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ZWERENZ Noch zorniger

aus DER SPIEGEL 19/1961

Über 300 Seiten lang hagelt es Schmähungen und Kritik: Walter Ulbricht ist ein »mißratener Sachse« und verkörpert »negatives Proletariat«; der Franco freundliche CSU-Politiker Richard Jaeger wird aufgefordert, sich »von seiner Kirche exkommunizieren (zu) lassen«; der Ostberliner Lyriker Stephan Hermlin ist ein »literarisch lizenziertes Masttier«; der Fall Globke signalisiert »das wirkliche Halbstarkenproblem« der Bundesrepublik.

Und weiter: Der westdeutsche Publizist Erich Kuby ist »absolut amoralisch«; der Bundesbürger bewegt »die Kiefer nur noch zum Fressen«; die deutsche Linke ist »zu mies«, und die deutschen Dichter in Ost und West sind allesamt nur »Feierabendglocken«.

Autor dieser rüden Allround-Polemik ist der 1957 von Ost- nach Westdeutschland emigrierte Schriftsteller Gerhard Zwerenz. Seine tagebuchartig angelegte Kraftwortsammlung, zwischen 1957 und 1960 größtenteils in dem rheinischen Dorf Kasbach zu Papier gebracht, ist soeben unter dem Titel »Ärgernisse« auf dem deutschen Büchermarkt erschienen.* Dem Umschlagtext des Kiepenheuer-Verlags zufolge soll sie »der Bestimmung eines neuen Standorts dienen, um den sich der Autor in scharfer Auseinandersetzung mit dem östlichen Funktionärsstaat und der westlichen Wohlstandsgesellschaft bemüht«.

Der 35jährige sächsische Arbeitersohn und ehemalige Volkspolizist Zwerenz attackiert Ost und West, Kommunisten und Konservative, Rechts und Links mit gleich provokanten Formulierungen. Die westdeutschen Linksintellektuellen nennt er »eine Spezies austernschlürfender, glatthäutiger Leute, deren Moral im gemächlichen Ausverkauf alter Werte ohne Hinzutritt neuer besteht«. Der deutschen Industrie verheißt er für den Fall, daß sie ihm ihren Preis - den »Literaturpreis des Kulturkreises im Bundesverband der Deutschen Industrie« - verleiht, ein Danktelegramm mit dem Text: »Bin für volkseigene Betriebe und entschädigungslose Enteignung.«

Nicht alle Verlautbarungen des aus Betrachtungen, Berichten, Gedichten, Geschichten und Gedankensplittern zusammengesetzten »Tagebuchs« vermag der Leser mit gleich großem Interesse in sich aufzunehmen. So wird ihn etwa die Meinung des jungen Autors, die Zeitungen machten zuviel von Soraya her, vermutlich ebensowenig erregen wie die Mitteilung, daß der Rhein am Ende ins Meer fließt ("Dort stirbt er das große ewige Sterben").

Auch die Bemerkung des Kiepenheuer & Witsch-Autors Gerhard Zwerenz, daß der Kiepenheuer & Witsch -Autor Jürgen Rühle den Kiepenheuer & Witsch-Autor Winfried Martini schätzt, ist nur von relativem Überraschungswert.

Gleichwohl weiß Zwerenz, der Englands »Angry Young Men« als »Langeweiler« apostrophiert, sich mit den unzimperlichen »Ärgernissen« als einer der wenigen wirklich zornigen Jungmänner der deutschen Gegenwartsliteratur in Szene zu setzen. Zwerenz: »Literatur, von zitternden Händen geschrieben, kann keine Achtung erringen.«

Mit dem Satz, er sei »aus einer sehr schlechten Welt in eine schlechte gekommen«, umreißt der Ost-West-Gänger Zwerenz seine Situation in der Bundesrepublik. »Nun sitz' ich und hämmre meinen Groll in die Tasten.« Auf ästhetische Feinheiten kommt es ihm dabei weniger an. »Ich neige zum anarchischen Schreiben«, bekennt er und schimpft auf die unpolitischen Schöngeister: »Die am schönsten reden, haben die schmutzigsten Finger.«

Zwerenz, der mit zwei früher in Westdeutschland erschienenen Romanen* nicht sonderlich reüssieren konnte, lehnt zwar die kommunistische Kunstlenkung ab, attackiert aber auch den westlichen Avantgardismus, der den Kontakt zur Gesellschaft verloren habe: »Das geht nicht gut. Dichter, die nur mehr für Dichter schreiben.«

