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LUFTFAHRT Nur strampeln

Sieben Minuten und 20 Sekunden hielt sich ein US-Pilot allein mit Muskelkraft in der Luft; er gewann 50000 britische Pfund. Ein englischer Konteradmiral plant nun den Gleitsprung zum Kontinent.
aus DER SPIEGEL 37/1977

Eine späte Nachtbrise verwehte noch über dem aufgelassenen Shafter Airport bei Bakersfield in Kalifornien. Dann kam dort, am Dienstag vorletzter Woche. ein Luftgefährt wie aus einem Traum in Bewegung.

In seinem durchsichtigen Rumpf begann ein Mensch zu strampeln. Alsbald rotierten am Heck, rot und gelb, Propellerschaufeln. Fahrtwind wölbte die zarten, weit ausladenden Schwingen; das fühlerartig nach vorn gerichtete Leitwerk reckte sich ins Frühlicht.

In gemächlichem Radfahrer-Tempo hob schließlich der künstliche Riesenvogel »Gossamer Condor«, benannt nach jenen feinen Altweibersommer-Fäden. an denen kleine Jungspinnen in dieser Jahreszeit reisen, ab. Sieben Minuten und 20 Sekunden hielt er sich drei Meter über dem Boden und zog dabei eine 2,2 Kilometer lange Achterschleife -- triumphaler Weltrekord.

Denn mit dieser kurzen Rundreise vollbrachten Konstrukteur Dr. Paul MacCready und Pilot Bryan Allen, was den griechischen Sagenhelden Ikarus das Leben gekostet, worüber das Universalgenie Leonardo da Vinci 16 Jahre vergebens nachgedacht und womit Anno 1811 Albrecht Ludwig Berblinger die Ulmer Schneiderzunft lächerlich gemacht hatte: den Flug allein aus menschlicher Kraft.

Der Gossamer Condor überwand nicht nur eleganter als alle Muskelkraft-Flieger zuvor, die allenfalls zu mehr oder minder weiten Luftsprüngen taugten, die Erdenschwere. Der ehemalige Segelflug-Champion und Aerodynamik-Ingenieur MacCready, 51, und der geübte Drachenflieger und Radrennfahrer Allen, 24, gewannen mit dem Kurvenflug auch einen Preis von 50 000 Pfund, gestiftet von dem britischen Industriellen Henry Kremer.

Mit Geld hatten erstmals Deutsche die Ur-Sehnsucht, vogelgleich aufzuschweben, beflügelt. Bereits 1933 setzte die Polytechnische Gesellschaft 5000 Mark aus, für einen mit Menschenkraft bewältigten Rundflug über 500 Meter Distanz.

Damals schwangen sich die Dessauer Junkers-Ingenieure Helmut Hässler und Dr. Franz Villinger mit einem Muskelflieger ("Mufli") aus Tannenlatten und Bettlaken empor. Ihre 712 Meter Rekordweite, allerdings nur geradeaus und mit Hilfe eines Gummiseil-Katapults erzielt, überdauerte den Zweiten Weltkrieg.

Da schrieb der kauzige Kunststoff-Fabrikant Kremer 1959 einen neuen Wettbewerb aus. Bei der Royal Aeronautical Society, die auch das Preisgericht stellt, hinterlegte er 5000 Pfund für den Commonwealth-Bürger, der mit eigenem Antrieb einen Achterkurs über eine Meile fliegen und bei Start und Landung ein zehn Fuß hohes Hindernis nehmen würde.

Zwar setzten nahezu 400 Briten Spleen, Bastlertricks und Schweiß für das Abenteuer ein, darunter Film-Pilot Derek Piggot, einer der »tollkühnen Männer in ihren fliegenden Kisten« (Crash-Landung 1965). Doch lediglich Flugzeugbau-Ingenieur John Wimpenny schaffte mit 908 Metern einen neuen Streckenrekord.

