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DESIGN Neue Prächtigkeit

Form-Fetischisten, Spinner oder verkannte Avantgarde? Junge deutsche Designer starten zum Angriff auf den Allerweltsgeschmack. *
aus DER SPIEGEL 2/1985

Die drei Juroren, angereist als Fachleute für moderne Formgebung, waren sich schnell einig. 50 Nachwuchstalente aus der gesamten Bundesrepublik hatten ihre Entwürfe im Oktober letzten Jahres zur 9. Design-Börse nach Essen geschafft. Aber weder pfiffige Leuchten noch innovative Möbelstücke fanden das Entzücken der Experten.

Statt dessen lobten und prämiierten sie technisches Allerweltsgerät: eine Etikettiermaschine beispielsweise, zwei Diaprojektoren und einen Teeautomaten. Die Apparaturen gefielen der Jury wegen der »kontrollierten Gestaltqualität« oder neuartiger Technik, »wobei der Aspekt der Präzision eine sehr große Rolle spielt«.

»Die Deutschen«, amüsierte sich der italienische Designer Ettore Sottsass über seine nördlichen Kollegen, »denken immer nur an gute Verarbeitung und Funktionalität.« In ihrer Manie, alles so praktisch oder ergonomisch wie möglich zu gestalten, vergäßen sie völlig, daß Design »keinen Anspruch auf alle Ewigkeit« erheben müsse. Sottsass, Gründer und Ziehvater der Mailänder Gruppe »Memphis«, die seit 1980 mit bunten, unkonventionellen Möbeln international Furore macht: »Die haben die Bauhaus-Botschaft völlig mißverstanden.«

Während viele Firmen in Italien oder Frankreich jungen Gestaltern gern eine Chance einräumen, haben deutsche Nachwuchs-Designer seit Jahrzehnten Mühe, avantgardistische Ideen umzusetzen. Ihre Kundschaft, vom Küchenhersteller bis zur Porzellanmanufaktur, scheut fast immer das Risiko, Produkte mit ungewöhnlicher Optik auf den Markt zu bringen.

»Zu viele der mitentscheidenden Leute in einem Unternehmen fühlen sich da berufen, Urteile abzugeben«, klagt Dieter Rams, einer der Väter des Braun-Designs, über den fehlenden Instinkt mancher Manager. In ihrer Furcht, womöglich einen Flop zu landen, vertrauen die Verkäufer lieber auf Bewährtes, womöglich gar auf den eigenen labilen Geschmack: Besser bieder als gar nicht mehr im Geschäft.

Diese Mentalität der perfektionierten Langeweile hat sich - fast zwangsläufig - auf die meisten Designer übertragen. Aber zum Glück nicht auf alle.

»Ich möchte keine Design-Prostitution betreiben«, motzt Mario Vivaldi, 27, aus Schwäbisch-Gmünd, dessen neuartige Schwingsessel und -hocker bislang zwar Anerkennung, aber keine Käufer fanden.

Andreas Brandolini, 33, von der Berliner Gruppe »Bellefast« konnte die ständigen Einwände kleinlicher Besserwisser ebenfalls nicht länger ertragen. Statt sich anzupassen, beerdigte er die Zusammenarbeit mit der Aufforderung: »Rutscht mir doch den Buckel runter.«

Für Harald Hullmann, 38, von der Kooperative »Kunstflug« aus Düsseldorf sind »diese industriellen Onanier-Orgien« ohnehin seit langem suspekt. Die Gruppe beschloß: »Da machen wir nicht mehr mit.«

Die Zahl der Aussteiger, die dem Frust entfliehen wollen, täglich ohne Engagement den herkömmlichen Gestaltungsbrei mit anrühren zu müssen, nimmt zu. Verstärkung kommt regelmäßig von den deutschen Universitäten; sie spucken jedes Jahr Hunderte von gestaltungswütigen Design-, Kunst- und Architektur-Studenten aus, die ohnedies kaum Aussicht auf einen Job haben.

Statt als fest angestellter Industrie-Designer zum 22. Mal Details an Türklinken oder Handtuchhaltern zu verbessern, machen sie sich lieber selbständig und entwerfen euphorisch alles, was ihnen Spaß macht. Ohne Rücksicht auf rechte Winkel, frei von Konventionen, starten die Verfechter der neuen Linienführung derzeit einen Generalangriff auf die Gemütlichkeit in deutschen Wohnzimmern und den von Massenfabrikanten infiltrierten Allerweltsgeschmack der Bundesbürger.

