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Zeitschriften »Netzwerk der Rechten«

Von Matthias Matussek
aus DER SPIEGEL 42/1994

Abschiede werden in amerikanischen Zeitschriften derzeit am liebsten gefeiert - Abschiede von Erbschaften der kulturrevolutionären sechziger Jahre, von Selbstgewißheiten der permissiven Gesellschaft.

Da ist etwa der Triumph der sexuellen Befreiung, der unter dem Licht neuester Untersuchungen zu zerbröckeln beginnt. Eine neue Sex-Untersuchung, die fundierteste seit Kinsey-Tagen, ist dem Time-Magazin eine Titelgeschichte wert: Amerikaner sind nicht nur monogamer und enthaltsamer als bisher angenommen - sie sind auch noch glücklich damit.

Im Atlantic Monthly entzaubert Barbara Dafoe Whitehead, ebenfalls in einer Titelgeschichte, ein verwandtes linkes Dogma - den angeblichen Nutzen von Sex-Erziehung in der Schule, die Pflichtfach in 17 Bundesstaaten ist. Nach Whitehead hat die »technokratische« Sexaufklärung falschen Optimismus verbreitet - die Rate etwa von Teenagerschwangerschaften sei nicht nur nicht zurückgegangen, sondern dramatisch gestiegen, ebenso die der Ansteckung durch Geschlechtskrankheiten. Wer Teenager immer nur ermuntere, »sich auszuleben«, sende die falschen Signale.

Den linken Sozialingenieuren, die angeblich die Lehrbücher verfassen, wirft Whitehead vor, die falschen Normen zu vermitteln. Sie schrieben zwar von »einvernehmlichen Scheidungen«, nicht aber von glücklichen Ehen; über Sex, nicht aber über Treue; von den Wonnen, die »Sexualität auszuleben«, nicht aber, daß auch Enthaltsamkeit einer Empfehlung wert sei.

Hinter dem vermeintlichen »Realismus« der Autoren macht Whitehead die Normierungen von Alt-68ern aus, für die Scham und »sexuelle Repression« der Grund allen Übels gewesen seien. Doch »Verschämtheit«, so Whitehead, sei sicher nicht mehr das Problem der »MTV-Generation«, die eh alles wisse.

Sie schließt pessimistisch: »Wie verhindern wir, daß Jungen töten? Wie verhindern wir, daß Mädchen Babys kriegen? Wie begrenzen wir die soziale Katastrophe, die entsteht, wenn Halbwüchsige ,sich ausleben'?« Die rein mechanische Sexualerziehung, die Kindern eine »Flasche Körperöl und ein paar Kondome« in die Hand drücke, bevor sie sie ins »Rennen ums sexuelle Überleben« schicke, sei in Wahrheit »ein Rückzug«.

Die linksliberale The New Republic stellt in ihrem jüngsten Titelkomplex eine andere, progressive Errungenschaft der frühen siebziger Jahre zur Revision: die »affirmative action« genannte Quotenregelung, die farbigen Minderheiten, besonders Afroamerikanern, den Zugang zu Studienplätzen, Jobs und staatlichen Vergünstigungen erleichtert.

Autor Dante Ramos weist darauf hin, daß »affirmative action« zum Spielchip politischer Pressure-groups geworden ist.

Die deutschstämmigen Amish People etwa erhielten keine Förderung, wohl aber Argentinier, obwohl deren Durchschnittsverdienst mit 15 956 Dollar um rund 5000 über dem der Amish läge. Bulgaren oder Brasilianer seien nicht auf der Liste der zu fördernden Minderheiten. Dafür aber Pakistaner, Burmesen oder Japaner, die erheblich mehr verdienten als der Durchschnittsamerikaner.

Ramos plädiert dafür, »affirmative action« nur für Afroamerikaner und die indianischen Ureinwohner gelten zu lassen, »oder die ethnischen Haarspaltereien werden komplexer, als selbst die Architekten der Apartheid sich träumen ließen«.

