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Fernsehen Nippes zerschmettert

Schöpfte Dieter Wedels »Schattenmann« aus ungenannten Quellen? Nach dem Erfolg der ZDF-Serie mehren sich Indizien. Ein Nachspann.
aus DER SPIEGEL 10/1996

Opernfreunden ist die Arie vertraut: »Wie sich die Bilder gleichen« - Puccinis »Tosca«. Fernsehfreunde, die noch einen Blick dafür haben, können mitsingen; immer öfter.

»Ich habe auch schon fleißig geklaut, wie jeder andere": Das verriet jüngst der populäre TV-Krimi-Regisseur Jürgen Roland, 70, seinem heimatlichen Hamburger Abendblatt; entscheidend sei nur, wie frech plagiiert werde.

Bei Kleinkram jedenfalls kräht kein Hahn über Eier aus fremden Nestern. Große Ereignisse hingegen werfen zuweilen ihren Schatten hinterher und trüben dann das schöne Bild. So ergeht es einem noch populäreren Roland-Kollegen, dem gleichfalls Hamburger TV-Regisseur Dieter Wedel, 53.

»Der Schattenmann«, die fünfteilige ZDF-Odyssee des verdeckten Ermittlers Charly Held im Frankfurter Paten-Milieu, hatte um Neujahr das TV-Volk gefesselt. Wedel, zugleich Autor und Regisseur des Heimat-Thrillers, häufte Lorbeer auf seine Locken, zudem Lob vom Profi; der Film habe, so BKA-Chef Zachert, beim Publikum »das Gefühl für die Gefahren der organisierten Kriminalität geschärft«.

Offenbar aber auch den Blick für jene »Laxheit in Fragen geistigen Eigentums«, deren Bert Brecht sich einstens rühmte. Denn quasi als Nachspann zum »Schattenmann« machten sich Hobbyfahnder daran, Bilder und Dialoge Wedels, die ihnen vertraut vorkamen, auf die Vor-Bilder zurückzuführen.

So klagte beispielsweise eine Zuschauerin dem Regisseur, bei Ansicht von Oliver Stones Film »Wall Street«, der kurz nach dem »Schattenmann« in Sat 1 lief, habe sie sich »über weite Strecken gelangweilt, weil mir viele der Szenen und Texte bereits aus dem ,Schattenmann' bekannt waren«. Witz dabei: »Wall Street« gibt es seit 1987.

Andere kramten nach Betrachten des »Schattenmanns« John le Carres Thriller »Der Nacht-Manager« (1993) aus dem Bücherschrank und legten den spitzen Finger auf Parallelen. Und den Unentwegten, die alles über US-Mafiosi lesen, kam es übernatürlich vor, daß Wedels Frankfurter Pate Szenen spielte, die der Chicago-Gangster Sam »Mooney« Giancana ziemlich wortwörtlich vorhergesagt hatte ("Der Pate der Macht«. Gustav Lübbe Verlag; 1992).

Kleines Beispiel; Giancana zu seinem jüngeren Bruder Chuck: _____« Es ist nicht wichtig, wie gut eine Ehefrau im Bett » _____« ist. Das kannst du kaufen, verdammt noch mal . . . Also » _____« brauchst du eine Frau, die weiß, wie man sich benimmt; » _____« eine, die passabel aussieht . . . Und wenn sie nicht so » _____« gut aussieht, nun, dann kannst du sie mit einem Nerz und » _____« ein paar Perlen und Diamanten elegant rausputzen . . . » _____« Bumsen ist etwas anderes, Chuck. Eine Frau, die gern » _____« bumst, macht dir als Ehefrau Probleme. »

Und nun Wedels Pate Jan Herzog zu seinem Zögling Charly Held: _____« Es ist nicht wichtig, wie gut eine Ehefrau im Bett » _____« ist. Das kannst du dir kaufen. Du brauchst eine Frau, die » _____« weiß, wie man sich benimmt. Eine, die dich nicht blamiert » _____« und die passabel aussieht. Und wenn sie nicht so gut » _____« aussieht - na, was? Dann kaufst du ihr einen Nerz und ein » _____« paar Brillanten. Fertig. Bumsen ist was anderes. Eine » _____« Frau, die du gern bumst, macht dir als Ehefrau Probleme. »

Sehr lehrsam wirkt auch die Szene, in der Wedels Herzog anhand einer römischen Münze, auf die ein Januskopf geprägt ist, dem Politiker Möllbach das Geschäftsleben erläutert: _____« Siehst du die zwei Gesichter? Einer der römischen » _____« Götter. Zwei Gesichter, und genau das sind wir. Wir » _____« Unternehmer und ihr Politiker. Zwei Seiten derselben » _____« Münze. Manchmal könnt ihr zuwenig ausrichten . . . »

