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Philosophie Neue Naivität

Der französische Philosoph Paul Ricoeur gibt dem Jahrhundertthema der Theologie, der Entmythologisierung, neue Perspektiven: Er deutet die Mythen als symbolische Sprache des Gewissens.
aus DER SPIEGEL 30/1972

Man kann nicht elektrisches Licht und Radio benutzen, in Krankheitsfällen moderne medizinische und klinische Mittel in Anspruch nehmen und gleichzeitig an die Geister- und Wunderwelt des Neuen Testaments glauben.« Mit diesem damals provozierenden Satz eröffnete vor rund 30 Jahren der Marburger Theologe Rudolf Bultmann den zweifellos bedeutsamsten Streit in der Theologie des 20. Jahrhunderts: die sogenannte Entmythologisierungs-Debatte.

Gegen den Entmythologisierer Bultmann polemisierte sowohl der bedeutendste Dogmatiker des 20. Jahrhunderts, Karl Barth ("Woher nehmen wir denn die Zuständigkeit, mit Gottes Wort rechten zu sollen?"), als auch der nichtchristliche Existenzphilosoph Karl Jaspers ("Er überzieht alle Herrlichkeit der Bibel mit einer Schicht sachlichen Redens").

An Bultmanns Programm für ein neues Verständnis der Bibel schieden sich fortan die Geister, nicht nur in den Seminaren und gelehrten Zirkeln der Fachtheologen. Auf Veranstaltungen etwa der »Bekenntnisbewegung 'Kein anderes Evangelium'« (SPIEGEL 14/ 1966) und auf Kirchentagen zerstritten sich radikale Entmythisierer und Bibeltreue über das Jahrhundertthema der Theologie.

Jetzt hat der französische Philosoph Paul Ricoeur, 59, Professor in Nanterre, der Debatte neue Impulse gegeben. In seinem auf drei Bände angelegten Hauptwerk, von dem die beiden ersten Bände kürzlich auch auf deutsch erschienen sind, will er den Mythen zum Beispiel der biblischen Erzählung von der Vertreibung Adams aus dem Paradies -- zu neuem Leben verhelfen. Sie sollen, meint er, symbolisch gedeutet werden*.

Zwar ist auch Ricoeur davon überzeugt, daß die Unmittelbarkeit des Glaubens an die biblischen Berichte. die »erste Naivität«, »unrettbar verloren ist« und die naiv-historische Deutung der Mythen angesichts der modernen Wissenschaft jede Bedeutung verloren hat. Niemand kann mehr glauben, daß Gott den Menschen am sechsten Tag aus Lehm geschaffen hat. Aber die auch für Ricoeur notwendige historische Kritik am Mythos darf nicht zu dessen Zerstörung führen.

Ricoeur will daher die historische Kritik durch eine neue Kritik ersetzen. eine Kritik, »die nicht reduziert, sondern wiederherstellt«. Die Kritik selbst soll eine neue Dimension des Glaubens, eine »zweite Naivität« begründen: die Entmythologisierung unserer Geschichte kann in ein Verständnis des Mythos als Mythos umschlagen und uns erstmals in der Geschichte der Kultur die mythische Dimension zu fassen geben.«

Nur in der mythischen Dimension, meint Ricoeur, werde die Bindung des Menschen an das ihm Heilige und an das Böse faßbar. Angesichts der »grauenvollen Geschichtsentwicklung, die in die Hekatomben der Konzentrationslager, in den Terror der totalitären

* Paul Ricoeur: »Die Fehlbarkeit des Menschen. Phänomenologie der Schuld I.« Verlag Karl Alber, Freiburg: 192 Seiten; 34 Mark. -- »Symbolik des Bösen. Phänomenologie der Schuld II.« 408 Seiten; 48 Mark.

Staaten und in die Atomgefahr auslief«, kann nicht mehr empirisch beschrieben werden, warum der Mensch das Böse tut -- obgleich er es tut.

Jeder Versuch der Einzelwissenschaften zum Beispiel der Soziologie oder der Psychoanalyse oder der marxistischen Geschichtsphilosophie -, das Rätsel der menschlichen Freiheit, die sich in der Realität des Bösen als »geknechtete Freiheit« offenbart, darzustellen und zu erklären, ist laut Ricoeur gescheitert. Meist hätten die Wissenschaften diesen Versuch auch gar nicht unternommen, sondern einfach das Böse wie das Heilige für illusorisch erklärt.

Das Böse aber ist für Ricoeur schon immer da. und zwar vor jeder neuen Setzung durch die einzelne Fehltat. Dieses »Rätsel des unfreien Willens, d. h. eines freien Entscheidungsvermögens. das sich bindet und sich immer schon gebunden findet«, ist für den Protestanten Ricoeur das Rätsel des Menschen schlechthin. Daß der Mensch des Bösen fähig ist und es immer wieder in die Welt bringt, ist nur die eine Seite des Bösen: Die Fehltat jedes einzelnen enthüllt ebenso, daß der Mensch »nicht nur schuldiger Urheber, sondern ebensosehr ein Opfer des Bösen« ist. Dieses Unabwendbare des Bösen, seine Radikalität. gehört laut Ricoeur in die menschliche Freiheit hinein, es ist ihr tragischer Zug, ihr »Schicksalscharakter« -- was die neue Aggressionsforschung radikal ablehnt.

Dieses Schicksal des Menschen, sein Ausgeliefertsein an das Böse, wird in den Mythen deutlich, sowohl im tragischen Mythos der Griechen als in den. jüdischen Mythen -- so in denen vom gefallenen Adam und vom unschuldig leidenden Hiob. Für Ricoeur sind Prometheus, Adam und Hiob Symbol-Figuren menschlicher Grunderfahrungen -- des Bösen und des Heiligen -, die nicht von der Wissenschaft, sondern nur von den Mythen her gedeutet werden können und in denen sich die Bekenntnissprache des menschlichen Gewissens ausdrückt.

Zur Erfahrung des Heiligen und des Bösen, wie sie in den Mythen erzählt wird, gehört freilich in der modernen Welt wissenschaftlicher Rationalität eine »zweite Naivität«, eine neue kritische Unbefangenheit der Mythen-Deutung: »Indem wir interpretieren, können wir aufs neue verstehen.«

Erst in dieser »zweiten Naivität«, die Ricoeur auch eine »zweite kopernikanische Wendung« nennt, soll, hofft Ricoeur, der Mensch wieder die totale Wirklichkeit der Welt erfahren, eine Wirklichkeit, die von der Wissenschaft allein nicht erkannt werden kann.

Die neue Aufgabe der Philosophie besteht daher laut Ricoeur darin, in der zweiten Naivität die Grunderfahrungen der Mythen mit »Einbildungskraft und Sympathie« zu wiederholen, um dann zu einer rationalen Philosophie der Schuld vordringen zu können.

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