Margarete Stokowski

Obdachlose in Deutschland Die Häuser denen, die keine haben

Margarete Stokowski
Eine Kolumne von Margarete Stokowski
Wie soll das funktionieren: daheim bleiben, wenn man kein Heim hat? In der Pandemie zeigt sich die Ignoranz gegenüber Obdachlosen mit voller Härte. Dabei wäre Abhilfe so leicht zu schaffen.
Obdachloser Mann in Lüneburg, März 2018

Obdachloser Mann in Lüneburg, März 2018

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Philipp Schulze / picture alliance / dpa

Es gibt keine genauen Zahlen dazu, wie viele obdachlose Menschen es in Deutschland gibt. Man weiß aber, dass es sie gibt und dass der Winter kommt. Und es gibt keine genauen Zahlen dazu, wie viele Wohnungen langfristig leer stehen. Man weiß aber, dass es sie gibt. Sie merken, wohin die Reise geht. Man könnte eins und eins zusammenzählen. Warum passiert das nicht?

Schon an der Nichtverfügbarkeit halbwegs genauer Zahlen zu beiden Phänomenen kann man einiges ablesen. Dass obdachlose Menschen nicht leicht zu zählen sind, wird von Laien gern damit erklärt, dass es ja kaum möglich sei, Leute zu zählen, wenn sie immer wieder ihren Aufenthaltsort wechseln und sich zudem womöglich schämen. Das stimmt zum Teil, aber andererseits gibt es erstens durchaus Versuche, die Menschen zu zählen, zuletzt etwa im Januar 2020 in Berlin , und zweitens ist es den Sozialwissenschaften schon länger möglich, auch schambesetzte Eigenschaften von Menschen wissenschaftlich zu untersuchen, wie etwa Suchterkrankungen oder Gewalterfahrungen, auch wenn man zusätzlich zu den ermittelten Zahlen immer noch ein Dunkelfeld annehmen muss.

In Deutschland wird die Zahl der Obdachlosen bislang in keiner amtlichen Statistik erfasst . Es gibt nur Schätzungen. Nach einem Beschluss des Bundestags vom Januar soll es ab 2022 eine zentrale Statistik zu wohnungslosen Menschen in Gemeinschafts- oder Notunterkünften geben, was allerdings nicht dieselbe Gruppe ist wie die Gruppe der Obdachlosen. "Es gehört zum Mechanismus der Herrschaft, die Erkenntnis des Leidens, das sie produziert, zu verbieten", schrieb Adorno, und das heißt manchmal ganz banal: Wir wollen gar nicht wissen, wie vielen Leuten so etwas Grundlegendes fehlt wie eine Wohnung oder ein Zimmer. 

Es erklärt sich nicht aus dem Phänomen der Obdachlosigkeit heraus, dass die Zahl der obdachlosen Menschen nicht bekannt ist. Es erklärt sich aus der gemeinsamen Logik von Kapitalismus und Neoliberalismus, die beinhaltet, dass Armut bestraft werden muss, weil sie wahrscheinlich schon selbst verschuldet sein wird und zu viel Charity die Leute faul machen würde. 

Auch die Zahl der aktuell leer stehenden Wohnungen ist nicht genau bekannt. In Berlin ist es zum Beispiel theoretisch verboten, eine Wohnung unangemeldet länger als drei Monate leer stehen zu lassen. Praktisch bedeutet das nicht sehr viel . Für 2018 wurde der Prozentsatz der leeren Wohnungen in Berlin mit 0,8 % angegeben , was erst mal wenig klingt, aber das ist trotzdem fast jede hundertste Wohnung. Und: Es gibt genug Möglichkeiten für Wohnungseigentümer und -eigentümerinnen, Wohnungen unbemerkt leer zu lassen. Denn Eigentum verpflichtet zwar laut Grundgesetz, aber so streng will man da nicht sein.

Bezeichnenderweise waren obdachlose Menschen bisher in der Coronakrise eher selten in den Nachrichten, obwohl permanent übers Zuhause bleiben geredet wird. Manchmal ging es um sie bei einzelnen Charity-Aktionen, als Menschen Tüten mit Sachspenden an sogenannte Gabenzäune banden. Das war im Frühling ein kleiner Trend, inzwischen weniger. Vereinzelt gibt es Bemühungen, Obdachlose in Hotels unterzubringen, in Hamburg zuletzt interessanterweise von der seltenen Kombination Linke und CDU .

