Zur Ausgabe
Artikel 58 / 96
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

»Nur ein Gott kann uns retten«

Von Matthias Matussek
aus DER SPIEGEL 31/1991

Der Teufel liegt in einer Gruft aus rosa Marmor an der Kreml-Mauer. Eine Hülle, klein und gelb und leer, wie aus Plastik. »Die Erde hat ihn nicht angenommen«, raunt Pawel, der Filmemacher. Der Teufel ist verdammt, ewig aufgebahrt zu bleiben. Er hat einen Namen. Der läßt sich aus den 15 Strichen des Pentagramms bilden und zu fünf kyrillischen Buchstaben gruppieren: LENIN.

In Sichtweite des Lenin-Mausoleums, fern am anderen Ende des Roten Platzes, der sich krümmt wie die Erdkugel unter der flirrenden Juli-Hitze, hat der russisch-orthodoxe Gott sein Domizil gefunden. Eine Ikone hängt dort an einem Bretterzaun. Ein Plakat bittet um Spenden für einen Kirchenbau.

Es ist die Übergangszeit, in der alles möglich ist. Die Zeit für Gott und für den Teufel. Und jede Sekunde kann ein Wunder geschehen. In der Valuta-Bar des Rossija-Hotels, wo die mondänen Moskau-Nutten längst in der Überzahl sind, erzählt ein russischer Produzent von einer Himmelserscheinung. Ein kreisförmiger Regenbogen, der erschien, als das Kreuz auf einer zerstörten Kirche wieder aufgerichtet wurde. Vor drei Tagen ließ der Produzent sich taufen. »Nur ein Gott kann uns noch retten«, sagt er.

Früher, da kam die Rettung noch aus der Kunst. Heiliger Tarkowski. Erzengel Klimow. Alle heiligen Untergrundkünstler, Samisdat-Autoren, Hinterhofmaler! Doch mit den alten Dämonen ist auch der Kampf gegen sie verblaßt. Es gibt keine Gegner mehr - nur noch den Konkurrenten Hollywood. Ein paar vereinzelte Blüten vielleicht, etwa Rjasanows schwarze Komödie »Gelobtes Land«, die mit einem Wunder endet, einer fliegenden Lokomotive . . . ansonsten ist die Filmkunst tot in Rußland, begraben unter buntem Müll. Nun helfe uns Gott. Und der Sprung in den Markt.

Die Moskauer Filmfestspiele sind eine höhnische, verfratzte Karikatur der früheren Dissidenten-Weihen. Die Amerikaner boykottieren, weil russische Videopiraten ihnen die Geschäfte vermasseln. Die Festivalfilme sind in westlichen Kinos bereits abgespielt oder Totgeburten. Die Organisation ist fest in den Händen arbeitsunwilliger älterer Damen, die mit ihren Verwandten im Kaukasus telefonieren. Informationen über Spielorte gibt es nur durch Zufall.

Chef dieses Desasters ist ein freundlicher alter Apparatschik, der sich seit seinem letzten Herzinfarkt geschworen hat, sich über nichts mehr aufzuregen. An seinem grauen Revers trägt er eine Ehrennadel. »T2« steht darauf. Doch keine Ehrennadel - es ist die Promotionsplakette für den neuen Terminator-Film mit Arnold Schwarzenegger. Sein traurigstes Erlebnis? »Die Absage von Madonna. Sie wollte von Gorbatschow persönlich empfangen werden.«

Den Hauptpreis wird ein Kulturfilm über ostsibirische Ureinwohner gewinnen. Der Sprecher der Jury wird davon reden, daß es keine bemerkenswerten Filme in diesem Jahr gab. Und Sophia Loren wird sich nach ihrer Pressekonferenz vergebens um ein Taxi bemühen - sie hatte vergessen, mit einem Dollarschein zu winken.

Die Filmfestspiele sind für die sowjetischen Gastgeber nicht viel mehr als ein Vorwand, um ausländische Produzenten zu treffen. Was heißt hier Filmkunst - laß uns ein Joint-venture machen. Du gibst die Dollar, Gringo - und ich besorge dir alles, was du brauchst: die Armee, 10 000 Statisten, Hubschrauber, den Kreml. Einen Teil der Dollar aber bitte auf ein Konto im Ausland. Es ist, als versuchten die Matrosen der sinkenden »Titanic« das Kajütenmobiliar zu verhökern. Ausverkauf.

