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O sole mio, o Kohle mio

Von Klaus Umbach
aus DER SPIEGEL 32/1990

Für zweieinhalb Stunden war, mitten in den Hundstagen, Karneval. Im Schatten des Hohen Doms zu Köln riefen die Jecken »Lutzi« und »Lutziano«, als feierten sie ihren Rosenmontagsprinzen.

Auf der Terrasse des Dom-Hotels, wo sich die Upper Narren die Wartezeit mit Gratis-Schampus und Kanapees voll Kaviar vertrieben, lachte der rheinische Frohsinn in Form von Willy Millowitsch leibhaftig über die Balustrade, und im Gedränge der humorigen Hautevolee wird die Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth kaum wahrgenommen haben, daß das wohlklingend »Philharmonia Hungarica« geheißene Ensemble, dem sie als Schirmfrau dient, wieder mal wie die Freiwillige Feuerwehr Marl aufspielte: Puccini, Donizetti, Ruckizucki.

Dann tauchte in der Bütt des Belkanto, einer gigantischen Riesenbühne aus Eisengestänge und schwarzen Tüchern, Luciano Pavarotti mit vollem Umfang auf, sah trotz Diät immer noch so aus, wie fettucini alla panna schmecken, und spuckte aus der goldigsten Kehle der Zunft lauter alte Kamellen ins kulturelle Sommerloch: »Lache Bajazzo«, »Und es blitzten die Sterne«, »Martha, Martha, du entschwandest«. Da blieb kein Höschen trocken.

8159 Vokaholics, zum Teil im Kultur-Päckidsch mit Übernachtung und Sightseeing aus dem Umland rangekarrt, hatten sich Pavarottis einzigen diesjährigen Frischluft-Auftritt im Geltungsbereich der Deutschen Mark zwischen 50 und 350 Zahlungseinheiten in der nämlichen Währung kosten lassen. Wenigstens noch mal an die 10 000 Sangesfreunde, die trotz der Sozialtarife außen vor blieben, lauschten in Seitenstraßen als Schwarzhörer. Pavarotti ist Vox populi.

Eben erst, beim Gipfeltreffen der Tenöre in den römischen Caracalla-Thermen, hat er zwischen all den überbezahlten Kicker-Waden das eigentlich kostbarste und zweifellos kostspieligste Organ der gesamten Fußballweltmeisterschaft vorgeführt und dabei die lieben, wiewohl herzlich ungeliebten Kollegen Placido Domingo und Jose Carreras auf die Plätze verwiesen: Er, »Big P.«, blieb Tabellenerster.

Immer noch, auch mit 54, mit lichter gewordenen Schwarzlocken und mit der bauchigen Rotunde seines genudelten Resonanzkörpers, den er jetzt häufiger auf den Leibwächtern abstützt, ist er der Maradona der Stimmbänder, die der amerikanische Kritiker-Papst Harold C. Schonberg von Gott geküßt wähnt.

Immer noch steht »Opera's Golden Tenor« (Time) während des Vortrags wie angewurzelt auf dem Podium und horcht fasziniert sein Timbre ab: die Mezzavoce, also die auf halbe Kraft gedrosselte Stimme, mit ihrem leisen Leuchten; die in hohem Bogen scheinbar atemlos geformten Kantilenen; schließlich die Salven und Spitzentöne, die er durch seine Super-Röhre aus Edelstahl ins Freie schießt. Als Nemorino in Donizettis »Liebestrank« erhielt er 1988 in der Deutschen Oper Berlin bei 115 Vorhängen 67 Minuten Beifall, und weltweit liegt sein Doppelalbum »Tutto Pavarotti« bei einer Million.

Spätestens dann, wenn sich dieser Weltmeister in die kitzelige Schamgegend des hohen C vorwagt, rasten seine Freaks regelmäßig aus, und während Beifall und Bravos schon auf die Schlußakkorde der Arien prasseln, wirft Pavarotti wie der Samson der »Sesamstraße« die Arme weit von sich, als wollte er jetzt alle auf einmal herzen: Puccini, Pasta, Publikum - bravissimo, Luciano Pastarotti.

Aber was der Leib-und-Magen-Sänger von Millionen den Kölnern servierte, war das alte Lied: Mit denselben Klunkern des Repertoires hat er, der Solitär, in diesem Jahr auch schon Riesenhallen in München, Stuttgart, Frankfurt und manch anderes Kolosseum gefüllt, und es sind fast alles musikalische Mottenkugeln, die die Wiederaufbereitungsanlage Pavarotti zu Sweeties für die lila Pause veredelt.

Jahrelang schien in dieser Kehlen-Patisserie vor allem über dem Gassenhauer »O sole mio« die Höhensonne der Kauflust. Aber seit die Arie »Nessun dorma« (Keiner schlafe) aus Puccinis »Turandot« bei der Fußball-WM als Hit und bei der BBC und allen ihren Rom-Reportagen in Form einer Erkennungsmelodie als Mega-Hit herauskam, macht das Andante sostenuto die vollste Kasse: Als erste klassische Komposition erreichte das Stück den Spitzenplatz der britischen Pop-Charts, und Decca, Pavarottis langjähriger Konservator, verkaufte von dem vor 17 Jahren eingespielten Evergreen in wenigen Wochen über 600 000 Single-CD.

Während sich der Bäckerssohn aus Modena den Ohrwurm noch auf der Zunge zergehen ließ und die Kölner zum letztenmal aus dem Häuschen brachte, zog ein ehemaliger Budapester Chorknabe, der als völlig unauffälliger Zuhörer in der ersten Reihe Mitte, dem Tenor direkt vis-a-vis, saß, schon Bilanz im ariosen Sommerschlußverkauf: Tibor Rudas, 63, Pavarottis Kassenwart, Hintermann fürs Grobe und vor allem fürs Große.

