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KLASSIKER »O gebt euch der Natur!«

Er war ein Meister »der hohen betrachtenden Trauer«, wie ihn der Romantiker Brentano genannt hat: der Dichter Friedrich Hölderlin (1770 bis 1843). Aus dem schmalen Lebenswerk des Poeten ist jetzt ein bisher unbekannter Brief aufgetaucht - mit dem Plan eines »humanistischen Journals«.
Von Mathias Schreiber
aus DER SPIEGEL 39/1999

Äußerlich ging es dem Erzdichter vaterländischer »Innigkeit« leidlich: Wenn der 29-jährige Poet aus dem Fenster seiner Wohnung in Homburg vor der Höhe blickte, sah er fette Äcker und blühende Gärten, stolze Eichen auf einem Hügel, saftige Wiesen in einem Tal. Und aus der Ferne grüßte die Kaufmannsstadt Frankfurt am Main mit dem Kaiserdom.

Das Zimmer bei der Familie des Glasermeisters Wagner kostete bloß 70 Gulden Miete im Jahr (rund 900 Mark), viel mehr hätte der schwärmerisch veranlagte Stiefsohn eines schwäbischen Weinhändlers kaum aufbringen können. Und »das schöne Wetter, die heitre Sonne und die grüne Erde« gaben sich anscheinend große Mühe, Friedrich Hölderlin zu gewähren, was er immer wieder aus der Natur schöpfte: »Mut und Kraft« - vor allem zum Dichten.

Doch des Dichters Innenwelt war alles andere als eine Idylle: Die Hauslehrerstelle beim Frankfurter Geschäftsmann Jakob Friedrich Gontard hatte er aufgeben müssen. Nicht wegen pädagogischen Misserfolgs (der kleine Henry liebte seinen Lehrer), sondern weil Vater Gontard eifersüchtig auf den feurigen jungen Mann in der Nähe seiner hübschen Gattin geworden war; von Gontards Frau Susette, der großen Liebe seines Lebens, hatte Hölderlin sich, als er Frankfurt verließ, auch innerlich zu trennen versucht - die beiden sahen einander nur noch selten und tauschten gelegentlich Briefe, die heimlich in einer Gartenhecke hinterlegt oder hastig auf die Gasse geworfen wurden.

Als Schriftsteller war der junge Mann, der schon im August 1797 auf den großen Goethe »etwas gedrückt und kränklich« gewirkt hatte, auch nicht besonders erfolgreich: Er nennt sich selbst zu dieser Zeit einen »armen Unberühmten«. Mit dem Ideen-Roman »Hyperion oder der Eremit in Griechenland« war ihm der Durchbruch zum Ruhm nicht gelungen; er sehnte sich, außer nach den »zärtlichgroßen Seelen« einer mythischen Vergangenheit, konkret nach einem »geltenden Posten in der gesellschaftlichen Welt«.

Und was die Politik betraf: Die anarchischen Zustände im revolutionären Frankreich nährten erste Zweifel am Sinn der - zuvor auch von ihm bejahten - gewaltsamen Revolte. Was ihn allmählich auch seinen jakobinischen Freunden entfremdete, zumal dem Regierungsrat Isaak von Sinclair, der ihn nach Homburg gelockt hatte.

Aus dieser vielfach gespannten Situation wollte sich Hölderlin nicht nur mit Gedichten befreien, die immer wieder Susette als »Diotima«, als »des Himmels Botin« einer besseren Welt, als Göttin eines künftigen »Landes der Liebe« anriefen; auch die selbstkritische Arbeit am »Empedokles«-Drama, dieser antikisierenden Überhöhung eigener Selbstmordgelüste, bescherte ihm nicht die nötige innere Ruhe. Hölderlin wollte weniger und mehr als all das: Herausgeber sein, eine Zeitschrift gründen.

Sie sollte »Iduna«, nach der altnordischen Göttin der ewigen Jugend heißen, monatlich erscheinen, ein »Journal für Damen, ästhetischen Inhalts«, mit poetischen Erstveröffentlichungen und Aufsätzen zur Geschichte und kritischen »Beurteilung« der Kunst. Auf diese Zeitschrift bezieht sich ein bisher unbekannter Hölderlin-Brief, der unlängst in Zürich aufgetaucht ist und den der SPIEGEL erstmals, in gekürzter Fassung, druckt (siehe Kasten).

Im Sommer 1799, in der Homburger Schein-Idylle, schrieb Hölderlin mehrere Briefe an Autoren, um sie zur Mitarbeit an »Iduna« zu überreden - an seinen Förderer Schiller, an Goethe, an den Philosophen Schelling, auch an den damals bekannten Arzt und Reiseschriftsteller Johann Gottfried Ebel ("Schilderung der Gebirgsvölker der Schweitz"), der ihm die Lehrerstelle im Hause Gontard vermittelt hatte. Ohne die Mitarbeit prominenter Autoren mochte der junge Stuttgarter Verleger Steinkopf das Risiko nicht eingehen, die Zeitschrift herauszubringen.

Das »Iduna«-Projekt markiert eine besonders kritische Phase in der Entwicklung des Dichters: Die unerhörte Zeile »Wer auf sein Leid tritt, steht höher« stammt aus jenen Tagen. Hölderlin war nach dem Scheitern als Theologe und Hauslehrer zu einer Arbeit bereit, die viel mit Organisation, mit Honorarverhandlungen, Reisen und Korrespondenzen zu tun hatte und mit der er sich einem größeren Publikum stellte. Dass dieses Vorhaben am Ende kläglich scheiterte, hat gewiss, neben dem Diotima-Melodram, das kurz nach 1800 spürbar werdende Abtauchen des Dichters in den Wahnsinn beschleunigt.

