Sibylle Berg

Neues kommunistisches Manifest Proletarier*innen aller Länder, vereinigt Euch (endlich)!

Sibylle Berg
Eine Kolumne von Sibylle Berg
Die Welt ist gespalten: in die Habenichtse und die Reichen. Aber die, die buckeln, kriegen davon nichts mit, weil sie gut beschäftigt werden - mit Hass aufeinander. Jetzt ist Zeit, das zu ändern.
Wenn sich die Mehrheit weniger hasste, könnte sie sich aus ihrer Unterdrückung befreien

Wenn sich die Mehrheit weniger hasste, könnte sie sich aus ihrer Unterdrückung befreien

Was wäre aus der Welt geworden, wenn die herrschende Klasse nie herausgefunden hätte, wie einfach die Restbevölkerung zu beschäftigen ist: Auf der einen Seite sind da die Grundbesitzer, Adligen, Erben, Besitzer der Produktionsmittel. Und auf der anderen, da sind eben die anderen - das Volk, Sie wissen schon -, die ein Lehn hatten, verdingt waren, in Stellung waren, in Beschäftigung standen, die Selbstständigen, Künstler, Gaukler, Dienstleister, Arbeitslosen. Durch alle Jahrhunderte nie vereint, gespalten im Hass aufeinander. Auf die Fremden, Hexen, Frauen, Männer, Feinde, Schwachen.

Und nie, nie existierte die Gefahr, dass sich der wunderbare Traum des kommunistischen Manifests - Proletarier aller Länder, vereinigt Euch - mit Leben gefüllt hätte. Zu jeder Zeit orientierten sich die meisten Menschen nach oben, in die nächsthöhere Klasse unserer klassenlosen Welt. Keiner sieht sich doch als das, was er ist: In den meisten Fällen als Teil der Masse, die funktionieren muss, kaufen muss, sich beschäftigen muss, sich hassen muss - denn sonst käme sie auf dumme Ideen, die Masse.

Bevölkerungen waren noch nie homogen. Sie bestehen aus Tausenden Parallelgesellschaften. Die Stadt- und Landbevölkerung, Singles, Familie, Paare, Religiöse, Sportler*innen und Polizist*innen und Eltern, die seit einer oder seit zehn Generationen in einem Land leben, zusammengehalten durch Werte, auf die sie sich geeinigt haben, und Gesetze, die ihr Zusammenleben regeln. Die unterschiedlichen Gruppen, die Menschen in ihren Mikrokosmen, wollen im Grunde alle dasselbe: ein angstfreies Leben, Frieden, Ruhe, ihre Familie und was Gutes zu essen.

90 Prozent gegen zehn

Sie sind die 90 Prozent, die über einen Bruchteil des Vermögens der restlichen zehn Prozent der Bevölkerung verfügen, für die weder Moral noch die meisten Gesetze gelten. Das sind die zehn Prozent, die zu allen Zeiten Kriege initiierten, in die sie Menschen aus den 90 Prozent schickten. Die zehn, die vor und nach Hitler reich waren, die in Eliteschulen zu CEOs werden, um die Wirtschaft mehr oder weniger prächtig zu leiten. Die über das Leben der 90 Prozent entscheiden und sie tunlichst weit weg von sich halten. Die, die die 90 Prozent beschäftigen. Und was ist dazu besser geeignet als Angst und Hass aufeinander?

Man könnte die Spaltung der Bevölkerungen, die Vorurteile und Abneigungen, die Angst, dass ein anderer armer Schlucker einem etwas wegnehmen könnte, mit Bildung bekämpfen, mit wirklich guter Medienarbeit, mit vortrefflicher Propaganda, man könnte für wirkliche Gerechtigkeit und Gleichheit sorgen, man könnte die menschenverachtenden Hartz IV-Almosen abschaffen, den Staat stärken - aber wozu? Wozu wäre es gut, ein Konzept zu hinterfragen, das sich so lange bewährt hat? Was so lange taugte, um die Massen von dem abzulenken, was sie wirklich hassen und hinterfragen müssten?

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Sibylle Berg

GRM: Brainfuck. Roman

Verlag: Kiepenheuer&Witsch
Seitenzahl: 640
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Warum, könnten Sie sich fragen, habe ich eine Gefängnisstrafe zu befürchten, wenn ich betrüge und stehle, aber Milliardäre gehen straffrei aus? Warum muss ich an den Stadtrand ziehen und im Stau stehen, um doch nie aufzusteigen? Warum stimmt die Legende "jeder kann es nach ganz oben schaffen" nicht? Warum kann ich meine Miete plötzlich nicht mehr zahlen? Warum zahlt meine Kasse Medikamente nicht mehr? Warum ist es nicht in Ordnung, wenn ich fliege und rauche, wenn ich mich nicht an alle Gesetze und Vorgaben und Regeln halte, und warum gilt das für einige wenige Menschen nicht? Warum verdient ein CEO hundertmal mehr als ich, er, der Millionen versenkte und mit einem Bonus dafür belohnt wurde? Warum soll ich Strom und Wasser sparen und Müll trennen und wieso gilt das für andere Menschen nicht? Warum wurde mir über Jahre gepredigt, dass ich allein für meinen Erfolg verantwortlich bin, und dann werde ich doch entlassen? Warum können Vereine wie die INSM ihre neoliberalen Märchen verbreiten ? Und warum verdammt noch mal soll ich das weiter mitmachen?

Das könnten sich die 90 Prozent fragen, aber das wird zum Glück nie passieren. Denn sie sind beschäftigt. Damit, Hexen zu verbrennen oder Sklaven zu verachten. Oder Menschen zu hassen, die anders aussehen, ein anderes Geschlecht haben, oder an irgendetwas glauben oder eben nicht, oder die Löcher in die zu dünnen Wände der zu teuren Wohnungen bohren. Nichts wird sich ändern, denn zu sehr hassen sich die Menschen, weil sie sich im anderen sehen. Verzweifelt und sterblich, unsicher und unruhig, nach Halt suchend. Den es nur im Bewusstsein gäbe, nicht allein zu sein, ein Teil von 90 Prozent zu sein - aber: Das wird nie passieren.

Oder doch?