Zur Ausgabe
Artikel 75 / 94
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

CALLGIRLS Normales Geschäft

Sie stammte aus bester Familie, war prüde wie eine viktorianische Jungfer - und leitete den erfolgreichsten Callgirl-Ring in New York. Jetzt schrieb Miss Biddle Barrows über ihr »geheimes Leben«. *
aus DER SPIEGEL 46/1986

Wenige Stunden bevor die »Mayflower«, das englische Auswandererschiff mit den Pilgervätern, im November 1620 an den Gestaden Neu-Englands landete, plumpste schreiend ein Mann namens John Howland über Bord. Mit einem Haken gelang es, den hilflos Zappelnden ins Leben zurückzubefördern.

Dieser glückliche Umstand ermöglichte dem Zugereisten die Zeugung einer Reihe von Kindern, deren eines das stolze amerikanische Geschlecht der Biddles mitbegründen half - es wurde eine Familie vornehmlich von Pechvögeln: Da gab es etwa den Edward Biddle, der beinahe die Unabhängigkeitserklärung mitunterschrieben hätte (wenn er nicht krank geworden wäre), und den Thomas Biddle, der sich mit einem Kongreßabgeordneten aus Missouri beinahe erfolgreich duelliert hätte (wenn er dabei nicht erschossen worden wäre).

Auch der Geistliche William Brewster, der das Häuflein puritanischer Auswanderer auf dem Pfade des Glaubens hielt, war fruchtbar und mehrte sich und bescherte Amerika so die Familie der Barrows, über die ebenso rühmlich gesprochen wurde wie über die der Biddles. Bis vor kurzem.

Das schiere Entsetzen durchzuckte Amerikas High-Society, als vor zwei Jahren bekannt wurde, daß ausgerechnet eine Biddle Barrows, ein Sproß aus diesen zwei ehrsamen und tugendhaften Geschlechtern, die Chefin des exklusivsten und erfolgreichsten Callgirl-Rings der Vereinigten Staaten war.

Wie, so fragte die Presse und mit ihr die feine Gesellschaft, konnte das passieren? Gehörte die Frau als doppelter Mayflower-Abkömmling nicht zum hohen amerikanischen Adel? Stand ihr Name nicht im Social Register, wo verzeichnet ist, wer in den USA wirklich dazugehört? Hatte diese Sydney Biddle Barrows mit ihrem kurzen Blondhaar, dem aristokratisch-schmalen Kieferbogen und ihren klassischen Kostümen nicht stets die polierte Eleganz der höheren Tochter zur Schau getragen?

Dabei hätte die Upperclass auch jetzt noch Grund genug, auf das Kind aus ihrer Mitte zumindest ein wenig stolz zu sein: Kein Unternehmen der gewerblichen Unzucht führte so schöne und gescheite Mädchen in seiner Kartei wie die Madam mit der teuren Privatausbildung; keines war so perfekt gemanagt, keines zählte so viele hochgestellte Persönlichkeiten von Rang und Namen zu seiner Stammkundschaft - Herren des Show-Business, der internationalen Wirtschaft, der Politik. Wenn die Uno ihre Jahresversammlung abhielt, fuhren Sydneys Mädchen Tag- und Nachtschicht.

Kaum hatten sich die sensiblen Seelender Oberklasse beruhigt, da sorgte die Gefallene für einen neuen Skandal: Unter dem Titel »Mayflower Madam« veröffentlichte die mittlerweile 34jährige kürzlich die Geschichte ihres »geheimen Lebens« - ein fürwahr bemerkenswertes Buch, denn das Wort Sex, geschweige denn die Beschreibung dieser Tätigkeit, kommen darin nicht vor. Von großem Nutzen hingegen kann das inzwischen zum US-Bestseller avancierte Werk Leitfaden für all jene sein, die bei Aufbau

und Management eines Callgirl-Rings Probleme haben. _(Sydney Biddle Barrows: »Mayflower ) _(Madam«, Arbor House, New York; 292 ) _(Seiten; 17,95 Dollar. )

