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Ludwig II., der »Märchenkönig« Norne Lola flucht dem König

Ludwig II., Bayerns Märchenkönig, ist plötzlich Film-Thema: Gleich drei Ludwig-Lichtspiele laufen demnächst an. Der Monarch muß etwa zu Wagner-Klängen leiden oder beispielhaft als »Opfer seines Standes und der Jesuiten« zugrunde gehen. Das ärgert königstreue Bayern; auch zwischen den Kino-Konkurrenten gibt es Krach.
aus DER SPIEGEL 18/1972

Er hatte sich immer gewünscht, das »ganze bayerische Volk« möge »nur einen Kopf« haben: »Um es auf einen Streich hinrichten lassen zu können.« Ludwig II., der »Märchenkönig« der Bayern, war ein sonderbarer Träumer.

Im Wintergarten seiner Münchner Residenz. vor einem gemalten Himalaja, schiffte er gern, als Lohengrin bemäntelt, über einen Kunstsee; Kupfervitriol hielt die Pfütze meerblau« ein Mühlrad« durch verborgene Kraft bewegt, schlug Wellen.

Mit einem seiner letzten Lieblinge, dem Schauspieler Josef Kainz, strich er durch die Stätten. an denen Wilhelm Tell geweilt, und ließ den Künstler passend Schiller rezitieren. Auf dem Rütli, vor dem Schwur, fiel der strapazierte Kainz in Schlaf.

Als Ludwig schließlich mit seiner Lieblingsstute tafelte, den Sonnenkönig Ludwig XIV. um

sich wähnte und die Diener auf allen vieren kriechen hieß, da ward ihm die Krone genommen. Sein Tod im Starnberger See, am 13. Juni 1886, ist heute noch geheimnisvoll verdüstert.

Jetzt kommt wieder Leben in die Geschichte -- gleich drei Ludwig-Licht. spiele rollen auf die Deutschen zu:

* Altmeister Luchino Visconti ("Tod in Venedig") dreht, mit Helmut Berger und Romy Schneider, an einem Ludwig-Prunkfilm (bislang zwölf Millionen Mark). Premiere: Herbst. Titel: »Ludwig II.«

* Josef Kainz (r.)

* Jungfilmer Hans-Jürgen Syberberg ("Scarabea") hat, in elf Tagen und mit unberühmten Künstlern, einen Ludwig-Langfilm (zweieinhalb Stunden) hergestellt. Premiere: Ende Juni im ZDF. Titel: »Ludwig II.«

* Und Ende Mai schickt der Constantin-Verleih einen Ludwig-Altfilm mit Galapremiere und 25 neuen Kopien wieder in die Kinos: Helmut Käutners Königs-Schnulze mit O. W. Fischer und Ruth Leuwerik aus dem Jahre 1955. Titel: »Ludwig II.« Der exzentrische Monarch hatte seit je Künstlerseelen beflügelt. »Einziger wahrer König des Jahrhunderts«. so besang ihn Verlaine; Cocteau plante einen Ludwig-Film, und Dall heißt den närrischen Fürsten emphatisch seinen »Freund«.

Er war der wahre König -- indem er der Décadence und Drôlerie des Jahrhunderts die Krone aufsetzte: dem Geniekult, der Kopierwut alter Stile, der Flucht in ästhetischen Selbstgenuß und graue Mythen; Krupp hämmerte derweil Kanonen und Bismarck eine militante Großmacht.

Richard Wagner, der Sybarit aus Sachsen, wäre ohne Ludwigs Ticks und Börse nicht weit gekommen. Ludwig trieb die Wagnerei auf die Spitze: Sein Schloßbaufieber entzündete sich an den Germanen-Opern. ganze Trakte von Neuschwanstein wurden Wagner-Bühnenbildern nachgebaut.

Just diese Marotte bat Ludwig-Filmer Hans-Jürgen Syberberg für sein Lichtspiel genutzt: Er läßt den König (Hary Bär) in Wagner-Kulissen und zu Wagner-Musik leiden; Wagner selbst tritt in zwiefacher Gestalt auf -- als bleiche Frau und als schlimmer Gnom.