Daß Amitabh Bachchan, der Bombay-Film-Held, umschwärmter Star des Festivals ist, kommt nicht von ungefähr. Das sowjetische Kino ähnelt dem indischen - nie gab es mehr Filme als im zurückliegenden Jahr und nie schlechtere. Es sollen um die 500 sein. Rubelmillionen zirkulieren, viel heißes Geld sucht neue Anlagen. Jeder Debütant bekommt eine Chance. Russisches Roulett, denn auf der anderen Seite sind die rund 10 000 Abspielstätten des Landes im Schnitt nur zu 29 Prozent ausgelastet.

Die Intelligenzija-Kultur ist implodiert. Kein Mensch interessiert sich noch für Filme über stalinistische Lager, für trostlose Proletarier-Balladen oder Künstlerdramen. Schlangen bilden sich nur, wenn etwa in einem »Produkty«-Laden unverhofft Schinken aufgetaucht ist. Die Abendunterhaltung besorgt man sich in schwarzen Videoläden wie dem, der auf dem Arbat gleich neben dem Puschkin-Haus eröffnet hat.

Und der hochgerühmte russische Autoren-Film? Zwischen den Plakaten im Rossija, die irgendwelche Haudegenfilme und Kunst-Soft-Pornos ankündigen, hängt ein kleiner, undeutlich bedruckter Zettel. »Stalins Beerdigung« steht darauf. Und darunter ganz klein: »von Jewgenij Jewtuschenko«.

Eine Handvoll Menschen haben den kleinen Vorführraum außerhalb der Stadt tatsächlich gefunden. »Stalins Beerdigung« erzählt von dem wohl düstersten Bacchanal des totalitären Zeitalters. Von jener hysterischen Nacht, als die Menschen sich tottrampelten, um den aufgebahrten Leichnam Stalins zu sehen. Er erzählt von den Gesichtern in der Menge, von den Einzelschicksalen im Massenwahn und von dem jungen Jewtuschenko, der dabei war. Im Film heißt er Schenja, ein zungenflinker Teenager, der berauscht ist vom eigenen Talent und von der Aussicht auf Ruhm, ein pathetischer Verseschmied, der auf Zuruf Liebeslyrik liefert und Tiraden über die Verschwörung jüdischer Doktoren zur Ermordung des Führers. In dieser Nacht lernt er eine Lektion fürs Leben.

Dieses Selbstporträt kontert Jewtuschenko mit einem anderen: Er tritt selbst in der Rolle eines alten Bildhauers vor die Kamera. Er steht in seinem Atelier, umgeben von überlebensgroßen Gipsbüsten Stalins und Molotows, und er zerstört sie in jener Nacht, und er ruft verzweifelt: »Nicht ich habe euch geschaffen - ihr habt mich modelliert!« Der Film - ein grandioses Testament und eine altersmelancholische Bilanz.

Und er führt noch einmal den Intellektuellen als Märtyrer vor: In einem Gefängnis für »Politische« debattieren Philosophen und Künstler über die letzten Dinge. Einer spielt Tschaikowskis Erstes Klavierkonzert auf einer Tischplatte, und ein bärtiger Alter sagt: »Man sollte viel mehr Menschen einsperren, denn im Gefängnis finden sie zu Gott.«

Jewtuschenkos Datscha liegt draußen, in den Birkenwäldern von Peredelkino, dort, wo die goldenen Käfige der Künstler stehen, der Gehätschelten und Verdammten des Diktators, und wo sein Nachbar Pasternak lebendig begraben seinen »Schiwago« schrieb.

