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LITERATUR O-Ton Havelobst

Tonbandprotokolle von DDR-Bürgern über ihren Alltag und ihren Staat, die als Buch erscheinen sollten, wurden in der DDR verboten. Die Buch-Autorin darf nicht ausreisen. *
aus DER SPIEGEL 32/1984

Die DDR-Literatur, schrieb Klaus Höpcke, stellvertretender Kulturminister der DDR, dürfe nicht, wie manche westlichen Literaturwerke, die Realität als »unerkennbar« darstellen. Sie müsse vielmehr das »Bedürfnis« der DDR-Leser befriedigen, »sich mit Helden in den Büchern identifizieren zu können«.

Höpcke schrieb es Mitte Juni im SED-Zentralorgan »Neues Deutschland«. Was nicht im Parteiblatt stand, Höpcke aber wußte: Ein Buch, das DDR-Realität sehr wohl erkennbar macht und mit dessen Helden sich gewiß viele DDR-Leser identifizieren könnten, war kurz zuvor von der DDR-Führung verboten worden - obwohl auch Höpcke es gar nicht so schlecht gefunden hatte und obwohl sein Erscheinen auch im »Neuen Deutschland« schon angekündigt worden war.

Das Buch trägt den Titel »Mein Werderbuch« und enthält 19 Tonbandprotokolle mit Selbstdarstellungen von Werktätigen aus dem Havelländischen Obstanbaugebiet,

einem der größten der DDR. Aufgenommen und zusammengestellt hat die Tonband-Monologe eine Ost-Berliner Autorin namens Gabriele Eckart. Ihr Fall ist derzeit nicht nur Gesprächsstoff unter DDR-Literaten. Das Schicksal der Autorin und ihres Buches beschäftigt in besonderer Weise auch den Verlag Kiepenheuer & Witsch in Köln: Dort sollte eine westdeutsche Ausgabe des »Werderbuchs« erscheinen.

Gabriele Eckart, 30, Tochter eines SED-Funktionärs, ist bisher mit Gedicht- und Geschichtenbänden hervorgetreten ("Poesiealbum«, »Per Anhalter"). 1980 war sie vom FDJ-Zentralrat ins »Havelobst« entsandt worden, um dort, wo besonders viele Jugendliche arbeiten, »Kulturarbeit« zu leisten. Erwartet wurde von dieser Dichterlandverschickung auch ein literarischer Ernteertrag, den der FDJ-Verlag »Neues Leben« auf den Markt bringen wollte - möglichst Beispielhaftes über den sozialistischen Produktionselan der Obstanbauer im Gebiet zwischen Potsdam und Brandenburg, um Werder und Caputh.

Was Gabriele Eckart schließlich vorlegte, entsprach nicht ganz solchen Erwartungen, erschien zunächst aber als durchaus druckbar.

Nach dem literarisch-journalistischen Muster der »Bottroper Protokolle« von Erika Runge und von Maxie Wanders DDR-Frauen-Monologen ("Guten Morgen, du Schöne") hatte Gabriele Eckart Gärtner und Traktoristen, Betriebsleiter und Pädagogen, Rentner und Lehrlinge, einen Betriebszeitungsredakteur und einen Referenten für Obstsorten einfühlsam zum Sprechen gebracht. Männer und Frauen, Alte und Junge, SED-Mitglieder und Parteilose aus dem »Havelobst« äußerten sich freimütig über ihre Arbeit und Freizeit, ihre Freuden und Sorgen, Erfolge und Schwierigkeiten, ihr Privatleben und »unseren Staat«.

Dabei wurde auch Kritisches laut: Einige der Befragten beschwerten sich über Versorgungslücken, Funktionärsarroganz, versagende Planbürokratie, penetrante und unglaubwürdige Parteipropaganda, Umweltvergiftung, mangelndes Kulturleben und Reisebeschränkungen. Doch alle Mängelrügen blieben diesseits von grundsätzlicher Systemkritik, und es fehlte nicht an Bekundungen unbeirrter Loyalität zur DDR.

