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TOURISMUS Neuer Adel

Der Massentourismus stagniert - aber Luxusreisen sind gefragt wie noch nie. Zahlungskräftige Bundesbürger buchen, was teuer, exotisch und schick ist. *
aus DER SPIEGEL 14/1985

Norwegische Reeder ließen letztes Jahr den Luxusdampfer »Sea Goddess I« vom Stapel laufen, ein schwimmendes Refugium der Reichen für nur 120 Passagiere: Die Kreuzfahrtwoche kostet pro Person rund 13 000 Mark.

Die Buchungen liefen so gut an, daß die Norweger sogleich ein zweites Schiff in Auftrag gaben. »Es gibt genug Leute, die Geld haben«, sagt Reederei-Chef Helge Naarstad. »Der Markt«, meint er, »würde auch zehn Schiffe dieser Klasse vertragen können.«

Nicht durch Neu-, sondern durch Umbau kam Ewald Vollrath, Geschäftsführer der Airtours International, den Wünschen zahlungskräftiger Urlauber entgegen; Vollrath ließ eine Lufthansa-Boeing chartern und anstelle der Serienbestuhlung bequeme First-Class-Sessel installieren. Eine rund 26 000 Mark teure Weltreise mit der so aufgepäppelten Maschine ging reißend weg. Vollrath: »Wir hätten viel mehr Plätze verkaufen können.«

Airtours legte umgehend drei weitere Jet-Trips auf. Damit auch die kleinen Wünsche, erzählt Manager Vollrath, auf solchen Reisen nicht unerfüllt bleiben, stecken sich die Passagiere vor dem Abflug noch ein paar Scheine ein. »10 000 Mark Taschengeld haben die schon dabei.«

Der exklusive Dampfer-Trip und die Weltreise im First-Class-Flugzeug - beides sind Beispiele für einen neuen, gehobenen Urlaubstyp. Luxusreisen, im Jargon der Branche: »hochwertige Qualitätsreisen«, haben Konjunktur.

»Manchen Kunden ist es völlig egal, ob die Tour 2000 Mark mehr oder weniger kostet«, berichtet Rita Theissen, Beraterin im Frankfurter Reisebüro Inter-Air. 12 000 bis 15 000 Mark pro Person für einen dreiwöchigen Urlaub - auf solcherart Angebote haben sich inzwischen rund 50 westdeutsche Touristik-Unternehmen spezialisiert.

Während die Veranstalter von Massenreisen 1984 nur mühsam die Vorjahresumsätze halten konnten (manche, wie NUR Touristic, nicht einmal das), melden die Verkäufer sogenannter hochwertiger Reisen zweistellige Zuwachsraten.

Ikarus-Tours in Königstein, auf teure Gruppenreisen nach China, Indien und Südamerika spezialisiert, konnten in der letzten Saison ihren Umsatz um gut ein Viertel steigern. Beim Deutschen Reisebüro (DER) in Frankfurt sind aufwendige Prestige-Reisen »immer zuerst weg«. Die Hamburger Hanseatic Tours vertrauen auch weiterhin auf die Attraktivität ihrer rund 28 000 Mark teuren Weltreisen. »Bisher waren alle Trips restlos ausverkauft«, meldet Hanseatic-Prokurist Peter Werner.

Je exklusiver und kostspieliger die Offerten, um so leichter sind sie abzusetzen, so die Erfahrung deutscher Touristik-Unternehmer. »Das Urlaubsziel muß nur abgelegen und möglichst exotisch sein«, erläutert Manfred Häupl vom Münchner Fernreisespezialisten Hauser-Exkursionen, »dann ist es auch zu verkaufen.«

Mehr als eine halbe Million Bundesbürger, so die Schätzungen der Branche, buchten im letzten Jahr Reisen der Hoch- und Höchstpreis-Kategorie. Und da die Veranstalter damit ihr Geld leichter verdienen als mit dem Verkauf knapp kalkulierter Mallorca-Flüge oder der Vermittlung von Ferienwohnungen, schieben sie ständig neue Luxusangebote

nach - eines immer ausgefallener als das andere: *___Für 15 000 Mark pro Woche eine Karibik-Kreuzfahrt auf ____der »Sea Cloud«, dem wohl größten privaten Segelschiff, ____das je gebaut wurde - gleich 70mal konnte im letzten ____Jahr die Tour auf dem Dreimaster verkauft werden. *___Mit der Concorde von Köln und Düsseldorf zum Shopping ____nach London - zwei Flüge dieser Art, angeboten von der ____Reisebürokette Hapag-Lloyd, waren innerhalb kurzer Zeit ____ausgebucht. *___Ein sechstägiger New-York-Aufenthalt, einschließlich ____Concorde-Trip und fünf Opernaufführungen mit ____"Startenor« (Reiseprospekt) Placido Domingo an der ____Metropolitan Opera - 20mal verkaufte der Frankfurter ____Veranstalter Tamop-Reisen diese 8500 Mark teuren ____Opernbesuche. *___Drei Tage durch Frankreich in 50 Jahre alten Waggons ____des »Nostalgie Istanbul Orient Expreß«, Frühstück in ____demselben Speisewagen, in dem schon für Nikita ____Chruschtschow und Charles de Gaulle gedeckt wurde - das ____Angebot vom »Deutschen Reisebüro« kostet pro Person ____3800 Mark.