Was ihre Kunden mit den Mädchen trieben, zum Preis von 195 Dollar pro Stunde (mit zweimaliger Entspannungsmöglichkeit) oder die ganze Nacht zu 1000 Dollar, beschreibt die moderne Gelegenheitsmacherin züchtig als »Aktivitäten zwischen den Leinentüchern« oder als »privaten Service«. Die Erwerbszone ihrer Girls nennt sie »das Gebiet«, das männliche Pendant »das Ding«. Jenes Sex-Hilfsmittel, das weniger geschliffene Naturen als Dildo bezeichnen, heißt bei ihr »batteriebetriebene Vorrichtung«; kommt die Rede gar auf orale Praktiken, vermag sie dies »in Worte nicht zu fassen«.

Immerhin erfährt man, daß Engländer und Franzosen häufig »nicht sehr sauber« sind, orientalische Männer hingegen durchweg »nett und einfach«; Araber wollen »hinterher oft nicht zahlen«, und die Japaner sind »erfreulich schnell befriedigt - sorry, Gentlemen, aber mehr ist von Sydney nicht zu erfahren, vielleicht noch eines, »... well, lassen Sie es mich so formulieren: Der japanische Standard ist kleiner« - weshalb ihre Mädchen neben Kondomen nach US-Norm (5,2 mal 17,2 Zentimeter) stets auch Velhüteli in Japan-Ausführung (4,9 mal 16,1 Zentimeter) dabeihatten.

Der Aufstieg des Sprosses aus vornehmer Familie zur Sex-Magnatin begann im Jahre 1978, als sie gerade ihren Job als erfolgreiche Einkaufsmanagerin eines Mode-Unternehmens gekündigt hatte. Eine Freundin fragte Sydney, ob sie während ihrer Stellensuche des Nachts aushilfsweise Telephondienst bei einem Callgirl-Ring machen wolle. Nach wenigen Stunden an ihrem neuen Arbeitsplatz war die junge Frau entsetzt - nein, nicht der Unzucht wegen, viel schlimmer: »weil dort ein erhebliches Marktpotential nicht optimal genützt wurde«.

Da stöhnten die Dirnen nicht nur unter den Freiern, sondern auch unter dem Chef, das Arbeitsklima war unproduktiv und die Kundschaft unzufrieden. »Das kann ich besser«, sagte die ambitionierte Unternehmerin und gründete die Firma »Cachet« (Werbeslogan: »Der vertrauenswürdigste Begleiter-Service in New York").

Wie es sich für einen guten Manager gehört, stellte sie erst einmal Marktforschung an und recherchierte im Milieu: dabei stellte sie fest, daß die Männer darüber klagten, worüber Männer seit jeher im Zusammenhang mit dem gekauften Koitus klagen: Als »glidenvetzerey« war schon im Mittelalter die allzu schnörkellose Verrichtung des Liebesdienstes gefürchtet - wobei damals Dirnen, die in dieser Hinsicht allzuoft auffielen, vielerorts vor den Stadttoren aufgeknüpft oder gesteinigt wurden.

Da dieses Korrektiv in der modernen Gesellschaft fehlt, beschloß Miss Biddle Barrows, in ihrem Betrieb auf strenge Qualitätskontrolle zu achten: Jeder »Gentleman«, wie sie ihre Kunden zu nennen pflegte, wurde nach stattgehabtem Verkehr telephonisch über den Grad seiner Zufriedenheit befragt.

