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SCHALLPLATTEN / BARENBOIM Neuer Zauberer

aus DER SPIEGEL 46/1967

»Wenn ich auf die ideale Interpretation warten wollte«, fand der israelische Pianist und Dirigent Daniel Barenboim, 24, »dürfte ich erst am Tag vor meinem Tode eine Schallplatte machen.«

Dem britischen Schallplatten-Trust »His Masters Voice« (Emi) schien Barenboims Interpretation schon heute ideal genug für einen Exklusiv-Kontrakt und einen Großauftrag.

Barenboim, jüngster Zuwachs im Clan der Klavier-Stars, soll rund 35 Stunden Hi-Fi-Musik speichern -- mehr, als zum Beispiel der doppelt so alte Pianist Swjatoslaw Richter bislang auf Platten gespielt hat. Im Londoner Emi-Studio hat Barenboim bereits begonnen, den Auftrag auszuführen. Bis 1969 muß er vorlegen:

> die 32 Klaviersonaten und die fünf Klavierkonzerte von Beethoven;

> die 21 authentischen Klavierkonzerte von Mozart;

die beiden Klavierkonzerte von Brahms und zwei Klavierkonzerte von Bartók.

Als Dirigent leitet er außerdem mehrere Aufnahmen von Mozart- und Schubert-Symphonien, und mit seiner Frau, der Cellistin Jacqueline du Pré, 22, die -- nach »Time« -- »keinen Augenblick stillsitzt und mal wie ein Milchmädchen und mal wie eine übergeschnappte Ophelia aussieht«, wird er ein Cello-Konzert von Luigi Boccherini und das wiederentdeckte C-Dur-Konzert von Haydn einspielen.

Zum Vertragsabschluß sah sich »His Masters Voice« durch ein Furioso enthusiastischer Kritiker-Stimmen ermuntert: Sie kündigten einen »neuen Tasten-Zauberer« an ("Guardian"). lobten Barenboims »elektrisierende musikalische Persönlichkeit« ("Daily Telegraph"); sie priesen den Piano-Twen so häufig als »Genie« ("Times"), daß Barenboim auf dem Weg zu immer neuen Festspielen heute mehr Zeit in Jets und Pullman-Zügen verbringt als jeder andere Musiker seines Alters.

Er gastierte beim »Prager Frühling« und beim »Moskauer Winter«, bei den Luzerner, Salzburger und Edinburgher Festspielen; er war beim Holland-Festival zu hören und bereiste schon Japan, Australien und Südamerika.

Allein in diesem Jahr konzertierte Barenboim als Dirigent und Solist mit dem renommierten »Israel Philharmonie Orchestra, (SPIEGEL 36/1967) in fünfzehn Städten der USA und eröffnete kürzlich Londons neue Queen Elizabeth Hall mit acht Solo-Soireen« bei denen er alle 32 Klaviersonaten Beethovens vortrug.« Es war«, offenbarte Barenboim nach dem Beethoven-Marathon, »als hätte ich die Bibel durchgelesen.«

Mit einem Kapitel aus seiner Beethoven-Bibel hatte der in Buenos Aires geborene, russischstämmige Barenboim seine Pianisten-Karriere begonnen: 1949 debütierte der siebenjährige Wunderknabe -- er wurde vom Vater, einem Musikpädagogen« ausgebildet -- mit einem Beethovenschen Sonaten-Programm. Danach hielten die vernünftigen Eltern den kindlichen Künstler den Konzertsälen fern. Sie schickten ihn statt dessen zum Box-Unterricht, ließen ihn sechs Sprachen lernen und ein Gymnasium besuchen -- Barenboims Fortschritt als Pianist war dennoch nicht aufzuhalten.

Der Zehnjährige durfte im Salzburger Mozarteum auf Mozarts Spinett Bach darbieten; der Elfjährige überrundete bei einem Nachwuchswettbewerb der »America-Israeli-Cultural Foundation« seine Mitspieler und gewann den ersten Preis: eine Konzerttournee durch Israel, wohin seine Eltern mittlerweile umgesiedelt waren. Als jüngster Student in der Geschichte der römischen »Accademia di Santa Cecilia« wurde Barenboim, der zuvor schon in Salzburg beim Pianisten Edwin Fischer und dem Dirigenten Igor Markevitch in die Lehre gegangen war, danach in eine Meisterklasse aufgenommen. Mit 13 hatte er das Diplom.