Auf dem Kölner Roncalliplatz, überschlug der gelernte Wirtschaftswissenschaftler Rudas die Barschaft, hatten sich rund 1,5 Millionen Mark an Eintrittsgeldern zusammengekleckert. Da konnte er seinem leitenden Angestellten Pavarotti mal wieder weit mehr Lohn auszahlen, als selbst tollkühne Hochrechner über den Daumen peilten: Pavarottis Kölner Abendgage betrug wenigstens 500 000, wahrscheinlich 600 000 Mark. Bei 15 Titeln ist das ein Stückpreis von 40 000 Mark, bei insgesamt 60 Minuten Produktionszeit der laufenden Stimmbänder eine halbe Million Mark Stundenlohn.

Das ist der Gipfel. Weder Karajan noch Horowitz haben je auch nur vergleichbare Summen kassiert. Auch Domingo und Carreras, die Erzrivalen, müssen den Hals mit kleineren Brötchen vollkriegen. Tibor Rudas, das Phantom der Opernszene, hat sich zum virtuosesten Preistreiber der Branche aufgeschwungen - ein Pavarotti des Belkonto.

Mancher im Gewerbe hält Rudas, dessen Firma »Rudas Theatrical Organization« in Las Vegas residiert, für einen zweiarmigen Banditen. Aber das geht entschieden zu weit. Allerdings wirft der zugeknöpfte Mann Fragen auf: Managt er? Oder mauschelt er mehr? Auf jeden Fall tingelt er. Als politischer Asylant zog er nach Kriegsende mit seinen »Fabulous Rudas Acro-Dancers« durch Australien und Fernost, dann machte er Walt Disneys »Schneewittchen« zu einem 18 Jahre lang bestsellernden Kinder-Musical, vermittelte Casino-Größen wie Frank Sinatra oder Diana Ross und ließ noch vor vier Jahren auf den Bahamas 16 Girls trickreich von der Tanzfläche verschwinden.

Kein Wunder, daß dieser Showmaster aus dem ewig klimpernden Concerto grosso der Slot-machines im schnieken Klassik-Metier nicht gerade als Nadelstreifen angesehen wurde. Rudas wiederum sah im E-Musik-Geschäft anfangs keine Bonanza, sondern einen Krämerladen voll »peanuts«. Der Star-Geiger Itzhak Perlman strich nur peanuts ein, der Star-Dirigent Zubin Mehta schlug nur peanuts raus, und auch Pavarotti begnügte sich lange mit Erdnüssen. Aus diesen hat Rudas nun Manna gemacht.

»Wenn du sicher sein willst, daß deine Platten weiterhin verkauft werden«, lag er Pavarotti in den Ohren, »dann mußt du wie Sinatra oder Neil Diamond zu deinem Publikum gehen.« Also: raus aus den Scalas mit ihren feinen Zirkeln und ihren lumpigen Gagen, rein in die Madison Square Gardens mit dem zahllosen zahlenden Stimm-Vieh. Drei Jahre zierte sich der Edelmann der Opernkaste, dann, bei einer »Aida« in der Scala 1982, ließ er sich für alle Großeinsätze als Arbeitnehmer von Rudas anheuern.

Über 8000 Kunden in Köln waren dem Massenarrangeur Rudas eigentlich schon nicht mehr genug. Aber das Schlitzohr Franz Xaver Ohnesorg, rühriger und manchmal aufrührerischer Direktor der Kölner Philharmonie, hatte das Schlitzohr Rudas diesmal ausgetrickst. Ohnesorg nahm nämlich direkten Kontakt zu Ehefrau (und Agentin) Adua Pavarotti auf, pries die für den gottergebenen Gemahl durchaus segensreiche Nähe des Konzertplatzes zur Kathedrale und schickte ihr Fotos von dem schöngeistigen Treiben, das die Konkurrenzkehle Placido Domingo 1988 an derselben Stelle ausgelöst hatte. Pavarotti fing Feuer, Rudas kam auf seine Kosten, Köln wurde Austragungsort.

Doch ein Pavarotti-Auftritt ist, dank Rudas, längst nicht mehr nur ein Pavarotti-Auftritt. Wie aus heiterem Himmel taucht da beispielsweise immer wieder der Adler mit einer Flasche Hochprozentigem auf, und dazu singt Jürgen Stein, der Geschäftsführer von Fernet-Branca, seine Spendermelodei: »Für den meistverkauten Bitter kommen als Sponsoranlaß nur die Konzerte des meistgehörten italienischen Tenors in Frage«, der diese milde, sicher sechsstellige Gabe guten Gewissens kaum ablehnen könnte. Und welche Harmonie zwischen Maestro und Magenbitter: Beide, so Stein, hätten »magische Kräfte«.

Die verspürt Pavarotti auch in seinen oberen Extremitäten, er malt nämlich. Er malt Stilleben mit Krug, Fischen oder Mandoline. Er malt Wale in Wogen und Zimmer von innen und Häuser von außen. Er malt alles bunt, kunterbunt, und dank der kulturbewußten Mittlerdienste von Diners Club sind die Buntbilder nicht nur nahe den Singstätten ausgestellt, sondern als Siebdrucke über die Plastik-Bankiers zu erwerben.

Wenn der singende Maler seine Vernissage persönlich beehrt, signiert er die Drucke vor Ort ("LUPA"), und Rudas arbeitet ihm wieselnd zu. Die Kopien kosten zwischen 1900 und 13 330 Mark und sind so auch für einkommensschwächere Schichten erschwinglich. Trotz der Schleuderpreise fällt für die IG Singen und Pinseln auf dem Kunstmarkt noch ein Scherflein ab. In Köln, wie man hört, an die 300 Riesen. o

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