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ZENSUR Nichts als Hass

Der antiisraelische Roman einer 15-jährigen Muslimin macht in Frankreich Furore - wird der Innenminister das Buch verbieten?
Von Romain Leick
aus DER SPIEGEL 52/2002

Schon der Name verkündet seinen Lebensauftrag. Gihad (Dschihad) heißt der junge Palästinenser, der seinen Freunden stolz erklärt: »Ein ruhmreicher Name!« Es sei »einer jener Namen, die in Kriegszeiten geprägt wurden!«

Die Familie Gihads und seiner Schwester Riham wurde ausgelöscht, als beide noch Kinder waren. An jenem Tag drangen die Panzer in das Dorf ein, und die Soldaten schossen auf alle, die sie fanden, Frauen, Alte, Kinder. Sie drangen in alle Häuser ein, steckten einige in Brand, während die Familien noch drinnen waren, in anderen vergewaltigten sie die Frauen, stahlen das Geld und zerstörten alles.

Halt, zu viel? Nein, für die kindliche Phantasie noch nicht genug. »Sie schlugen die Alten und brachen den Kindern die Knochen, töteten sie aber nicht, damit die Erwachsenen noch lange mit Kindern leben sollten, die als Behinderte aufwuchsen und die den Familien zur Last fielen, damit die Leute jene Kinder schließlich hassten.«

Darf man derlei veröffentlichen, darf man israelische Soldaten so beschreiben, als wären sie eine Einheit der SS-Division »Das Reich« bei der Brandschatzung von Oradour-sur-Glane?

Ein junges Mädchen, gerade 15 Jahre alt, hat es getan - und Frankreich damit einen Buchskandal. Randa Ghazy hat nie am Schauplatz ihres Romans, dem Gaza-Streifen, gelebt. Den israelisch-palästinensischen Konflikt kennt sie nur aus den Medien. Sie ist als Tochter ägyptischer Eltern in Italien geboren und geht in der Nähe von Mailand aufs Gymnasium.

Als ihr Werk »Sognando Palestina« im Frühjahr in Italien herauskam, gab es keinerlei Empörung, obwohl 13 000 Exemplare verkauft wurden. Aber die französische Ausgabe, im November erschienen, rief das Simon Wiesenthal Center in Los Angeles, den Repräsentativen Rat der jüdischen Institutionen in Frankreich, die Liga gegen Rassismus und Antisemitismus sowie »Anwälte ohne Grenzen« auf den Plan. Einige Dutzend Demonstranten protestierten vorletzte Woche vor dem Verlag Flammarion in Paris gegen diese »Apologie der terroristischen Gewalt und des Dschihad«.

Der Befund ist sicher richtig. Aber rechtfertigt er den Ruf nach staatlicher Zensur bei einem Buch, das Fiktion sein will und sich somit auf künstlerische Freiheit berufen kann? Das muss jetzt Innenminister Nicolas Sarkozy entscheiden. Denn Flammarion hat sich eine vielleicht entscheidende juristische Blöße gegeben: »Rêver la Palestine« wendet sich ausdrücklich an Jugendliche ab 13 Jahren. Damit unterliegt es dem französischen Jugendschutzgesetz von 1949, das jede wohlwollende Darstellung von Hass, Gewalt, Verbrechen oder ethnischen Vorurteilen untersagt.

Der Innenminister könnte den Verkauf an Minderjährige verbieten oder den Roman zumindest wie Pornografie unter den Ladentisch verbannen. Tut er nichts, will Gilles-William Goldnadel, Präsident der französischen »Anwälte ohne Grenzen«, vor Gericht gehen: Das Buch, sagt er, verkaufe sich bestens in Banlieues, den trostlosen Trabantenvierteln um die französischen Großstädte, in denen ein hoher

Anteil von muslimischen Einwanderern lebt und wo es immer wieder antisemitische Zwischenfälle gibt.

Bisher sind alle vergleichbaren Zensurforderungen abgewiesen worden - gegen Michel Houellebecq, der den Islam als »die dämlichste Religion der Welt« bezeichnet hatte, gegen Oriana Fallacis anti-islamisches Pamphlet »Die Wut und der Stolz« und gegen den Pädophilen-Roman »Rose bonbon«.

Auch auf Deutsch liegt das Buch vor, bislang ohne virulente Kritik**. Der Ravensburger Buchverlag findet es »ganz spannend«, einmal darzustellen, »wie palästinensische Jugendliche heute denken, wie der Konflikt Extremismus und blinde Gewalt gebiert, wie die Köpfe sich verschließen«. Es sei eine einseitige Position, aber keine Rechtfertigung von Terrorismus.

Das scheint ein bisschen einfach. Die junge Autorin entschloss sich zum Schreiben, als im September 2000 der zwölfjährige Palästinenser Mohammed al-Durra auf der Straße in den Armen seines Vaters verblutete. Bilder dieser Szene, deren Umstände bis heute nicht geklärt sind, gingen damals um die Welt. Dem toten Mohammed hat sie das Buch gewidmet. Nur, und da überschreitet Randa Ghazy die Grenze zur Agitation, fügt sie ein völlig erfundenes Interview mit dem Soldaten an, der den Kleinen getötet hat: »Er sagte, er habe den Vater leben lassen, damit er leidet, er hat gesagt, ich habe den Sohn getötet und den Vater leben lassen, damit er leidet.«

Nirgendwo versucht Randa Ghazy, sich auch in die Leidenssituation der Israelis, etwa nach einem Selbstmordattentat, zu versetzen. Die Palästinenser sind für sie die absoluten Opfer - und deshalb zu absolutem Widerstand berechtigt. Israelis sind brutale, gefühllose Killer, die »mechanisch« töten, ein »verfluchtes Volk«.

Leben und Sterben der jungen palästinensischen Waisen, die sich in einer Wohngemeinschaft zusammengeschlossen haben, erzählt Randa Ghazy in hechelndem Stakkato, in einem lamentierenden Rezitativ, in dem gelegentlich aufkommende Zweifel am Sinn der Gewaltspirale sofort überwunden werden: »Jetzt noch den Weg des Dialogs zu suchen wäre schon eine Kapitulation vor ihren Schikanen, eine Unterwerfung unter ihren Willen.«

Am Ende bleibt nur Hass auf »jeden Israeli dieser Welt«, ein bedingungsloser Hass, den man weder erklären noch rechtfertigen kann. Und den man deshalb im Prisma eines kritischen Bewusstseins brechen müsste. Das ahnt die junge Autorin wohl, aber sie lehnt es ausdrücklich ab - ein Versagen, das mehr als nur literarisch ist. ROMAIN LEICK

* Propaganda für Selbstmordattentate in einem libanesischenFlüchtlingslager, Dezember 2001.** Randa Ghazy: »Palästina. Träume zwischen den Fronten«. Ausdem Italienischen von Nicola Bardola. Ravensburger Buchverlag,Ravensburg; 216 Seiten; 9,95 Euro.

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