Dem Verlag »Neues Leben« klangen die gesammelten O-Töne dennoch zu disharmonisch. Er verlangte wesentliche Kürzungen. Auch hatten SED-Funktionäre aus der Obst-Provinz bereits Unrat gewittert und Bedenken gemeldet. Der (damalige) FDJ-Chef Egon Krenz schätzte die Tonbandprotokolle zwar als interessantes Informationsmaterial, entschied aber auf Nichtveröffentlichung.

Gabriele Eckart wollte sich damit nicht abfinden und wandte sich an die Kulturabteilung im Zentralkomitee (ZK) der SED, die dem Politbüro-Mitglied Kurt Hager untersteht. Dort fand ihr Buch Fürsprecher. Und im Frühjahr 1984 kündigte nun ein anderer Ostberliner Verlag die bevorstehende Veröffentlichung des »Werderbuchs« an: Gabriele Eckart, hieß es im Prospekt des Verlags »Der Morgen«, habe Äußerungen von 19 DDR-Menschen aufgezeichnet, »die durch ihre Ehrlichkeit beeindrucken, ob sie nun Leitungsprobleme im Havelobst oder unser Leben überhaupt betreffen«.

Vom »Morgen«, dem Verlag der LDPD, der (gleichgeschalteten) »Liberal-Demokratischen Partei« der DDR, erhielt Kiepenheuer & Witsch die Lizenz für eine West-Ausgabe des Eckart-Buches angeboten. Die Kölner planten sie für Herbst dieses Jahres ein.

Vereitelt wurden die deutsch-deutschen Publikationspläne durch eine gutgemeinte Tat: Im April brachte die Ost-Berliner Literaturzeitschrift »Sinn und Form«, die von der DDR-Akademie der Künste herausgegeben wird, zwei Tonbandtexte aus dem »Werderbuch« als Vorabdruck. Der eine enthielt die Äußerungen eines 59jährigen Obstanbau-Betriebsleiters, der mit seinem Vornamen Hans vorgestellt wurde. Zu lesen waren etwa solche Aussagen: _____« Eine Ursache von Versorgungsschwierigkeiten bei uns » _____« sehe ich darin, daß vorhandene Initiativen nicht mehr zum » _____« Wirken kommen dadurch, daß zu viel reglementiert wird, » _____« vorgeschrieben und geplant von Leuten, denen der Weg zur » _____« Basis viel zu weit geworden ist ... Andererseits fördern » _____« wir Initiativen, die ins Gegenteil umschlagen. Dieses » _____« verflixte Schalwerken, Feierabendarbeiten, Geldmachen um » _____« jeden Preis! Diese Leute bringen doch die ganze » _____« Wirtschaft durcheinander ... Die individuelle Produktion » _____« nimmt Formen an - wie wollen wir das wieder in die Hand » _____« kriegen? Wir können doch nicht noch einmal sozialistische » _____« Umgestaltung machen. »

»Von der (sozialistischen) Logik her nicht einverstanden« war Betriebsleiter und SED-Mitglied Hans auch mit den devisenbringenden Intershop-Läden und den »Delikatläden«, die mit überhöhten Preisen DDR-Kaufkraft abschöpfen sollen: »Ja, wir brauchen das Geld. Aber Himmeldonnerwetter, das müßten wir doch auch anders kriegen!«

Hans beklagte, daß derartige Fragen in der DDR nicht offen erörtert würden ("Solche Diskussionen müßten in die Zeitung"), forderte mehr »Kritik und Selbstkritik« und bekannte schließlich noch: »Mich belastet, daß ich nicht reisen darf, wohin ich will«; die DDR-Behörden müßten doch einsehen, daß er mit seiner »gesicherten Existenz hier« von Ausflügen ins kapitalistische Ausland allemal in die DDR zurückkehren würde. Und er fragte seinen Staat: »Ist das Mißtrauen größer als das Vertrauen?«

Dieser Vorabdruck aus dem Eckart-Buch trug »Sinn und Form« ein Echo ein, über das sich die Zeitschrift und die Buchautorin zunächst nur freuen konnten. Zahlreiche Leser äußerten Zustimmung, mehrere DDR-Bühnen fragten an, ob sie die Tonbandtexte aus dem »Havelobst« nicht dramatisieren könnten.

