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ZENSUR Nichts unveräußerlich

Korrigierte Klassikertexte, zensierte Schullesebücher: Amerikas neuer Puritanismus gewinnt an Boden. *
aus DER SPIEGEL 41/1985

Daniel Blum, ein Schüler im US-Bundesstaat Virginia, wurde das merkwürdige Gefühl nicht los, womöglich im falschen Theater gewesen zu sein. Um sich Anregungen für einen Aufsatz zu holen, hatte sich Blum eine Aufführung von »Romeo und Julia« angesehen. Als sich der 16jährige dann zu Hause an die Arbeit machen wollte, fand er beim Nachlesen: Shakespeare war offenbar nicht gleich Shakespeare.

Bei einem Vergleich zwischen dem Buchtext, der an den Schulen Virginias gelesen wird, und einer gängigen Klassikerausgabe kam heraus, daß die Verleger der Reihe »America Reads« Shakespeare vielfach korrigiert und um insgesamt 400 Zeilen verkürzt hatten.

Die »Verschlimmbesserung« (so die »Baltimore Sun« über die Entdeckung des Schülers) ist kein Einzelfall. Wie in Virginia sind auch in den Staaten Florida und Minnesota gereinigte und gekürzte »Romeo und Julia«- und »Hamlet«-Ausgaben im Schulgebrauch.

Die dafür verantwortlichen Verlage bekannten sich zu diesen Eingriffen. Ihr

Ziel sei es gewesen, Shakespeare von »unanständigen und peinlichen Wendungen«, »sexuellen Anspielungen, Flüchen« sowie »schlüpfrigen oder ausgesprochen sexuellen Ausdrücken« zu reinigen.

»Die Verleger wollen Geld verdienen, sie veröffentlichen nur, was sich verkauft«, kommentiert Barbara Parker von der Bürgerrechtsorganisation »People for the American Way« die Shakespeare-Verstümmelung.

Die liberale Lobbygruppe (150 000 Mitglieder) beobachtet seit fünf Jahren, wie Schulvorstände, Politiker, Eltern oder Aktionsgruppen zu bestimmen suchen, was und in welcher Form an Amerikas Schulen gelehrt und gelesen wird, was im Klassenzimmer auf die Bühne oder die Filmleinwand kommt.

Wohl sind derlei Eingriffe in die Lern- und Lesefreiheit der sonst auf ihre persönliche Freiheit so stolzen amerikanischen Nation seit langem üblich. »Doch in diesem Jahr«, beschreibt Barbara Parker die neue Entwicklung, »stehen wir dem konzertierten Versuch gegenüber, aus den Schulen alles rauszuhalten, was nicht mit Lesen, Schreiben, Rechnen zu tun hat.«

Diese Einschätzung gründet sich auf den neuesten Zensurbericht, den die Organisation unter dem Titel »Angriffe auf die Lernfreiheit 1984/85« veröffentlicht hat. Waren den Zensurgegnern vor drei Jahren noch 51 Einzelfälle berichtet worden, so führt der jüngste Bericht 96 angestrebte und teils erfolgreiche Zensurversuche in 46 der 50 US-Staaten an. Darüber hinaus, meinen die Experten, sei die Dunkelziffer beträchtlich. Die Buchhändler etwa schätzen, daß nur 15 Prozent aller Zensurversuche bekannt würden.

»Wir müssen die Unmoral der öffentlichen Erziehung beseitigen«, hatte der Prediger und Anführer der »Moralischen Mehrheit«, Jerry Falwell, gefordert. Um sicherzustellen, daß »moralische Männer und Frauen in politische Ämter gelangen«, muß nach Falwells Taktik in der Schule begonnen werden - »obszöne Schulbücher«, oder was die selbsternannten Tugendwächter dafür halten, sollten verschwinden.

Falwells Gesinnungsgenossen, zum Beispiel die Leiterin des konservativpatriotischen »Eagle Forum«, Phyllis Schlafly, verschickt daher an Eltern eine Art Entscheidungshilfe. In ihr sind 34 Themenkreise einschließlich Darwinscher Evolutionstheorie und Tod aufgezählt, auf deren rechte Darstellung in Schulbüchern die Eltern sehen sollten.

Wie weit die konservativen Moralisten gekommen sind, macht der Bürgerrechtler-Report deutlich: Jeder vierte Zensurversuch wurde von Gruppen unternommen, die der religiösen Rechten nahestehen. Deren Vertreter kämpfen nicht nur gegen Sexualkundebücher, die etwa über Abtreibung, Homosexualität und Geburtenkontrolle aufklären. Front machen sie vor allem gegen Bücher und Lehrer, die »weltlichen Humanismus« verbreiten, der »religiöse und moralische Glaubensgrundsätze und die nationale Gesinnung« der US-Bürger zerstören könnte.

So wurden wie schon früher auch diesmal neben Biologie- und Aufklärungsbüchern US-Klassiker wie Steinbecks »Von Mäusen und Menschen« oder Salingers »Fänger im Roggen« und sogar das »Tagebuch der Anne Frank« aus den Schulbüchereien verbannt.

Die konservativen Zensoren finden häufig genug Verbündete unter Verlegern, die ihre Absatzchancen auf dem Schulbuchmarkt erhalten wollen. So werden wie selbstverständlich schwierige Wörter in Lesebuchtexten getilgt oder ersetzt. Opfer der eifrigen Vereinfacher wurde in Virginia sogar die amerikanische Unabhängigkeitserklärung, aus der das Wort »unalienable« (unveräußerlich) gestrichen wurde.

Auch das als liberal geltende Kalifornien taucht im Zensurreport auf. Dort wurde, im Gegensatz zu rechten Zensur-Eiferern, ein Geschichtsbuch zum Thema »Revolution in Zentralamerika« wegen einseitig »antisowjetischer« Darstellung abgelehnt. Und in einem Lesebuch ging die Kurzgeschichte »A Perfect Day For Ice Cream« nur durch, nachdem aus dem Titel das »Ice Cream« und aus dem Text die Beschreibung der Eisbude entfernt worden war. Begründung: Die »sozialen Richtlinien« des Staates erlaubten keine Hinweise auf »Junk Food« in Schulbuchtexten.

Dieses Beispiel erscheint zumindest einsichtiger als die Praxis in Texas, wo ein Schulwörterbuch verboten wurde, weil es »bed« in verbaler Umschreibung als »ins Bett gehen« aufgeführt hatte.

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