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AIDS Neue Hoffnung

Ein Medikament namens AZT, gewonnen aus dem Sperma von Heringen, hemmt die Vermehrung des Aids-Virus. Bisher nur in USA getestet, soll es in einigen Monaten auch in Europa erprobt werden. *
aus DER SPIEGEL 40/1986

Der große Frust liegt zwanzig Jahre zurück. »Miserabel« seien die Testergebnisse, »absolut enttäuschend«. Den Dr. Jerome Horwitz, Chemiker aus Detroit, schüttelt es noch heute, wenn er an sein Azidodeoxythymidin (abgekürzt: AZT) zurückdenkt. Die 1964 mühsam synthetisierte Substanz, von Horwitz und seinem Arbeitgeber mit großen Hoffnungen betrachtet, erwies sich als kompletter Versager: »Keine Wirkung, nichts, gar nichts.«

Damals sollte AZT den Krebs besiegen. Jetzt wird die Substanz gegen Aids ins Feld geschickt, den anderen großen Feind der Menschheit. Und siehe da, plötzlich berechtigt der pharmazeutische Oldie zu ganz neuen Hoffnungen: AZT, alle vier Stunden als Kapsel geschluckt, hat ein gutes Dutzend sterbenskranker Aids-Patienten vor dem sicheren Tod bewahrt.

Die Amerikaner hatten freiwillig an einem AZT-Großversuch teilgenommen, der im Februar dieses Jahres begann. 282 Aids-Patienten, alle im letzten Stadium der Krankheit, mußten monatelang regelmäßig ihre Arznei schlucken: 145 erhielten AZT-Kapseln, 137 nur ein Scheinmedikament ("Placebo"). Selbst die behandelnden Ärzte wußten nicht, welche ihrer Patienten den Wirkstoff und welche die harmlosen Zuckerkapseln einnahmen. Der »doppelte Blindversuch« sollte ein objektives Urteil erleichtern.

Vorletzte Woche nahm der Test ein abruptes Ende. Die leitenden Herren des Pharmakonzerns Burroughs Wellcome - in ihren Händen lag die Verteilung von AZT und gleichaussehenden Placebos - zogen öffentlich Bilanz: Von den 137 Aids-Kranken, die nur das Scheinmedikament erhalten hatten, sind bisher 16 Kranke der Seuche erlegen; in der AZT-Gruppe hingegen starb seit Februar nur einer von 145 Patienten. Deshalb bekommen seit letzter Woche alle Überlebenden des Versuchs den echten Wirkstoff - doch vorerst nur sie.

Im Januar 1987, so hoffen die amerikanischen Gesundheitsbehörden, wird die Substanz in ausreichender Menge auch für die anderen US-amerikanischen Aids-Patienten zur Verfügung stehen; derzeit sind zwölftausend Kranke im letzten Stadium (dreizehntausend Amerikaner sind der Seuche bereits erlegen). In Europa soll AZT Anfang nächsten Jahres im Rahmen einer »überwachten klinischen Studie« in den großen Aids-Zentren (darunter wahrscheinlich Frankfurt und Berlin) ausgewählten Kranken verabreicht werden.

»Die ethischen Probleme sind riesig«, sagt ein Aids-Experte über die Auswahlkriterien - doch nicht minder groß sind die pharmakologischen Probleme und die Schwierigkeiten bei der großtechnischen Herstellung des Medikaments.

Jerome Horwitz' Chemikalie leitet sich von einem Naturstoff ab, dem in allen Zellen vorkommenden Thymidin. Dieses Molekül, eine Nukleinsäurebase, ist Teil der genetischen Information. Das Aids-Virus HIV zwingt die von ihm befallenen Zellen, ihren eigenen genetischen Apparat in den Dienst des Eindringlings zu stellen (siehe Graphik). Die infizierten Zellen, meist solche des körpereigenen Abwehrsystems, werden vom Virus gezwungen, Tausende von Nachkommen zu produzieren - bis der Wirt zugrunde geht. Ohne körpereigene Abwehrzellen ist der Mensch jedoch wehrlos. Jeder Schnupfen kann dann zu einer tödlichen Lungenentzündung werden.