Echo gab es aber auch im Westen. In Medien der Bundesrepublik wurde vor allem die Kritik des Genossen Hans an den Reisebeschränkungen zitiert und der Abdruck dieser kritischen Worte in einer so prominenten DDR-Zeitschrift wie »Sinn und Form« als Indiz für eine mögliche Liberalisierung von Honeckers Ausreisepolitik gedeutet. Gerade diese

Deutung war es jedoch, was die DDR-Führung, deren partielle Entspannungspolitik gegenüber der Bundesrepublik von der Vormacht Sowjet-Union mit Mißtrauen verfolgt wird, gegen das »Werderbuch« aufbrachte.

Honeckers Politbüro befaßte sich mit dem Buch, fand es untragbar und verhängte ein Publikationsverbot. Parteigrößen, die das Buch zunächst wohlwollend beurteilt hatten, wie Hager und Höpcke, mußten Tadel einstecken. Auch der für den anstößigen Vorabdruck verantwortliche »Sinn und Form«-Chefredakteur Max Walter Schulz bekam den Kopf gewaschen.

In einer ZK-Sitzung ermahnte Hager Verlage und Zeitschriften der DDR zu erhöhter ideologischer Wachsamkeit. Vor versammelten DDR-Schriftstellern erklärte Politbüro-Mitglied Hermann Axen im Mai, bei der wachsenden Anzahl Ausreisewilliger handele es sich keineswegs um lauter Feinde der DDR, sondern oft um Menschen, die »keine Lust zu geregelter Arbeit« hätten oder »nicht die richtige Einstellung zum anderen Geschlecht« fänden.

Ende Mai empfing der Verlag Kiepenheuer & Witsch Besuch aus Ost-Berlin. Cheflektor Petersohn vom Verlag »Der Morgen« erschien in Köln, teilte mit, daß das »Werderbuch« einstweilen nicht erscheinen könne, und ließ sich das Manuskript zurückgeben. Begründung: Einige der DDR-Bürger, deren Aussagen Gabriele Eckart auf Tonband festgehalten hatte, hätten ihre Abdruckgenehmigung inzwischen zurückgezogen.

Vor allem die SED-Mitglieder unter den Interviewten waren von der Partei in die Zange genommen worden: Sie konnten doch einfach nicht gesagt haben, was sie gesagt hatten. Ihre Tonband-Äußerungen wurden für »nicht authentisch« erklärt.

Der Autorin des »Werderbuchs« verleideten schließlich noch andere Erlebnisse das Dasein in der DDR: Gabriele Eckart wurde vor ihrer Wohnung in Ost-Berlin zweimal von Unbekannten überfallen, geschlagen.

Sie beantragte über den für sie zuständigen DDR-Schriftstellerverband ein Visum für eine Reise nach Frankreich, wo sie Bekannte besuchen wollte, und erhielt die Auskunft, ihr Antrag sei »wohlwollend weitergereicht« worden. Inzwischen kam abschlägiger Bescheid.

Anfang Juli beantragte Gabriele Eckart, die für sich in der DDR keine Publikationsmöglichkeiten mehr sieht, ihre Ausreise in die Bundesrepublik. Der Antrag wurde abgelehnt. So bleibt ihr vorerst nur, sich an ein anderes Wort von Hermann Axen zu halten: »Im übrigen«, hatte der Mann des Politbüros die DDR-Literaten belehrt, »sind wir der Meinung, daß es gut und richtig ist, in der DDR zu leben.«

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