Jewtuschenko war immer beides: Hofnarr der Macht und ihr störrischer Widersacher, ein Spagatkünstler. Und fast wäre er Jesus gewesen. »Pasolini wollte mich für seinen Passionsfilm haben. Als Chruschtschow davon hörte, sprach der von einem schlechten Witz. So wurde leider nichts daraus.«

Er ist hochgewachsen, durchtrainiert, ein redesüchtiger Charmeur, ein Kosmopolit. In dem großen, getäfelten Wohnzimmer hängen die Bilder, die ihm Max Ernst und Marc Chagall und Miro einst schenkten, damals in den frühen sechziger Jahren, als er als Tauwetter-Poet den Westen bereisen durfte. Jewtuschenko - der einzige Dichter des 20. Jahrhunderts mit einer Massenwirkung, die im Westen nur Popstars haben.

Ein letztes Mal nutzte er diese Wirkung auf einer Kundgebung gegen den Antisemitismus im Februar letzten Jahres. Er nutzte sie für seinen Film. Da rief er auf dem Roten Platz in die Menge: »Die wahren Demokraten unter euch möchte ich auffordern, an einem wahrhaft demokratischen Film mitzuarbeiten.« Und Tausende von Statisten meldeten sich.

In den Mythen und Bildern des Kinos sieht er, trotz der desolaten Lage, seine Zukunft. Er träumt von Filmen über Don Quichotte, über die alternden Musketiere, über tragikomische Helden, die am Ende ihrer Bahn angelangt sind. Die Lyrik? Er weiß, er wird keine Meisterwerke mehr schaffen. Die Geniestreiche seiner Jugend liegen weit zurück. Mit Gedichten macht er sich nur noch Luft. Gerade gestern hat er eines über die Dummheit geschrieben. Nach dem Essen, das die Babuschka gekocht hat, wird es gemeinsam ins Deutsche übersetzt. Mit Brücken über drei Sprachen hinweg. Wie könnte man »stadnost«, wie »obrasin« übersetzen. Fratze? Gesicht in der Herde? Ach, dieses Wort gibt es nicht auf deutsch? Wie schade! Schließlich läßt er es sich vorlesen.

Es beginnt mit den Versen: »Vielleicht sind wir alle verblödet/ Und in unserer Dummheit versackt wie im Schlamm/ Schlamm oder Blut - nur diese beiden Taufen stehen zur Wahl/ Ja, in Rußland ist die Auswahl nicht groß.«

Er nickt befriedigt. Es klingt gut. Und er erzählt, wie er und seine Zeitgenossen erst mit Heinrich Böll den Klang der deutschen Sprache lieben lernten. »Bis dahin kannten wir auf deutsch nur den Ausdruck ,Hände hoch!'« Aber weiter!

»Wer hat uns, und wann, unsern Verstand ausgeprügelt?/ Wir selbst! Wir haben, uns ewig verneigend, unseren Verstand weichgeklopft!« Er beugt sich vor, um keine Silbe dieses deutschen Echos auf sein Gedicht zu verpassen: »Sind wir nicht dabei, die Ordnung einer einzigen Herde/ lediglich gegen die mehrerer Herden zu tauschen/ aus denen die gleichen blöden Herdenfratzen glotzen?«

Nun gut, vielleicht klingt es auf russisch wirklich besser, aber schließlich: Was sind schon Worte in diesen Tagen. »Wir werden alle Fehler des Westens übernehmen«, sagt er zum Abschied traurig, »und unsere Kultur wird dabei krepieren.«

Wie er dasteht, hochaufgerichtet im Garten seiner Datscha, mit seiner jungen Frau und den beiden Hunden, und zum Abschied winkt, ist er wie einer, der aus den alten Zeiten herübergrüßt. Aus den Zeiten, als für Worte noch Blut floß, als Worte noch Köpfe kosten konnten, als Worte noch Schicksale entschieden. Er grüßt aus den heroischen Zeiten der russischen Intelligenz.

Ihre Zeit ist abgelaufen. Die Zukunft wird ohne Jewtuschenko auskommen. Für ihn, wie für andere Filmkünstler, hat der Teufel der neuen Zeit bereits Gestalt angenommen. Er trägt gestreifte Hemden, weiße Lederslipper und Goldkettchen. Sein Name: Ismail Tagi-Zade.