Die meisten beschwingt strampelnden Kraftmenschen kamen nicht einmal so hoch, daß der sportive Jux hätte gefährlich werden können. Einziger Unfall in den Annalen des Muskelflugs außer zerspelltem Balsaholz, zerfetzten Bespannungen und zerrissenen Drähten: Ein Zuschauer, der einem Bruchpiloten helfen wollte, verstauchte sich im Eifer den Knöchel.

Kremer verdoppelte deshalb 1967 seinen Preis und lobte ihn weltweit aus. Erfolg: Ein Geradeausflug über nun schon 1071

Meter des britischen Flight Lieutenant John Potter.

Zum Ansporn all jener wie toll pedaltretenden Männer, die in ihren Leichtbaugeräten schon vom lindesten Zephir wieder zu Boden gezwungen wurden, erhöhte Kremer die Preissumme 1973 endlich auf 50 000 Pfund. Seither rüsteten vor allem amerikanische und japanische Teams zum Muskelflug, als gelte es, den Luftraum erst noch zu erobern:

* Zwei Jahre Design verwandten Aeronautik-Professor Johann Arbocz und seine Studenten am Northrop Institute of Technology auf ein windschlüpfig verkleidetes Tandem ("Flycycle") mit 25 Meter Flügelspannweite.

* Einen Doppeldecker, ähnlich den ersten Flugmaschincn der Gebrüder Wright, entwickelte Professor James Mar, ehemals Chef-Wissenschaftler der U. 5. Air Force, am Massachusetts Institute of Technology unter Einsatz von Computer und Windkanal, ungezählten Arbeitsstunden und 11 000 Dollar.

* Zwei Kilometer weit flog im vergangenen Januar ein japanischer »Storch«, an dem Studenten der Tokioter Nihon-Universität seit zwölf Jahren basteln. Aber obwohl sie von Dr. Hidemasa Kimura instruiert wurden, der den berühmten Weltkrieg-II-Jäger »Zero« konstruierte, konnten sie ihrem Vogel noch nicht das Kurvenfliegen beibringen, das für Kremers Preis unerläßlich war.

In nur elf Monaten hingegen entwickelte Dr. MacCready den Gossamer Condor, der nun den Wettbewerb gewann. Es ist ein sparsam wie eine Libelle gebautes Vehikel von gewaltigen Ausmaßen.

Rund 75 Quadratmeter messen die Tragflächen, nahezu 30 Meter beträgt die Spannweite -- mehr als die einer großen Passagiermaschine vom Typ DC 9. Trotzdem wiegt die Konstruktion aus Wellpappe, papierdünnem Aluminium, Styropor, Klavierdraht und Plastikfolie nur 35 Kilogramm.

Über Pedale und Kettenantrieb bringt der Pilot den Propeller auf 110 Umdrehungen pro Minute. Bei den Probestarts ließ MacCready freilich Helfer nebenherlaufen oder -radeln. um das zarte Gebilde notfalls sanft aufzufangen; mehr Wind als ein Hauch von Spaziergänger-Geschwindigkeit wäre beim Rekordflug verhängnisvoll gewesen, wie eine Bruchlandung beim ersten offiziellen Versuch Ende Juli lehrte.

Im Wettlauf gegen die internationale Konkurrenz kam MacCready zugute. daß seine Konstruktion mit Fertigbauteilen rasch zu reparieren und zu verändern ist. Auf den Flug, der vorletzte Woche glückte, gingen die Amerikaner mit der zwölften Version des Gossamer Condor.

Die Engländer, die den Kremer-Preis nun wohl außer Landes geben müssen, hatten selbst auf Erfolg gehofft. Seit zwei Jahren schon bereitete sich Konteradmiral Nicholas Goodhart, im Krieg Marineflieger und derzeit amtierender Segelweitflug-Meister des Vereinigten Königreichs, darauf vor -- mit einem Zweisitzer der Spannweite einer Boeing 707.

Nach dem amerikanischen Sieg will Goodhart jetzt in britischer Manier um bloße Ehre weiterkämpfen. Seinen »Newbury Manflyer« plant er auf 64 Meter Spannweite zu vergrößern und mit drei Mann zu besetzen: zum ersten Muskelkraft-Flug über den Kanal zum europäischen Kontinent.

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