Das körpereigene Thymidin des Menschen läßt sich von den Aids-Viren zu deren Vermehrung ("Replikation") mißbrauchen. AZT, die chemische Fortentwicklung, tut das offenbar nicht: Die Substanz blockiert die Virus-Replikation und hemmt die Synthese von Virusstrukturen. Nach solch einem Medikament wird in allen Staaten der westlichen Welt seit Jahren gesucht.

»AZT«, verkündete frohgemut Dr. Robert Windom, Unterstaatssekretär im US-Gesundheitsministerium, »ist der erste therapeutische Wirkstoff, der für Aids-Patienten erfolgversprechend zu sein scheint.« Zugleich machte Windom eines ganz klar: »Ein Heilmittel ist AZT jedoch nicht.«

Denn bisher gibt es keinen Hinweis dafür, daß AZT-Schlucker die Aids-Viren wieder vollständig loswerden. Die Substanz verändert die Situation lediglich zugunsten der körpereigenen Abwehrkräfte. Sie sorgt dafür, daß die nicht infizierten Abwehrzellen, vor allem solche vom Typ T 4, sich wieder vermehren können, ohne gleich von Aids-Viren ruiniert zu werden. Je mehr T-4-Zellen ein Aids-Patient hat, desto besser sind seine Chancen, mit anderen Keimen fertig zu werden. Besonders gefährlich wird ihm eine Mikrobe namens »Pneumocystis carinii«, die bei abwehrschwachen Aids-Patienten tödlich gefährliche Lungenentzündungen hervorruft. An dieser Komplikation sind die meisten der mit Placebos verarzteten Aids-Patienten gestorben.

Die Überlebenden müssen etliche Nebenwirkungen der Droge in Kauf nehmen: Kopfschmerzen, Erbrechen und gefährlicher noch, eine Verminderung der Blutzellen. Wie es mit den Langzeit-Risiken des AZT bestellt ist, wagt keiner der behandelnden Ärzte vorherzusagen. Auch die Produzenten halten sich mit Prognosen zurück. In Amerika wird die Produkthaftung von den Gerichten meist extensiv ausgelegt, deshalb fürchten sich alle Pharmafirmen vor millionenschweren Schadenersatzklagen.

AZT-Hersteller Burroughs Wellcome, ein britischer Konzern mit Töchtern in den USA und den westeuropäischen Ländern, hat derzeit Arzneistoff für rund 2500 Aids-Patienten vorrätig. Die Grundsubstanz, das Thymidin, ist schwer zu beschaffen. Sie wird aus dem Sperma von Heringen gewonnen - eine ungemein umständliche und zeitaufwendige Prozedur. Mit Hochdruck versuchen die Wellcome-Chemiker sich deshalb an der Vollsynthese des Thymidins. Die Chancen stehen nicht schlecht.

So sehen das auch die Börsianer: Die Wellcome-Aktie stieg in zehn Tagen um 23,6 Prozent.

[Grafiktext]

Vermehrung blockiert Wirkungsweise des Aids-Hemmstoffs AZT Beim Angriff auf eine Zelle zwingt das Aids-Virus die genetische Maschinerie der Zelle, neue Aids-Viren zu produzieren: Mit Hilfe eines Enzyms ("Reverse Transkriptase") übersetzt es seine eigene Erbinformation (RNS) in den genetischen Code der Zelle (DNS). AZT blockiert die Reverse Transkriptase und verhindert damit die Umschreibung von RNS in DNS - und auch die Vermehrung der Aids-Viren. Zelle Zellkern DNS RNS an dieser Stelle wird der Infektionsvorgang durch AZT blockiert eindringendes Aids-Virus neue Aids-Viren nach »New York Times«

[GrafiktextEnde]

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