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FILM Nora in Watergate

Die Frau des Nixon-Widersachers Carl Bernstein hat aus ihrem Ehedrama erst ein Buch und jetzt einen Film gemacht: Sodbrennen. *
aus DER SPIEGEL 5/1987

Vor zehn Jahren, im Watergate-Film »Die Unbestechlichen«, war er ein verbissener Wahrheitssucher, ein rücksichtslos recherchierender Reporter, der selbst vor der Macht des Präsidenten nicht zurückschreckte.

Nun ist er wieder als Kinoheld zu sehen wenn auch als ganz anderer: im Spielfilm »Sodbrennen«, der von dieser Woche an in deutschen Kinos läuft betrügt er als Affären-süchtiger Lebemann und skrupelloser Schürzenjäger seine Frau, als sie mit ihrem zweiten Kind schwanger ist.

Die Frau ist ihrerseits Journalistin, eine scharfzüngige dazu, und wenn sie am Ende mit zwei kleinen Kindern das Flugzeug nach New York besteigt, um ihrem Elend zu entfliehen, ist klar: Sie wird sich rächen, wird ihr Ehedrama in einem Buch vermarkten und es an Hollywood verkaufen.

Genauso verlief auch die wahre Geschichte von Watergate-Reporter Carl Bernstein und seiner Frau Nora Ephron - das Leben, scheint''s, schreibt nun einmal die schönsten Ehekrachgeschichten.

Bernstein hatte die Feministin (der Name Nora verpflichtet) und Essayistin geheiratet, nachdem er zusammen mit Bob Woodward den Watergate-Skandal aufgedeckt und damit den Sturz Richard Nixons eingeleitet hatte. Als Bernstein mit Margaret Jay, der Frau des damaligen britischen Botschafters, ein Verhältnis anfing, ging seine Ehe - unter lebhaft-boshaftem Anteil der Medien-Society von Washington und New York - in die Brüche. Einer Klatschkolumnistin diktierte Nora in die Maschine: »Carl ist eine Ratte.«

Die Geschichte ihrer Ehe hat sie dann zu einem wenig verhüllten Schlüsselroman verarbeitet: »Heartburn« erschien 1983 und war auf Anhieb ein Bestseller, und auf diesem Buch (und Nora Ephrons Drehbuch) basiert nun auch der Film.

Nicht jede betrogene Ehefrau hat die Chuzpe (und die schreiberischen Mittel), sich auf so gnadenlos öffentliche Weise zu revanchieren. Denn weder im Buch noch im Film ist von dem fähigen Reporter

Bernstein etwas übriggeblieben, ganz zu schweigen von dem strahlenden Watergate-Enthüller.

Aber glorreich war die Bernstein-Vita in den letzten Jahren nun auch wirklich nicht, als er mehr durch Seitensprünge und flotten Lebensstil als durch berufliche Erfolge von sich reden machte.

Aufstieg und Fall: der Weg seit der Zeit, als er mit seinem Kollegen Woodward eines der glanzvollsten Kapitel der Geschichte des amerikanischen Journalismus schrieb, war ziemlich abschüssig. Das Team mit dem Spitznamen »Woodstein« deckte nach dem Einbruch ins demokratische Hauptquartier in Washingtons Watergate-Komplex in monatelangen Recherchen eine Verschwörung auf, die direkt ins Weiße Haus führte, zum »Komitee für die Wiederwahl des Präsidenten«.

Der »Washington Post«, ihrer Zeitung, brachten die beiden Reporter einen Pulitzer-Preis ein, sie selber wurden zum Mythos für nachfolgende Studentengenerationen an den Journalismus-Fakultäten amerikanischer Hochschulen. Nie hatte der Enthüllungsjournalismus, der »investigative journalism«, einen besseren Ruf als damals.

Seine Erfahrungen schrieb das Duo später in einem Bestseller nieder: »All the President''s Men«. In der Filmversion (deutscher Titel: »Die Unbestechlichen") spielten Robert Redford und Dustin Hoffman die vor Energie berstenden Reporter-Zwillinge als Helden der Schreibmaschine.

Nach einem zweiten gemeinsamen Buch (es wurde wieder ein Bestseller) über die letzten 100 Tage von Richard Nixon ("The Final Days") trennten sich jedoch ihre Wege. Während Woodward bei der »Post« blieb und - trotz einiger Pannen - immer neue journalistische Ehren anhäufte, rutschte sein Kollege Bernstein allmählich von der Seite eins in die Klatschspalten ab. Er wurde vom schreibenden zum beschriebenen Journalisten. Sein Gastspiel als Leiter des Washington-Büros der Fernsehgesellschaft ABC und als Reporter dauerte nicht lang, obgleich er während des Falklandkrieges einige solide Hintergrundberichte aus London lieferte. Seither schreibt er Beiträge für diverse Zeitschriften und - nun schon seit Jahren - an einem Buch über seine Kindheit in einem politisch links stehenden Elternhaus während der McCarthy-Ära.

Vor allem aber bot er seit dem Ende seiner Ehe Stoff für Klatschkolumnisten: Mal hatte er es mit Elizabeth Taylor, mal führte er Bianca Jagger in New Yorks Prominentendiscos. Und in Washington wurde er wegen Trunkenheit am Steuer verhaftet.

In diese depressiv-bewegten Jahre platzte das »Heartburn«-Buch seiner Frau. Bernstein schwieg - wie er heute sagt, wegen der Kinder. Erst als seine Ex-Frau die Story auch noch als Film vermarkten wollte, lief er vor Gericht. In einem Vergleich wurde ihm zugestanden, daß er in der Leinwand-Version durchweg als »treusorgender, liebender und gewissenhafter Vater« dargestellt würde.

Ein Leben als öffentliches Spektakel - vom gefeierten Nachrichtenjäger zum verspotteten Schürzenjäger. Während im ersten Film der alerte Reporter Bernstein _(Im Nichols-Film »Heartburn«. )

von Dustin Hoffman mit nervöser Energie und ständiger Neugier dargestellt wurde, verleiht ihm in »Heartburn« Jack Nicholson seine wie von Sodbrennen verknautschten Züge.

Doch Nicholsons Part ist - die Perspektive der Drehbuchschreiberin macht das verständlich - weniger bedeutend als der von Meryl Streep als Nora. Sie ist die Heldin und Siegerin des Films - noch in den ehelichen Niederlagen gegen die Nebenbuhlerin.

Aber auch die Kunst zweier exzellenter Schauspieler kann nicht verhindern, daß der Film rasch sein anfängliches Tempo verliert. Während das Buch seine Wirkung aus der bissigen Schreibe bezog, verliert sich der Film (in Mike Nichols Regie) mehr und mehr in schönen Bildern aus dem Washington der schreibenden Lebewelt, wo man sich zu Essen und Trinken und schöner Wohnen zusammenfindet.

Im Nichols-Film »Heartburn«.

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