Giancana hingegen erklärt anhand der Janus-Münze seinem Bruder die Zusammenarbeit mit der CIA: _____« Siehst du, dies ist einer der römischen Götter. Er » _____« hat zwei Gesichter . . . zwei Seiten. Und genau das sind » _____« wir, das Outfit (Mafia) und die CIA: zwei Seiten » _____« derselben » _____« Münze. Manchmal kann unsere Regierung überhaupt nichts » _____« ausrichten . . . »

Wedel sagt, das Giancana-Buch kenne er nicht. Er verweist auf ein ZDF-Interview, in dem er seine Quellen nannte: Deutsche Kriminalbeamte hätten ihm Berichte »über die Arbeit ihrer amerikanischen Kollegen« zur Verfügung gestellt, »Berichte über den legendären amerikanischen Mafia-Boß Sam Giancana zum Beispiel«.

Eine gewisse Wiedersehensfreude ergriff auch »Schattenmann«-Zuschauer, die ihre John-le-Carre-Thriller im Regal haben; Wedel hortet sie ebenfalls. Le Carres »Nacht-Manager« ist die Geschichte eines verdeckten Ermittlers, der sich mit einem Trick an den Paten heranwanzt: mit einer inszenierten Gefahrensituation dessen Sohnes, aus der ihn der Ermittler rettet. Also schattenmannmäßig.

Hier wie da erblüht eine Männerfreundschaft, dem Ermittler fällt eine Blondine aus der Entourage des Paten anheim - derlei Geschichten sind geläufig, ohne Blondinen geht nichts. Und bedeutende Männer wurden gern unterwandert: Jesus von Judas, Faust von Mephisto, Brandt von Guillaume.

Die Wiedersehensfreude steckte da mehr im Detail. »Was ist eine Lasterhöhle?« fragt Kindermund bei Wedel wie bei le Carre. Die jeweiligen Schattenmänner tippen auf Bordell. Rätsels Lösung bei le Carre: »Eine große Garage.« Bei Wedel, entschieden deutlicher: »Eine große Garage, für Laster.«

Oliver Stones »Wall Street« ist mittlerweile jedem Streetworker vertraut: Junger Mann wanzt sich an den kriminellen Tycoon Gordon Gekko heran, Männerfreundschaft erblüht, eine Blondine aus der Entourage des Paten fällt dem jungen Mann anheim - wie bekannt.

Wie im Leben, und wie im »Schattenmann«, zerbricht die Männer- und Blondinenfreundschaft; ein Lauschangriff - bei Stone stehen Pate und Jüngling Aug' in Aug' im Central Park, bei Wedel Pate und Ermittler auf einem Friedhof - überführt die Verbrecher.

Tatsächlich empfiehlt es sich nicht, den »Schattenmann« nach »Wall Street« oder »Wall Street« nach dem »Schattenmann« zu sehen: Die Bilder gleichen sich zu oft. Muß beispielsweise jeder der beiden Paten Rage markieren, indem er teure Nippes zerschmettert?

Hinzu tritt betrübend, daß auch die Texte zu den Bildern gelegentlich einander in Erinnerung rufen, unter anderem eine an sich wertvolle Maxime aus dem Merkantilbereich. Bei Stone lautet sie: »Der wichtigste Gebrauchsgegenstand, den ich kenne, ist die Information.« Bei Wedel: »Die nützlichste Ware, die ich kenne, ist die Information.«

Und ganz nah sind sich die beiden Künstler, wenn die Blondinenliebe zu Bruch geht. Aus den letzten Worten der Blondinen:

»Leg dich nicht mit Gordon an. Er zerquetscht dich": Stone-Text. »Leg dich nicht mit ihm an« (zerquetschen kommt später): Wedel-Text. »Wenn du dich unbedingt verfeinden willst mit Gordon Gekko, werde ich dich dabei nicht unterstützen« (Stone). »Wenn du dich wirklich mit Jan Herzog verfeinden willst, dann aber ohne mich« (Wedel).

Den Triumph des Gleichklangs schließlich bietet ein offenbar unter Blondinen typisches Geräusch. Bei Stone kommt es nach den Worten: »Durch ihn (Gekko) habe ich alle meine Kunden. Und die kann er mir auch ganz schnell wieder wegnehmen, einfach so.« Bei Wedel: »Und ich hab' jetzt tolle Kundinnen. Erste Sahne. Und was glaubst du, wo die sind, wenn Herzog nur einmal so macht.«

Wie sich die Bilder gleichen: Beim Wörtchen »so« schnippen beide Blondinen mit den Fingern. Y

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