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ARCHITEKTUR / ALEXANDERPLATZ Oase im Osten

aus DER SPIEGEL 35/1967

Seit Monaten schieben Planierraupen den gelbweißen märkischen Sand zu Bergen. Knallrote Riesenpumpen drücken Betonbrei zu klotzigen Fundamenten. Wo einst, im 17. Jahrhundert, Berliner Bürger für den Großen Kurfürsten Festungswälle errichteten und im Frühjahr 1945 Volkssturmmänner Panzersperren auftürmten, klafft die größte Baugrube der DDR.

Am 7. Oktober 1969, zum 20. Jahrestag der DDR-Gründung, soll das ehrgeizige Projekt vollendet sein: Dreitausend Werktätige verwandeln (mit einem Aufwand von einer Million Mark am Tag) den Alexanderplatz. Berlins traditionsreichstes und berüchtigtstes Straßenkreuz soll, wie es ein Ost-Prospekt formulierte, »einer der schönsten Plätze der Welt« werden.

Das »neue Herz der DDR-Hauptstadt« (so die ostdeutsche »Wochenpost") wird, nach dem Entwurf der sozialistischen Stadtplaner, größer, prächtiger und höher als alle vergleichbaren Zentren West-Berlins. Der ursprüngliche Asphalt-Ring soll zu einem durchgrünten Karree auf fünffache Größe geweitet werden.

Wo in den zwanziger Jahren Döblins »Alexanderplatz«-Figur Franz Biberkopf und das grünspanüberzogene Monument der Berolina standen, die Zuhälter und das rote Ziegelkastell des Polizeipräsidiums, die Schwulen-Kneipen und das Warenhaus Tietz, wachsen derzeit die Paradebauten einer sozialistischen Metropole in den roten Himmel:

> ein Fernsehturm mit einem in mehr als 200 Meter Höhe mählich rotierenden Café,

> ein 38stöckiges Hotel aus Glas und Aluminium mit 2000 Betten und einem Hochrestaurant im Dachgeschoß,

> ein Büro-Block mit 220 Meter Laden-Front,

> ein fensterloser Kolossalkubus von fast 80 Meter Kantenlänge und 35 Meter Höhe -- das größte Kaufhaus der DDR.

Zum Umbau des »Alex« -- der Alt-Berliner Bauern als Ochsenmarkt, preußischen Königen als Exerzierfeld gedient hatte und 1805 zu Ehren Zar Alexanders I. benannt wurde -- sahen die SED-Oberen doppelten Anlaß.

Wie kein anderer Platz in der relativ Auto-armen DDR galt der Alex als verkehrshemmender Kessel: ein Kreis, in den sechs Straßen mündeten, den in Spitzenzeiten 143 Straßenbahnzüge und 3500 Kraftfahrzeuge je Stunde überquerten -- ein Ost-Berliner Stachus (Unfallquote 1965/66: 828 Karambolagen).

Aber auch nirgends sonst in der DDR liegt ein Platz, der so eng mit der Geschichte des deutschen Proletariats verbunden ist. Der Ruch von Rotfront und Ringverein haftete dem Alex schon immer an.

Der Platz der Räson -- dort stand um 1800 ein Arbeitshaus und während des Dritten Reiches das Polizeigefängnis war zugleich der Schauplatz von Rebellionen: 1848, als Bürger sich den Garde-Regimentern des Königs entgegenstellten, wie 1918/19, als Kommunisten das Polizeipräsidium stürmten.

Doch erst russische Panzer schossen 1945 den Platz für die Proletarier frei. 19 Jahre später, drei Jahre nach dem Mauerbau, beschlossen Politbüro und DDR-Ministerrat, aus dem historischen Areal »einen großzügig gestalteten zentralen Raum des gesellschaftlichen Lebens« zu machen.

Das sozialistische Mammut-Vorhaben plante und leitet Diplom-Ingenieur Joachim Näther, 42, der in wenigen Jahren vom Maurergesellen zum Ost-Berliner Chef-Architekten befördert wurde, als Nachfolger des Stalin-Allee-Mauerwerkers Hermann Henselmann.

Ungestört von privaten Besitzverhältnissen, konnte Näther die neue weitläufige Sozialisten-City planen. Drei bis zu 60 Meter breite Tangenten-Straßen sollen die Verkehrsströme nur noch am Rande des in eine Parkanlage verwandelten Platzes vorbei- oder (durch einen 300 Meter langen Autotunnel) unter ihm durchschleusen. Keine Straßenbahn soll mehr die mit Springbrunnen und Büschen verschönte Fußgänger-Gase durchqueren.

Und ungehemmt vom West-üblichen Bebauungs-Index, werden die Beton-Riesen auf dem grünen Rechteck in Rekordhöhen ragen: Das »Hotel am Alexanderplatz« wird mit 123 Meter Gesamt-Berlins höchstes Gebäude, der Teleturm (361 Meter) Gesamt-Deutschlands höchstes Bauwerk sein.

Nach seiner Vollendung soll der Park-Platz mit seinen inselartig verstreuten Monumentalbauten »den Aufbau des Sozialismus in der DDR sinnvoll zum Ausdruck bringen« (Näther). Doch Ulbrichts neuer Erster Baumeister gibt auch zu' daß er sich mitunter von kapitalistischen Vorbildern beeinflussen ließ. Näther: »Ich studiere sie.«

Tatsächlich erinnern die Skizzen und Modelle vom neusozialistischen Alex auffallend an die mittlerweile überholten Vorschläge und Bauten westlicher Stadtkern-Erneuerer aus den fünfziger Jahren.

Der neue Alexanderplatz, so prophezeite folgerichtig der Schriftsteller Gerhard Aichinger' werde sich dereinst »genauso in sterilen Hochhausnadeln repräsentieren wie heute im Westteil der Stadt das einst weltberühmte Knie (heute Ernst-Reuter-Platz), wo nichts mehr, aber gar nichts mehr los ist«.

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