Milwaukee schwule und schwarze Männer auf brutalste Weise um. Ryan Murphy rollt den Fall für Netflix wieder auf. Hat er etwas Neues hinzuzufügen?
Schauspieler Evan Peters als Jeffrey Dahmer

Schauspieler Evan Peters als Jeffrey Dahmer

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Netflix

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Wohl kein Genre gelangte in den vergangenen Jahren zu so großer Popularität wie True Crime mit all seinen Spielarten – den Startschuss für den Hype gab vor acht Jahren der Podcast »Serial« über den verurteilten Mörder Adnan Syed, der gerade wieder in den Schlagzeilen ist, weil eine Richterin nach 20 Jahren Haft seine sofortige Freilassung anordnete. Unzählige weitere Formate folgten, auch im Fernsehen und Stream; zuletzt machte sich die Serie »Only Murders in the Building« genau über diesen Hype lustig, darin versuchen drei Hausbewohner ohne viel kriminalistisches Gespür, einen True-Crime-Podcast auf die Beine zu stellen.

Auch Regisseur Ryan Murphy schwimmt seit Jahren auf dieser Welle, seine Spezialität besteht darin, reale alte Fälle fiktionalisiert aufzurollen. Murphy steckt unter anderem hinter Erfolgsformaten wie »American Horror Story« und »The Assassination of Gianni Versace«. Für Netflix erzählt er jetzt gemeinsam mit Ian Brennan den Fall des Serienkillers Jeffrey Dahmer neu.

Niecy Nash als Dahmers Nachbarin Glenda Cleveland

Niecy Nash als Dahmers Nachbarin Glenda Cleveland

Foto: Netflix

In Milwaukee hatte Dahmer Ende der Siebzigerjahre über einen Zeitraum von 13 Jahren 17 Morde an Männern und Jugendlichen verübt. Die meisten seiner Opfer waren schwarz und homosexuell. Dahmer lockte seine Opfer in seine Wohnung, betäubte sie und ermordete sie auf brutalste Art, hatte Sex mit ihnen, fotografierte ihre Körper und behielt ihre Knochen sowie Schädel – in manchen Fällen aß er ihre Organe und Muskeln. So weit die Fakten, die den Fall in den Neunzigerjahren zum medialen Ereignis machten.

»Ich will dein Herz essen«

Die Serie nun beginnt – wie so oft bei Murphy – mit dem Ende. Im Jahr 1991 lernt Dahmer in einer Bar Tracy Edwards kennen, er lädt Edwards in seine schäbige Wohnung ein, wo alle Warnzeichen bereits da sind: eine blutverschmierte Bohrmaschine, tote Fische im Aquarium, ein blaues Transportfass, der verdorbene Gestank. Wieder versucht er, sein Opfer zu betäuben, erneut schaut er den »Exorzisten III«; er legt seinen Kopf auf die Brust von Edwards, weil er dessen Herzschlag hören will, und sagt zu ihm: »Ich will dein Herz essen.« Aber Edwards entkommt, schafft es, die Polizei auf sich aufmerksam zu machen.

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Hier, in der ersten Folge, versucht Murphy über diesen Plot die interessanten Fragen zu beleuchten: Konnte der Serienmöder so lange seine Taten begehen, weil die Polizei sich nicht für schwule und schwarze Männer interessierte? Weil in dem Stadtteil Schwarze und People of Color lebten? Ist Dahmers Geschichte also auch die Geschichte eines Polizeiversagens?

Denn Jeffrey Dahmer (in der Serie gespielt von Evan Peters, der im Netz zwar für seine Leistung gefeiert wird, dessen Spiel aber etwas Repetitives hat) war bereits vor den Morden mehrfach auffällig geworden. Er masturbierte in der Öffentlichkeit, wurde von einem Gericht wegen sexueller Übergriffe und der Verführung eines Minderjährigen zu einem Jahr Haft in einer Besserungsanstalt mit anschließender fünfjähriger Bewährung verurteilt. Seine Nachbarin (Niecy Nash) machte während der Mordphase später die Behörden mehrfach darauf aufmerksam, dass aus Dahmers Wohnung bis spät in die Nacht seltsame Geräusche und Gerüche kamen, doch daraus folgte nichts. Und so endet die erste Folge zumindest mit der Hoffnung, eine andere Art von Geschichte erzählen zu wollen – aus der Sicht der Opfer zum Beispiel.

Leider erfüllt sich diese Hoffnung jedoch nicht. Die Serie reißt eine andere Erzählweise nur an, im Anschluss erliegt »Dahmer« dann aber doch dem Reiz der Täterperspektive, dabei gibt es schon mehrere Filmproduktionen, Dokumentation und Bücher über den Serienmörder. Das spiegelt sich auch in der Ästhetik: Ständig ist es dunkel, düster, alles wurde offenbar in einem – vermeintlich – wirkmächtigen Sepiafilter gedreht.

Dahmer hat sich immer als Außenseiter gefühlt, hatte keine Freunde, wurde gemobbt, hat früh angefangen zu trinken. Seine Eltern (in der Serie von Richard Jenkins und Penelope Ann Miller gespielt) haben sich ständig gestritten, sich scheiden lassen und ihn für drei Monate danach allein in einem Haus gelassen – die Mutter ist mit dem kleinen Bruder abgehauen, der Vater hat sich mit seiner neuen Freundin in ein Motel einquartiert. Als er später aus dem College und der Armee rausgeschmissen wird, quartiert sich Dahmer bei seiner Großmutter mit einer Schaufensterpuppe ein. Dies alles wird in wiederkehrenden Schlaufen erzählt, die aber am Ende doch nicht wirklich die Figur greifen können, nicht über das Klischee hinausreichen.

Es dauert sechs Episoden, bis dieses Psychogramm endlich durchbrochen wird – dank dem von »Pose«-Produzentin und Autorin Janet Mock geschriebenen Drehbuch. In der Folge steht die Geschichte des Opfers Tony Anthony Hughes im Vordergrund. Aber sie bleibt eher eine Ausnahme als die Regel – etwas Neues als den üblichen Horror hat diese Serie dem Fall Dahmer nicht hinzuzufügen.

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