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TOURISMUS Nur Zitronen

Ein Krach zwischen zwei Reiseveranstaltern machte das Bundeskartellamt hellhörig. Eine Liberalisierung auf dem Reisemarkt käme dem Verbraucher zugute. *
aus DER SPIEGEL 46/1986

Bei 850 westdeutschen Reisebüros, die jahrelang neben den Urlaubsprogrammen der Karstadt-Tochter NUR Touristic auch die Ferienträume des Kaufhof-Sprosses ITS angeboten hatten, gingen vorletzte Woche Drohbriefe ein. Die Reisebüros wurden aufgefordert, in Zukunft »ITS-Produkte nicht mehr zu vermitteln«.

Absender war der Branchenzweite NUR, der den Agenturen ultimativ ("bis 14. November") den Lizenzentzug für alle NUR-Programme ankündigte für den Fall, daß sie sich der Anweisung aus Frankfurt widersetzen. Dem Peitschenhieb folgte das Zuckerbrot: Wer folgsam ist und ITS hinauswirft, darf bei NUR mit »einer verbesserten Provisionsregelung rechnen, mit Spitzensätzen bis zu 12,3 Prozent vom Umsatz.

Die knallharte Drohung der NUR-Manager markiert den jüngsten Höhepunkt im Verdrängungswettbewerb der großen deutschen Reiseveranstalter - mit möglicherweise weitreichenden Konsequenzen für den Verbraucher: Die Drohbriefe aus Frankfurt und die juristischen Gegenzüge des betroffenen Konkurrenten ITS riefen erneut das Bundeskartellamt auf den Plan, da schon die bisherigen Zustände auf dem Reisemarkt nur mit Vorbehalten gebilligt hatte. Diesen jüngsten Konfliktfall der Reise-Riesen wolle das Amt »zum Anlaß nehmen«, kündigte Kartellamtssprecher Hubertus Schön an, »das Geflecht zwischen Reiseveranstaltern und Agenturen noch mal neu und genauer zu untersuchen«.

Arglose Ferienreisende, die davon ausgehen, in einem freien Reisebüro die ganze Palette des Angebots von Pauschalreisen kritisch vergleichen zu können, täuschen sich: Die bunte Optik von Reiseprospekten und Markennamen gaukelt Vielfalt und offene Konkurrenz zumeist nur vor. Beispiel: Die scheinbar gegeneinander antretenden Marken Touropa, Scharnow und Hummel, dazu Transeuropa, Twen Tours, Airtours und Seetours - alles ein und dieselbe Firma, sie gehören alle dem Branchenersten

TUI. Mehr als 2400 westdeutsche Reisebüros, mithin jede zweite der freien Agenturen, bieten praktisch nur TUI-Reisen feil. Vertraglich haben sie sich verpflichtet, die Produkte der beiden anderen Großveranstalter NUR (Neckermann Reisen, Terramar, Gut-Reisen, Club Aldiana) und ITS (Kaufhof-, Hertie-, Prima-Reisen) nicht anzubieten.

Lediglich die Spezialitäten kleinerer Veranstalter, die die Kreise der Großen nicht stören wie etwa Studiosus Reisen, Ikarus Tours oder Hauser Exkursionen dürfen sie offerieren, machen davon aber nur in Grenzen Gebrauch: Geködert durch eine geschickte Provisionsstaffel, sind die Reisebüros lieber den Großen zu Diensten.

Nur widerwillig hatte das Bundeskartellamt 1976 den von der TUI erstmals eingeführten Exklusivverträgen mit Reisebüros zugestimmt. Aus der Sicht des Kunden wurde damit der freie Wettbewerb empfindlich gestört. Nicht selten geschieht es, daß Ferienreisende am Urlaubsziel auf Touristen treffen, die exakt die gleiche Reise-,denselben Abflugort, dasselbe Flugzeug, dasselbe Hotel - bei einem anderen Veranstalter um etliche hundert Mark billiger gebucht haben - nur weil sie bei einem anderen Reisebüro aufgekreuzt sind.

Was jetzt das Kartellamt im Sinn hat, könnte auf eine Liberalisierung des Reisemarktes hinauslaufen. Wenn Ausschließlichkeitsverträge - wie der bestehende von TUI und der nun angestrebte von NUR - untersagt würden, wäre in Zukunft jeder Reisebüro-Chef frei, zu entscheiden, welche Pauschalangebote er auf dem Tresen ausbreiten will.

Die Großen der Reisebranche haben auf das neu erwachte Interesse des Bundeskartellamtes zwiespältig reagiert. »Das wollen wir nicht unbedingt haben«, beteuert NUR-Manager Rolf Pagnia, der das Ganze ins Rollen brachte. Und die Konkurrenz, in Gestalt von ITS-Chef Paul Scholz, jammert auch: »Wenn wir alle 5000 deutschen Reisebüros mit Katalogen beliefern müßten, kostet uns das mindestens zehn Millionen Mark zusätzliche Druckkosten«. Wird das Kartellamt nicht tätig und kommt NUR mit seinem Verdrängungscoup bei den Reisebüros durch, ist ITS der klare Verlierer: Keines der von der Kündigung bedrohten Reisebüros wird es sich leisten können, auf das erheblich breitere Angebotsspektrum von NUR zu verzichten, mit dem sie ohnehin schon durchschnittlich fünfmal soviel Umsatz erzielen wie mit ITS.

»Völlig gelassen« verfolgt das TUI-Management in Hannover den neuerlichen Wirbel. TUI sieht sich »als Zaungast« bei dem Zwist zwischen Nummer zwei und Nummer drei.

Es ist die Gelassenheit des Mächtigen. Marktführer TUI (2,35 Millionen Buchungen, 2,84 Milliarden Umsatz im soeben beendeten Geschäftsjahr) baggert jährlich fast 50 Prozent mehr Ferienreisende an ihre Traumziele als NUR und ITS zusammengenommen.

So stark ist TUI durch seine brachialen Exklusivverträge schon geworden, daß sich die Firma auch von einer Liberalisierung des Marktes nur noch zusätzliche Umsätze verspricht. »Ich glaube«, so TUI-Vorstandssprecher Paul Lepach zum Zank zwischen den Konkurrenten, »daß NUR mit Zitronen gehandelt hat«.

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