Vorerst nimmt nur eine interessierte Minderheit vom Aufstand der Designer Notiz. Mit einer Ausstellung im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe vor zwei Jahren begann es (SPIEGEL 51/1982); inzwischen sind permanente Ausstellungsräume in Hamburg ("Möbel perdu«, »Form und Funktion"), München ("Strand") und Hannover ("Quartett") eingerichtet.

Von März bis April dieses Jahres werden Beispiele der unkonventionellen Formensprache in Wuppertal präsentiert.

Spätestens im Herbst wird der WDR einen Fernsehfilm (Arbeitstitel: »Junges deutsches Design") ausstrahlen. Im Frühjahr 1986 will das Kunstmuseum in Düsseldorf eine Schau unter dem Titel »Gefühlscollagen - Wohnen von Sinnen« eröffnen. Auch aus Toronto und Tokio kamen Einladungen.

Die neuen Objekte, vornehmlich Möbel und andere Wohngegenstände, provozieren mit schrillen Farben, verwirren durch ungewohnte Formen und Proportionen. Sie wirken oft aggressiv, manchmal häßlich, stehen auf zerbrechlich anmutenden Spaghettibeinen oder derben Klumpfüßen, sind mitunter aufdringlich oder ironisch-pompös, glitzernd glatt oder aufregend kantig.

Ohne Scheu vor Experimenten werden die unterschiedlichsten Materialien scheinbar wahllos miteinander kombiniert: Marmor, Gummi und Eisenrohr, verrostetes Blech und rohes Bauholz, Silikon, Zelluloid, Laminate und Acrylglas, manchmal sogar auch Tierfelle, Nappaleder und Resopalplatten. Solche Baustoffe, erläutert Rouli Lecatsa von der Hamburger Designergruppe »Möbel perdu«, »sind zum neuen Fetisch geworden«.

Meist auf der Kippe zwischen Kitsch und Kunst(handwerk), verunsichern viele Entwürfe zunächst Betrachter und Benutzer, deren Sehgewohnheiten am Herkömmlichen geschult sind - vom Ikea-Katalog übers Kaufhaus-Interieur bis hin zur eigenen Einrichtung.

Erst wenn Neugier und Interesse die langjährigen Normvorstellungen verdrängen helfen, vermag die Raffinesse mancher Objekte das Befremden aufzuheben. Dem Betrachter bleibt zu entscheiden, was überwiegt: Schock oder Charme. »Hübsch häßlich muß es sein«, wunderte sich das Frauenblatt »Cosmopolitan«,

und ein Berichterstatter des »Rheinischen Merkur« warnte seine Leserschaft nach einem Atelierbesuch bei »Möbel perdu« vor der »neuen Scheußlichkeit«.

So ungewöhnlich wie die Objekte selbst sind auch ihre Geburtsstätten. Das deutsche Neo-Design entsteht in Kellern, Garagen und Hinterhöfen, in engen Sozialwohnungen oder kahlen Lofts. Vornehmlich in Berlin und Hamburg, aber auch in Düsseldorf, Stuttgart und München werkeln - fast unbemerkt - Dutzende von Design-Revoluzzern, die meisten von ihnen zwischen 25 und 35 Jahre alt, an der Re-Formation der Dinge.

Geplant und gefertigt wird in fundamentaler Opposition zu allem, was an Hochschulen heilig und im Laden teuer ist: Die Bauhaus-Strenge der 20er Jahre ist unter Neo-Designern ebenso verpönt wie Max Bills bibelhafte Richtlinien, die in den fünfzigern und sechzigern an der »Ulmer Schule« (für Gestaltung) gepredigt wurden. Was Generationen von Gestaltern geprägt, zuweilen aber auch gelähmt hat, gerät unversehens auf den Sperrmüll des Zeitgeistes.

Totale Kreativität ist nun gefordert; »die Designer der neuen Prächtigkeit« ("Kunstflieger« Hullmann) lehnen einschränkende Regularien rigoros ab: freie Entfaltung einer skurrilen, mitunter fast skrupellosen Phantasie statt »form follows function«, jener einst revolutionären Ideologieformel, der zufolge sich die äußere Form eines Gegenstandes ausschließlich nach dessen Zweck und Funktion zu richten hat.

