Kunst von Barbara Kruger in Berlin Die Macht der Worte

Flanieren auf knalligen Parolen: US-Künstlerin Barbara Kruger hat politische Schriftzüge auf dem Fußboden der Berliner Nationalgalerie ausgebreitet. Die klingen dystopisch – und in Zeiten des Krieges hochaktuell.
Entziffern statt betrachten: Installation von Barbara Kruger in Berlin

Entziffern statt betrachten: Installation von Barbara Kruger in Berlin

Foto: Timo Ohler

Kunst von Barbara Kruger  darf manchmal betreten werden. Nämlich dann, wenn sie ihre riesigen Textbilder auf Böden ausbreitet. Nun hat die 77-jährige Konzeptkünstlerin aus den USA ein Werk für die Neue Nationalgalerie Berlin ersonnen. Die ist zwar gerade erst frisch renoviert worden, doch Kruger ließ Teppiche, Sitzgelegenheiten und Sechzigerjahre-Vorhänge wieder entfernen und überzog den Steinboden des Erdgeschosses mit Vinylbelag, darauf riesige Schriftzüge in Schwarz, Weiß und Rot.

Besucher der Nationalgalerie wandeln auf ihren Parolen, Witzen und Aufforderungen, die Kruger mit Zitaten von Walter Benjamin, James Baldwin und George Orwell kombiniert hat. Die Formulierungen der drei Schriftsteller drehen sich um große politische Themen: die Gewalt totalitärer Staaten, die Mechanismen gesellschaftlicher Diskriminierung und die Gefahren einer einseitigen Geschichtsschreibung.

Kruger-Schriftzug in New York

Kruger-Schriftzug in New York

Foto: Timothy Schenck

In die Mitte ihrer Installation hat die Künstlerin ein bedrohliches Orwell-Zitat aus dem Roman »1984« gesetzt: »Wenn Sie sich ein Bild von der Zukunft machen wollen, dann stellen Sie sich einen Stiefel vor, der auf einem menschlichen Gesicht herumtrampelt, für immer.« Orwell hatte diesen Satz kurz nach dem Zweiten Weltkrieg geschrieben, damals als Abrechnung mit dem Nationalsozialismus.

Orwell hätte das begrüßt

Heute erinnert er auch an die Brutalität des Krieges in der Ukraine, und das hätte Orwell vermutlich begrüßt, denn »1984« war eine Mahnung, jede Form staatlicher Gewalt und Kontrolle kritisch zu sehen. Krugers Slogans sollten zwar nicht immer mit konkreten Ereignissen verbunden werden – Ort und Zeit bestimmen immer wieder neu, was der Betrachter mit ihren Parolen verknüpft –, zur Eröffnung aber kam man um eine aktuelle politische Deutung nicht herum: In der ersten Woche der Schau legt sich die ukrainische Performancekünstlerin Maria Kulikovska dreimal täglich für eine Stunde auf die Stufen der Neuen Nationalgalerie und bedeckt sich mit einer ukrainischen Flagge. Wie verwundet liegt sie dort, manchmal sehen Besucher den versteckten Körper zucken oder einen Fuß unter dem blau-gelben Tuch hervorlugen. Es sei ihr »Akt der Solidarität, ein Akt der Betroffenheit und des kollektiven Schmerzes, ein Symbol von Tragödie und Völkermord, die wir jeden Tag sehen«, so Kulikovska.

Künstlerin Kulikovska bei ihrer Performance »254« vor der Neuen Nationalgalerie

Künstlerin Kulikovska bei ihrer Performance »254« vor der Neuen Nationalgalerie

Foto: Carsten Koall / Getty Images

Das passt zu den dringlichen Parolen von Barbara Kruger, die hofft, dass ihre plakative Ästhetik die Besucher der modernistisch strengen Ausstellungshalle Ludwig Mies van der Rohes dazu bringt, sich mit »Ideen über Geschichte und Zukunft, über Angst und Hoffnung und über die Verwendung und den Missbrauch von Macht« zu beschäftigen.

Ihre Arbeit kann auch als Analogie zu digitalen Medien gelesen werden: Wer auf Krugers Texten herumspaziert, kann immer nur einen Ausschnitt wahrnehmen. Für ein vollständiges Erfassen bräuchte es mehr Abstand. Ihre kurzen Slogans wirken grafisch und direkt. Längere Texte hingegen »funktionieren nur im Prozess, wenn man durch den Raum geht, wenn man über die Wörter geht und durch sie hindurch«, so Kruger.

Kruger gehört zur ersten Generation feministischer Künstlerinnen. Sie begann als Gra­fikerin für Magazine wie »Mademoiselle« und »House & Garden« und wurde mit Slogans wie »I Shop Therefore I Am« (1987) und »Your Body Is a Battleground« (1989) zu einer Größe der Appropriation Art, die vorgefundene Mittel zitiert und verfremdet. Als Kapitalismuskritikerin wünscht sich Kruger, dass kein Kunstwerk mehr als 1500 Dollar kostet, doch räumt sie auch ein: »so funktioniert der Kunstmarkt leider nicht«.

»Barbara Kruger. Bitte lachen / Please cry«, Neue Nationalgalerie Berlin , bis 28. August 2022