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»Nicht auf Gewißheit warten«

aus DER SPIEGEL 7/1990

SPIEGEL: Frühlingstemperaturen Anfang Februar, aber auch drei Orkantiefs in drei Wochen und der dritte warme Winter in Mitteleuropa in Folge - Herr Professor Hasselmann, sind das die ersten Signale der oft vorhergesagten Klimakatastrophe?

HASSELMANN: Es ist möglich, aber kein Wissenschaftler kann das heute schon mit Sicherheit sagen. Es ist so, daß durch die allmähliche Erwärmung, die wir alle erwarten, die Wahrscheinlichkeit des Auftretens extremer Wetterzustände sicherlich erhöht wird. Aber die plötzliche Häufung von einem Jahr zum nächsten zählt wohl zu den Unregelmäßigkeiten, mit denen wir im Wetterablauf immer rechnen müssen.

SPIEGEL: Und wann begann diese allmähliche Erwärmung?

HASSELMANN: Wir haben über die letzten 100 Jahre einen gleichmäßigen Anstieg des Treibhausgases Kohlendioxid von 25 Prozent gemessen. In diesem Zeitraum haben wir auch einen allmählichen gleichmäßigen Anstieg der Temperatur beobachtet. Dieser könnte durch den CO2-Anstieg gekommen sein, es könnte aber auch eine natürliche Klimaschwankung sein, wie sie es immer schon gab - man denke an die kleine Eiszeit. Auf alle Fälle wäre das kein Grund anzunehmen, daß von einem Jahr zum nächsten eine dramatische Änderung eintritt. Dagegen haben wir auch in der Vergangenheit schon eine ähnliche Häufung von Naturkatastrophen beobachten können.

SPIEGEL: Aber im letzten Jahrzehnt gab es auch eine Häufung besonders heißer Sommer. Vier der sechs heißesten Sommer dieses Jahrhunderts wurden zwischen 1980 und 1989 registriert.

HASSELMANN: Ja, in der letzten Dekade kam es zu diesem Anstieg. Es scheint ein allmählicher Trend dazusein, ein allmählicher Anstieg, und damit würde man auch eine größere Häufigkeit von heißen Sommern erwarten. Aber man kann dies umgekehrt noch nicht als Beweis für eine bereits eingetretene Klimaänderung ansehen.

SPIEGEL: Aber immerhin doch als Indiz?

HASSELMANN: Ja, als Indiz, das wir weiterverfolgen müssen, und wenn es in den nächsten 10 oder 20 Jahren im gleichen Maße ansteigt, dann würde man mit sehr viel größerer Wahrscheinlichkeit von einer vom Menschen verursachten durchgreifenden Klimaänderung sprechen können.

SPIEGEL: Würde bei einer weiteren Erwärmung der Erdatmosphäre nicht nur die Zahl der Stürme, sondern auch deren Heftigkeit zunehmen? Etwa analog zu dem heißen Planeten Venus, auf dem Windgeschwindigkeiten von 400 Kilometer und mehr beobachtet wurden?

HASSELMANN: Wir erwarten zwar eine größere Häufigkeit von tropischen Wirbelstürmen, von denen man weiß, daß sie durch eine Erhöhung der Meerestemperatur in den Tropen getriggert, also ausgelöst werden. Wir wissen, daß schon ein paar Grad Temperaturerhöhung die Neigung zu solchen Wirbelstürmen erheblich erhöhen kann. In unseren Breiten sind solche Effekte noch nicht eindeutig vorherzusagen. Einerseits sollte die von den Modellen vorhergesagte Erhöhung der Bodentemperaturen in höheren Breiten eher zu einer Abnahme der Sturmneigung führen. Das könnte sich aber andererseits durch Vorgänge in größeren Höhen der Atmosphäre auch anders entwickeln. Aber das sind knifflige Detailaussagen, die doch sehr stark streuen von einem Gebiet zum nächsten und von einer Modellrechnung zur nächsten.

SPIEGEL: Sie arbeiten hier am Institut mit solchen Klimamodellen, in denen Sie versuchen, die Wechselwirkungen zwischen Atmosphäre, Ozeantemperaturen und Klimaschwankungen zu erkunden?

HASSELMANN: Das Besondere, das wir hier am Institut machen, ist, daß wir nicht nur die Vorgänge in der Atmosphäre untersuchen, sondern daß wir auch die Ozeane miteinbeziehen bei unseren Modellrechnungen, das Klima sozusagen als Gesamtsystem betrachten. Wir erwarten von diesen neuen Modellen eine wesentliche Modifikation der bisherigen Vorhersagen.