Häuften sich die Klagen über eine ihrer »Ladys«, dann fand diese eine schriftliche Abmahnung in ihrem Namensfach im Hauptquartier des Rings, das in einem Apartmenthaus in Manhattan untergebracht war. Häufig auch hingen dort am Schwarzen Brett Zettel mit

handschriftlichen Anweisungen, etwa: »Ihr seid zu dick. Alle auf Diät!«

Aber auch Kunden, die unangenehm auffielen, bekamen Sydneys Strenge zu spüren: »Ich erwarte, daß Sie beim nächsten Mal sauber gewaschen sind«, sagte sie hygienisch auffälligen Mannspersonen, »meine Ladys sind es schließlich auch.« Verlangte es einen Kunden nach dem, was Miss Biddle Barrows mit dem Ekel einer viktorianischen Jungfer »das Griechische« (vulgo: Analverkehr) nennt, so hatte das Girl die strikte Anweisung, umgehend das Weite zu suchen: »Wir tun so etwas nicht, um keinen Preis der Welt.«

Den Nachwuchs rekrutierte Sydney nicht unter professionellen Prostituierten, sondern in Schauspielschulen und Modellagenturen: wahre Amateure sollten ihre Ladys sein, mit einer Kernarbeitszeit von drei Tagen pro Woche und »möglichst Spaß an der Sache«.

Bevor Sydneys Mädchen auf die Mannheit losgelassen wurden, mußten sie ein Trainingsprogramm durchlaufen. Da lernten die Novizinnen beispielsweise, wie sich eine Cachet-Lady kleidet (klassisches Kostüm mit Karriereschluppe), was sie zu lesen hat (mindestens »Time« und »Newsweek"), welche Gefahrensignale zu beachten sind ("venerische Warzen, Herpes-Pickel") und welche Art von Kondom zu benützen sei: »Auf keinen Fall die billigen, denn die sind wesentlich dicker, und glaubt mir, damit dauert der Vollzug dessen, was nun einmal vollzogen werden muß, fünfmal so lange.«

Die Chefin selbst hielt sich da raus: Niemals, so beteuert die Barrows, gleichsam zwischen den Zeilen errötend, habe sie aktiv am Detailgeschäft mit der Liebe teilgenommen. Für sich persönlich lehne sie häufig wechselnden Geschlechtsverkehr strikt ab.

Von ihren Hübschlerinnen kassierte Sydney 50 Prozent des Liebeslohns als Provision. Dafür bezahlte sie die Krankenversicherung und bürgte für entgangenen Verdienst etwa, wenn der Scheck eines Klienten platzte.

Gerade als der Laden so richtig florierte und Sydney einen zweiten Begleit-Service namens »Finesse« eröffnet hatte, schlug der Familienfluch der Biddles zu: Es war wirklich ganz außergewöhnliches Pech, daß ein karrierestrebender Sittenpolizist des mittleren Dienstes ausgerechnet Cachet, einen Begleiter-Service unter rund 500 in New York, zum Objekt seiner Aufmerksamkeit erkor.

Anfangs gingen Staatsanwalt und Gericht mit der gebührenden moralischen Entrüstung gegen »das sittenlose Unwesen« vor: als jedoch die Existenz der Kundenliste mit ihren 3000 Namen bekannt wurde und Sydneys Anwältin damit drohte, sämtliche Klienten - darunter auch zahlreiche Organe der Rechtspflege - als Zeugen zu laden, erlahmte der Eifer der Justiz. Schnell und unbürokratisch entschied das Gericht auf eine Ordnungsstrafe von 7500 Dollar, offiziell war der Fall damit erledigt.

Die Familie freilich wurde aus dem Social Register gestrichen, seitdem lebt sie, zumindest für das noble Amerika, in Schande und Schimpf. Doch die Biddle Barrows, stolz und selbstbewußt, wie nur altes Blut sein kann, nahmen die Achtung gelassen hin. »Ich habe mir sagen lassen«, so Sydneys Großmutter, eine Dame von 90 Jahren, »daß Prostitution heute ein ganz normales Geschäft ist.« _(Auf dem Weg zum Gericht. )

Sydney Biddle Barrows: »Mayflower Madam«, Arbor House, New York; 292Seiten; 17,95 Dollar.Auf dem Weg zum Gericht.

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 75 / 94
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.