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Nicht ganz bei Zinnen?

Für das Feuilleton der »Frankfurter Rundschau« sitzt, unter dem Pseudonym Wolfram Schütte, seit Jahren das Medium des toten Philosophen Theodor W. Adorno an der Schreibmaschine. Neuester und unwiderlegbarer Beweis ist Schüttes Kritik des jüngsten Films von Alexander Kluge »Die Macht der Gefühle«. Auszüge: *
aus DER SPIEGEL 39/1983

Kluge hat ... über drei Jahre an der »Macht der Gefühle« gearbeitet. Entstanden ist ein dichter aphoristischer und erzählerischer Film: seine »Minima Moralia«, Kapitel: »Gefühle«.

»Die Macht der Gefühle« hat eine Ouvertüre, in der das imperiale Pathos des Parsifal-Vorspiels sich mit der Morgenröte über den Zinnen Walhalls, sprich »den Monumenten des Spätkapitalismus« (Ernst Herhaus) verbindet: überwältigend und ironisch.

Gewiß wird man, einmal in die babylonische Gefangenschaft dieses hermetischen Films der Fragmente und Aphorismen geraten ... eine lesbare Schrift zu entdecken meinen, die man (als Daniel in der Löwengrube von widersprüchlichen Gefühlen) zu entziffern vermöchte. Aber gerade da häufen sich dann die Paradoxe, philosophisch gesprochen: die Antinomien.

Der Konjunktiv ist der utopisierende Ausdruck der Sprache: »Ein Tag wird kommen« - ohne solchen Glauben, dessen zarte Epiphanien Kluge in scheinbar »nebensächlichen« Bildern blühender Bäume, windbewegter Sträucher oder einer brennenden Zimmerlampe über das aufgewühlte Schlachtfeld der miteinander kämpfenden Gefühle verstreut, könnte die Utopie ... eines nicht selbstzerstörerischen Menschheitsendes inmitten eines doch augenscheinlich schwarzen Meeres des Absurden keinen Anker mehr werfen.

Die Größe, die verborgene Teleologie der Gefühle ist ihr Gedächtnis der Lust ... Wie anders wäre denn aber die todessüchtige Macht der Fatalität zu brechen und den von ihr hoch besetzten Gefühlen dennoch zur Freiheit und ihrem Recht zu verhelfen - als eben durch »Schwerstarbeit« tätiger Intelligenz?

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