War das Programm der Zeitschrift zu hochgestochen? Hatte Hölderlin die Werbebriefe um Mitarbeit zu unterwürfig, zu abstrakt formuliert? Hat er am Ende eini-

* Mit Marianne Denicourt als Diotima, Martin Feifel als Hölderlin.

ge dieser Briefe zwar entworfen, aber nie abgeschickt?

Antworten auf diese Fragen ist die Wissenschaft, aber auch die große Fan-Gemeinde des unglücklichen Elegikers jetzt durch den Züricher Manuskript-Fund näher gerückt, der dem amerikanischen Germanisten und Kleist-Forscher Hermann F. Weiss in der dortigen Zentralbibliothek geglückt ist; die Fachzeitschrift »Text« wird den Brief Ende dieser Woche ungekürzt veröffentlichen*. Weiss, 62, Professor an der University of Michigan in Ann Arbor, stieß bei der Durchsicht des Züricher Registers zum Ebel-Nachlass auf die Fotokopie eines Hölderlin-Briefes vom 6. Juli 1799, in dem der Dichter ausführlich sein »Iduna«-Projekt erläutert - auf dass Leute wie Ebel und Wilhelm von Humboldt »es nicht gegen Ihre Würde finden« möchten, »daran Theil genommen zu haben«.

Dass Hölderlin einen derartigen Werbebrief an Ebel geschickt hatte, war der Forschung bekannt. Doch der Text galt bisher als verschollen. Der Grund ist erstaunlich banal: Das Original befindet sich in Privatbesitz, die Fotokopie gelangte erst während der sechziger Jahre in die Zentralbibliothek, seitdem hatte sie da noch niemand aufgestöbert - inzwischen wurde auch das Original im Ebel-Nachlass als Leihgabe deponiert.

Während Hölderlin in dem »Iduna« betreffenden Brief an Schiller - auch er ein glückloser Zeitschriften-Gründer - nur kurz den Plan erklärt und viele Details fortlässt, mutet er Ebel eine ausführliche Philosophie dieses »humanistischen Journals« zu, fast eine Art Kompendium seiner Poetik. Passagenweise ist das Schreiben mit dem »Iduna«-Brief an Schelling identisch, von dem ein Entwurf erhalten ist.

Doch die Abweichungen sind so aufschlussreich wie die Überschneidungen: Der Brief an Schelling ist zugleich philosophischer und persönlicher - Schelling hatte zusammen mit Hölderlin (und Hegel) am Tübinger Stift studiert, hier konnte der Dichter an eine alte Freundschaft anknüpfen. Gegenüber Ebel hingegen drückt Hölderlin sich direkter, populärer aus. So betont er, das Journal wolle, zum

*"Text« 5/1999. Hrsg. v. Roland Reuß. Stroemfeld Verlag, Frankfurt am Main/Basel; 68 Mark. Der Hölderlin-Brief wird ausführlich kommentiert.

Beispiel mit der »Unterscheidung des Edlen und der Abart«, nicht nur belehren, sondern auch »unterhaltend seyn«. Anderswo verspricht er wie ein Sonntagsprediger, die Beiträge der Zeitschrift sollten versuchen, »den furchtsamen Egoismus, der immer auf Einem Puncte stockt, zu mildern«.

Egoismus, »Geist des Neides« - das war dem poetischen Vorsänger eines neuen »Gemeingeistes« der damals ungeeinten Deutschen genauso zuwider wie jeglicher »Despotismus«, der das »Menschenrecht« auf Freiheit missachtet; oder wie jene muffige Enge der einst von ihm durchlittenen Klosterschule, wo das Lesen »schädlicher Bücher und Romanen« bei Karzerstrafe verboten war.

Hölderlins Gegenprogramm, das den Ebel-Brief grundiert, hieß, frei nach Rousseau: »O gebt euch der Natur, eh sie euch nimmt!« (Empedokles). Der Begriff »Natur« zielte dabei letztlich auf eine umfassende Harmonie - im Verhältnis des Menschen zu sich selbst wie zur Welt, was als Balance zwischen Vielfalt und Einheit auch für die ideale Kunst galt.

Die Zeitschrift »Iduna« hatte demnach ein hohes Ziel: Sie sollte durch lebendige »Bildung« und Poesie den »gemeinschaftlichen Karakter« der Menschen »fördern«, die Gesellschaft »in Einem Geiste« veredeln, und das im »harmonischen Wechsel« der »Töne« und Stimmen, »systematisch und anschaulich individuell«. Der Mensch sollte »dichterisch wohnen« lernen, bei jeder Einzelentscheidung den Blick auf die Ganzheit seines Lebens und der Welt suchend. Ein utopisch-ästhetisches Konzept, das an Schillers »Briefe über die ästhetische Erziehung des Menschen« (1795) erinnert - und neben dem simplen Populismus heutiger »Journal«-Macher wie ein kurioser Fremdkörper wirkt.

Verleger Steinkopf, anscheinend schon ein ziemlich moderner Medienmensch, wünschte sich da doch viel »mehr Rücksicht aufs Publikum und weniger Spekulation« - und schob das Projekt, nicht allein wegen der Absage Schillers, so lange vor sich her, bis sogar Hölderlin selbst den Glauben daran verlor. »Schämen sich denn«, fragte der Dichter verbittert im Herbst 1799 seine Susette, »die Menschen so meiner ganz?« MATHIAS SCHREIBER

* Mit Marianne Denicourt als Diotima, Martin Feifel alsHölderlin.*"Text« 5/1999. Hrsg. v. Roland Reuß. Stroemfeld Verlag,Frankfurt am Main/Basel; 68 Mark. Der Hölderlin-Brief wirdausführlich kommentiert.

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