SPIEGEL: Gibt es da schon erste Ergebnisse oder Hinweise?

HASSELMANN: Wir nehmen zum Beispiel an, daß die Klimaänderungen, die eigentlich als Folge der CO2-Zunahme in der Atmosphäre zu erwarten sind, durch die Aufnahmekapazität der Ozeane für dieses Gas erst mit einer Verzögerung von zwei oder drei Jahrzehnten auftreten.

SPIEGEL: Das heißt also, daß die Ozeane als Puffer dienen würden?

HASSELMANN: Ja, die globale Gesamtauswirkung des CO2 wäre dennoch genauso groß, sie setzt aber nur verzögert ein.

SPIEGEL: Würde das bedeuten, daß es vielleicht schon zu spät ist, um eine große Klimaänderung noch zu verhindern?

HASSELMANN: Ja, genau. Aber darüber hinaus zeigt sich an diesen Modellen auch, daß es nicht nur zu dieser Verzögerung kommt, sondern daß sich auch danach neue Gleichgewichtszustände einstellen, die von denen abweichen, von denen man bisher ausging. Die Erwärmung des Planeten könnte zum Beispiel etwas gleichmäßiger erfolgen als bisher angenommen.

SPIEGEL: Das heißt, nicht nur die nördlichen und extrem südlichen Gebiete würden stark erwärmt, sondern auch die subtropischen Zonen?

HASSELMANN: Ja. Dann kommt aber auch noch etwas hinzu, was sehr wichtig ist und was erst bei Untersuchungen in den letzten Jahren herauskam. Bei solch neuen Gleichgewichtszuständen kann es auch zu einer Umstellung der Zirkulation in den Ozeanen kommen. Ähnliches ist etwa auch beim Ausklang der letzten Eiszeit passiert.

SPIEGEL: Sie meinen, daß es so eine Art Sprunggrenze gibt, wo beispielsweise innerhalb weniger Jahrzehnte der Golfstrom seinen Lauf ändern könnte und dann nicht mehr die Westküsten Europas erwärmt?

HASSELMANN: Nach der letzten Eiszeit ist das Ganze innerhalb von ein bis zwei Jahrhunderten passiert. Ähnliches wäre durchaus wieder vorstellbar.

SPIEGEL: Viele Politiker, so in dieser Woche US-Präsident Bush, scheuen vor radikalen Maßnahmen zur Verminderung des CO2-Anstiegs zurück mit der Begründung, die Daten der Wissenschaft seien noch nicht hinreichend zuverlässig. Wie lange, glauben Sie, kann man noch zuwarten, ehe man beschließt, alles Denkbare zu tun, um die CO2-Zunahme zu bremsen?

HASSELMANN: Es ist ein Fehlschluß vieler Politiker anzunehmen, daß man nichts tun muß, nur weil die Wissenschaftler naturgemäß immer auch die Bandbreite ihrer eigenen Unsicherheiten zugeben müssen. Wir können nicht abwarten, bis wir absolute Gewißheit haben - dann ist es sicher zu spät. Man muß sich mit dieser Unsicherheit auseinandersetzen und kann nicht den Kopf in den Sand stecken, das ist einfach leichtsinnig. Es geht um eine Umstellung der gesamten wirtschaftlichen Strukturen auf eine andere Energiepolitik, und die dauert ohnehin einige Jahrzehnte.

SPIEGEL: Zum Abschluß vielleicht noch eine Frage im Interesse unserer Leser, die Wintersport treiben. Glauben Sie, daß aufgrund der bisher vorliegenden Modellrechnungen, der Winter aus Mitteleuropa in den nächsten Jahren verschwinden wird?

HASSELMANN: Ich glaube, daß wir hier - wenn Sie mich ganz persönlich fragen - einen typischen mehrjährigen Zyklus haben, wie er schon öfter beobachtet wurde. Wenn ich jetzt wetten müßte, würde ich sagen, daß es auch wieder ein paar kältere Jahre mit Schnee geben wird, wenn auch vielleicht nicht mehr ganz so kalt, wie wir es gewohnt waren. *VITA-KASTEN-1 *ÜBERSCHRIFT:

Klaus Hasselmann *

ist einer der führenden westdeutschen Klimaforscher und seit 1975 Leiter des Max-Planck-Instituts für Meteorologie in Hamburg. Zu den herausragenden Arbeiten des 58jährigen Wissenschaftlers zählt die Entwicklung eines mathematischen Modells, mit dessen Hilfe es möglich wurde, den »Seegang«, die zu erwartenden Wellenhöhen und die Wellenhäufigkeit aus dem sogenannten Windfeld zu berechnen.

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