In Berlin schweißten - form follows fantasy - die »Bellefast«-Designer Joachim Stanitzek, Klaus Block und Andreas Brandolini rostige Rohre und Bleche zusammen, legten ein Kuhfell drüber und brachten zwei schwenkbare Lampen an. Standhaft behaupten sie, auf diese Weise eine nützliche Schlafzimmer-Garderobe geschaffen zu haben. Titel des Kultobjekts: »Nicht hinwerfen, sondern ablegen.«

Zuvor hatten die Berliner tortenheberartige Tische und Stühle ("side by side") entworfen und mutig einen Versuch unternommen, die deutsche Frühstückskultur mittels neuartiger Eierbecher zu verfeinern.

Die Düsseldorfer »Kunstflug«-Crew (Heiko Bartels, Gerhard Fischer, Charly Hüskes, Harald Hullmann) zersägt gelegentlich Baumstämme, um sie in Neon-Skulpturen zu verwandeln. Industriell vorgefertigte Sitzschalen montieren die Vier gern auf bizarre Kunststoffblöcke, und mitten aus der runden Platte ihres jüngsten Wohnzimmertisches züngelt

eine gut 20 Zentimeter hohe Propangasflamme.

Ganz aus Blech schnitt der Hamburger Michel Feith ("Möbel perdu") ein Zweiersofa und Obstschalen, die auf eigenen Füßen stehen. Gemeinsam mit Rouli Lecatsa und Claudia Schneider-Esleben schuf er ein »Hausbar-Ensemble« mit Ecken und Kanten.

Zwei Meter lange Wandtische mit Platten aus handpoliertem Vogelaugenahorn entstehen in der Kölner Werkstatt von Werner Hoffmann, während die Münchner Macher Helmut Schmid und Hans-Walter Stemmann ornamentale Lampen entwerfen und verchromte Kleiderstangen mit knallig bunten Scheiben und Dreiecken zusammennieten.

Über eine Liege von Wolfgang Flatz urteilte der Schweizer Architekt und Design-Experte Robert Haussmann: »Die sieht aus wie ein Mies van der Rohe mit dicken Füßen.« Der Münchner Flatz, 1981 durch seine Blitzstühle bekannt geworden, hat inzwischen ein neues Betätigungsfeld gefunden: Er trimmt Kneipen und Geschäfte auf den neuen deutschen Design-Look, zuletzt einen Frisiersalon in München (siehe Seite 153).

In seinem Hamburger Atelier schraubt Thomas Wendtland dünne Nirosta-Platten auf zierliche Tischbeine. Stahl und Glas sind die Hauptmaterialien seines - nun allerdings puren, strengen - Designs.

Wendtlands »Zick-zack-Konsole« mit Leuchten und geschliffenem Spiegelglas wartet ebenso auf einen Hersteller, der sich zur Serienfertigung bereit fände, wie der beidseitig zu öffnende Schrank von Günter Pries und die Tische und Stühle von Istvan Balazs. Pries und Balazs stellen ihre Objekte in der Hamburger Galerie »Form und Funktion« aus.

Obwohl sie auf den meisten Entwürfen einstweilen sitzenbleiben, tüfteln die Form-Fanatiker der neuen deutschen Design-Welle unermüdlich weiter, immer in der Hoffnung, die kompromißlose Eigenbrötelei werde sich irgendwann vielleicht doch bezahlt machen.

Aber die Großstadt-Schickeria, die sich in den Designer-Ateliers gern zu Ausstellungseröffnungen trifft und Begeisterung heuchelt, um bloß keinen Trend zu verpassen, mochte bislang kaum zum Scheckbuch greifen. Bei Vernissagen in der Münchner Galerie »Strand« drängeln sich wohl regelmäßig bis zu 300 Besucher, »doch der Verkauf läuft nur kleckerweise«, klagt »Strand«-Chefin Petra Winderoll. »Am Preis allein

kann es nicht liegen«, vermutet der Allround-Künstler Jan Roth.

Die meisten Besucher seiner eigens in der Münchner Innenstadt angemieteten Ausstellungsräume befürchten offensichtlich, so mußte Roth feststellen, daß hochbeinige Sandsteintische (um 5000 Mark) und kunstvoll konstruierte Halogen-Objekte (um 3000 Mark) die mühsam komponierte häusliche Wohnzimmereinrichtung aus Lack und Leder, Chrom und Glas stören könnten.