»Diese Leute«, sagt Airtours-Manager Vollrath über die zahlungsbereite Klientel, »wollen nicht einfach in Charterflugzeugen irgendwohin geschleudert und dann ausgeladen werden« - wenn schon Charter, dann Überschall.

So gelang es der englischen Reederei Cunard, deren betagte »Queen Elizabeth 2« Mühe hat, mit dem Standard der neuen Vergnügungsdampfer mitzuhalten, wieder mehr anspruchsvolle Fahrgäste an Bord zu ziehen: Mit einer Concorde der British Airways werden prestigebewußte Passagiere auf Wunsch zum Auslaufhafen transportiert. Für dieses Jahr hat Cunard 14 000 Plätze in den Überschall-Jets fest gebucht. Fast 400 Bundesbürger fuhren in der letzten Saison mit der »Queen Elizabeth 2«. »Das ist noch nie dagewesen«, wunderte sich Cunards Deutschland-Repräsentant Gilbert von Holtzapfel über das wachsende Interesse an dem Luxus-Liner.

Noch vor wenigen Jahren wurden, wenn die Reichen reisten, nicht selten mehrere Passagiere am Ende in den mitgeführten Zinksärgen von Bord gebracht. Inzwischen aber nimmt die Zahl von Jet-Settern, die sich solche Luxusausflüge bereits weit vor dem Rentenalter leisten können, kontinuierlich zu: vor allem selbständige Unternehmer, aber auch Handwerksmeister, Zahnärzte und Ärzte.

Längst also sind es nicht mehr nur spleenige Amerikaner oder verschwendungssüchtige Araber, die sich im Miet-Rolls-Royce zu Sehenswürdigkeiten chauffieren lassen. Die Zahl begüterter Bundesbürger, die schon mal 5000 US-Dollar für eine Hotelübernachtung zahlen, ist nach den Beobachtungen der Touristik-Manager erstaunlich groß.

Adressen von First-Class-Hotels mit Vip-Service werden gehandelt wie Börsentips. Noch bevor, Mitte März, drei neue Luxussuiten im Pariser Hotel Crillon fertiggestellt waren, gingen so viele Reservierungswünsche ein, daß die Zimmerfluchten bis Ende Juli ausgebucht sind - der Übernachtungspreis von umgerechnet 10 000 Mark scheint eher Anreiz _(Vor Huntington Castle. )

als Hindernis zu sein. Ebenso gefragt sind die Prestigeräumlichkeiten im Asiaworld Plaza in Taipeh (5000 Dollar pro Nacht) und vor allem im Dinamar Hotel im spanischen Schickeria-Treffpunkt Marbella. Wer hier, für fast 19 000 Mark pro Nacht, die Suite 517 bezieht, kann sich in sechs Bädern und fünf Schlafzimmern, mit Marmorfußböden, Antiquitäten und Ölgemälden, tummeln. Zur Zimmerflucht gehört auch ein eigenes Golfplätzchen auf dem Flachdach des Apartments.

Nicht unbedingt in fünf Schlafzimmern, aber jedenfalls unter sich, fernab von Massenstränden und Imbißbuden, will der neue Reise-Adel seine Ferienzeit verbringen. Überdies deuten die jüngsten Angebote der Reiseunternehmer auf einen wachsenden Trend zum Bizarren. Beispiele dafür sind etwa ein Kochkurs in verschiedenen chinesischen Provinzen (6500 Mark) und die spleenigen Offerten des Iren John Colclough.

Der kutschiert, für bis zu 1000 Mark am Tag, seine Kundschaft in fast 40 Jahre alten Bentleys oder Rolls-Royces zu den versteckten Landsitzen des angloirischen Adels, wo die Touristen mit der jeweiligen Herrschaft plaudern, speisen und trinken dürfen.

Reisende, die mehr als nur Luxus erwarten, werden von Colclough ebenfalls bedient. Gegen Aufpreis verkauft der smarte Jungunternehmer, vornehmlich an US-Touristen, seine sogenannten »Ghostly Weekends«.

Während der teuren Spuk-Touren durch jahrhundertealtes irisches Gemäuer sollen längst verstorbene Mönche, Hausmädchen sowie ein ehemaliger Henker auftauchen, ohne Gewähr natürlich. Aber, hofft Colclough: »Wer so viel Geld bezahlt, der wird sich den Spuk notfalls einbilden.«

Vor Huntington Castle.

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