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»Oben schwebt der Todesengel«

Wende in Salzburg: Mit dem Festspiel-Start in dieser Woche werden die Auslaufmodelle der Karajan-Ära durch neue Stücke und Macher ersetzt: Weniger Mozart, kein Verdi, dafür kommen der Neutöner Boulez und US-Regisseur Sellars. Verantwortlich für das Spektakel zeichnet ein neuer Festspielchef: der Flame Gerard Mortier.
aus DER SPIEGEL 31/1992

Ein Mann mit Geschmack: Salzburger Nockerln mag er nicht. Er mag auch kein Kalbsbeuschel, keine Dirndl und Janker. Die Getreidegasse, Salzburgs überlaufenes Shopping-Center, meidet er »wie die Pest«.

Die Stadt selbst erscheint ihm »total verschlafen«, den Menschen merkt er »auf Schritt und Tritt an, daß Österreich erst spät zur Demokratie gefunden hat«.

Herr Doktor sind scheinbar fehl am Platze. Ohne Not, nur vom privaten Kunsteifer beflügelt und von Österreichs Kulturträgern umbuhlt, hat sich der promovierte Jurist Gerard Mortier, 48, aus der EG-Kapitale Brüssel in die Nockerln-Metropole Salzburg abgesetzt. Im Dreier-Direktorium der dortigen Festspiele ist er, als künstlerischer Direktor, der am meisten leitende Angestellte.

Noch hadert er mit Arbeitsplatz und Wirkungskreis. Das Große Festspielhaus beispielsweise mit dem architektonischen Charme einer Pralinenschachtel und der 74 Meter breiten Klotzbühne hält er für »ein monströses und häßliches Auditorium«.

Und mit dem Hofmannsthal-Drama »Jedermann«, das seit Jahrzehnten Salzburgs Domplatz und Kassen füllt, kann er »in der jetzigen Inszenierung absolut nichts anfangen": »Das ist grauenhaft.«

Da Mortier nicht nur aus Spaß am koketten Vorwitz gegen die Denkmäler seiner Wahlheimat giftelt, sondern in Salzburg »fast alle Grundsätze« seiner Kunst-Ästhetik »mißachtet« sieht, ist er daselbst auch der am meisten leidende Angestellte. Geradezu lustvoll sieht er schwarz: »Über den Festspielen schwebt bereits der Todesengel.«

Noch läuft eine Galgenfrist, denn noch gibt es Mortier. Österreichs Kulturbürokraten haben ihn als Retter ausersehen. Im Sommer 1989 paraphierte er seinen Vertrag als künstlerischer Leiter, im September 1991 trat er das Amt an, jetzt debütiert er.

Seit Sonntag, seit in der Felsenreitschule die alten Römer aus Shakespeares »Julius Caesar« nach den Direktiven des neuen Salzburger Schauspiel-Leiters Peter Stein über 800 Quadratmeter frisch verlegten griechischen Marmor ziehen, läuft seine erste Saison. Kann sein, daß mit ihr Neu-Salzburg beginnt. Ein anderes Salzburg in jedem Fall.

Ohne »geistigen Prozeß«, predigte der Jesuitenzögling Mortier in Zeitungsspalten und Fernsehkanälen, seien die Salzburger Festspiele »zu Ende«. Er wolle prüfen, ob sie »noch einen geistigen Sinn machen«. Unter Karajan sei alles zum reinen »Evenement« verkommen, zum Ereignis, bei dem »nur noch die materielle Elite« verkehrt habe.

Als Mortier den Spielplan seines ersten Festivals bekanntgab, schauderte es die Habitues vor Ort. Nun war klar: Der flämische Emporkömmling hatte Karajans Ancien regime endgültig eingemottet und den puren philharmonischen Schönheitskult abgeschafft: Mortier, der Festspielverderber.

Während Karajans 28jähriger Regentschaft (bis 1988) hatte das Stammpublikum beispielsweise den bulligen Krauskopf James Levine aus New York richtig ins Herz geschlossen. Über 50mal dirigierte der Met-Chef allein die »Zauberflöte« der Festspiele, manchmal übernahm er in einer Saison gleich ein Drittel der über 30 Festival-Opern.

»Ich komme immer gern hierher«, strahlte der Sonnyboy, »denn die Salzburger Festspiele zahlen ganz phantastisch.« Mortier entschied, Levine brauche mal »Zeit zur Entspannung und Regeneration«, und setzte ihn ab. Jimmy war out.

Auf die Leerstelle bat Mortier den französischen Neutöner Pierre Boulez, der sich im SPIEGEL (40/1967) einst als Sprengmeister aller Opernhäuser empfohlen hatte. Boulez, von Mortier zum diesjährigen »Composer in residence« gekürt, wird im August gleich sechs Festspielkonzerte dirigieren, zum Schrecken der Traditionalisten auch eigene Werke und, Gipfel der neumodischen Impertinenz, sogar die Wiener Philharmoniker, diese wunderbaren Altenpfleger der Tonkunst.