An der Überbewertung des Formalen in der modernen Westliteratur seien die »schmalen Talente« schuld: »Sie müssen drücken und würgen und sich noch mit dem Finger in den Rachen fahren, damit es komme.«

Zwerenz fordert seine Schriftstellerkollegen zum »Engagement« auf und macht ihnen und sich selbst Mut: »Also, keine Angst vor dem 'wilden' Schreiben, vor der einbrechenden Wirklichkeit, dem direkten Bezug, vor allgemein verständlichen Sinnbildern. Keine Angst vor den Bahnbullen der ästhetischen Kommandeure... Was Experiment war, ist zum Zirkus degeneriert.«

Einige seiner bundesdeutschen Dichterkollegen hat der West-Neuling Gerhard Zwerenz ("Bin hier wohl ganz der Prolet, dem etwas gefällt und zugleich mißfällt") in seinem Tagebuch namentlich apostrophiert. So zensiert er den Lyriker und Literaturprofessor Walter Höllerer: »Unheilbar avantgardistisch, sanft lächelnd, gewinnt noch dem letzten Widersinn eine Plausibilität ab«; die Lyrikerin und Hörspielautorin Ingeborg Bachmann: »Ist's fauler Zauber oder 'Neue Wirklichkeit'«; und den Schriftsteller und Philologieprofessor Walter Jens: »Zu klug, um wahr zu sein.«

Über den »Blechtrommel«-Autor Günter Grass notiert Zwerenz: »Erster Eindruck: Mütter, hütet eure Töchter«; über den Romancier Heinrich Böll: »Vater, Moralist, Gehetzter, immer auf der Suche nach Gerechtigkeit. Stell mir ihn immer Türen öffnend, Fenster aufreißend vor: Bedürfnis von Licht, Luft, Stille.«

Ohne Namensnennung dagegen erwähnt er einen »bekannten Rundfunkmann«, der ihn als »vorlaut« getadelt habe. Ihm erwidert Zwerenz: »Lieber ein voreiliges Nein als ein voreiliges Ja... Wir Nachkriegsopfer (haben) noch mehr Grund, frech und frech und vorlaut und vorlaut zu sein.«

Mehrfach versichert der DDß-Emigrant Zwerenz, daß er sich bestimmten westlichen Lebensformen niemals anpassen mag. Viele der in den Westen emigrierten Ost-Intellektuellen seines Schlages würden beispielsweise von merkantilen Hemmungen geplagt: »Wir schämen uns, Geld zu verdienen... Unser Erwerbstrieb hat gelitten, er ist geächtet, wir verachten ihn... Geld macht uns verlegen.«

Ohne sich zu beklagen, schildert Zwerenz ("Ich halte es für ein unveräußerliches Recht des Schriftstellers, aus eigener Verantwortung zu hungern") das frugale Idyll seines Lebens in dem rheinischen Dorf Kasbach, wo er mit Frau und Kind in einer »Laube« hauste. Seine literarischen Geschäfte gingen mal besser, mal schlecht: »Nur ein kleines, leises Jawohl - und schon klingelt die Kasse. Gar kein Jawohl aber, da brechen schlechte Zeiten an.«

Bessere Zeiten scheint der junge Ärgernisnehmer jedoch mit einem seiner letzten Tagebuchvermerke ins Auge gefaßt zu haben: Auf Seite 328 konstatiert Zwerenz: »Ob es uns freut oder ärgert... der Film, das Fernsehen und die Illustrierten sind eine Macht geworden, deren sich jene Schriftsteller, die wissen, was sie tun, bemächtigen müssen, damit sich ihrer nicht jene mit Ausschließlichkeit bemächtigen, die nicht wissen, was sie tun.«

»Ärgernisse«-Autor Gerhard Zwerenz ist inzwischen von Kasbach nach Köln übergesiedelt und schreibt jetzt an einer Ulbricht-Story für die Illustrierte »stern«.

* Gerhard Zwerenz: »Ärgernisse - Von der Maas bis an die Memel«. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln; 344 Seiten; 14,80 Mark.

* Gerhard Zwerenz: »Aufs Rad geflochten«. 312 Seiten; 15,80 Mark. »Die Liebe der toten Männer«. 240 Seiten: 7,80 Mark. Beide im Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln.

- Autor Zwerenz

Keine Angst vor wildem Schreiben

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