Er ist im Alter von 21 Jahren aus Aserbaidschan nach Moskau gekommen, und er hat sich immer für zwei Sachen interessiert: fürs Kino und fürs Geld. Es begann mit einem Netz von Blumenständen in den Moskauer Metrostationen. Tagi-Zade sanierte Kinos und Fleischfabriken, er hatte gute Kontakte und eine goldene Hand. Eine sozialistische Traumkarriere. Heute besitzt er eine Pferdezucht und vier Kleiderfabriken.

Mit der von ihm gegründeten Vereinigung »Askin«, in der er 5000 Kinodirektoren und Verleiher zusammenband, kontrolliert er die Kinos im Lande. Die Loyalität der Kinobesitzer honoriert er mit Betriebsausflügen. Etwa nach Cannes. 600 Provinzfürsten durften auf seine Kosten an der Cote d'Azur bummeln. Dafür spielen sie Billigware, die Tagi-Zade in Amerika gekauft hat.

In den Vorstand hat er sich altes Partei-Establishment geholt, Bürokraten, die Zensoren der Eis-Zeit. Ja, er ist vor anderthalb Jahren selber in die Partei eingetreten. Warum? »Weil ich kaukasischer Dschigit bin, ein sturer Kopf. Vor 15 Jahren habe ich meinen ersten Mitgliedsantrag gestellt. Damals wollten sie nicht. Jetzt, wo alle anderen austreten, haben sie mich genommen.«

Ob er denn Kommunist sei? Er grinst. »Man kann doch in jede Partei eintreten«, sagt er sibyllinisch. »Demokraten, Sozialisten, Konservative, was ist schon der Unterschied?« Und er hängt die einzige englische Phrase an, die er kennt: »Business is business.«

Ismail Tagi-Zade ist von einer entwaffnenden Unverfrorenheit. Er redet nicht über Ideale, sondern über Geschäfte, und er strotzt vor Energie, weil ihm die Zukunft gehört. Und sollten die alten Protektionen nicht mehr funktionieren, wird er sich mühelos auf neue umstellen. Ein Gauner? Aber selbstverständlich ist Ismail Tagi-Zade ein Gauner. Jeder sowjetische Geschäftsmann ist ein Gauner - nach dem Kodex des sozialistischen Rechts.

Am Abend sitzt er im Kreis seiner Leibgarde in einem düsteren Bums im Hotel Rossija, und sein aserbaidschanischer Consigliere beugt sich respektvoll von hinten über die Schulter und flüstert ihm die Geschäftsberichte ins Ohr. Tagi-Zade dirigiert die Kellner mit knappen Handbewegungen, bestellt Lachsplatte, Kaviar und Wodka, wobei er seinen Brillantring funkeln läßt.

Er ist von einer geradezu theatralischen Drittklassigkeit, ein Emporkömmling, über den die versnobte russische Intelligenzija natürlich den Kopf schüttelt. Ein Bazar-König. Aber der Teufel? Immerhin besitzt er eine Fähigkeit, die in Bulgakows Roman »Der Meister und Margarita« den Teufel auszeichnet: Er kann Rubel in Dollar verwandeln.

Und seit neuestem ist er Produzent. Jawohl, Ismail Tagi-Zade, der sein Geld mit Pferden und Nelken gemacht hat, träumt vom Ticket in die feine, in die Glitzergesellschaft der Stars. Er träumt davon, der größte russische Produzent zu werden, die Antwort auf Samuel Goldwyn. »Iwan der Schreckliche« heißt sein Machwerk.

Für die Pressehefte seines Films hat er beste italienische Druckereikunst bemüht. In einem Geleitwort wendet er sich an die »Kinobesucher und die Regisseure in der ganzen Welt«. Und er spricht im geläufigsten Perestroika-Pathos von den »Zeiten des Umbruchs« und, wie Jewtuschenko und die anderen, von den »bitteren Erfahrungen der Vergangenheit«. Allerdings meint er »Iwan den Schrecklichen« damit.

