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FERNSEHEN / Telemann NULL OUVERT

aus DER SPIEGEL 21/1962

Nur ein Hitchcock hätte es ausgebären, nur ein Goya im Schreckensbilde festhalten können: Da saßen sie in -frisch angeschafften Schreibtischsesseln - der Vorsitzende des Fernsehrats, Dr. Wülfing, der Intendant, Professor Holzamer, und andere Bürdenträger der Anstalt »Zweites Deutsches Fernsehen«. Da saßen sie und wußten: Der Mai ist gekommen, und am 1. Juli soll, wie verkündet, das »Übergangsprogramm« anheben.

Kalender bleckten höhnisch ihr Datum. Stundenzeiger passierten gnadenlos Ziffer 'um Ziffer. Kein erlösender Laut, nur das Tröpfeln der Angstschweißperlen, das Knittern immer neuer Sorgenfalten und, aus der Ferne, das eintönige Rauschen jener 30 Prozent Fernsehgebühren, die seit dem 1. Januar aufs Mainzer Konto fließen.

Da plötzlich, am 8. Mai: der Postbote mit einem Brief vom Vorsitzenden der Arbeitsgemeinschaft der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten der Bundesrepublik Deutschland (ARD), Dr. Hans Bausch.

Inhalt: Einen schönen Gruß von Haus zu Haus, und die Länderanstalt könne für monatlich 150 000 Mark die »Tagesschau« übernehmen, erhalte Gelegenheit, sonstige Programmteile gegen Erstattung der Selbstkosten plus hundert Prozent »indirekter Kosten« zu erwerben, und sei überdies herzlich eingeladen, der ARD beizutreten.

Nun hätte die Mainzer Intendanz zurückschreiben können, an einer Verdoppelung der Tagesschau« sei weder ihr noch irgendeinem Zuschauer gelegen, hundert Prozent indirekte Kosten entrieten der Kulanz, und über einen Beitritt zur Arbeitsgemeinschaft könne man ja später noch reden. Aber dann hätte das Erste Fernsehen womöglich mit sich handeln lassen, und der Juli-Termin wäre unbarmherzig nähergerückt.

So zeterte Mainz geistesgegenwärtig: Erpressung! Die im Schlußprotokoll zum Fernsehstaatsvertrag vorgeschriebene Koordinierungspflicht sei verletzt worden. Und: Der Beginn des Übergangsprogramms müsse vom 1. Juli auf unbestimmte Zeit vertagt werden. Ja, Intendant Holzamer erklärte, er habe den Gedanken an ein Übergangsprogramm überhaupt fallengelassen. Und: Die neue Anstalt benötige die 30 Prozent Gebühren auch dann, wenn sie kein Programm ausstrahle.

Am 15. Mai endlich erfuhr die Öffentlichkeit: Mit Ausnahme der Terminverschiebung (und der Gebühren) waren alles nur »Mißverständnisse«. Ferner erfuhr sie: Während Mainz mit geballter Kraft dem Aufbau obliegt, wird die ARD auch nach dem 30. Juni ein Zweit-Programm senden. Vorerst bis zum 31. Dezember.

Und siehe, in den frisch angeschafften Schreibtischsesseln herrschten wieder Lebensmut und Gründerlaune.

Freilich, sechs Monate sind für ein Unternehmen, das sich weder auf die Kniffe der Kalkulation noch auf die Künste der Programmgestaltung versteht, eine Henkersfrist. Spätestens im September wird sich Frau Sorge neuerlich zu Tische setzen.

Aber nun, da die TV-Mainzer wissen, daß UHF-Kanäle auch ohne ihr Zutun voll werden, wird es ihnen nicht mehr an verzögerungstaktischen Gründen mangeln.

Angenommen, der Bayrische Landtag lehnt, nach mehrmaliger Vertagung, den Fernsehstaatsvertrag ab. Dann braucht Professor Holzamer bloß zu wiederholen, was er bereits verlautbart hat, nämlich: daß solches für Mainz »einen Verlust von jährlich zwölf Millionen Mark bedeutet und sich natürlich auch im Programm auswirken müsse«. Mit der Anfügung: Lieber gar nichts gesendet als etwas Halbes.

Oder Bayern schlägt seinem TV -Monarchen Wallenreiter ein Schnippchen und ratifiziert. Ob einer so unerwarteten Wendung könnte sich Holzamer vor eine »völlig neue Situation« gestellt sehen, welche Entscheidungen erfordert, die man nicht leichtfertig übers Knie brechen...

Schon wäre das Jahr 1963 verstrichen.

In den Jahren 1964 bis 1965 könnte folgendes Hinderliche statthaben:

Die Studiobaracken in Eschborn/ Taunus brechen, infolge Parasiten-Befalls, vollends zusammen. Eine Cutter-Assistentin kündigt. Ein Ü-Wagen muß zur Generalinspektion. Ein Sendeleiter wechselt heimlich von der CDU zur SPD über und wird dabei ertappt.

Und im Jahre 1966, dem letzten seiner fünfjährigen Amtszeit, ist es dem Intendanten ohnedies nicht mehr zuzumuten, seine Wiederwahl durch ein so tückisches Imponderabile wie ein TV-Programm in Frage zu stellen.

Inzwischen schuftet das Erste Fernsehen gegen geringes Entgelt für zweie, fließen die Gebühren ins goldene Rheinstädtchen, bieten Fernseh- und Verwaltungsräte Anlaß über Anlaß zu globaler Heiterkeit.

Diejenigen aber, die immer so laut nach einem »Kontrastprogramm« gerufen haben, dürfen erst recht zufrieden sein. Denn wie auch ein Fernsehprogramm beschaffen sein mag - ein stärkerer Gegensatz als kein Fernsehprogramm wird sich füglich nicht erdenken lassen.

Merke: »Dies Nichts ist mehr als etwas« (Hamlet, IV, 5).

telemann

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