Für Jeffrey Rosen (The New Republic) ist die legale Wirklichkeit der »affirmative action« problematisch geworden, da sie von »umgekehrtem Rassismus« manchmal nicht mehr zu unterscheiden sei. Er zitiert den Fall Taxman gegen Piscataway: Sharon Taxman war 1980, gemeinsam mit einer schwarzen Kollegin, am gleichen Tag für das gleiche Fach als Lehrerin angestellt worden. Als die Piscataway High School neun Jahre später aufgrund von Budgetkürzungen Personal entlassen mußte, wurde nicht, wie üblich, eine Münze zwischen den beiden Kolleginnen geworfen, sondern die weiße Taxman gefeuert - die Schule wollte eine Schwarze in dieser Abteilung.

Einen anderen Fall von »rassischer Zurücksetzung« brachten vier weiße Studienplatzbewerber in Texas vor Gericht. Sie waren abgewiesen worden, obwohl ihr Notendurchschnitt über dem von afroamerikanischen Mitbewerbern lag, die angenommen wurden. Mit diesem Fall, so Rosen, habe die Geschichte einen merkwürdigen Bogen geschlagen: Vor 40 Jahren wurde die Texas Law School verklagt, weil sie Schwarze ausschloß. Heute wird sie verklagt, »weil sie zu freundlich zu Schwarzen ist«.

Das Lamento über die unfaire Bevorzugung von leistungsschwächeren afroamerikanischen Bewerbern durch »affirmative action« ist Wasser auf den Mühlen des Soziologen Charles Murray, der im New York Times Magazine von Jason DeParle mit einer umfangreichen Titelgeschichte gewürdigt wird. Nach Charles Murray, dem »gefährlichsten aller Konservativen«, sind die durchgehend schlechteren Ergebnisse der Intelligenztests von Afroamerikanern ein Beweis dafür, daß Intelligenz keine Sache der Umwelt, sondern der Gene ist.

Murrays Diagnose, die er in seinem neuen Buch »The Bell Curve« ausbreitet: Da mangelnde Intelligenz für Armut verantwortlich sei, seien Hilfsprogramme sinnlos und würden die Lage der Unterschicht nicht wirklich verbessern. Obendrein seien sie volkswirtschaftlich ungesund, »da es ihre Nutznießer nie zurückzahlen werden«. Die Gesellschaft werde über kurz oder lang in eine kognitive Elite und eine große Unterschicht zerfallen, die mit polizeistaatlichen Methoden unten gehalten werden müsse.

Mit Tabellen und Zahlen verstehe es Murray, so DeParle, den düstersten konservativen Vermutungen über Rasse, Klasse und Geschlecht Respekt zu verschaffen: »Er läßt Radikalismus vernünftig erscheinen, er verführt mit Bergen von Daten.« Seine Schriften seien ein »Michelin zum amerikanischen Unterbewußtsein«, eine Art »soziowissenschaftlicher Pornographie«, über die die New York Times fasziniert berichtet.

Womöglich ein weiterer Beweis für die These von Michael Thomas im New York Observer, daß im amerikanischen politischen Diskurs eine neue Phase des Konservativismus angebrochen sei. Ein Konservativismus der »Geisteselite« und nicht der »dummen Neureichen« der achtziger Jahre. Als wenn es noch eines weiteren Beweises bedurft hätte, daß der Zeitgeist rechts weht, schildert Thomas' Observer-Kollege Craig Unger, wie New York, einst die Metropole des Liberalismus, eine Geisel des »neokonservativen Chics« geworden ist: »Manhattan ist jetzt das Lynchburg des Nordens.«

Ein Republikaner ist Bürgermeister, der Radio-Stammtischler Rush Limbaugh dominiert von Manhattan aus die nationalen Talkshows, und Wall-Street-Journal-Kommentator Robert Bartley versorgt die Stadt mit Neuigkeiten über Clintons »Nutten-Patrouille«. Der Observer nennt die New York Times, in der John Tierney eine Privatisierung des Central Parks vorschlägt, nur noch in Anführungsstrichen liberal.

Unger zitiert Columbia-Professor Alan Brinkley, der von dem imponierenden Netzwerk der Rechten in New York spricht. Und er schließt mit einem Stoßseufzer, der jedem liberalen, also jedem echten New Yorker aus der Seele spricht: »Warum mußten sie mich in meiner eigenen Stadt zur Minderheit machen?«

Matthias Matussek

US-Zeitschriften: Abschiede von der permissiven Gesellschaft

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