Auf dem Plakat greift der schreckliche Iwan mit seiner gierigen, beringten Lustmolchhand einer jungen Bojarentochter in den Ausschnitt. Und darunter steht: »,Iwan der Schreckliche' - eine Botschaft aus Rußland an alle, die es verstehen wollen.«

Das Presseheft - ach was, der farbige Presseatlas - verspricht, was der Film hält: rollende Augen, blutige Schlachten, durchsichtige Blusen, fromme Patriarchen, dunkle Schurken, Feuer, Zwiebeltürme, Birkenwälder. Stolz führt der Produzent Ismail Tagi-Zade den Film am nächsten Tag einigen Fernsehleuten aus Leningrad in seinem Büro vor. Sein Hauptquartier: der zweite Stock eines vergammelten Hinterhofgebäudes.

Gegenüber, in einem prächtigen Konferenzgebäude, eröffnet ein abgehalfterter Staatskino-Bürokrat eine Verleiher-Tagung. Sein Star-Redner, Tagi-Zade, fehlt. »Ich hoffe«, sagt er nervös, »das bedeutet nicht, daß er uns boykottiert.«

Ach was, Tagi-Zade hat im Moment nur alle Hände voll zu tun. Er führt seinen Film vor. Ein Foto seines Sohnes steht auf dem Schreibtisch und im Regal eine türkische Mokkagarnitur. Stoffproben aus seinen Kleiderfabriken im Süden liegen über den Akten - draußen wartet die Betriebsleiterin ergeben auf Befehle, auf Lob oder Zornesausbrüche.

Abwesend befingert Tagi-Zade die Tuche. Hingerissen starrt er auf den Monitor, wo Iwan der Schreckliche schrecklich flucht, und der Fernsehreporter räuspert nervös ins Mikrofon. Er hat eine Menge kritischer Fragen im Gepäck - und wer weiß, ob diese aserbaidschanischen Mafiosi nicht gewalttätig werden.

Er beschließt, sich hinter der Polemik des Leningrader Regisseurs Alexej German zu verstecken: Der habe ihm vorgeworfen, sein Geld sei schmutziges Parteigeld und er sei nur ein Strohmann. Tagi-Zade kneift die Augen zu Schlitzen zusammen. Er schaut auf den Bildschirm, wo Iwans Bojaren Köpfe rollen lassen. »Und woher hat German seine Gelder?« zischt er. »Und wo bezieht eure Fernsehanstalt ihre Gelder her?« Der Fernsehreporter lächelt gequält.

Natürlich geht Tagi-Zades Taktik auf. Welches Geld in diesen Zeiten ist nicht Parteigeld? Wie überhaupt, wenn nicht durch Gaunereien, ist der Übergang in eine Eigentumsgesellschaft möglich?

Mit jeder seiner Antworten sagt Tagi-Zade das gleiche: Was sollen diese scheinheiligen Fragen? Ihr wißt doch alle, wie dieses Spiel funktioniert! Und wenn ihr es nicht wißt, seid ihr Dummköpfe!

Tagi-Zade gehört zu jener Avantgarde, die bereits jetzt das Gewinnspiel spielt - mit allen Untergrund-Tricks, die Geschäftsleute im Mutterland des Sozialismus zwangsläufig gelernt haben.

Um ihn herum läuft ein anderes Spiel ab. Es ist das Zeitlupenspiel der Verlangsamung. Die Sehnsucht nach dem Stillstand. In der Kantine der Mosfilm-Studios, der größten Filmschmiede des Landes, schleppt sich ein rätselhafttrauriger Wirt am Büffet-Tresen hin und her. Und je länger die Warteschlange wächst, desto verzweifelter versucht er, seine Schritte zu verlangsamen. Sein Kopf hängt tief zwischen den Schultern. Ab und zu schaut er auf. Dann schießt aus seinen Blicken Haß. Abgrundtiefer Haß auf die Menschenschlange und auf das ungünstige Geschick, das ihn auf diesen Platz gestellt hat.

Ein englischer Produzent erklärt seiner Dolmetscherin in der Warteschlange die Redewendung »Zeit ist Geld«. »Bei uns«, sagt sie daraufhin, »bei uns ist Zeit nichts weiter als - Zeit.« Der Produzent schüttelt den Kopf. Er hat schon allerhand gesehen. Er hat sogar die Plotte »Hitlers Sohn« überstanden, einen Abschreibungsfilm Münchner Anästhesisten. Die Mosfilm-Studios aber stellen alles in den Schatten.