Nicht eine einzige Oper von Verdi führt Mortier im Sortiment. Ja, der neue Chef hat sogar die Stirn, der Mozart-Stadt diesmal die »Zauberflöte«, »Don Giovanni«, »Die Entführung aus dem Serail«, »CosI fan tutte« und damit die Hauptattraktionen des Festspiel-Repertoires vorzuenthalten. Unter Mortier muß selbst Mozart wieder klein anfangen: zwei Jugendwerke, zwei reife Schöpfungen, aus. Der Rest kommt später.

Buffoneske Entertainments ersetzt Mortier ab kommenden Donnerstag durch »Z mrtveho domu«, wie das Programm den Janacek-Dreiakter »Aus einem Totenhaus« original betitelt - ein Stück ohne Glamour und Ohrwürmer, dafür mit gefolterten Gefangenen und fiebernden Moribunden in sibirischen Straflagern. Tschechisch gesungen. Für alte Mozart-Nascher ein Stück aus dem Tollhaus.

Beinahe verklärt deutet Mortier an, daß der »Totenhaus«-Regisseur Klaus Michael Grüber »Karajans Irrsinnsbühne wunderbar poetisch genutzt« habe: ein Kahn mit Strohballen, ein blattloser bühnenhoher _(* Mit einem Foto von Herbert von ) _(Karajan. ) Baum, ein Kachelofen. Mehr nicht, abendfüllend.

In die Felsenreitschule, wo vor neun Jahren noch Goldkehle Luciano Pavarotti im antiken Ornat den Mozart-König Idomeneo verkörpern durfte, hat Mortier für Mitte August den kalifornischen Regie-Schocker Peter Sellars geladen. Sellars ist der, der Mozart-Opern auf dem Bildschirm frech ins schmuddelige Präsens verdreht hat und seitdem bei allen Puristen unten durch ist. Für die Inszenierung der Oper »Saint Francois d''Assise« des jüngst verstorbenen Alt-Avantgardisten Olivier Messiaen läßt Sellars die Bauarbeiten an einer Kathedrale nachstellen und stundenlang Videos laufen: Auf insgesamt 80 Monitoren sollen fast pausenlos Buntfilme flimmern, die Sellars in der kalifornischen Wüste selbst gedreht hat, sowie Nahaufnahmen lepröser Afrikaner.

Daß den Opernschlemmern bei der Besichtigung übel werden könnte, schließt Mortier nicht aus: »Zur Wahrhaftigkeit dieser Inszenierung gehört der Mut, einmal zu zeigen, was es bedeutet, wenn Franziskus einen Aussätzigen küßt.«

Die Turbulenzen, mit denen sich in Salzburg die Stilwende ankündigt, lassen Mortier ziemlich unberührt. Mit geduldigem Charme beruhigt er etwa am Telefon eine Hochwohlgeborene, die sich bei der Kartenvergabe standeswidrig übergangen fühlt. Die »sozialen Dinge« seien ihm wichtig, sagt Mortier. Er kumpelt im Hause gern mit Handwerkern, und da er klein ist, muß dann der Nadelstreifen meist zum Blaumann aufschauen. Und er spart nicht mit Lob: Ohne landestypischen Falsch gibt er der Kostümschneiderin das Gefühl, sie sei die Primadonna der Nähmaschine.

Wenn er statt mit dem Dienst-Daimler mit dem Fahrrad von seinem Haus in der Brunnhausgasse durch den Mönchsberg zum Festspielhaus fährt, wird er »immer häufiger von Leuten einfach so angesprochen«. »Man kennt mich«, und das mag er. Liebling Mönchsberg - das wäre wohl seine zweite Traumrolle im Salzburger Sommertheater.

Die erste hat er längst drauf - unauffällig, aber ausgebufft: immer so, daß die Medien kurssteigernd herumrätseln, was er denn nun sei: »Kämpfer wider die Hydra« (FAZ), »Wolf im Schafspelz« (FAZ-Magazin), »Midas des Musiktheaters« (Süddeutsche Zeitung), »Salzburgs neuer Napoleon« (Observer) oder vielleicht doch einfach das, was die Los Angeles Times wohl namens aller Klassik-Spekulanten getitelt hatte: »The man who would be Karajan« - der Mann, der Karajan sein möchte.

Möchte er? Er ist weder Komponist noch Dirigent, noch Instrumentalist. Der Neu-Salzburger versteht sich als »Kulturmanager«, der nicht die Kultur, sondern für die Kultur managt. Er hat den Maestro nie getroffen, und er hat nie zu dessen Filz gehört. Mortier ist Angestellter auf Zeit, Karajan mumifizierte sich in Bild und Ton als Genius für alle Zeiten.

Und: Karajan hatte bei den Festspielen stets Heimvorteil. Er war in Salzburg geboren, sprach den ortsüblichen Dialekt, aus dem Festspielhaus betrieb er sein Spiel der Mächtigen, in Heimaterde wurde er beigesetzt. _(* Mit Helmut Lohner. )

Mortier dagegen ist, ebenso unüberhörbar, ein Fremdkörper. Der Bäckerssohn aus Gent hat auch nach siebenjähriger Tätigkeit in den Betriebsbüros der Opern Düsseldorf, Frankfurt/Main und Hamburg immer mal wieder seine liebe Not mit deutscher Grammatik und dem österreichischen Getue um die Oper: Im Land von Kaiserwalzer und Kaisersemmel ist Musiktheater Staatstheater und der aufmüpfige Belgier ein Risikofaktor.

