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FERNSEHEN / KINDER-PROGRAMM Neue Zeit

aus DER SPIEGEL 52/1970

Es Ist eine Katastrophe, klagt der Kölner Kinderfunk-Redakteur Gert Müntefering, »daß der ganze Markt für das Kinder-Fernsehen von den Amerikanern okkupiert wird.«

Es Ist wahr: Die Kinderstunde des deutschen Fernsehens wird von US-Mammies und Daddies beherrscht, von Gangstern, Sheriffs und Tieren des amerikanischen Kommerz-Fernsehens: Lassie, Skippy, Judy, Flipper.

Nun soll ein tschechisches Unikum das Monopol der Amerikaner brechen: In insgesamt 13 Folgen -- die zweite und dritte laufen in der ARD am kommenden Samstag (14.15 Uhr) und Sonntag (14.45 Uhr), weitere sieben werden derzeit produziert -- soll der Prager Schauspieler Ota Simánek als »Pan Tau« (Herr Tau) »den Kindern mal wieder richtig Spaß machen« (Müntefering).

Anders als beispielsweise der amerikanische Tierdoktor Daktari, der 66 Folgen lang jeden Samstag arme Kreaturen kurierte und dabei stets mieses Papier-Deutsch sprach, bleibt Pan Tau stumm: Er winkt und zwinkert, schlendert mit Schirm und Melone an Moldau-Ufer und Nordsee-Strand entlang, schrumpft durch einen Dreh an seinem Hut zur 25-Zentimeter-Marionette und kurvt dann auf einer Rakete durchs All.

Anders auch als in »Unserem trauten Heim«, wo die amerikanische Familie Nash 52 Folgen lang schwachsinnigen Klamauk produziert, bewegt sich Tau ständig durch neue, phantastisch erweiterte Alltagssituationen:

In einem Gemisch aus Realkulisse, Märchen-Episoden und Science-fiction-Spots segelt er von Scheveningen bis Prag, rodelt aus der Großstadt ins Riesengebirge, läßt Weihnachtskarten reden, kahlköpfigen Lehrern lange Beatle-Mähnen sprießen und taucht mit Hunderten von Kindern und 50 dressierten Hunden in Familien, Schulen, Läden, Tankstellen, Burgen auf und wieder unter.

Er ist weder Superman noch Hanswurst, und wie sein Publikum hat er viel Ärger mit Erwachsenen. Manchmal«, so Müntefering, »zeigt er auch die Mängel der Erwachsenenwelt« -- vor allem deren Ungerechtigkeit:

Beispielsweise überrumpelt er die Eltern eines Mädchens und eines Jungen, die im gleichen Hause wohnen und nicht befreundet sein dürfen. Pan Tau läßt am Heiligen Abend den Christbaum durch die Zimmerdecke wachsen und verhilft den beiden mit diesem Trick zu einem gemeinsamen Weihnachtsfest.

Beispielsweise steuert er eine Horde armer Schuljungen in einem alten Bus genauso rasch in die Hohe Tatra, wie eine Klasse geschniegelter Streber im Luxusauto dorthin chauffiert wird. Tau hält nichts von Klassenunterschieden. Kritischer und witziger sind die Kinder am deutschen Bildschirm noch nicht unterhalten worden.

Teurer allerdings auch nicht: Die drei Millionen Mark Produktionskosten teilen sich der WDR, das österreichische und tschechische Fernsehen und die Staatsfilmgesellschaft der CSSR, die auch das derzeit beste Team für Kinderfilme in Europa engagierten: den Drehbuchautor Ota Hofmann, 41, und den Regisseur Jindric Polak, 45.

Ursprünglich sollte dieses schon mehrfach preisgekrönte Duo »Pan Tau« für den US-Markt produzieren. Doch der italienische Filmkaufmann Carlo Ponti, der die Serie finanzieren wollte, lehnte 1966 bereits einen Probefilm ab; der Kinderfunk-Redakteur Müntefering hingegen fand »da was dran«. In zwei Jahren ließ er 15 neue, halbstündige Drehbücher schreiben, zehn akzeptierte er, sechs wurden in zwei Jahren verfilmt.

Daß »Pan Tau«. für den sich inzwischen auch die BBC, amerikanische und kanadische Stationen interessieren, »der Auftakt für eine ganz neue Kinder-TV-Zeit sein könnte« ("Kölnische Rundschau"), haben auch die Programm-Direktoren der anderen ARD-Anstalten eingesehen. Ende Oktober gründeten sie eine »Arbeitsgemeinschaft Kinderprogramm"« die neue Koproduktionen mit den Prager Kinderfilmern ermöglichen und die Finanzierung sichern soll. »Vielleicht«, so hofft Müntefering, der das Team leitet, »können wir jetzt Immer richtig souverän Kino für Kinder machen.«

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