DER SPIEGEL

Nun haben Obdachlose in Berlin-Mitte völlig zu Recht versucht, ein leer stehendes Haus zu besetzen, und obwohl von armen Menschen immer Eigeninitiative gefordert wird, war das dann auch wieder nicht recht. Die Initiative, die sich um acht leer stehende Wohnungen in der Habersaathstraße kümmert, heißt "Leerstand Hab ich Saath" und wies auf Transparenten, die am Haus angebracht wurden, unter anderem darauf hin, dass "Stay at home" nicht geht, wenn man kein "home" hat. Die Polizei beendete die Aktion in dem Haus, das der Eigentümer irgendwann abreißen lassen will, ohne großes Zögern . "Die selbstbestimmte Beendigung von Obdachlosigkeit wird bestraft, die jahrelange Zweckentfremdung von Wohnraum wird hingegen mit teuren Polizeieinsätzen gewährleistet", sagte die Sprecherin der Initiative, Valentina Hauser, in der "taz". 

Bezirksbürgermeister Stephan von Dassel schrieb auf Twitter , es sei "gut, auf den Leerstand öffentlich aufmerksam zu machen". Aber: "Eine Beschlagnahme einer Immobilie ist aber nur möglich, wenn die Behörde obdachlosen Menschen nicht auf andere Weise ein Dach über dem Kopf organisieren kann."

Fast gleichzeitig twitterte die Berliner Senatsverwaltung für Integration, Arbeit und Soziales : "Diese Saison stehen in #Berlin wieder 1000 Notübernachtungsplätze für obdachlose Menschen zur Verfügung." Nur hat selbst die kurze Berliner Zählaktion im Januar, deren Ergebnis allgemein als unzureichend bemängelt wurde, knapp 2000 Obdachlose gezählt. Schätzungen gehen von drei- bis fünfmal so vielen Menschen aus.

Das heißt: Die Plätze reichen vorne und hinten nicht. Es ist keine Studie, aber jeder obdachlose Mensch, den man zurzeit auf der Straße trifft und mit dem man wenige Sätze wechselt, sagt, dass es seit Beginn der Pandemie besonders hart ist. Allein schon die Tatsache, dass weniger Menschen feiern gehen, bedeutet weniger Pfandflaschen auf der Straße und damit weniger Einkommen. Manche kleben ihren Becher, in dem sie Geld sammeln, an einen Stock, um Abstand zu halten. Viele Einrichtungen, die vor der Pandemie geholfen haben, wie etwa die Tafeln, mussten vorübergehend schließen .

Es ist ohnehin schon so, dass die Möglichkeiten, auf sich selbst aufzupassen und gesund zu bleiben, davon abhängen, wie viel Geld man hat, siehe die Preise für einfache Einwegmasken ohne Eigenschutz und die für FFP2-Masken. "Wenn Gesundheit etwas kostet, dann ist sie nur für Reiche ein Grundrecht", hat die Autorin Nicole Schöndorfer in ihrem Podcast vor Kurzem erklärt . Für obdachlose Menschen bedeutet das, dass sie so lang auf das Wohlwollen einzelner angewiesen sind, solange es keine politischen Lösungen gibt, die das Problem in größerem Umfang angehen. Eine solche Lösung wäre: Leerstand zumindest für den Zeitraum der Pandemie in Unterkünfte zu verwandeln. Was wäre das Problem, außer dass ein paar reiche Leute kurz mal etwas bevormundet würden, während das armen Leuten – siehe Hartz IV – permanent passiert?

Das Wohlwollen einzelner Menschen, Obdachlosen zu helfen, ist da. Die Schriftstellerin Karen Köhler hat in den vergangenen Tagen auf Instagram und Twitter Spenden für eine obdachlose Person in Hamburg gesammelt. Sie teilte nicht viele Infos über die Person , "T.", eigentlich nur das: "T. kam vor zwei Jahren aus Wien nach Hamburg, sie ist eine herzensgute Person, die von sich sagt, sie sei ein paar Mal falsch abgebogen." Innerhalb von acht Tagen sammelte sie 2700 Euro Spenden, kaufte ein einfaches Handy für die Person und sicherte ihr eine Unterkunft. "Heute Nacht schläft sie zum ersten Mal seit Langem in einem Bett", schrieb sie auf Instagram. Man kann das vermutlich nicht für jede einzelne obdachlose Person so durchführen, aber es ist ein Beispiel dafür, dass in ziemlich kurzer Zeit ziemlich viel möglich ist, und wenn es für eine Schriftstellerin mit nicht mal 3500 Followern in den sozialen Medien geht, sollte es für die Politik auch gehen.

Sonst wird es diesen Winter wieder so sein, dass obdachlose Menschen auf den Straßen erfrieren, sobald die Temperaturen sinken, während zahlreiche Wohnungen leer stehen. Es wird dann in den Nachrichten wieder kurze Meldungen über sogenannte "Kältetote" geben, aber diese Menschen werden dann, wenn es so weit kommt, nicht an der Kälte gestorben sein, sondern an einer Politik, die Kapital besser schützt als Leben. Falls die Temperaturen mild bleiben und sich politisch nichts Grundlegendes ändert, wird der Klimawandel für die Obdachlosen in Deutschland mehr getan haben als die Politik.

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