Dabei hat Mortier die Oper nur ein wenig entmufft - was für Wiener gleich Mord an der Gattung bedeutet. Zehn Jahre lang, von 1981 bis letzten Silvester, hockte er im siebten Stock des Brüsseler Monnaie-Theaters unterm Schrägdach und entwarf in seinem Oberstübchen ungewöhnlich spannende Spielpläne für aufregende Artisten.

In seinem Musterhaus führte er barocke Prunkstücke vor, machte mit einem Mozart-Zyklus Furore, verschaffte zeitgenössischen Komponisten volle Häuser und riskierte, als Finale seiner Amtszeit, mit Wagners Nibelungen-»Ring« innerhalb von sechs Tagen einen Bayreuther Kraftakt.

Ende 1987 geißelte der Brüsseler Spitzen-Mann in einem SPIEGEL-Gespräch die Lotterwirtschaft im Musikgeschäft: Die Oper sei ein »Tummelplatz halbkrimineller Elemente«, und viele Opernsänger seien »schlichtweg geldgierig": »Wir müssen dagegen kämpfen, daß sich der mafiose Zustand noch fester etabliert, etwa so wie bei den Salzburger Festspielen.«

Das war hübsch formuliert: der angesehenste und umsatzstärkste Festspielbetrieb der Welt als Nährboden für zwielichtigen Kulturschacher, Star-Interpreten als Ensemble halbseidener Raffkes, Karajan der Allmächtige als Pate. Kaum war der Pate gestorben, ließ sich Mortier in das alpenländische Gomorrha der schönen Künste abwerben.

Schon als er anfing, noch ganz in Gedanken, das alte Karajanopolis umzukrempeln, ahnte der Umstürzler, der »in keiner Weise die Ambitionen eines Umstürzlers haben« will, den nahenden Konflikt: Ihm sei klar, verriet er dem Weltwoche-Kritiker Thomas Wördehoff, »daß hier ein musikalischer Weltkrieg ausbrechen wird«. Mortier damals: »Zur Zeit wird bewaffnet.«

Mittlerweile wird auch schon geschossen. Die örtlichen Gastwirte kreiden dem Festivalier den drohenden Rückgang der Übernachtungen an, Mortier vergraule mit seinen Experimenten die Stammgäste. Mortier kontert gelassen: »Wenn Gäste ausbleiben, dann nur, weil einige hier verrückt sind und für Zimmer mehr verlangen als die Top-Hotels in New York und San Francisco.«

Die Mauschel-Virtuosen im Untergrund beklagen den Wegfall des Schwarzmarktes: Während früher Billetts kurz vor den Festspielen nur noch zu sündhaften Überpreisen zu ergattern waren, läßt Mortier jetzt »Verfügbare Karten« - nicht eben wenige - groß am Festspielhaus plakatieren.

Gleichwohl hat Mortier zurückstecken müssen. Der Plan, künftig regelmäßig neue Opern uraufzuführen, wurde aufgegeben; man will sich, auch aus Kostengründen, fürs erste mit der Zweitauswertung begnügen.

»Auch im Kampf mit der Schallplattenindustrie«, räumt Mortier ein, »habe ich nichts erreicht": »Die geben hier fünf Millionen Mark für ihren Zirkus aus.« In den Salzburger Schaufenstern, zwischen Bratwürsten, Krawatten und Miederwaren, hängen wieder, wie früher unter dem Paten, die bunten Poster mit den Festspiel-Stars. Philips hat sogar die ganze Fensterfront der Universitätsbibliothek als Werbefläche gemietet.

Auch der Star-Dirigent Riccardo Muti, Chef der Mailänder Scala, hätte es gern wieder so gehabt wie zu Karajans Zeiten. Doch als er in der letzten Woche erstmals eine Probe der von ihm zu dirigierenden Mozart-Oper »La clemenza di Tito« verfolgte, hatte ihm »alles mißfallen": Muti mußte mit ansehen, wie die Mortier-Proteges Ursel und Karl-Ernst Herrmann in ihrer Neuinszenierung Fassaden brechen und einen Engel in Flammen aufgehen ließen - »gegen die Poesie der Welt Mozarts«, wie der Maestro meinte. Muti warf den Kram hin, und die erste Mortier-Saison hatte ihren ersten Eklat.

»Ich klebe nicht an meinem Direktoriumssitz«, hat Mortier bereits verlauten lassen, und »ich werde den Vertrag sicher nicht verlängern«. Noch allerdings hat der selbstsichere Direktor auf seinem Schleuderthron die Ruhe weg, noch spürt er im Festspielgefüge nur Salzburger Schockerln. Und die mag er.

Klaus Umbach

* Mit einem Foto von Herbert von Karajan.* Mit Helmut Lohner.

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