Die potentiellen Mäzene der neuen Richtung tragen ihre Tausendmarkscheine lieber in die etablierten Einrichtungshäuser und erwerben »Klassiker«, bei denen sie nichts riskieren: Re-Editionen von Walter Gropius, Le Corbusier, Eileen Gray oder Marcel Breuer. »Solche Läden sind längst zum Mausoleum verkümmert«, schimpft der Berliner Design-Kritiker Christian Borngräber.

Mangelnde Akzeptanz und fehlende Vertriebswege - unter solchen Bedingungen ist es nicht verwunderlich, daß die meisten alternativen Designer von ihrer Arbeit kaum leben können. Während der Münchner Roth ("Ab und zu verkaufe ich mal irgendein Trumm") dabei ist, Erspartes aufzuzehren, muß beispielsweise Frank Schreiner alias »Stiletto«, der Aldi-Einkaufswagen zu rollenden Sitzmöbeln verbiegt (siehe Kasten Seite 133), tagsüber die Betonlaster einer Berliner Firma durch die Stadt kutschieren; erst abends geht er seinem Hobby nach.

Die »Möbel perdu«-Leute in Hamburg, alle drei gelernte Architekten, verdienen ihren Lebensunterhalt mit Bauzeichnungen, ebenso wie das »Bellefast«-Team.

»Viel Interesse, aber wenig Umsatz«, konstatiert die Mehrheit der Designer. Immerhin: Einzelstücke ließen sich an den Mann bringen. »Möbel perdu« verkaufte vor allem Neon-Objekte, der Münchner Flatz lieferte Blitzstühle in diverse Management-Etagen. Stefan Bumm aus Düsseldorf registrierte so starkes Interesse an einem seiner Lampenentwürfe, daß er demnächst eine

Kleinserie von einhundert Exemplaren auflegen will.

Für den Hamburger Thomas Bley kam der Erfolg erst, als er nach New York umgezogen war. Zuvor wurden seine Entwürfe wohl gelobt, aber kaum gekauft. Der Stuttgarter Thomas Müller fand kurz vor Weihnachten einen deutschen Möbelhersteller, der ihm die Rechte an seinem Garderoben-Turm »Johann« abkaufte. An einem weiteren Müller-Entwurf zeigte die Traditionsfirma Thonet Interesse.

Auch Ladenbesitzer und Kneipiers haben entdeckt, daß sich das Geschäft mit ungewöhnlichem Interieur ankurbeln läßt. Für ihr neues Restaurant »Switzerland« engagierte die Frankfurter Messegesellschaft im letzten Jahr ein Team progressiver Designer. »Die Bauern fanden das ganz toll«, freute sich der an der Konzeption beteiligte Brandolini nach einer landwirtschaftlichen Ausstellung auf dem Messegelände.

Manche der großen Möbelhersteller spannten junge deutsche Designer vor ihren Umsatzkarren. Für die »Duo«-Serie warb die Firma Interlübke mit (ordnungsgemäß angemieteten) Neon-Requisiten aus dem Hamburger »Möbel perdu«-Atelier. Und das französische Unternehmen Roche-Bobois versuchte den Absatz seiner Knautschsofas mit den farbenfrohen Stuhlentwürfen von Wolfgang Flatz anzukurbeln.

»Ohne mich zu fragen, haben die einfach Anzeigen mit meinen Objekten veröffentlicht«, beschwert sich der Münchner. Mit einstweiligen Verfügungen und Unterlassungsklagen will er die Franzosen stoppen, die, nach Androhung einer Schadenersatzforderung in Höhe von 50 000 Mark, auch bereits einlenkten.

Fachleute bleiben dennoch skeptisch, ob wenigstens einige Schaumkrönchen der neuen deutschen Design-Welle schon bald in die Wohnungen der Durchschnittsbürger schwappen werden: Was Möbelproduzenten unter innovativer Formgebung verstehen, ist oft nur oberflächliche Retusche am Krempel von vorgestern.

Selbst wenn ausdrücklich »Akzente für die Zukunft« verlangt werden, wie jüngst bei einem Wettbewerb des Design Center Stuttgart, halten sich Mut und Phantasie in Grenzen.

»Wie sehen deutsche Möbel für die zweite Hälfte der 80er Jahre aus?« wollten die Stuttgarter wissen. Elf Juroren aus vier Ländern gaben, nach dreitägiger Bewertung von immerhin 220 Beiträgen, eine klare Antwort: genauso wie bisher - hübsch langweilig, aber prima verarbeitet.

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