Zur Ausgabe
Artikel 65 / 80
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

HOTELS Nur schlafen

Umsatzbewußte Hoteliers umwerben eine neue Klientel: alleinreisende Frauen. *
aus DER SPIEGEL 41/1983

Die neunte Etage des Hilton-Hotels in Albuquerque ist für Männer tabu. »For Women Only« mahnt ein Hinweisschild alle ungebetenen Besucher, die sich womöglich doch in dieses Stockwerk verirren sollten.

Daß Frauen hier untergebracht werden wie im Novizinnentrakt eines Klosters, ist für das Management des Hauses im US-Bundesstaat New Mexico keine Frage der Moral. Die Sonderetage für weibliche Gäste - nur mit einem Spezialschlüssel zu betreten - wurde vielmehr eingerichtet, um den Wünschen einer finanzstarken Zielgruppe entgegenzukommen, die für amerikanische wie europäische Hotelunternehmer an Bedeutung gewinnt: alleinreisende Frauen.

Schon sind rund 30 Prozent aller Geschäftsreisenden in den USA Frauen, und die Zahl der weiblichen Hotelgäste steigt weit schneller als die der männlichen. Innerhalb von zwei Jahren, berichtet Hilton-Mitarbeiterin Ann Green aus Albuquerque, sei der Femina-Flur des Hotels dank »sehr vieler Stammgäste« zu einem »Riesenerfolg« geworden.

Pikante Probleme, verursacht etwa durch heimlich eingeschleusten Herrenbesuch, habe es bislang nicht gegeben. Ann Green über die Geschäftsfrauen: »Alles, was die nachts wollen, ist ausruhen und schlafen.«

Auch einige andere Hotels, so das LeBaron in San Jose, das Holiday Inn in Baltimore, das Sheraton Ritz in Minneapolis oder auch das Hilton im australischen Melbourne, halten besondere Zimmerfluchten für weibliche Gäste bereit.

Aber ob die Damen mit Aktenkoffern auf eigene Frauentrakte Wert legen, ist umstritten.

Eine Marktuntersuchung der Ramada-Kette, des drittgrößten Hotelkonzerns der Welt, ergab, daß beruflich erfolgreiche Frauen solche Spezialbehandlung fast stets ablehnen. Sie stören sich vielmehr an der noch immer verbreiteten Fehleinschätzung von Frauen durch das Personal, das am Rollenklischee vom hübsch frisierten Dummchen festhält.

Um dem zu begegnen, mußten in den letzten zwölf Monaten alle Mitarbeiter der 550 Ramada-Hotels in den USA und Kanada ein Trainingsprogramm absolvieren: Damit Kellner und Kofferträger nachfühlen konnten, wie sich Frauen belästigt fühlen, sollten die Hotel-Chauvis während des Seminars in die Rolle weiblicher Gäste schlüpfen. Ein Barkeeper mußte sich von Männerhänden betatschen lassen, ein Page erfuhr, wie unangenehm es sein kann, im engen Lift gierig begafft zu werden.

Gail Brewer, Direktorin aus der Ramada-Zentrale: »Erst nach dieser Schulung ist manchen Angestellten bewußt geworden, wie unmöglich sie sich in der Vergangenheit oft benommen haben.«

Im letzten Monat wurden auch die Angestellten der deutschen Ramada-Hotels in Düsseldorf, Frankfurt und Hamburg auf die neuen Benimm-Regeln gegenüber alleinreisenden Frauen getrimmt, beispielsweise: *___Wenn eine Frau zusammen mit einem Mann eincheckt, soll ____nicht automatisch angenommen werden, sie sei die ____Ehefrau, Sekretärin oder Freundin. *___Frauen, die allein speisen wollen, sollten stets einen ____ruhigen und nicht von allen anderen Tischen ____einzusehenden Platz angeboten bekommen. *___Ober sollen Weinkarte und Rechnung an einem neutralen ____Platz auf dem Tisch deponieren, wenn nicht sicher ist, ____ob die Frau oder der Mann Gastgeber ist.

Mit dieser Kampagne hoffen die Ramada-Hotels, sich einen größeren Anteil an diesem auch in der Bundesrepublik wachsenden Marktsegment zu sichern.

Rund 100 000 westdeutsche Betriebe mit jeweils mehr als einer Million Mark Jahresumsatz oder mindestens zehn Beschäftigten werden mittlerweile von Frauen geführt, vier von zehn neuen Firmen werden von Frauen gegründet.

Die meisten deutschen Hoteliers sehen gleichwohl noch keine Notwendigkeit, auf die Bedürfnisse alleinreisender Geschäftsfrauen besonders einzugehen. Der Service für weibliche Gäste beschränkt sich in der Regel auf Einkaufstips oder die Organisation lokaler Besichtigungstrips. Nicht selten würden sie bereits bei der Ankunft »von pubertierenden Kofferboys wie eine Ware beglotzt« und müßten sich später auch noch von »Kellnern im Macho-Verschnitt flapsig anmachen lassen«, registrierte Pamela Viedebantt, Verkaufsleiterin des Hamburger Ramada-Hotels und selbst oft geschäftlich auf Reisen.

Daß Beschwerden von weiblichen Gästen dennoch äußerst selten sind, glaubt Frau Viedebantt erklären zu können. »Die meisten Frauen«, vermutet sie, »wollen sich an der Rezeption nicht mit Entschuldigungsfloskeln abspeisen lassen. Sie reisen verärgert ab und streichen das Hotel aus ihrem Reiseprogramm.«

Nicht nur den Hoteliers gehen damit Umsätze verloren, auch das Personal verliert dabei: Frauen geben, so zeigte jüngst eine Untersuchung, rund zehn Prozent höhere Trinkgelder als männliche Hotelgäste.

Zur Ausgabe
Artikel 65 / 80
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.