Doch auch der Diplom-Pianist suchte neue Lehrer: Er ging nach Paris und wurde Kompositions-Schüler von Nadia Boulanger, der wirksamsten Anregerin Neuer Musik, deren prominente Adepten Boulez und Stockhausen Pianist Barenboim »schätzt, aber nicht versteht«.

Weit besseren Kontakt fand er zu einem anderen Modernen, zu einem äußerst gemäßigten freilich: zum Komponisten Wilhelm Furtwängler. Barenboim studierte das Klavierkonzert des Dirigenten ein, als ihm der Maestro in Salzburg nach einem Privatissimum Komplimente gemacht hatte.

Furtwänglers Einladung, mit den Berliner Philharmonikern in Berlin zu musizieren, durfte Barenboim nicht annehmen. Sein Vater war dagegen: »Für einen Juden«, so belehrte er ihn, »ist die Zeit noch nicht gekommen, nach Berlin zurückzukehren.«

Erst 1964 war die Zeit da: Zum zehnten Todestag Furtwänglers spielte Barenboim in Berlin das Klavierkonzert des komponierenden Dirigenten. Barenboim: »Er vermittelte mir die größte künstlerische Inspiration meines Lebens. Noch heute vergeht kein Tag, ohne daß ich mich frage: Was würde wohl Furtwängler dazu sagen?«

Das Furtwängler-Opus ist eines von dreißig Solo-Konzerten, die der »absurd begabte« ("Süddeutsche Zeitung") Barenboim in Kopf und Fingern hat.

Seine Phrasierungskunst -- vor allem in langsamen Sätzen -- ist durchaus mit dem dramatischen Tiefsinn Artur Schnabels und Edwin Fischers vergleichbar. Er hat Bartóks rhythmischen Schneid, wenn er Bartók spielt, er kann Beethovens leidenschaftliches Pathos nachfühlen; er meistert mühelos die vertrackten Handarbeiten der Brahms-Klavierstücke, und er beherrscht wie nur ganz wenige Mozarts Jeu perle, diesen diffizilen Klaviereffekt.

Über eine Aufführung von Mozarts Klavierkonzert in B-Dur -- Barenboim dirigierte vom Flügel aus auch das Orchester -- notierte die »Times": »Er kam der vollkommenen Interpretation näher als irgendein Pianist vor ihm, der diese Doppelaufgabe übernommen hat.«

Das Doppelspiel eines dirigierenden Virtuosen betreibt der kleinwüchsige (1,67 Meter), mophaarige Barenboim seit 1962. Wenigstens in jedem vierten seiner Konzerte greift der Pianist, der im nächsten Jahr auch Mozarts »Cosi fan tutte« und Webers »Oberon« dirigieren will, zum Taktstock. Meist dirigiert er eine Symphonie, oder aber er gibt dem Orchester vom Klavier aus die Einsätze mit der freien Hand.

Willige Partner dabei sind die Musiker des »English Chamber Orchestra«, die Barenboim 1966 zum Chefdirigenten wählten. Binnen eines Jahres erzog er dieses Ensemble biederer Musikanten zu einem »Orchester der Virtuosen« ("Times").

Auch außerhalb der Tonhallen spielen die Musiker gut zusammen -- als Fußballmannschaft. Häufigster Gegner: das Team des russischen Pianisten Wladimir Aschkenasy den Barenboim auch als Partner beim vierhändigen Klavierspiel schätzt. Im Konzertstudio der BBC trafen sie sich erst jüngst wieder zur Aufnahme eines Mozart-Abends, der möglicherweise auch als Langspielplatte erscheint in der Barenboim-Platten-Kollektion von »His Masters Voice«.

Die ersten Proben dieser Serie sind schon da. Eine interne Musterpressung von Barenboims Beethoven-Stücken hörte der Dirigent und Emi-Künstler Otto Klemperer. » Er war«, so Barenboim, »zu Tränen gerührt.«

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