Syberberg will, mit »phantastischem Realismus«, auch den »Geist der Ludwig-Zeit erfassen«. So wird Karl May auftreten, der ja Ludwig im Roman ("Der Wurzelsepp") beschrieben hat, sowie die einst aus München verjagte Lola Montez, die einst dem Großvater des Märchenkönigs, Ludwig I., als Mätresse liebgewesen war. Als Norne und »aus Rache auf Bayern« (Syberbeng) soll sie, zu Beginn, den jüngeren Ludwig verfluchen.

Visconti hingegen drehte weitgehend in den originalen Ludwig-Schlössern und historisch akkurat; und das will dem Operndekorateur Hannes Heindl, Vorsitzender des Münchner König-Ludwig-Klubs (600 Mitglieder), gar nicht gefallen. »Unser Ludwig«. forderte er mit Nachdruck, »muß sauber bleiben.«

Der »Filmemacher aus Italien«, so Heindl, könne gar keinen »authentischen Film« drehen, weil »Liebesleben und Tod Seiner Majestät viel zu sehr im dunkeln« lägen; ob der König Kavalleristen lieber hatte als die Kaiserin Sissy (in Viscontis Film wieder Romy Schneider), ist tatsächlich noch nicht ausdiskutiert.

Ein Hang zum Wahn freilich wohnte Ludwig sicher inne -- er lag im Blut: Ludwigs Bruder, der närrische Otto, mußte in die Heilanstalt; eine Tante argwöhnte lebenslang, ein gläsernes Klavier verzehrt zu haben. »In meinem Film«, beruhigt Visconti, »ist Ludwig II. nicht mehr und nicht weniger verruckt als wir alle.«

Der italienische Edelmann hat sich letzthin gänzlich deutscher Décadence gewidmet -- der NS-Götterdämmerung im Film »Die Verdammten«, dem morbiden Fin de siècle mit seinem »Tod in Venedig«. Auch den König Ludwig sieht er recht deutsch: als »Idealisten, der an der brutalen Wirklichkeit scheitert«, als »Opfer seines Standes und der Jesuiten«.

Für sein Opfer hat Visconti sogar eine neue Todes-Theorie. Zum Schluß hebt (Drehbuch) ein greiser Diener des Königs Leibrock gegen das Licht, und siehe: Da ist ein Loch. Kombiniert der Diener: »Eine Kugel hat den König umgebracht.«

Als Schuß in den Rücken empfindet Viscontis deutscher Ko-Produzent, der Münchner »Gloria«-Verleih, nun auch ein Konkurrenz-Manöver: den Gala-Start des alten Käutner-»Ludwig« durch den Münchner »Constantin«-Verleih.

Wehklagend schrieb »Gloria«-Chef in Ilse Kubaschewski am Mittwoch letzter Woche an den »Constantin« -Konsul Waldfried Barthel, die »Constantin« wolle von der Ludwig-Publicity profitieren, die Viscontis Film macht. Überdies betreibe sie »bewußte Irreführung«, denn die Werbung der »Constantin« erwecke den Eindruck, der alte Käutner-Film sei eine »Neuproduktion«.

Solche »Methoden«, mahnte Ilse Kubaschewski« könnten »uns den Zorn des Kinopublikums zuziehen«. Die Folge des Zorns, schlechte Kasse, träfe vor allem Ilse Kubaschewski.

Denn die »Gloria« ist an dem Visconti-Film, plus Vorkosten. mit 2,2 Millionen Mark beteiligt -- für deutsche Zustände eine kolossale Summe. Die durch »Constantin«-Konkurrenz beschwerte Gratwanderung hat mittlerweile auch die Kinobesitzer stark beunruhigt.

»Constantin« und »Gloria« sind die beiden letzten deutschen Großverleiher, und die Kinobesitzer, sagt ihr Verbandspräsident Engelbrecht, »haben Interesse am Blühen beider Firmen«. Verständlich: Eine .Monopol-»Constantin« könnte den Markt nach eigenem Bild und Gleichnis formen.

Rund 300 Kinobesitzer, meldet »Gloria«, protestierten bislang gegen das »Constantin«-Manöver; der Käutner"Ludwig« soll dennoch, meldet »Constantin«, termingerecht und festlich anrollen.

Einen schmalen Sieg meldet auch Visconti-Gegner Hannes Heindl vom »König-Ludwig-Club": Ein bayrischer Hund hat den ausländischen Regisseur gebissen.

Zum Dank bekam das Tier von Heindl eine Wurst.

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