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Archäologie Nur Gips

Der Stuttgarter Geologie-Professor Wunderlich behauptet, daß der Palast von Knossos auf Kreta, den die Archäologen für ein Haus der Freude halten, ein »Totenpalast« gewesen sei.
aus DER SPIEGEL 39/1972

Seit der englische Archäologe und Anthropologe Arthur Evans zu Beginn dieses Jahrhunderts die Überreste einer gewaltigen, labyrinthartigen Palastanlage nahe der kretischen Stadt Iraklion entdeckt hatte, gilt der Palast von Knossos als Denkmal einer hochentwickelten »minoischen Kultur«, die etwa 1400 Jahre vor Christus in einer furchtbaren Naturkatastrophe untergegangen sei.

Die heiteren Fresken im Palast, die Kanalisationssysteme, der Badekomfort und die zahlreichen Vorratskammern einerseits wie das Fehlen jeglicher Verteidigungsanlagen andererseits ließen für Archäologen das Bild eines »goldenen minoischen Zeitalters« entstehen, eines Sonnenreichs, eines antiken Paris, in dem nur Freude und Frohsinn herrschten.

Jetzt behauptet ein deutscher Geologe, der Stuttgarter Professor Hans Georg Wunderlich, 44. Knossos sei nicht ein Palast der Freude, sondern der Trauer gewesen.

In einem Bestseller* -- 30 000 Exemplare verkaufte der Verlag in den ersten sechs Wochen -- versucht er nachzuweisen:

* Der Palast habe dem Totenkult und der Aufbewahrung von Leichen gedient;

* Hans Georg Wunderlich: »Wohin der Stier Europa trug«. Rowohlt Verlag. Reinbek bei Hamburg: 352 Seiten: 24 Mark.

* die Badewanne der Königin sei ein Sarkophag gewesen;

* die großen tönernen Vorratsbehälter -- Pithoi genannt -- seien Leichenbehälter gewesen, und

* die wannenartigen Vertiefungen in den Vorratskammern hätten einst der Naßmumifizierung gedient.

Der eigentliche »Stein des Anstoßes« -- so Wunderlich -- ist für ihn der Gips von Knossos.

Der Geologe, Geodynamiker und im Hausbau nicht unerfahrene Professor stellte fest, daß die Treppen. wie auch der Fußboden des Badezimmers, aus Gips waren. »Zutiefst verblüfft«, fragte er sich, warum die Minoer -- hochzivilisiert nach Meinung der Archäologen -- dieses weiche, wenig wasserresistente Material verwendeten und nicht Marmor oder Kalkstein.

Und beim Gips ist der Geologe den Archäologen überlegen. Wer würde schon sein Badezimmer mit Gipsplatten auslegen, Gips für Treppen verwenden und Badewannen mit einem Abfluß versehen, der das Wasser auf einen Gipsboden rinnen läßt?

Einmal über das Gipsrätsel stutzig geworden, stellte Wunderlich weitere Fragen: Warum gab es im Knossos-Palast keine Küche? Warum lagen die Wohngemächer des Königs und der Königin im dunklen Souterrain, anstatt in den luftigen, hellen Obergeschossen? Warum gab es keine Stallungen und Remisen? Warum waren die Pithoi so unpraktisch eingemauert, daß die Entnahme von Vorräten fast unmöglich war?

Der Professor gibt sich die Antworten selbst: Die Treppen waren aus Gips, weil sie keine hohe Verkehrsbelastung auszuhalten hatten. Küche, Stallungen und Remisen waren nicht notwendig, weil es keine lebenden Bewohner im Palast gab. Die Pithoi waren eingemauert, weil darin keine Vorräte aufbewahrt wurden, und die »Wohnräume« waren deshalb im Untergeschoß, weil sie keine Wohnräume, sondern Totenkammern waren.

Zwar gesteht Wunderlich, er habe nur eine Hypothese, die er »nicht beweisen kann«, aber immerhin gelingt es ihm, die Theorie der Archäologen bedenklich ins Wanken zu bringen, die minoische Hochkultur sei durch eine Naturkatastrophe zerstört worden.

Die Archäologen nehmen an, daß das Minoer-Reich durch eine Vulkanexplosion auf der Insel Santorin zerstört wurde. Dagegen kann Geodynamiker Wunderlich geltend machen, daß die Vulkanexplosion auf Santorin und das dadurch ausgelöste Erdbeben niemals das rund 120 Kilometer entfernte Kreta zerstört haben könnten. So habe man beim Erdbeben von San Francisco im Jahre 1906 schon in 70 Kilometer Entfernung nur leichtere Beschädigung von Häusern beobachtet.

Die Konsequenzen, die Wunderlich aus seinem Beweis zieht, sind freilich phantastisch: Nicht Vulkanausbrüche, nicht Erdbeben und nicht Feuerkatastrophen seien schuld an der Zerstörung des Knossos-Palastes, sondern Grabräuber. Als die kretische Königstochter Ariadne -- wie die Sage berichtet -- dem Athener Theseus mit Hilfe eines Wollknäuels den Weg aus dem Labyrinth von Knossos wies, nutzten auch die damals zahlreichen Grabräuber den Trick mit dem Faden der Ariadne aus, um in das Totenlabyrinth einzudringen.

Diese Diebe, so mutmaßte Wunderlich, seien es gewesen, die die wertvollen Grabbeilagen raubten und schließlich die Kreter dazu brachten, ihre Begräbnisbräuche zu ändern. Das sei auch der Grund, warum man im Palast von Knossos weder Knochen noch wertvolle Grabbeilagen findet.

Wunderlichs Knossos. Deutung, schon vor über einem Jahr in einem Aufsatz der Zeitschrift »n + m« ("Naturwissenschaft und Medizin") veröffentlicht, empörte sogleich die Archäologen und Kulturhistoriker. Sie belächelten den Geologen als »Phantasten«, »Sonntags-Archäologen« und »Outsider«.

Sollte sich, so der Berliner FU-Professor Andreas Wachsmuth, »die minoische Hochkultur in einer gigantischabstrusen Friedhof-Kultur erschöpfen«, für die es »keine Parallele im gesamten Mittelmeerraum gibt«?

Und die Gipstreppen -- Wunderlichs Parade-Indiz -- erklären die Archäologen damit, daß im Palast nicht so viele Leute herumgelaufen sind wie auf U-Bahn-Treppen, und außerdem gingen sie barfüßig.

Selbst wohlmeinende Kollegen halten Wunderlichs Toten-Stadt-Theorie für unhaltbar. Freilich, so die »FAZ«, »die mitgeteilten Fakten sind des Überdenkens wert«.

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