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ARCHITEKTUR Neue Riesen für New York

Manhattan greift nach den Sternen: Stararchitekten haben hochtrabende Pläne für ein neues World Trade Center vorgestellt - es soll sogar die alten Zwillingstürme überragen.
aus DER SPIEGEL 52/2002

Die symbolische Botschaft dieses Wolkenkratzers lautet: Wir sind die Allergrößten. Das Mega-Hochhaus überragt mal eben den Rest der New Yorker Skyline um ein Mehrfaches und übertrumpft im Höhenrausch mühelos seinen Vorgängerbau: das World Trade Center, dessen 417-Meter-Maß auch schon recht gewaltig wirkte.

Der Brite Norman Foster hat für New Yorks Ground Zero eine monumentale Himmelsfestung entworfen, eine hochtrabende Sensation: Sein gigantischer Wolkenstecher besteht aus zwei extrem gedehnten, ineinander verschlungenen Dreiecken, die elegant und trotzig an das Zwillingsmotiv des zerstörten World Trade Center erinnern.

High is beautiful. So viel steht für die sieben Architektenteams fest, die am vergangenen Mittwoch in Manhattan ihre Vorschläge für den Wiederaufbau des World Trade Center vorgestellt haben. Manche haben dabei allerdings ihren guten Geschmack vergessen.

Ihre insgesamt neun Modelle wurden im Wintergarten des World Financial Center präsentiert: Exzentrische Visionen für das berühmteste und symbolträchtigste Grundstück der Welt - für das sechs Hektar große Gelände, auf dem die Zwillingstürme des World Trade Center standen und wo mehr als ein Vierteljahrhundert lang die Skyline New Yorks gipfelte. So lange, bis die Wolkenkratzer nach den Terrorattacken des 11. September 2001 zu einem gigantischen Trümmerhaufen zusammensackten, dabei weitere Gebäude zerstörten und über 2800 Menschen unter sich begruben.

Aus dem weltbekannten Silhouetten-Sinnbild für die wirtschaftliche Supermacht wurde ein Massengrab. Und noch immer fragen sich alle, wie babylonisch sich New York nach dieser Apokalypse in Zukunft wieder geben dürfe - ausgerechnet auf dem blutgetränkten Ground Zero.

Die Antwort der Architekten ist klar: Kaum ein Plan verzichtet auf stolze Skyline-Knüller, und gleich vier der vorgeschlagenen Riesen wollen deutlich höher ragen als der Vorgängerbau.

Wer darin einen frivolen Frevel sieht und mehr Zurückhaltung anmahnt, hat Pech: Ausgerechnet die zurückhaltenden Entwürfe überzeugen gar nicht. Eines der niedrigsten Modelle stammt von dem Architektenteam um Richard Meier, Erbauer unter anderem des Getty Museums in Los Angeles und wie Foster ein weltbekannter Star. Und gerade dieses Modell ist besonders hässlich: wuchtige, rechteckige Gitterstrukturen aus Hoch- und Querverstrebungen degradieren den New Yorker Himmel zur Folie eines geometrischen Grundkurses, dessen Flachheit die Weltmetropole schlicht verschandeln würde.

Das international besetzte Team Think hat dagegen neue Twin Towers entworfen, aber was für welche: silbern glitzernde, transparente Zwillings-Eiffeltürme, die ein funktionsloses Denkmal - für ein vorgeschlagenes »Weltkulturzentrum« - sind. Die markanten Stahlgerüste können besichtigt, aber nicht als Bürohäuser genutzt werden. Sie schweben über den Fundamenten der ehemaligen Türme, jenen Tabuflächen, die auch keiner der anderen Entwürfe zur kommerziellen Nutzung bebauen darf.

Das verwundete Herz der Stadt soll aber trotzdem auch für das Big Business schlagen. Die nüchternen Nutzbauten zeigt die Gruppe Think vorsichtshalber in zwei separaten Modellen, um niemanden zu verprellen. Gefallen sollen die Neubauten nicht zuletzt den Anwohnern.

Im Juli scheiterte ein Versuch, den New Yorkern ein paar grausam lieblose Mastermodelle unterzujubeln. Die damaligen sechs Variationen stammten aus einem einzigen Architekturbüro. Alle Modelle fielen durch: Die New Yorker drängelten sich zu Tausenden in bis zu achtstündigen Diskussionsveranstaltungen, die meisten protestierten gegen diese trostlos konventionellen Kommerzkisten. Gerade die Angehörigen der Opfer sahen darin pure Pietätlosigkeit.

Inzwischen wird der für die zuständigen Behörden eher peinliche Auftakt nur noch als »Phase 1« bezeichnet. In Phase 2, die im August kurzentschlossen ausgerufen wurde, muss die verlorene Zeit aufgeholt werden: Binnen vier Wochen wurden über 400 Bewerbungen aus aller Welt eingesammelt; Abgabetermin war der 16. September - zehn Tage später standen schon die so genannten Finalisten fest. Natürlich handele es sich bei diesen Architekten »um einige der besten der Welt«, schwärmte George Pataki, Gouverneur des Staates New York. Deshalb mussten denen gerade einmal zwölf Wochen genügen, um hoch komplexe Bebauungspläne und eine urbane Spitzenleistung zu entwerfen.

Nur zwei der Teilnehmer sind Einzelkämpfer: der in Berlin ansässige Amerikaner Daniel Libeskind und der Brite Foster. Besonders der Zickzack-Expressionist Libeskind scheint eine Idealbesetzung zu sein, weil er mit seinem schillernden Jüdischen Museum in Berlin eine neue Form von Mahnmal-Eleganz geschaffen hat. Für Manhattan hat er mit dem gewohnten Schmerzensvokabular eine Tower-Landschaft entworfen, die mit ihrer spitzwinkligen Emotionalität wahrscheinlich die besten Chancen hat, die Herzen der New Yorker zu erobern. Allein schon der Bauvorgang, so verkündete Libeskind, werde ein »spiritueller Prozess«.

Die übrigen fünf Masterpläne stammen von Teams, die wiederum bis zu zehn eigenständige Büros umfassen. Für alle steht die historische Chance auf dem Spiel, ins Geschichtsbuch einzugehen. Deshalb sparte bei der Präsentation auch keiner der Teilnehmer mit flammenden Auf-geht's-Parolen. So versprach die Gruppe United Architects, eine »Ikone« zu bauen - eine »für Sühne und Verständnis, für Instandsetzung, Gedenken, Hoffnung, Einblick und Optimismus«.

Nur bis Ende Januar - so lange werden die Entwürfe öffentlich ausgestellt - können sich nun die New Yorker selbst ein Bild von alldem machen. Dass die Pläne ausgerechnet über die Feiertage, also in der Ferienzeit, gezeigt werden, wurmte sogar die »New York Times": »Vielleicht hoffen die Verantwortlichen, dass wir alle am Strand liegen, während sie die wirklich wichtigen Entscheidungen treffen.« ULRIKE KNÖFEL

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