Ein paar hundert Meter weiter werden Gitterstäbe gepinselt. »Das können sie mittlerweile«, meint die Studio-Assistentin, »jeder zweite Film hat eine Knastszene.« Zwei Stellwände weiter erklingt Klaviermusik. Ein bürgerlicher Salon der Jahrhundertwende. Durch die Fenster sieht man die Kreml-Mauern. Am Fenster lehnt lässig eine blonde Frau. In ihren weiten Männerhosen sieht sie aus wie Marlene Dietrich. Sie raucht, und sie singt: »If you ever leave me.« Die Blondine ist Ute Lemper. Was, um Himmels willen, macht Ute Lemper in Moskau?

»Moskau Parade« heißt der Streifen, eine französisch-sowjetische Koproduktion, die in den April-Tagen von 1939 angesiedelt ist. Ute Lemper ist eine Adlige, die sich in die Ehe mit einem stalinistischen Bonzen geflüchtet hat und sich, in der roten Bourgeoisie am Hofe Stalins, zu Tode langweilt. Deshalb verliebt sie sich in einen Kofferträger. Ferner spielen mit: der Kiewer Bahnhof, Pferde und das Privatschiff Stalins.

Pierre Rival, der französische Produzent, der bereits mit »Taxi Blues« einen sowjetischen Achtungserfolg errungen hat, hat drei Millionen Dollar investiert. Sein sowjetischer Partner, der sein Geld mit Pepsi verdient, hat fünf Millionen Rubel hineingesteckt. Und an der Kamera sitzt Wadim Jusow, der einst Tarkowskis »Andrej Rubljow« fotografiert hat. »Der Unterschied zu früher?« Er lächelt fein. »Nun ja, wir haben weniger Zeit für die Einstellungen.«

Für den Regisseur sind die neuen Herren der Mosfilm-Studios, die einstigen Helden aus der Dissidenten-Szene, weit schlimmer als die Alten. »Es ist, als würde ein Irrenhaus von Irren geleitet werden.« Sein Film wäre ohne französische Koproduktion nie gedreht worden. Die neuen Bosse protegieren nur noch Freunde und wirtschaften in die eigene Tasche. Alles zerfällt. »Von den 5000 Angestellten bei Mosfilm arbeiten höchstens 50 wirklich.« An seinem Star Ute Lemper bewundert er vor allem die Professionalität. »Sie ist ohne Allüren.«

Vor allem ist sie die einzige, die lacht, auch in den Drehpausen. Sie schafft es sogar, dem griesgrämigen Pförtner ein Lächeln abzugewinnen. Sie scheint Nerven aus Drahtseilen zu haben. Sie ist von einem anderen Stern.

Sie wohnt in einem gelben, verfallenen Mietshaus, unweit des Patriarchenteich-Boulevards. Ihre Vermieterin ist nach Israel emigriert. Bröckelnde Fassaden, leere Alleen, staubige Bäumchen im Hinterhof - hier sieht Moskau aus wie in den dreißiger Jahren. Es ist das Moskau der Schauprozesse und das Moskau Bulgakows, und jeden Moment könnte in der flimmernden Hitze der Teufel auftauchen, in einem teuren Anzug, ein Ausländer mit Stöckchen und Goldzahn.

Auf einem kleinen Kassettenrecorder spielt sie Lieder vor, die sie kürzlich in London aufgenommen hat, Gedichte von Celan, die Michael Nyman vertont hat. Romantisch-melodiöse Streichquartette und darüber die schöne Stimme der Lemper, die zu den geöffneten Fensterflügeln hinausdringt in den Hinterhof: »Es ist Zeit, daß der Stein sich zu blühen bequemt.«

Letzte Nacht hat sie geträumt. Alle sind nach Amerika emigriert. Sie ist als einzige in Moskau zurückgeblieben. Kein Mensch auf den weiten Boulevards. Und aus dem Pflaster sah sie langsam alte Schlösser, alte Kirchen wachsen, die vergangene Pracht der Zarenzeit. »Glaubst du an Wunder?« fragt sie.

Noch eine Woche, dann hat sie Moskau hinter sich.

Zur Ausgabe
Artikel 58 / 96
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.