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Affären Nur scheffeln

Die Documenta mußte das Angebot ausschlagen, ihren 65-Mark-Katalog für 6,50 Mark pro Stück nachdrucken zu lassen. Sie ist mit Bertelsmann im Geschäft.
aus DER SPIEGEL 32/1972

Kassels »Documenta 5« ist vielen Kritikern lieb, doch allzu teuer -- schon eine Tages-Eintrittskarte kostet sieben Mark.

»Zu teuer«, murrte selbst die sonst Documenta- freundliche »Frankfurter Rundschau«. »Will man mit Kunst nur Geld scheffeln, oder was ist los?« fragte die »FAZ« die »Beutelschneider in Kassel« ("Die Welt"). Und alle Blätter meinten vor allem den Katalog, einen Akten-Ordner mit 928 reichbebilderten Kunstdruckseiten, der zum Rekordpreis von 65 Mark angeboten wird.

Der überhöhte Preis des -- kaum entbehrlichen -- Führers ist ein Kultur-Politikum. Er gefährdet das didaktische Ziel der mit 1,9 Millionen Mark subventionierten Documenta.

Bissig parodierte denn auch ein Kasseler »Politbuchkollektiv Roter Punkt« das Ameisen-Muster, das Documenta-Plakat und Katalogeinband schmückt, auf einem Anti-Poster mit Insektenspray und mahnte: »Fordert verbilligten Nachdruck des Katalogs!«

Schon hatte sich nämlich der Brüsseler Drucker Isi Fiszman erboten, bis »10. August spätestens« 20 000 schwarzweiße Kataloge auf Zeitungspapier zu liefern. Stückpreis »frei ab Druckerei": 6,50 Mark.

Documenta-Generalsekretär Harald Szeemann, dessen Vorgänger die Documenta-Kataloge stets billiger

Doch die Kasseler Ausstellungsträgerin »documenta-GmbH«. deren Aufsichtsrat mit Vertretern der Stadt Kassel und des Landes Hessen besetzt ist. verbat sich den »Raubdruck« aus Brüssel.

Denn erstmals droht der Documenta. die für den Katalog früher stets gute Lizenzgebühren einnehmen konnte, ein Verlust. wenn es ihr 1972 nicht gelingt, mindestens 20 000 der kostspieligen Aktendeckel loszuschlagen.

Erstmals nämlich hat es die Documenta-Verwaltung versäumt, ihrer künstlerischen Leitung eine Erweiterung des einmal festgelegten Katalog-Umfangs (kalkulierter Preis: 45 Mark) zu verwehren. Zum erstenmal auch mochte die Documenta keinem Privat-Verleger Druckkosten (1972: rund 600 000 Mark) und Verkaufsrisiko der Kataloge übertragen, die nach Meinung von Verlagsexperten auch für 50 Mark gewinnbringend angeboten werden könnten.

Statt dessen engagierte die Documenta den Bertelsmann-Verlag als Vertriebshelfer und verschaffte ihm eine risikofreie Rendite: Für jeden im Buchhandel verkauften Katalog kassiert der Verlagsgigant -- durch Steuergelder gedeckt -- 13 bis 14 Mark als Vertriebskostenanteil plus Gewinn. (Ein Drittel vom Endpreis geht an die Buchhändler.)

Nur beim Verkauf an der Ausstellungskasse ist die Documenta mit rund 30 Mark am Stückpreis beteiligt.

Eine gezielte Anzeigen-Kampagne der Bertelsmänner ("Sichern Sie sich diese gewichtige Orientierungshilfe . bei Ihrem Buchhändler zu Hause") hat dieses Direkt-Geschäft freilich weitgehend unterbunden -- allein der Kasseler »Kaufhof« verkauft so viele Kataloge wie die »Documenta«.

Sogar für diese Anti-Reklame hat die Documenta bezahlt.

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